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BeitragVerfasst am: 25.12.2007, 10:37
Zoba
 
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Beiträge879
WohnortSüden


Hi hwg,

Zitat:
Was ist aber, wenn sich eine andere Person mir gegenüber anders verhält? Zum Beispiel ein oder die Vertreter der Obrigkeit (sprich des Staates)? Still ducken? Da dürfte doch wohl (gewaltfreier) Widerstand gefragt sein, oder?


Es gibt zwischenzeitlich Bereiche im deutschen Recht, Bürokratismen, Korruption und Vetterleswirtschaften, die sich stetig weiter ausbreiten, denen der einzelne Bürger völlig hilf- und wehrlos ausgeliefert ist. Da ist etwas dabei sich restlos zu verselbständigen und damit meine ich nicht nur das neue Sozialrecht, sondern auch andere Themen. Dort hilft nicht einmal mehr gewaltfreier Widerstand, z.B. über einen Rechtsanwalt, es sei denn man kann sich fürs jeweilige Fachgebiet Rolf Bossi oder seine Pendants leisten.

In diesen Bereichen werden vorgebliche gesellschaftlich-rechtliche Normen seitens der Bürokratie ausgenützt, um sehr konkrete Eigeninteressen teils der Gemeinden, teils des Staates, aber auch teils der korrupten oder profilierungssüchtigen Staatsdiener für ihr Wohlergehen bzw. ihren Nutzen durchzusetzen bzw. eigentlich garantierte Rechte des Bürgers abzuwehren.

Nur einer der eklatantesten Fälle ist der Fall Kutzner:

Kutzner vor dem EU-Gerichtshof

Ich könnte hier sicher tausende, ja zehntausende, weiterer, mal mehr, mal weniger heftige Fälle anführen, genug jedenfalls, um aufzuzeigen, daß es mit Rechtsstaatlichkeit in Deutschland nicht (mehr) sehr weit her ist. Eine Gegenwehr des Einzelnen ist, sofern einmal in einer solchen Behörden- und Justizwillkür gefangen, fast nicht mehr möglich, vor allem dann nicht, wenn er nur geringe finanzielle Mittel hat.

Gerade wird dieser behördlichen Willkür per Gesetz weiterer Spielraum eingeräumt, denn derzeit wird bundesweit das Widerspruchsrecht abgeschafft.

Widerspruchsverfahren

Dies bedeutet bereits für den mittelprächtig gutsituierten Bürger eine bittere Pille, denn er muß auf dem Klageweg erst einmal kräftig löhnen, für den finanziell weniger Gutausgestatteten ist eine Gegenwehr gegen behördliche Willkür damit praktisch ausgeschlossen worden, denn das Gericht entscheidet in diesen Fällen selbst darüber, ob es ihm diese Möglichkeit überhaupt gestattet.

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Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 25.12.2007, 13:12
Zoba
 
Anmeldedatum23.11.2007
Beiträge879
WohnortSüden


Hi Grete,

unter Bezugnahme auf meinen vorherigen Post stellt sich mir zumindest spätestens seit meinen Zweifeln bzgl. der deutschen Rechtsstaatlichkeit bzw. der erschütterten Rechtsstaatlichkeit und dem immer stärker werdenden Gefühl der fehlenden Gerechtigkeit die Frage, ob solch ein Staat Dinge wie Ehre, Anstand und Gewissen einfordern kann, wenn sie von ihm nicht mehr wirklich ausgehen.

Ich frage mich an diesem Punkt dann einfach auch, ob und warum ich Regeln und Normen befolgen sollte, wenn ich nicht das Gefühl habe, daß dies auf Gegenseitigkeit beruht, bzw. so mancheseiner gleicher als gleich ist.

Das trifft übrigens auch auf das Thema "Mauscheln beim Steuernzahlen" zu, bei dem ich den dringenden Verdacht habe, daß hier viele Mitbürger bereits realisiert haben, daß von Gerechtigkeit keine Rede sein kann. Hält man sich vor Augen, daß Deutschland mit 70.000 Einzelnormen und Ausnahmen - von denen die Mehrheit nicht dem "kleinen" Bürger im Mindesten nützt - Weltführer mit einem Riesenabstand zu allen anderen Nationen ist, dann halte ich das mittlerweile nicht nur für verständlich, sondern geradezu für legitim. In meiner Zeit in Frankreich war ich äußerst erstaunt, wie einfach sich eine Steuererklärung sogar für Selbständige gerieren kann und traf dort auch auf eine größere Akzeptanz der Steuergesetzgebung.

Und um auf die "Gültigkeit" solcher Normen zu kommen: die große Mehrheit der Deutschen sehnt sich nach einer Vereinfachung des Steuerrechts (im Übrigen der gesamten Bürokratie), bisher hat sich auch jede Regierung seit und inkl. Adenauer eine radikale Vereinfachung ins Heft geschrieben, gemacht wurde es aber in den letzten 62 Jahren nicht - und damit ist auch klar, daß der Bürger hier keinen Einfluß hat. Der Staat sind - bei diesem Thema - eben gerade nicht wir, da ist Papier außerordentlich geduldig.

Konnte man vor Zeiten noch wenigstens Einzelne (L'etat c'est moi) zur Verantwortung ziehen, wenn allgemeinheitliche Normen und Realitäten zu sehr auseinanderdrifteten, so ist dies heute nicht mehr möglich. Genau jene, die eigentlich dieser Verantwortung gerecht werden müßten, Politiker und Juristen, entziehen sich ihrer sehr gekonnt, sie definieren diese Begriffe für uns, lassen sich davon allerdings nicht treffen.

Wie soll man da noch ein positives Verhältnis dazu entwickeln?

Wie weit diese Begriffe und die Realität sich zwischenzeitlich auseinandergelebt haben, läßt sich u.A. zum Beispiel an dem kürzlichen Vorfall mit den beiden Jugendlichen, die einen Rentner fast zu Tode geprügelt haben, sehen. Der Mann hatte sie aufgefordert, in einem öffentlichen Gebäude das Rauchen einzustellen. Seine Aufforderung den Normen zu entsprechen, fand nicht nur geringen Gefallen, sondern löste eine brutale Wut aus. Der Mann war von einer Akzeptanz und einem Verständnis ausgegangen, die es in der Form offensichtlich vielfach nicht mehr gibt.

_________________
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 25.12.2007, 16:06
Arno Abendschön
 
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Beiträge125
WohnortBad Bevensen


Hallo Zoba,

ausdrücklich unterstütze ich Deine Kritik an Staat und Gesellschaft in Deutschland, insbesondere den Punkt Steuerungerechtigkeit und Überbürokratie ohne Nutzen für die breite Allgemeinheit.

Allerdings: Selbst wenn man so weit gehen will, den Gesellschaftsvertrag für aufgekündigt zu halten, kann man dann darauf verzichten, sich selbst als einem autonomen Subjekt Regeln zu geben? Das glaube ich nicht. Dies erscheint mir gerade im Fall, dass die gesellschaftlich sanktionierten Regeln schwächer werden, dringender zu werden. Das durchschnittliche oder schwächere Individuum kann kein Interesse am Vorherrschen von Willkür haben, nicht nur von Seiten der gesellschaftlichen Instanzen, sondern auch von Seiten aller anderen Individuen ihm gegenüber. Damit stellt sich das Prinzip "Do ut des" auf der untersten Ebene aus Gründen rein praktischer Vernunft doch wieder her.

Das uns hier beschäftigende Thema bleibt also aktuell. Man sollte es differenziert behandeln.

Arno

BeitragVerfasst am: 25.12.2007, 16:29
Zoba
 
Anmeldedatum23.11.2007
Beiträge879
WohnortSüden


Hallo Arno,

oh - bitte nicht mißverstehen - ich bin keineswegs gegen ein Mindestmaß an Normen und Regeln, und halte eine Art "Basiskonfiguration" auch für definitiv notwendig.

Ich sehe das Problem jedoch in der bei uns stattfindenden Überreglementierung bei parallel größer werdender Ungerechtigkeit, der Ohnmacht des Einzelnen, sobald eine der Parteien der Staat ist, und der in meinen Augen damit zusammenhängenden Aufkündigung des Gehorsams in Bezug auf diese Normen zuvorderst von jenen, die nichts mehr zu verlieren haben. Ich möchte wirklich kein Elternteil sein, der diese Welt von Normen einem Kind nahebringen muß.

Ich bin z.B. der festen Überzeugung, daß man heute mindestens 85% sämtlicher Normen und Regeln ersatzlos streichen könnte, ohne damit etwas zu gefährden, eher sogar im Gegenteil, vor allem wenn man sich stattdessen auf das Wesentliche konzentrieren würde. Allein über Reglements, was wir derzeit deutlich sehen, ist Leistung und Gegenleistung nämlich nicht mehr zu erhalten.

_________________
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

Verfasst am:
 


Ein paar Worte zum Gewissen

BeitragVerfasst am: 15.02.2008, 11:56
wgbajohr (Moderator)
 
Anmeldedatum08.04.2007
Beiträge449
WohnortHamburg


Hallo, Grete!

Ich bin derzeit zwar nicht sehr häufig im Forum, eigentlich sogar sehr selten. Bei einem dieser Ausflüge entdeckte ich Deinen Thread, insbesondere fiel mir der Begriff „Gewissen“ auf. Da ihm in der von mir propagierten Leistungsgesellschaft eine tragende Rolle zukommt, möchte ich an dieser Stelle ein paar Worte über ihn verlieren:

Das Gewissen erfüllt die Funktion einer inneren Kontrollinstanz. Wie gut es dieser Aufgabe gerecht wird, hängt von seiner Qualität ab. Weil es sich als Gegner mancher Karrieren und der Bildung von Reichtum äußerst unangenehm bemerkbar machen kann, sind etliche Mitmenschen dazu übergegangen, es einzuschläfern oder im Extremfall sogar abzutöten.

Wie entsteht das Gewissen, wer baut es auf? – Aus den überwiegend von den Eltern erfahrenen Verhaltensregeln baut es sich im Laufe eines Menschen Erziehung auf und stellt schließlich einen Katalog verinnerlichter Verhaltensregeln dar.

Obwohl davon auszugehen ist, das die meisten der geistig Gesunden ziemlich genau wissen, was innerhalb ihrer Gesellschaft positiv und was negativ gewertet wird, bedarf es in „meiner“ Gesellschaft der inneren Kontrollinstanz. Ist sie aktiv, vergleicht sie die Entscheidungen eines Menschen mit den verinnerlichten Verhaltensregeln und wertet die Abweichungen. Das gesunde, kritische Gewissen vermag „seinem“ Menschen arg zuzusetzen.

Was können wir in diesem Kontext unter einem „reinen“ Gewissen verstehen? – Hört der Mensch stets auf die Ermahnungen seines Gewissens, sprechen wir von einem reinen Gewissen. Schafft es der Mensch jedoch nicht, den Forderungen seines Gewissens nachzukommen, muss der Mensch mit seinem Gewissen einen Kompromiss schließen. Je häufiger es vorkommt und je gravierender die Entscheidung von der Forderung des Gewissens abweicht, desto weniger gleicht das Gewissen einem reinen Gewissen.

Um einem Missverständnis zuvorzukommen, erkläre ich ausdrücklich, dass es hierbei nicht um eine allgemeingültige Definition des Begriffes „Gewissen“ geht, zumal ich eine solche auch gar nicht kenne. Es handelt sich allerdings auch nicht um meine ganz persönliche Meinung. Die Bedeutung dieser Erklärung liegt zwischen beiden genannten Extremen. Der Entwurf „meiner“ Gesellschaft basiert auf begründeten Annahmen und Folgerungen. Ich behaupte nicht, mein Entwurf skizziere die einzige Möglichkeit für den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft, sehr wohl aber eine, die gangbar ist. Solange dieser Entwurf nicht wegen gravierender Widersprüche verworfen wird, gilt für den Begriff „Gewissen“, dass er sich widerspruchsfrei in die neue Gesellschaft einfügt.

LG wgbajohr

_________________
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
Für etwas verantwortlich sein heißt, dieses Etwas beeinflussen können
http://www.leistung-und-gesellschaft.de/
Anstand - Ehre - Gewissen
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