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„... du warst sehr lieb, mein Junge!“

BeitragVerfasst am: 10.06.2007, 11:27
joLepies
Gast
 


„... du warst sehr lieb, mein Junge!“

Gleißendes Sonnenlicht fiel an diesem Tag auf den breiten Strom unterhalb der Burgruine Giebichenstein.
Immer noch schlängelte sich die thüringische Saale glitzernd durch die Händel-Stadt. Gleich einem Reptil, auf dessen Rücken funkelnde Diamanten eingelegt waren.
Dieser Tag war jedoch auch ein Tag der Menschlichkeit. Er zeigte, wie persönliche Zuwendung Barrieren niederreißen kann.

Der gekrümmte Oberkörper der Greisin geriet bei ihrem Trippeln und Schlurfen zeitweise bedrohlich ins Wanken. Da wurde jeder Meter in Richtung der Hauptverkehrsstraße zu einem Kreuzweg der Marter.
Erst vor kurzem hatte die Stadt die Signaleinrichtungen dieser Straße so geschaltet, dass auch behinderte Senioren die andere Seite sicher erreichen konnten. Doch an diesem Tag schienen die Verkehrsampeln die „Sommer-Grippe“ zu haben. Sie konnten ihren Dienst nicht verrichten.
So blieb der Alten für ihren Gang zum anderen „Ufer“ nur der Zebrastreifen. Doch ohne intakte Fußgängerampel war ihr die Schneise zur anderen Straßenseite nicht sicher genug.
Trotzdem der Verkehr noch an der Frau vorbeilief, wollte die alte Dame nun plötzlich die Fahrbahn betreten.
„Schön warten, Mutti, bis die Straße wirklich frei ist“, sagte der junge Mann neben ihr, hier sind doch lauter Irre mit Hitzekoller unterwegs.“
Die alte Frau hob ihr liebes Gesicht, nickte zustimmend, lächelte verlegen, dankbar und trat wieder einen Schritt zurück.
Der Mama muss geholfen werden, überlegte der junge Mann.
Und ehe sich Mütterchen, „Hiflos“, versah, wurde sie von den starken Armen ihres „Leibwächters“ hochgehoben und an seiner breiten Brust eingelagert.
Dann - zwei umsichtige Blicke, und mit großen Schritte trug der Riese sein altes Mütterchen, unter Beifall gebendem Hupkonzert der endlich wartenden Fahrzeuge, zur anderen Straßenseite.
Hier ließ er sie sanft zu Boden gleiten und empfing seinen Dank: Einen zarten Kuss von welken Lippen.
Ehe die Frau nun ihr Haus betrat, sah sie noch einmal zurück zu ihrem Beistand, der durch persönliche Zuwendung Barrieren niederzureißen vermochte.
Hob ihre zarte Hand, winkte einen Abschied und bewegte lautlos ihre Lippen: „... du warst sehr lieb, mein Junge.“

Verfasst am:
 


Heute weiß es Hiob

BeitragVerfasst am: 10.06.2007, 11:28
joLepies
Gast
 


Heute weiß es Hiob

Und Gott redete mit Hiob: „Gürte deine Lenden wie ein Mann; ich will dich fragen, lehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage es mir, wenn du so klug bist!“
Und Hiob antwortete Gott: „Mein Herr, du allein weißt es. Aber eines Tages werden es auch die Menschen wissen. Wo sie, und auch ich, waren, als du die Erde gründetest. Denn mit dem menschlichen Geist hast du auch seine Neugier geschaffen. Und die geht Fragen nach, bis sie Antworten hat.“
Hiob lebte nun schon lange bei Gott. Hier konnte er sehen, wie die Menschen forschten und grübelten. Und wie sein Schöpfer ihr Mühen und ihren Fleiß belohnte, indem er sie vieles über sein vergangenes, gegenwärtiges und zukünftiges Tun wissen ließ.
Da konnte es nicht ausbleiben, dass Hiob bald die Antwort auf Gottes damalige Frage, wo er gewesen sei, als Gott die Erde gründete fand. Sie im kalten, dunklen und lebensfeindlichen Raum an unsichtbaren Fesseln an die Sonne band, damit diese auf Erden Leben gebären und nach Gottes Willen erhalten konnte.
Dass er im Lande Uz nicht darauf gekommen ist. War eben Viehzüchter und kein Philosph. Na klar! Er war schon immer da. Nur - aus den von Gott geschaffenen Elementen noch nicht zusammengefügt. Und auch sein Bewusstsein existierte bereits. Als Teil des göttlichen. Durch die Liebe seiner Eltern aber, verkettete der Schöpfer bestimmte Elemente die ihn entstehen ließen. Und damit er auch nach seinem Bild werden konnte, gab Gott ihm über Vater und Mutter einen Teil seines göttlichen Bewusstseins.
Nun war Hiob froh, dass er die Frage Gottes nach langer Zeit doch noch hätte beantworten können.
„Hiob, ich weiß, dass du jetzt weißt, wo du warst, als ich die Erde gründete“, sagte Gott eines Tages zu ihm. „Es wird noch vieles geben, wovon nur ich vorerst Kenntnis habe. Nur eines nicht: Ein böses Hiobsschicksal wie auf Erden wirst du nie mehr erleben. Der Satan hat hier keine Macht. Und ich muss ihm auch nicht noch einmal beweisen, dass deine Frömmigkeit unverrückbar ist, obwohl ich es von Anfang an wusste. Denn ich kenne die Gedanken der Menschen.“
Mit diesen Worten Gottes lebt Hiob fort. In großer Glückseligkeit. Von Zeitlosigkeit zu Zeitlosigkeit.

Warten auf Startfreigabe

BeitragVerfasst am: 10.06.2007, 11:29
joLepies
Gast
 


Warten auf Startfreigabe

Der schmucklose Warteraum des Arbeitsamtes erinnerte an eine Sardinenbüchse. Dicht gedrängt warteten Männer und Frauen auf baldige Starterlaubnis in einen neuen Job. Sie würden jeden akzeptieren, selbst wenn er nach Irgendwo ins Niemandsland ginge. Nur endlich tragende Luft unter die Flügel bekommen und wieder spüren, dass es aufwärtsgeht. Keine stickige Luft mehr atmen, keinen Schweiß mehr riechen müssen, wie an diesem Ort.
An der Eingangstür lehnte eine kleine, dünne Frau. Das Weiß ihres ausgemergelten Gesichtes glich dem Antlitz einer Gipsfigur. Große, dunkle Augen versteckten sich in tiefen Höhlen. Neben ihr lümmelte sich ein schlaksiger junger Mann auf einem Kunststoffstuhl. Die anderen Arbeitssuchenden schienen, statt lebendiger Gesichter Masken zu tragen, deren Augen der Schein des Beseelten fehlte. Genommen durch Sorgen und Ungewissheiten.
In diesem Warteraum schien Leben tiefgefroren. Zwischengelagert - zur späteren Verwendung. Vielleicht ...! Deshalb wohl das eisige Schweigen der Wartenden. Aber nicht nur sie waren stumm, auch die Wände. Wo einmal große Sprüche der verloren gegangenen Deutschen Demokratischen Republik prangten, wo Bilder der Staatsführer hingen, gab es jetzt nur noch rechteckige und quadratische schmutzig-weiße Flächen. Eine Ideologie war gestorben und die zukünftige noch fremd. Dieses Leben im Zwischenreich verlangte großes Vertrauen in alles.
Da erhob sich plötzlich jemand und trat von einem Bein aufs andere. Die alten Dielen knarrten dazu.
„Wir sind nicht mehr jung, tragen aber immer noch Lasten!“
Lasten trugen jedoch auch die Besucher des Arbeitsamtes. Zum Beispiel die Angst vor dem unwiderruflichen sozialen Abstieg. Und deshalb blieb es auch weiterhin bei der nervenden Sprachlosigkeit. Neben den schmutzig-weißen Flecken an der Wand gab es jedoch auch noch die Lautsprecher. Nun aber ohne: „Auferstanden aus Ruinen ...!“, ohne Worte von einer sieg- und ruhmreichen Armee, von Waffenbrüderschaft und unverbrüchlicher Freundschaft. Kein Siegen mehr, durch Lernen vom großen Bruder.
Statt wie früher kämpferische Parolen zu verkünden, riefen diese Lautsprecher jetzt eine Nummer auf und bestellten diese in ein Zimmer. Dann herrschte in dem Tiefkühlhaus der Gefühle wieder Stille. Als die aufgerufene Nummer nach geraumer Zeit den Warteraum wieder betrat, schien es, als wenn ihre Augen noch ein wenig tiefer in die Höhlen gerutscht, die Gesichtshaut von weiß nach grau gewechselt hätte und die Lippen noch blutleerer und schmaler geworden wären. Warte, warte noch ein Weilchen, schien die Nummer den Zurückbleibenden sagen zu wollen, als sie sich noch einmal umwandte. Dann verließ sie mit schnellen Schritten das Amt, das ihr auch dieses Mal keine Arbeit hatte geben können.
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