| ChristianBedor |
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| Anmeldedatum | 21.10.2007 | | Beiträge | 19 |
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Titel: Beichtgang - Fiktive Autobiografie eines katholischen Hauptlehrersohns
Autor: Christian Bedor
Verlag: BoD
ISBN: ISBN 978-3-8311-4397-9
Seiten: 152
Preis: 10,90
Klappentext
Beichtgang - Fiktive Autobiografie eines katholischen Hauptlehrersohns
Thomas Lehr wächst Ende der 50er Jahre als jüngstes von vier Geschwistern in der Schule eines kleinen deutschen Dorfes auf. Er wird von seinen Eltern und der Kirche auch mit körperlicher Strafe streng katholisch erzogen. Anfangs lebt er in der Welt der Zehn Gebote, glaubt an aufrichtige Liebe, Ehrlichkeit und Gehorsam. Für seinen Vater, der Schulleiter ist, muss Thomas als Zehnjähriger Bier und Schnaps kaufen, was ihm große Schuldgefühle bereitet. Ferner erfährt er vom langjährigen Verhältnis des Vaters mit seiner Klassenlehrerin. Die Familienkrankheit Alkoholismus schreitet soweit fort, dass sein Vater nicht mehr arbeiten kann und sterben will. Abzusehen ist, dass sich Thomas zu einem Erwachsenen Kind entwickeln wird, denn Schuld, Angst, Scham und Ohnmacht sind seine Lebensbegleiter. Diese fiktive Autobiografie ist empfehlenswert für Jugendliche und Erwachsene katholischen Glaubens sowie Menschen, die in alkoholkranken Familien leben.
Rezension
Das laute Schweigen des Thomas L.
AMAZON-Rezension
zu
Christian Bedors
Buch „Beichtgang“
Distanzierte Sensibilität würde ich die Haltung nennen, in der Christian Bedor sich seinem Protagonisten Thomas Lehr nähert.
Eine deutlich männliche Art der Annäherung, die Emotionen eliminiert und stattdessen Äußeres, Umstände und Notwendigkeiten fokussiert.
Die emotionale Verletzung des kleinen Thomas, dessen Leben von der Geburt bis zum etwa 14jährigen Messdiener wiedergegeben wird, geht umso lauter aus den geschilderten Lebensumständen hervor, je unbedingter sie verschwiegen wird. Ein Kunststück, das Bedor hier fertig bringt. Er schafft es, die Sprachlosigkeit selbst sprechen zu lassen, in Episoden wie bei dem Sturz mit einem Tretroller oder einem Speiseeisgeschenk. Diese Eigenart seines Erzählstils hat mich am meisten beeindruckt und macht meiner Meinung nach den besonderen Wert von „Beichtgang“ aus. Wie viele Gedanken, Befürchtungen, Berechnungsversuche, sachliche Erwägungen und Zukunftsprognosen sich während einer kurzen Fahrradfahrt im Bewusstsein eines einsamen vernachlässigten kleinen Jungen abspielen können!
Thomas ist Lehrersohn, unverkennbar, auf Pflichterfüllung und Standesbewusstsein so sehr getrimmt, dass schon das eigene Wollen und Wünschen im Ansatz verkümmert. Katholische Pfarrer und seine Lehrer(-Eltern) prägen seine Welt. Verbote und Gebote, die er ängstlich zu erfüllen sucht.
Sehr nahe kommt der Autor seinem Protagonisten, dringt in dessen abgeschottete Geisteswelt fast völlig ein, ohne kaum je ein Gefühl zu offenbaren, abgesehen von der lebensbestimmenden Angst vor Strafe, Blamage und davor, das Falsche zu tun. Thomas fühlt sich kaum je verletzt, dafür beschämt und unzulänglich. Im Laufe seiner Entwicklung steigert sich seine Befindlichkeit zu einer ohnmächtigen, beinahe-wütenden Verwirrung angesichts elterlicher Erziehungsmaßnahmen, die er nicht versteht und als ungerechtfertigt empfindet. Irgendetwas stimmt nicht. Der Vater ist alkoholkrank und hat ein außereheliches Verhältnis – ausgerechnet mit Thomas’ Lehrerin. Doch woher soll er schließlich wissen, ob ihm Unrecht geschieht, ohne jede Referenz, wie die Dinge eigentlich laufen sollten? Keine Wahl bleibt ihm, als sich schicksalsergeben zu fügen, Antworten auf Thomas’ unausgesprochene Fragen bleiben aus.
Erst in einem Brief an seine Eltern als Erwachsener gelingt es Thomas, auszudrücken, worunter er zeit seiner Kindheit gelitten hat und auch dieser Ausbruch fällt eigentümlich beherrscht und bedacht aus.
Ein überraschend leicht fließendes und lesenswertes Buch, das in seinem lauten Verschweigen die ganze Hilflosigkeit eines vernachlässigten Jungen ausdrückt, insbesondere die schmerzende Ohnmacht, die darin liegt, dass Dinge totgeschwiegen werden, nicht zur Sprache kommen können.
Darüber hinaus ein Buch von besonderer Relevanz für die Generationen der 50er, 60er und 70er Jahre, die sich atmosphärisch und emotional darin wiederfinden werden. (sb)
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Mehr Infos: www.muell-zeit-lose.de
LESEPROBE
Kapitel: Die Beichte [Auszug]
Der Dorfpfarrer. Seedorn. Einer der alten Schule. Wie überhaupt so vieles in diesem Dorf.
Er wohnte zwischen Kirche und Schulgebäude in seinem Diensthaus.
Ein alter, dicklicher Mann, immer schwarz gekleidet, selbst wenn er seiner viel geliebten Gartenarbeit nachging. Ich fragte mich, ob er auch nachts im Bett dunkel gekleidet sei. Mit einem schwarzen Pyjama!?
Merkwürdig solche Leute. Als ob sie in schwarzer Kleidung geboren wären. Mich machte dieser Gedanke immer sehr traurig. Ich bezweifelte, ob Geistliche jemals lachen könnten.
Meine Mutter sagte: »Aber natürlich können sie lachen, das sind doch Menschen wie du und ich.« Diese Aussage nährte meinen Zweifel. Menschen wie du und ich? Ein Pfarrer dieses Formats? Und überhaupt, warum musste auch dieser für mich wichtige Lehrer so alt sein? Das verstand ich nicht. Nein. Das verstand ich wirklich nicht. Pfarrer Seedorn. Der Mann, der auch für den Kommunions- und Messdienerunterricht zuständig war.
Er war einer der strengsten Menschen, die mir als Kind begegnet sind. Bei den ersten Messen, die ich besuchte und die er zelebrierte, fiel mir das nicht auf. Ich saß als junger Gläubiger in der Kirchenbank und sah ihn während seiner Arbeit nur aus der Entfernung.
Seine Strenge offenbarte sich, als ich am Kommunionsunterricht teilnehmen musste. Der Unterricht fand in einem dafür eingerichteten Kellerraum seines Diensthauses statt.
Der Geistliche lief währenddem immer mit einem Gummiknüppel umher. Anfangs sah ich diesen Knüppel nicht an ihm. Ältere Kinder hatten mir zuvor davon erzählt, so dass ich neugierig guckte, wann ich ihn entdecken würde.
Er trug ihn unter seiner Kutte. Oder war es eine Soutane? Pfarrer Seedorn lief zwischen den Gängen der Bänke hin und her. Fragte einige Schüler nach bestimmten Stellen im Katechismus und wollte die Zehn Gebote hören. Weil ich zwei nicht wusste, schlug er mir mit dem Knüppel auf die Finger, die ich ihm entgegenstrecken musste. Das war seine Standardstrafe. War mal ein Kind ungezogen, gab's was auf den Hintern.
Wir Kommunionsschüler hatten alle Respekt vor diesem Gummistock. Das führte bei mir dazu, dass ich das Notwendigste lernte, aber aus Furcht vor Strafen keine weiteren Fragen stellte. Dabei beschäftigten mich einige Fragen sehr.
Der Termin der ersten Beichte rückte näher. Voraussetzung für die heilige Kommunion war die erfolgreiche Teilnahme daran. Das machte mir Angst, denn im Beichtstuhl musste ich Pfarrer Seedorn meine Sünden offenbaren. Diese Vorstellung empfand ich als schlimmer, als bei Lehrerin Vormstein vor der Klasse zu stehen und das Kapitel eines Buches nacherzählen zu müssen.
Während des Aufenthalts in der Beichtkabine, stünde ich nicht nur dem Geistlichen als prüfende Autorität gegenüber, sondern auch Gott. Das heißt: ich kniete ihnen gegenüber.
Was sollte ich tun, um nicht vor Pfarrer Seedorn und vor Gott zu versagen?
Ich dachte daran, meine Sünden aufzuschreiben, um zumindest eine Gedankenstütze im Beichtstuhl zu haben.
Aber auch zu dem Zweck, nicht mit leeren Händen dazustehen. Würde mir Pfarrer Seedorn erlauben, meine Sünden aufzuschreiben?
Und Gott? Oder musste ich sie aus dem Kopf vortragen? Wäre das Mitbringen eines Notizzettels eine Sünde?
Welch eine Blamage! Meine Freunde wiesen eventuell zehn oder gar mehr Sünden auf, aber mir wäre der Atem wie ein Kloß im Hals stecken geblieben, weil mir vor lauter Nervosität im Beichtstuhl – ohne Notizen – nur zwei Sünden eingefallen wären.
Auf die Fragen des Beichtvaters hin, hätte ich nur ein schüchternes Kopfschütteln zu erwidern gehabt.
All das malte ich mir im Vorhinein aus.
Der entscheidende Tag war da. Ich hatte meine Liste gefaltet in der Hosentasche. In den Wochen, seit sie entstand, war sie das Wichtigste, was ich bei mir tragen musste und ich hütete sie wie meinen Augapfel. Diese bewachte Liste, die ich nicht mal meiner Mutter zum Lesen anvertraut hätte und die gleich nach der großen Beichte an einem geheimen Ort vernichtet werden sollte.
Noch am Vormittag versuchte ich, meine Sünden auswendig zu lernen. Bei der vierten Sünde überlegte ich, ob ich sie auf meinem Zettel stehen lassen sollte. Ich hatte nur eine Vermutung.
Weder im Kommunionsunterricht noch woanders traute ich mich, danach zu fragen. Zwar hatte ich immer die Hoffnung, dass ein Mitschüler Pfarrer Seedorn fragen würde und ich dann von der Antwort profitieren könnte, aber das ereignete sich nicht.
Am Freitag vor Weißen Sonntag saßen alle Kinder, die zur Kommunion zugelassen waren und die vorher beichten mussten, auf der Kirchenbank. Ich saß nicht ganz am Ende. Die Enden haben mir nie gefallen. Man ist der Letzte. Die Ersten sind schon im Siegestaumel und man selbst geht nicht darin auf. Eher geht man unter. Denn man sollte sich nie freuen, solange man vor der Ziellinie ist.
Ich saß andächtig im letzten Drittel und beobachtete genau, wie lange meine Vorgänger im Beichtstuhl brauchten.
Dabei schaute ich nach dem Besuch in ihre Gesichter. Einige Kinder schienen erleichtert zu sein. Die meisten jedoch beschäftigten sich hinterher mehr mit sich und ihren Sünden als vorher. Das machte mich unruhig. Was sollte ich tun? Gab es ein Zurück? Einen Ausweg für mich?
Es war so weit. Ich war an der Reihe. Nervös stolperte ich von der Holzunterlage der Kirchenbänke. Zwei, drei Schritte bis zur Beichtkabine, die nahe des Taufbeckens im Dunkel lag.
Was sollte, was musste ich noch mal sagen? Beim Eintreten in den Beichtstuhl? Ich überlegte ...
Hatte mir all das die Sprache verschlagen?
Noch wenige Zentimeter.
Den Mann im Beichtstuhl kannte ich vom Kommunionsunterricht. Hoffentlich war er es auch! Ich hatte ihn heute nicht in den Beichtstuhl gehen sehen. Er musste ihn einige Zeit vor uns betreten haben. Bevor wir Kinder in die Kirche kamen.
Aber natürlich kannte ich ihn! Er wohnte nicht weit von unserem Haus entfernt. Hin und wieder kam er zu Besuch. Meistens bei besonderen Anlässen. Zuletzt zu der Kommunion meiner Schwester. Oder war es die Firmung? Jedenfalls etwas Wichtiges. Etwas, was einen Pfarrerbesuch in einem Nachbarhaus rechtfertigt.
Den Vorhang schob ich zur Seite. Kurz darauf streifte beim Eintreten unvorhergesehen ein Fuß die untere Beichtstuhlkante. Beinahe wäre ich gestolpert. Schemenhaft erkannte ich das Kniebänkchen. Zitternd kniete ich mich hin. Jetzt konnte ich vor Dunkelheit nichts mehr erkennen. Das machte mich nervöser.
Es war nicht hell in dem Teil der Kirche, wo wir auf den Bänken gewartet hatten. Hier im Beichtstuhl war es für mich unvermutet dunkler.
Was durfte, was musste man noch mal sagen – beim Eintritt in den Beichtstuhl?
»Gelobt sei Jesus Christus«, sagte ich verhalten leise.
»In Ewigkeit. Amen!«, wurde mir geantwortet.
Dieser dunkle Beichtstuhl vermittelte mir den Eindruck von Tod und Verderben.
Kein Licht.
Stille.
Modriger Geruch.
[...]
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Eine Audio-Leseprobe "Der Kürbis" gibt es hier (bitte nach Aufruf der Seite einen Moment warten - startet automatisch).
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