 | Chinas große Romane - Gesellschaft und Individuum |  |
Verfasst am: 29.03.2008, 12:33 |
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| Arno Abendschön |
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Feuerwerk und Buchdruck - China hat sie früher als das Abendland gekannt. China war über Jahrtausende eine dem Westen materiell und geistig überlegene Hochkultur. Zwei Zahlen, die den Hintergrund beleuchten können: 1820 waren 36% aller auf der Erde lebenden Menschen Chinesen und erwirtschafteten 32% des gesamten Weltbruttosozialprodukts. Dabei war das frühe 19. Jahrhundert schon eine Zeit des Niedergangs, der sich danach rasch beschleunigte. Chinas Glanzzeiten lagen länger zurück. In ihnen hat sich eine reiche Literatur entwickelt, die zu entdecken sich lohnt.
DIE RÄUBER VOM LIANG SCHAN MOOR ist der früheste der drei großen Romane, die unbedingt zum Kanon der Weltliteratur gehören. Sein Verfasser ist der im 13. Jahrhundert lebende Schi Nai An. Das Werk spielt im frühen 12. Jahrhundert und wurde bald zum Volksbuch. Es ist die Geschichte des sehr erfolgreichen Rebellen Sung Kiang, seiner sechsunddreißig Häuptlinge und ihres immer mehr anschwellenden Anhangs. Vor dem Hintergrund von Korruption und Misswirtschaft errichteten sie in einem Sumpfgebiet in der Provinz Schantung ein autonomes Räuberstaatswesen, das erst nach langer Zeit und nur durch Begnadigung seiner Mitglieder überwunden werden konnte. Wir haben es mit einer Fülle von sehr farbigen Einzelfiguren und äußerst spannenden Handlungssträngen zu tun. Sie nehmen jeweils von lokalen Missständen ihren Ausgang und münden alle in den Zusammenschluss der Räuber in einer unbezwingbaren Bergfeste im Moor. Karl May ist im Vergleich dazu ein unbedeutender und blasser Autor.
KIN PING MEH, vermutlich von Wang Schi Tschong, ist ein Werk des 16. Jahrhunderts und spielt ebenfalls im frühen 12. Jahrhundert. Es ist eine Familienchronik, die vor allem innerhalb des privaten Haushaltes spielt. Hsi Men ist ein reicher Kaufmann, der sich sechs Frauen hält und durch seine Gier nach immer mehr Genuss sich und seinen Hausstand ruiniert. Wir erfahren viel übers damalige Wirtschaften, über Erotik und Intrigen in einem solchen Familienverband. Balzac erscheint uns nach der Lektüre wie ein später Nachfahre des Autors. Der Roman ist ein großartiges Sittengemälde und eine ergreifende bürgerliche Tragödie.
DER TRAUM DER ROTEN KAMMER ist das jüngste und modernste Werk innerhalb dieses literarischen Triumvirats. Als alleiniger Verfasser gilt Tsao Hsüe Kin (1719 - 1763). Erschienen ist das Buch erstmals 1791 im Druck. Auch dies ist ein Familienroman, eine Art chinesische Buddenbrooks, im 18. Jahrhundert angesiedelt. Wir erleben wieder eine begüterte Großfamilie, ihre inneren Konflikte, ihren Verfall. Das Buch ist tief vom Geist des Taoismus getränkt und vor allem ein Werk des Protests gegen eine konfuzianisch geprägte, hierarchische und patriarchalische Elite und ihren Umgang mit individuellen Regungen. Es ist ein großer Seelenroman, der auch heute noch bei modernen Europäern einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hervorrufen kann. Ein in seinem Detailreichtum und in seiner psychologisch-metaphysischen Tiefe unvergleichliches Werk.
Alle drei Riesenromane, jeder zwischen 800 und 900 Seiten stark, sind von Franz Kuhn ins Deutsche übertragen und im Insel Verlag erschienen. |
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_________________ "Viel ist hingesunken uns zur Trauer und das Schöne zeigt die kleinste Dauer." (Heimito von Doderer) |
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 29.03.2008, 13:31 |
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| Hakket (Moderator) |
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Moin Arno,
ich habe gerade bei Amazon ein bisschen nach DIE RÄUBER VOM LIANG SCHAN MOOR gesucht.
Das Buch scheint genau mein Ding zu sein. Werde es mir bestellen. (Wobei ich "Musashi" auch noch lesen muss.)
Vielen Dank für die tolle Empfehlung.
Gruß
Hakket |
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_________________ In jedem Menschen existieren dunkle Orte, für die es keine offizielle Wegbeschreibung gibt. Und wer glaubt, keinen dieser Orte in sich zu tragen, hat den Weg dorthin nur noch nicht gesucht.
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Verfasst am: 29.03.2008, 15:22 |
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| hawepe |
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Hallo Hakket,
| Hakket (Moderator) hat Folgendes geschrieben: | ich habe gerade bei Amazon ein bisschen nach DIE RÄUBER VOM LIANG SCHAN MOOR gesucht.
Das Buch scheint genau mein Ding zu sein. Werde es mir bestellen. (Wobei ich "Musashi" auch noch lesen muss.) |
Aber Achtung, fang es nicht zu lesen an, wenn eine andere wichtige Aufgabe ansteht. Das Buch macht suechtig und will einen einfach nicht mehr loslassen, bevor man es zu Ende gelesen hat.
Beste Gruesse,
Heinz. |
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Verfasst am: 29.03.2008, 19:36 |
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| Hakket (Moderator) |
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Gut zu wissen, Heinz
Genau das brauche ich. Da ich eh immer erst abends lese (obwohl ich tagsüber Manuskripte lese, lese ich abends zwecks Entspannung ... da muss ich mir eben keinen Kopf um Fehler machen - es sind ja nicht meine ) kommen mir keine wichtigen Sachen dazwischen. PC ist aus und Handy auch - da kann kommen was will.
Na ja, und das mit dem Aufhören ... irgendwann fallen mir die Äuglein zu ...
@ Arno: Ich habe gesehen, dass es noch eine alte Ausgabe, die scheinbar länger ist, gibt (aus der DDR?). Lohnt sich die eher? |
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 29.03.2008, 19:46 |
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| Arno Abendschön |
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@ Hakket: Die DDR-Ausgabe ist mir nicht bekannt. Ich kenne nur die Übertragung von Franz Kuhn (Insel-Verlag, zwei hübsche Taschenbuchbände), die ist vorzüglich. Wenn sie auch in der DDR gedruckt worden sein sollte, ist es in Ordnung. Aber Vorsicht: Das chinesische Original wurde von Pearl S. Buck ins Amerikanische übersetzt ("All men are brothers"). Möglich, dass es von dieser amerikanischen Ausgabe eine Übersetzung ins Deutsche gibt. Für deren Qualität kann ich dann nicht einstehen.
Arno Abendschön |
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Verfasst am: 29.03.2008, 20:01 |
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| Hakket (Moderator) |
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@ Arno: Danke für die Auskunft. Vielleicht habe ich da auch etwas falsch verstanden. In einer Amazon-Kritik stand etwas von einer 1000seitigen Hardcoverausgabe.
Aber ich habe schon recherchiert und nichts gefunden.
Wenn wir schon bei Asiatischer Lektüre sind ... kennst du "Battle Royale" von Koushun Takami? Zugegeben, ist moderner und ich habe nur den Film gesehen, aber könnte "fast" ein Variation zum Thema sein ... wenn man beide Augen zudrückt  |
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Verfasst am: 29.03.2008, 22:07 |
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| Arno Abendschön |
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@ Hakket: Bis eben war mir nicht einmal der Name Takami bekannt ... Da habe ich schnell auf der Phantastik-couch.de Platz genommen und weiß nun ein wenig Bescheid. Ja, die Thematik ist verwandt. Sie ist typisch für Ostasien, scheint mir, dieser das Individuum vernichtende Zusammenprall mit einer starren gesellschaftlichen Ordnung. Der Konflikt verläuft ungleich härter als im Westen, da die Abfederung durch eine liberale, der Aufklärung verpflichtete Tradition fehlt. Ich gehöre nicht zu den Menschenrechtsaposteln, die alle Welt beglückt sehen wollen - aber aus den individuellen Tragödien in Ostasien kann man auch universelle Menschenrechte ableiten. Die Geschichte der individuellen Revolte gegen eine repressive Gesellschaft ist
zumindest in China so alt wie die Kultur selbst. Das Land war nach außen hin wenig expansiv, dafür ist die innere Geschichte recht blutig (viele soziale Revolten, Bauernaufstände). In diesen Zusammenhang gehören für mich auch das häufig anzutreffende Eremitentum, die spezielle Landschaftsmalerei und alles, was mit Taoismus zu tun hat. Auf der einen Seite hoher Druck im sozialen Kessel, auf der anderen starke Tendenz zur Weltflucht. |
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Verfasst am: 30.03.2008, 12:42 |
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| Hakket (Moderator) |
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Hallo Arno, ich hätte da noch eine Empfehlung: "Weisheit des lächelnden Lebens" von Lin Yutang. Ein wirklich großartiges, philisophisches Buch, fernab von der "Trockenheit" unserer Philosophen. Yutang schreibt unglaublich warmherzig, witzig und ironisch. Selbst wenn man den philosophischen Anspruch beiseite lässt, macht das Buch einfach nur Spaß.
("Meist stellt man fest, dass der geistige Höhenflug doch nur bei ungefähr einem Meter siebzig endet ..." Ist nicht genau zitiert, kommt aber auf gleiche hinaus.)
Sehr zu empfehlen.
Im Übrigen fasziniert mich die asiatische Kultur sehr, eben aufgrund der Gegensätzlichkeit.
Lieben Gruß
Hakket |
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Verfasst am: 30.03.2008, 18:49 |
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| Arno Abendschön |
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Hallo Hakket,
danke für den Hinweis auf Lin Yutang. Habe gerade bei Wikipedia über ihn nachgelesen. Ich behalte den Namen mal im Hinterkopf. Historisch passt es wohl zum Anfang von Zhang Yimous Film "Leben!", den ich sehr eindrucksvoll finde.
Schönen Abend noch
Arno |
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