 | Daniel Roys Geschichten - zwei Leseproben |  |
Verfasst am: 12.08.2007, 16:09 |
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| DanielRoy |
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| Anmeldedatum | 22.04.2007 | | Beiträge | 7 | | Wohnort | Brühl bei Köln |
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Hallo, liebe Lesenden!
Ich habe mich eben im Vorstellungsforum vorgestellt (dazu ist das ja schließlich da ). Wie dort angekündigt, möchte ich hier als Textproben zwei Geschichten meiner Serie bringen, die schon seit 1997 im Videotext des Kinderkanals läuft (aktuell übrigens ab Tafel 556) und von der es auch (viele!) Kostproben auf http://www.geocities.com/danielroy66/contents.html gibt.
Die beiden nun gleich folgenden Geschichten sind jedoch NICHT in meinem BOD-Buch "Hi, Mitkids! - Simon Flunkerts Abenteuer in der Brägenwurstzone" zu finden, dafür sind sie zu neu.
In der ersten Geschichte geht es um den Freizeitstress, dem sich so mancher Teenager freiwillig aussetzt.
In der zweiten Geschichte versetzen wir uns in den Sommer 2006 zurück, als wir in Deutschland den Fußball nicht nur IM Kopf, sondern auch AM Kopf hatten.
Hoffentlich viel Spaß und herzliche Grüße
Daniel |
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Verfasst am: 12.08.2007, 16:19 |
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| DanielRoy |
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| Anmeldedatum | 22.04.2007 | | Beiträge | 7 | | Wohnort | Brühl bei Köln |
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CLAUDIAS FREIZEITSTRESS
Hallo, Rübennasen!
Hier ist schon wieder Claudia Flunkert. Leider. Denn eigentlich wäre längst mal wieder mein Bruder Simon, das alte Faultier, mit Erzählen an der Reihe.
Ich habe ihn deswegen auch neulich am Donnerstag nach der Schule zur Schnecke gemacht. Aber ohne Erfolg! Er jammerte nur: "Was soll ich denn erzählen? Seitdem Sirpa nichts mehr von mir wissen will, gibt es in meinem Leben nichts mehr zu erzählen." Ich schlug ihm vor: "Dann schreibe doch wenigstens darüber, wie und warum Sirpa mit dir Schluss gemacht hat." Statt dessen legte er sich mit dem Gesicht nach unten auf sein Bett und schluchzte. Große Brüder können unglaubliche Memmen sein. Hoffentlich fängt der sich bald wieder. Dann kann er euch das ja doch noch erzählen.
Anyway (das Wort hatte ich neulich im Englischunterricht) - also, anyway, das Schreiben blieb wieder an mir hängen. Und das, obwohl ich gar keine Zeit hatte. Ich musste noch ein Geburtstagsgeschenk für Pauline Schlaulini besorgen. Außerdem musste ich endlich mal wieder einen Brief an meine südafrikanische Brieffreundin Yvette van der Rolle schreiben. Sie wollte eine Autogrammkarte von Karsten Blumenthal geschickt bekommen, und die musste ich auch noch besorgen. Und schließlich musste ich am selben Nachmittag auch noch zum Ballettunterricht, zum Rugby, zum Reiten und zum Taekwondo, und zwar in genau dieser Reihenfolge. Deswegen hatte ich mir auch schon meine große Reisetasche gepackt, in der ich die ganzen Klamotten, die ich brauchen würde, mitnahm.
Ich musste jetzt auch wirklich los, denn sonst würde ich zu spät zum Ballettunterricht kommen.
Ballett ist ja eigentlich gar nicht mein Ding. Ich gehe da aber freiwillig hin. Unsere Sportlehrerin, die Frau Doktor Schluckspecht, hatte nämlich gesagt, für eine sportliche Frau sei es sinnvoll, zumindest die Grundfiguren des klassischen Ballets zu beherrschen. Und deshalb habe ich mich in der Tanzschule von Madame Paddedö hier in Sehnde für den Grundkurs "Klassisches Ballett für Dummies" eingetragen.
Obwohl ich mich so beeilt hatte, erreichte ich die Tanzschule erst in letzter Sekunde. Ich stürmte in die Mädchengarderobe (es gibt dort übrigens auch eine Jungengarderobe, aber ich weiß nicht, für wen) und zog mich um. Mein glitzerndes Ballettkleid vom Trödler an der Ecke und dazu natürlich die klassischen Ballettschuhe.
Madame Paddedö erwartete mich auch schon im Ballettsaal. "Hallo, Claudette, wie geht es dir? Ça va?" trillerte sie. "Oui, oui, ça va", antwortete ich und stellte mich gleich, um keine Zeit zu verlieren, an der Stange auf, an der sich die elegante Primaballerina festhält, um bei den neuen Tanzfiguren nicht gleich auf die Nase zu fallen. Madame Paddedö gab mir die Tanzanweisungen. Und zwar haben die Ballettfiguren alle französische Bezeichnungen, das ist so Tradition. Madame Paddedö kommandierte: "Coup de pied en arrière. und jetzt ein coup de pied dans mon postérieur ... und nun ein grand malheur de blessure incurable ... parfait, Claudette, parfait!" Übrigens, wenn ihr findet, dass diese Ballettfiguren albern aussehen, dann muss ich euch leider sagen: Das stimmt. Aber dass sie albern aussehen, schließt nicht aus, dass sie gleichzeitig auch unheimlich anstrengend sind. Das ist nun mal so.
Nach der Ballettstunde hatte ich gar keine Zeit zu verlieren. Ich verabschiedete mich rasch von Madame Paddedö, wetzte in die Garderobe, zog mich rasend schnell um und hastete sofort zum Rugbytraining. Ihr wisst vielleicht, dass ich schon seit mehreren Jahren Rugby spiele. Diese coole Ballsportart für harte Jungs und harte Mädchen. Im Vergleich zu Rugby sind Fußball und American Football richtige Rentnersportarten.
Als ich ankam, fetzte ich ins Vereinshaus und zog mich auf der Toilette um. (Eine Mädchengarderobe haben wir nämlich nicht.) Dann rannte ich aufs Feld, wo die anderen schon beim Training waren. Unser Trainer, der Herr Campese, begrüßte mich: "Da bist du ja, Claudia. Wir machen heute ein Trainingsspiel gegen die Kids von Schwalbe Hannover. Du spielst im Erste-Reihe-Sturm als Tighthead Prop mit Wally Wadenbruch und Christian Knochenhauer. Aber ... ha ha ha ha!" Nanu? Er zeigte mit dem Finger auf meine Füße und lachte sich kaputt. Die anderen lachten auch. "Willst du etwa mit diesen Schühchen Rugby spielen, Claudia?", fragte er mich lachend. Ich schaute an mir runter - so ein Mist! Ich hatte die Schuhe vergessen. Ich hatte immer noch meine Ballettschuhe an. Und die passen zum Rugby genauso wenig wie Tomatenketchup zu Sahnetorte. Ich lief wieder ins Vereinshaus und zog mir lila Stutzen und meine Rugbyschuhe an. Das sind ganz besondere Turnschuhe mit so Spikes, also Nägeln, damit man auf dem Rasen einen besseren Stand hat und zweitens mehr Durchsetzungskraft, wenn man mal auf den Gegenspieler drauftritt.
Anschließend machten wir dann das Trainingsspiel, und ich war ziemlich gut. Ich legte zwei Versuche und erhöhte sie beide selbst und dann schoss ich auch noch ein Field Goal, und in der Gasse war ich die effektivste - falls ihr wisst, was ich meine. Nur den einen Penalty habe ich vergeigt. Zu kurz und zu flach geschossen. Aber die Richtung war nicht schlecht.
Nach dem Rugby lief ich wieder in die Toilette, zog mich dort um und rannte dann zur Entspannung auf den Reiterhof. Dort zog ich mich auch erstmal zurück und um - meine coolen Reitklamotten.
Ich ging in den Stall und begrüßte mein Pflegepferd, eine Stute namens Fräulein Vroni. "Hallo, Fräulein Vroni. Jetzt miste ich erst einmal deinen Stall aus, und dann reiten wir fix durch Feld und Wald." Ich mistete also den Stall aus. Dann sattelte ich Fräulein Vroni, holte die Leiter und stieg in den Sattel. Ehe ich losreiten konnte, raste unsere Reitlehrerin, Frau Mühlenschocker, auf mich zu: "Claudia - willst du Fräulein Vroni mit diesen Nägeln etwa aufschlitzen? Außerdem hast du Pferdemist an den Strümpfen!" Ach du ... Ich hatte schon wieder nicht an meine Füße gedacht. Ich hatte noch die Rugbyschuhe an. Mit den Spikes hätte ich Fräulein Vroni tatsächlich ernsthaft verletzen können. Ich entschuldigte mich bei Frau Mühlenschocker und Fräulein Vroni. Ich stieg wieder ab und zog mir meine schicken Reitstiefel an, was ich besser schon vor dem Ausmisten getan hätte. Dann bestieg ich Fräulein Vroni wieder und hetzte mit ihr über die Felder (ich hatte ja nicht viel Zeit).
Dann ritt ich zurück, parkte sie im Stall und rieb ihr noch schnell den Schweif mit Vaseline ein, zog mich um und rannte dann zur Turnhalle. Ich hatte nämlich noch Taekwondo.
Taekwondo ist eine koreanische Kampfsportart, mit der man mit Händen und Füßen Amok läuft und die deswegen auch als "fernöstliche Trampelkunst" bezeichnet wird. Ich kam zu spät, deswegen zog ich mich schnell am Mattenrand um. Meine Sparringspartnerin Griseldis-Godzilla Grätenquetscher wartete bereits auf der Matte auf mich. Nachdem ich mir meinen Kampfsportanzug angezogen hatte, stürmte ich zu ihr auf die Matte, ich setzte an, ein Drehkick links zum Bauch, ein Drehkick rechts zum Kopf - und - na so was! Griseldis-Godzilla lag besinnungslos auf der Matte. Das hatte ich ja noch nie geschafft. Da fing aber auch gleich unsere Trainerin Dietlinde Drescher an zu schimpfen: "Claudia! So eine Rücksichtslosigkeit hätte ich nicht von dir erwartet! Betrachte dich als aus dem Verein geworfen! Wie kannst du so unfair sein, deine Gegnerin mit schweren Stiefeln zusammenzutreten?" Ach du meine Rübennase! Es stimmte. Ich hatte ja immer noch meine Reitstiefel an. Taekwondo macht man ja barfuß, um dem Gegner nicht mehr weh zu tun als unbedingt nötig.
Nachdem Griseldis-Godzilla wieder atmen konnte, entschuldigte ich mich und erklärte meinen Fehler. Nachdem ich mir dann Stiefel und Strümpfe ausgezogen hatte, durfte ich dann doch wieder mittrainieren. Drehkick links und Drehkick rechts, Drehkick rechts und Drehkick links ... Drehkicks sind meine Spezialität, wisst ihr?
Nach dem Taekwondotraining musste ich noch das Geburtstagsgeschenk für Pauline Schlaulini kaufen. Zum Glück haben die Läden ja bis acht Uhr abends auf. Ich war im Supermarkt Maximal und kaufte ihr ein Zumsel Set. Und zwar eines in blau. Wie? Ihr wisst nicht, was ein Zumsel Set ist?! Ha ha ha! Lebt ihr denn hinterm Mond? Na, dann fragt mal eure Eltern, was ein Zumsel Set ist. Die werden euch das schon erklären.
Danach ging ich dann in Ruhe nach Hause. Unterwegs fragte mich eine alte Frau: "Junge Dame, ist dir denn das nicht zu kalt- so barfuß im Februar?" Ja, stimmte schon, ich hatte vergessen, mir nach dem Taekwondotraining wieder Strümpfe und Schuhe anzuziehen.
Eigentlich musste ich noch das Geschenk einpacken, den Brief an Yvette in Südafrika schreiben und dann auch noch die neue Geschichte für den Ki.Ka. Aber ich war so müde, dass ich zu Hause gleich in mein Bett fiel und einschlief.
Als ich am Freitagmorgen aufwachte, musste ich das daher noch dringend erledigen. Zuerst packte ich das Zumsel Set für Pauline Schlaulini ein. Dann schrieb ich einen langen, langen Brief an Yvette. Ach ja - sie wollte doch eine Autogrammkarte von Karsten Blumenthal vom Ki.Ka haben. Wo sollte ich die denn so schnell hernehmen? Ach, kein Problem. Ich schnitt einfach ein Bild von ihm aus einer alten Fernsehzeitschrift aus, schrieb selbst "Herzliche Grüße, liebe Yvette! Dein Karsten Blumenthal" unten auf das Bild und steckte es mit in den Brief. Klar, das war ein bisschen geschummelt - aber meint ihr, dass die das beim Fernsehen anders machen? Dann schrieb ich für den Ki.Ka noch die Geschichte von meiner Arbeit als Meinungsforscherin.
Zwischendurch guckte ich mal auf die Uhr. Oh nein! 11 Uhr! Ich hätte seit acht in der Schule sein müssen! Auf dem schnellsten Wege hetzte ich dorthin. Dort erklärte ich meiner Deutschlehrerin (Agnzjeta Kratochwilewski-Wospolotschensky, genannt AKW, die aus Polen stammt und nur gebrochen Deutsch spricht), warum ich so spät war. Eine furchtbare Lügengeschichte übrigens. Fragt mich jetzt nicht, was es war, denn meine Antwort könnte vor Gericht gegen mich verwendet werden. AKW schaute nur an mich herunter und fragte: "Claudia, weißt du, dass du noch Pantoffeln anhast?"
Ich glaube, ich sollte meine Freizeit in Zukunft etwas weniger stressig organisieren.
Mit abgehetzten Grüßen
Eure CLAUDIA FLUNKERT |
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Verfasst am: 12.08.2007, 16:25 |
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| DanielRoy |
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| Anmeldedatum | 22.04.2007 | | Beiträge | 7 | | Wohnort | Brühl bei Köln |
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DIE GEISTERSTADT
Hi, (Mit-)Kids!
Ich bin Simon Flunkert, und wie einige von euch vielleicht wissen, bin ich ja nicht so der große Fußballfan. Wahrscheinlich bin ich einer von nur ganz wenigen Menschen in Deutschland, die die Fußballweltmeisterschaft kalt gelassen hat.
Es war Freitag, der 30. Juni 2006, und zwar ziemlich genau halb fünf Uhr nachmittags. Meine Eltern und meine kleine Schwester Claudia saßen im Wohnzimmer vor dem Fernseher, als ich kurz hineinging, um ihnen zu sagen: "Es ist wieder so schönes Wetter heute. Ich mach' mal 'ne kleine Radtour." Die drei guckten mich mit offenen Mündern an. Claudi stand auf, kam zu mir her, und sagte: "Aber gleich beginnt doch das Fußballspiel Deutschland gegen Argentinien. Das Spiel der Spiele! Bei dem Schweini ganz bestimmt ein Tor schießt. Und das willst du nicht gucken?" Ich schüttelte mit dem Kopf: "Nö. Interessiert mich nicht. Fußball ist nach meiner Meinung eh mehr ein Mädchensport." - "Wieso das denn?" fragten mich alle drei entgeistert. Ich erklärte es ihnen: "Na, guckt euch doch mal Kinder in der großen Pause auf dem Schulhof an. Wenn sich Jungen prügeln, dann schlagen sie mit den Fäusten. Wenn sich Mädchen prügeln, dann treten sie mit den Füßen. Anders geht das bei denen wahrscheinlich nicht. Und beim Fußball wird der Ball getreten. Wenn also Frauen Fußball spielen, finde ich das normal. Aber Männer, die einen Fußball treten, sind für mich Tucken, und ..." Weiter kam ich nicht, denn Claudia sagte wütend: "Schweini ist keine Tucke, und Mädchen treten nicht", und dabei trat sie mir vors Schienbein. Ich schimpfte: "Lass das, du Trampel!" und wollte ihr eine pfeffern, aber meine Mutter sagte: "Simon, wenn du sowieso nach draußen willst, kannst du ja eine Kleinigkeit aus dem Supermarkt mitbringen."
Damit war ich einverstanden, und als ich sie fragte: "Was denn?", gab sie mir einen Einkaufszettel, den sie bereits geschrieben hatte. Von wegen Kleinigkeit! Das war offenbar der Wocheneinkauf für die gesamte Familie. Aber ich hatte mich nun einmal leider schon bereit erklärt, und sie gab mir ja auch das Geld für den Einkauf.
Ich beschloss, erst einmal Fahrrad zu fahren und dann auf dem Rückweg einzukaufen. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, was draußen los war, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Nichts war los! Ich will nicht sagen, dass ich in Sehnde, um Sehnde und um Sehnde herum überhaupt keine Menschen gesehen hätte, aber viele waren es wirklich nicht. Die guckten nämlich alle Fußball. Entweder saßen sie zu Hause vor dem Fernseher oder aber in den Kneipen und bestimmt auch einige im Büro. Wenn ich Fahrrad fahre, halte ich mich ja grundsätzlich genau an die Verkehrsregeln, aber bei dieser Tour wäre das gar nicht nötig gewesen. Da auch fast keine Autos unterwegs waren, hätte ich mitten auf der Straße Slalom fahren können.
Als ich an der Nervenheilanstalt in Sehnde-Köthenwald vorbeifuhr, hörte ich von drinnen lautes Aufstöhnen: "So ein Mist! ... Da hat unsere Abwehr aber geschlafen ... Ich werde verrückt... Das haben die Gauchos aber auch pfiffig gemacht ... Ich glaub', ich dreh' durch ... Dieses Fußballspiel macht mich wirklich wahnsinnig wahnsinnig ... Einfach irre ... ." Daraus schloss ich, dass Jens Lehmann wohl ein Tor kassiert hatte. Na, was soll's. Ich fuhr weiter und sang für mich das Lied: "Das kann doch einen Lehmann nicht erschüttern ..."
Ich musste ja noch einkaufen, und deswegen fuhr ich jetzt zu einem unserer Sehnder Supermärkte, der in dieser Geschichte übrigens ungenannt bleiben möchte. Ich ging hinein, und ich war nicht überrascht: Während der Laden an Freitagnachmittagen normalerweise proppenvoll ist, war heute wenig los. Was heißt "wenig"? Ich war in dem ganzen großen Geschäft der einzige Kunde. Die anderen Leute guckten ja alle Tuck..., äh, Fußball. Tja, das störte mich nicht, ich konnte in Ruhe alles in meinen Einkaufswagen packen, was auf Mamas Einkaufszettel stand: Rentadent-Zahnpasta, Sonnenblumenstängel-Margarine, ein Glas Prostitella, Waschpulver vom Weißen Zwerg, Käse der Billigmarke "Jein!", ein paar scharfe Chili-Schoten für mich selbst usw. Aber es war nicht nur so, dass ich keine anderen Kunden gesehen hätte, sondern ich habe auch niemanden vom Supermarktpersonal gesehen.
Deswegen war ich auch nicht überrascht, als ich an die Kasse kam, aber kein Mensch an der Kasse saß. Wahrscheinlich waren alle in irgendeinem Hinterzimmer und guckten das Fußballspiel. Ich legte in Ruhe meine Waren auf das Band ... und wartete ... und wartete. Es kam niemand. Dann ging ich auf die Suche. Und dann fand ich das Personal - in einem Hinterzimmer. Sie hatten einen Fernseher aufgestellt und guckten Fußball. Ich drängelte: "Entschuldigung - ich würde gerne bezahlen." Sie guckten mich gar nicht an, und eine der Kassiererinnen sagte: "Jetzt nicht. Die Verlängerung hat gerade begonnen. Sonst noch was?" Ich wurde ein ganz klein wenig sauer und sagte: "Ich habe aber nicht ewig Zeit", da meinte der Geschäftsführer, der mich ebenfalls nicht ansah: "Lass gut sein, Junge. Nimm die Waren heute einfach mal so mit."
Kopfschüttelnd ging ich allein zurück zur Kasse. Einkaufen ohne zu bezahlen - nee, das wollte ich gar nicht erst anfangen. Die Kasse selbst war ja aufgeschlossen - so schwer konnte das nicht sein. Ich setzte mich selbst an die Kasse und zog meine Waren über den Scanner. Es klappte! Am Ende stand auf der Anzeige: "42,95". Ich legte einen 50-Euro-Schein in die Kasse und nahm mir das Wechselgeld von 7 Euro und 5 Cent heraus.
Da ich mit dem ganzen Zeug nicht mehr Fahrrad fahren konnte, schob ich mein Rad mit dem Einkaufskorb nach Hause. Als ich dort ankam, lief Claudia zur Haustür heraus und tanzte. Ich sagte zu ihr: "Du wirst nicht glauben, was mir gerade passiert ist." Das interessierte sie aber gar nicht. Sie jubilierte: "Du wirst nicht glauben, was UNS gerade passiert ist. Wir haben gewonnen! Lehmann hat zwei Elfmeter gehalten! Er hat sich vor den Elfmetern einen Zettel aus der Socke geholt. Da stand bestimmt darauf, wohin die Argentinier schießen würden." Ich wunderte mich: "Na sowas. Verstößt es denn nicht gegen die Regeln, wenn ein Fußballspieler lesen und schreiben kann?" Claudia lachte darüber, aber sie trat mir trotzdem vors Schienbein. Sie fügte noch hinzu: "Schade ist nur, dass Schweini kein Tor geschossen hat."
Aber es geht ja noch weiter: Dienstag, der 3. Juli, 20.30 Uhr. Meine Familie saß wieder vor dem Fernseher. Ich kam ins Wohnzimmer und sagte: "Ich fahre wieder ein bisschen Fahrrad." Meine Familie schlug sich gegenseitig vor den Kopf, und Papa sagte vorwurfsvoll: "Gleich spielt Deutschland gegen Italien im Halbfinale. Das Spiel der Spiele! Als Deutscher wäre es deine heilige Pflicht, dir das anzusehen." Und Claudia meckerte: "Ja, Simon, du musst echt verrückt geworden sein." Ich meinte: "Mir kommt es eher so vor, als wäre ich der einzige, der noch normal ist." Mama mahnte mich nur: "Aber nimm dich vor den bösen Onkels in Acht!" Ich beruhigte sie: "Mache ich. Obwohl das nicht nötig sein wird - die bösen Onkels gucken heute alle Fußball." Beim Rausgehen hörte ich noch, wie Claudia sagte: "Hoffentlich schießt Schweini heute auch mal ein Tor."
Tja, und wieder fuhr ich stundenlang herum, und diesmal traf ich wirklich überhaupt keinen Menschen.
Und dann hörte ich dieses seltsame Geräusch: Sippelsippelsurr sippelsippelsurr suppelsuppelsirr. Es schien von oben zu kommen. Ich guckte zum Himmel und ... na, ich will's kurz machen: Ich sah eine fliegende Untertasse! Ein außerirdisches Raumschiff! Ej, ich schwör! Es flog nicht nur so herum, sondern es landete! Mann, war ich erschrocken! Und dann stieg jemand aus. Es waren zwei grüne Männchen. Sie kamen auf mich zu. Das eine hatte etwas in der Hand. Es war ... es war: Eine Landkarte!
Das Männchen OHNE Landkarte begrüßte mich. Es sprach mit einer metallischen Stimme, aber in sehr gutem Deutsch mit einem nur ganz leichten außerirdischen Akzent: "Guten Abend, junger Mann. Jettich, jettich, heute sind die Straßen aber leer. Das liegt wahrscheinlich an diesem Mädchensport, den die im Fernsehen zeigen, nicht wahr?" Erstaunt, aber gefasst, antwortete ich ihm: "Ja, richtig. Die Leute gucken alle das Fußballspiel Deutschland gegen Italien. Mich selbst interessiert das ja nicht so. Äh ... kann ich vielleicht etwas für Sie tun?" Das Männchen MIT der Landkarte nickte und sagte: "Das hoffe ich. Mein Kollege und ich kommen vom Mars und haben ein paar Tage Urlaub in Peine gemacht. Schönes Städtchen übrigens. Jetzt wollen wir noch einen Abstecher nach Paris machen, bevor wir zum Mars zurückfliegen. Aber wir haben uns wohl verfranst. Wissen Sie zufällig, wie wir fliegen müssen?"
Da konnte ich die beiden beruhigen: "Oh, da haben Sie sich überhaupt nicht verflogen. Sie sind hier auf der Iltener Straße in Sehnde. Das liegt genau an der bekannten Überlandstrecke Peine-Pattensen-Paris. Sehen Sie, da hinten an der Einmündung, wo es nach Wassel und Laatzen geht, fliegen Sie links ab. Wenn Sie dem Straßenverlauf folgen, erreichen Sie nach ungefähr zwanzig Kilometern Pattensen. Und da gucken Sie einfach auf die Wegweiser, denn ab Pattensen ist die Strecke nach Paris ausgeschildert." Die beiden freuten sich ("Das ist ja einfach" ... "Das sollten wir wohl finden") und bedankten sich bei mir ("Netter Zug von Ihnen" ... "Diese Erdlinge sind wirklich gastfreundlich"), und als sie wieder ihr Raumschiff bestiegen, verabschiedeten sie sich noch von mir ("Schönen Abend noch"... "Tschö mit ö"). Dann flogen sie zügig, aber unaufgeregt, weiter in Richtung Pattensen.
Eilig fuhr ich nach Hause, um meiner Familie von diesem Erlebnis zu erzählen. Aber als ich ankam, saß Claudia weinend auf der Treppe. "Du wirst mir nicht glauben, was mir gerade passiert ist", sagte ich aufgeregt. Doch das wollte sie schon wieder nicht wissen. "Du wirst mir nicht glauben, was UNS gerade passiert ist", sagte sie und erzählte: "In den letzten drei Minuten der Verlängerung hat sich unsere Mannschaft von den Italienern noch zwei Tore einschenken lassen." - Ich verstand nicht recht und fragte sie: "Ist das 'was Gutes oder 'was Schlechtes?" Da schluchzte sie laut. Sie war so traurig, dass sie sogar vergaß, mich zu treten.
Und deshalb behielt ich die Geschichte mit den Marsianern erst einmal für mich. Stattdessen nahm ich Claudi brüderlich in den Arm und sagte ihr: "Ach, das ist doch nicht so schlimm. Dann spielen die deutschen Tuck ... die deutschen Fußballspieler bei dieser Weltmeisterschaft halt nur um Platz 3. Wird bestimmt ein gutes Spiel. Und wer weiß - vielleicht schießt dann ja dein Liebling, das Schweinchen, sogar zwei bis drei Tore."
Es grüßt euch
Euer SIMON FLUNKERT |
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Verfasst am: 12.08.2007, 17:15 |
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| hwg (Moderator) |
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| Anmeldedatum | 24.04.2007 | | Beiträge | 3930 | | Wohnort | A 8786 Rottenmann |
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Hallo Roy!
Lesenswert - nicht nur für Kids, wie es sich für einen Profi auch ziemt!
Muss ich doch glatt mal den Kinderkanal einstellen!
Gruß! |
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 12.08.2007, 17:41 |
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| DanielRoy |
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| Anmeldedatum | 22.04.2007 | | Beiträge | 7 | | Wohnort | Brühl bei Köln |
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| hwg (Moderator) hat Folgendes geschrieben: | Hallo Roy!
Lesenswert - nicht nur für Kids, wie es sich für einen Profi auch ziemt!
Muss ich doch glatt mal den Kinderkanal einstellen!
Gruß! |
Oh, besten Dank, hwg!
Neulich haben mir Eltern gemailt, dass sie erst ihren Kindern zum Zubettgehen aus meinen Buch vorlesen und anschließend sich gegenseitig selbst.
Wobei die Erwachsenen sicherlich über andere Stellen lachen als die Kinder.
Herzliche Grüße vom Rhein
Daniel (Roy ist mein Familienname ) |
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Verfasst am: 12.08.2007, 17:45 |
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| hwg (Moderator) |
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| Anmeldedatum | 24.04.2007 | | Beiträge | 3930 | | Wohnort | A 8786 Rottenmann |
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Oh pardon Daniel!
Wo waren bloß wieder meine Gedanken?
Servus! Hans |
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Verfasst am: 12.08.2007, 22:30 |
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| Bärentante |
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| Anmeldedatum | 30.05.2007 | | Beiträge | 780 | | Wohnort | bei Frankfurt/M. |
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Köstlich! Die Geisterstadt hätte von mir geschrieben sein können. Ich war auch immer zu Fußballzeiten in den Geschäften, meist alleine mit den Verkäuferinnen. Und das Endspiel habe ich in Paris erlebt, war durch Zufall genau an diesem Tag dort, aber die Marsianer habe ich nicht getroffen.  |
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_________________ Liebe Grüße
Christel |
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Verfasst am: 13.08.2007, 06:00 |
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| DanielRoy |
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| Anmeldedatum | 22.04.2007 | | Beiträge | 7 | | Wohnort | Brühl bei Köln |
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| Bärentante hat Folgendes geschrieben: | Köstlich! Die Geisterstadt hätte von mir geschrieben sein können. Ich war auch immer zu Fußballzeiten in den Geschäften, meist alleine mit den Verkäuferinnen. Und das Endspiel habe ich in Paris erlebt, war durch Zufall genau an diesem Tag dort, aber die Marsianer habe ich nicht getroffen.  |
Hallo, Bärentante !
Na ja, ich gebe ja zu, dass das mit den Marsianern  von mir ein ganz klein wenig übertrieben sein könnte .
Aber die Szene, die im Supermarkt spielt, ist fast(!) "autobiographisch". Während des Argentinien-Spiels war ich nämlich wirklich einkaufen, und in dem ganzen riesigen und an sonst proppenvollen Supermarkt gab es außer mir nur noch ein Ehepaar mit Kind, das genauso wie ich die Ruhe zum Wocheneinkauf ausnutzte.
Ich war übrigens gerade auf deiner Website und habe dort gelesen, dass du deine "Bärengeschichten" gerne mit Reiseberichten kombinierst.
Über Bären habe ich zwar noch nie geschrieben, aber ich habe auch schon Reiseberichte für Kinder und Jugendliche geschrieben und darin eine fiktive Handlung benutzt, um über Land und Leute zu schreiben . Ich weiß nicht, ob es gern gesehen ist, wenn ich hier Links setze, statt Textproben zu bringen. Die Links würden sich nämlich wegen der Bilder in den Geschichten lohnen . Na ja, ich nenne exemplarisch mal http://www.geocities.com/danielroy66/kanada.html .
Herzliche Grüße
Daniel  |
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Verfasst am: 13.08.2007, 09:07 |
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| Bärentante |
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| Anmeldedatum | 30.05.2007 | | Beiträge | 780 | | Wohnort | bei Frankfurt/M. |
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Danke für den Link, Daniel. Das ist ja heftig viel Text, werde ihn mir abends in Ruhe reinziehen.
Ich habe jetzt nur das Kapitel mit dem CN-Tower-Glasboden gelesen. An dieses eigene Erlebnis musste ich vor Kurzem denken, als ich sehr zögernd den Skywalk des Grand Canyon betreten habe. Ein irres Gefühl.  |
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_________________ Liebe Grüße
Christel |
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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa
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