 | Der gefesselte Mann und Hermengild, die Frau aus weißem Marm |  |
Verfasst am: 28.06.2007, 14:25 |
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Der gefesselte Mann und Hermengild, die Frau aus weißem Marmor
Alexander befand sich in einem Lebensabschnitt, der als gesegnetes Alter bezeichnet wird. Zweiundsiebzig Jahre! Trotzdem war er noch viel unterwegs. Auf Friedhöfen. Seit zweiundfünfzig Jahren. Er kannte keine Berge, Täler und Seen. Auch nicht den Geruch und Geschmack salziger Meeresluft. Und deutsche Städte nur insoweit, dass er sie durchqueren musste, um die jeweiligen Friedhöfe zu erreichen.
Die außergewöhnlichen Pilgerfahrten begannen, nachdem ihm sein Arzt als Zwanzigjährigen mal empfohlen hatte, er möge sich doch, bitte schön, mehr bewegen.
„Gehen Sie doch auf Friedhöfen spazieren!, lautete Doktors Vorschlag, „hier lernen wir Menschen sehr schnell, dass Verlust Bestandteil unseres Lebens ist, wie der Tod.“
Während dieser Wanderungen über deutsche Gräberfelder hatte Alexander oft den Eindruck, dass er diese nicht besuchte, weil der Doktor es angeregt hatte, sondern, dass er hier etwas suchte, wovon er glaubte, es verloren zu haben. Denn aus welchem Grund studierte er sonst zwanghaft alle Grabinschriften.
Gegenwärtig befand sich Alexander im Hessischen und hier auf einem Berg-Friedhof, der dem Himmel näher war, als andere, die Alexander bisher kennen gelernt hatte. Und hier sah er sich plötzlich einem monumentalen Grabmal gegenüber.
Überlebensgroß, eine junge Frau aus weißem Marmor. In bodenlangem Kleid, mit üppigem, hüftlangem Haar. Diese Ähnlichkeit ... Die makellosen Gesichtszüge ... Der zierliche Mund ... Die kleine Stupsnase ... Der züchtige Busen und die schmalen, feinen Hände. Hatte es da nicht mal ein Mädchen gegeben, vor zweiundfünfzig Jahren, in einem Zeltjungendlager, auch im Hessischen?
Es war am letzten Tag der damaligen Jugendfreizeit. Alle Teilnehmer hatten sich zum Abschied um das Lagerfeuer versammelt. Auch Alexander. Ein großer, kräftiger, jedoch schüchterner Bursche, trotzdem eine saftige Weide für die hungrigen Augen alle christlichen Mädchen. Dort!
Die Kühle der Nacht ließ alle näher an das Feuer rücken.
Plötzlich stand Hermengild vor dem siebzehnjährigen Alexander. Groß, schlank, blond und mit makellosen Gesichtszügen. Das kräftige Haar zu einem riesigen Rad geformt. Alexander rückte einladend zu Seite, damit sich das Mädchen neben ihn setzen konnte. Trotzdem hätte ein Beobachter meinen können, Alexander täte etwas Verbotenes.
Wer weiß hier schon was von mir? Niemand ahnt, dass ich eigentlich ein gefesselter Mann bin, dem das unbefangene Auftreten, Mädchen gegenüber, noch nicht recht gelingen will. Ich, das erzieherische Produkt dreier älterer, strenger und frömmelnder Schwestern.
Trotzdem erreichte Hermengild, dass Alexander nach ihrer Hand griff. Wenn Alexander jetzt zur Seite blickte, sah er im Schein des Lagerfeuers Hermengilds zierlichen Mund und die kleine Stupsnase. Die Flammen des Lagerfeuers schienen ihr Gesicht verwandelt zu haben. Man konnte meinen ihr Antlitz sei aus noch glühendem Kupfer gegossen.
Alexander gefiel aber auch ihr Haar. Ob es sehr lang ist? Reicht es vielleicht bis zu den Knien? Dann könnte Hermengild ja darunter ihre Nacktheit verbergen. So sie blank wäre. Bei diesem Gedanken erschrak der junge Mann heftig. Bei ihm zuhause, bei seinen drei Schwestern, gab es das Wort „Nacktheit“ nicht.
„Ist es sehr lang, wenn du es auflöst?“, wollte Alexander schließlich wissen.
Hermengild war vorbereitet: „Stell ‘s fest!“
Die lodernden Flammen des Lagerfeuers waren inzwischen kleiner geworden. Die Kühle der Nacht glitt noch spürbarer über die Wiese. Hermengild zog die Schultern zusammen. Da sprang Alexander auf und zog das Mädchen mit sich. Nicht länger mehr wollte er der gefesselte Mann sein.
„Siehst du dort den großen Apfelbaum“, flüsterte er.
„Natürlich!“ Hermengild lehnte sich an Alexanders kräftige Schulter, „ich denke schon die ganze Zeit, warum entführt er mich nicht einfach?“
Gegen den Stamm gelehnt, im tiefen Schatten, fragte Hermengild jetzt neugierig: „Willst du immer noch wissen, wie lang mein Haar ist?“
Mit vorsichtigen Händen löste Alexander Hermengilds Haarpracht. Rauschend und knisternd fiel es dem Mädchen über den schmalen Rücken. Allerdings nur bis zu den Hüften.
Das schien auch auszureichen. Hermengild warf mit einer geschickten Bewegung ihr blondes Haar nach vorne über ihren Kopf. Beide wollten nun glauben, dass sie unter diesem Mantel ganz allein auf dieser Welt wären. Deshalb flüsterte das Mädchen nun geheimnisvoll: „Tu ‘s einfach! Küss mich!“
Alexander tat ‘s und warf damit seine Fesseln den bigotten Schwestern zuhause vor die Füße.
Der Abschied kam am nächsten Tag. Hermengild und Alexander tauschten ihre Adressen. Sie würden sich schreiben.
Ein paar Monate gingen Briefe hin und her. Dann erreichte Alexander Hermengilds Abschiedsbrief: „Wir können uns nicht mehr schreiben. Vielleicht gedenk ich deiner ...“
Alexander war alles: Traurig, verzweifelt und hilflos. Wie sich doch alles wiederholt. Jetzt bin ich frei und Hermengild ist gefesselt.
Alexander betrachtete erneut die Frau aus weißem Marmor. Diese Ähnlichkeit ... Erst jetzt fiel sein Blick auf die Grabinschrift: „Ich bin wieder zu Sternenstaub geworden, und wenn du willst, gedenke mein ...! Hermengild.“
Alexander wandte sich zum Gehen. Jetzt fand ich wohl, was ich lange gesucht hatte, Hermengild, die Frau aus weißem Marmor, auf einem einsamen Bergfriedhof, dicht unter den Wolken.
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