| Phosphorkeule |
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| Anmeldedatum | 08.05.2007 | | Beiträge | 62 | | Wohnort | Wanne Eickel |
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Der Glückspilz !
Dunkelbraune wässerige Augen schauen traurig aus einem Fenster. Braungebrannte leicht behaarte, kräftige Männerarme halten zitternd aber behutsam, einen schneeweißen Hasen auf dem Arm, der sich wohl ergehend einkuschelt. Ganz ruhig liegt das Tier da, und es scheint kaum zu Atmen. Spürt es die Zweifellosigkeit und Trauer, die in dem Menschenkörper zu explodieren droht?
Eine Träne läuft langsam an der Wange des Mannes hinunter, und bleibt kurz in den Bartstoppeln hängen, bevor sie auf den kalten Boden fällt. Er schaut aus dem Fenster, und versteht die Welt nicht mehr. Eiskalt und leer ist sein Blick. Die nächste Träne rollt über seine Wange, dieses Mal ein wenig schneller. Die Backen des Mannes fangen langsam zu zittern an, und seine Träne, die er sich mit jahrelangen Enttäuschungen erarbeitet hat, tropft dem Hasen direkt auf die Nase. Das Tier schreckt auf, jedoch beruhigt es sich schnell wieder. Es scheint, als würde es alles verstehen.
„Dieses alte Miststück“ flüstert Paul leise. Immer wieder.
Eben hat er sich per Online Banking eine Auskunft über die Kontobewegungen geholt, und geschockt erfahren, dass seine 20 jährige Tochter Jennifer vor ein paar Tagen klammheimlich 150 € abgeholt hat, obwohl das Konto schon seit Jahren fast am Limit überzogen ist.
Reicht es denn nicht schon, dass sie seit fast 4 Monaten bei einem Typen wohnt, den seine Tochter ihm noch nie vorgestellt hat? Die nächste Träne rollt ihm übers Gesicht. Als er sie in den letzten Tagen gefragt hat, warum sie ihn nicht mal vorstellt, bekam er von ihr die Antwort „In diesem Asi- Haus“ hole ich ihn nicht rein.“ Und wieder drückt sich eine Träne aus seinen Augen.
Vor einer Viertelstunde hat Paul seine Tochter endgültig rausgeschmissen, als sie vorbei kam, um die von Mutti gewaschene Wäsche abzuholen. Beinahe, aber nur beinahe hätte er sie verprügelt, aber irgendeine Stimme sagte zu ihm, „Tu es nicht Paul“, worauf er auch hörte.
Was wird wohl seine Frau Marion gleich sagen, wenn sie erschöpft von der Arbeit kommt? Seit Jahren astet sie fleißig halbtags in einer Schule, und muss in 5 Stunden 10 Klassenzimmer, sowie Flurgänge und Toiletten putzen, für lächerliche 1100 € inklusive Kindergeld monatlich.
Und wieder läuft ihm eine Träne übers Gesicht.
Paul atmet tief und zitternd ein. Er schaut auf den nahe gelegenen Sportplatz, auf welchem sein Sohn Sascha morgens noch an das alljährliche Sportfest teilnahm, und wobei er ihn so gerne angefeuert hätte. Seit 11 Jahren geht Paul kaum noch vor die Haustür, weil ihm seine Mitmenschen die Seele kaputt getreten haben, die einst so lebenssüchtig war. Noch vor ein paar Tagen war Marion mit Sohn Sascha auf dem Sportplatz Fußball spielen, während es sich Paul vom Fenster aus mit Tränen in den Augen angeschaut hat. Immer wieder schaute der kleine Junge, der seinen Vati über alles liebt zum Fenster hinauf, ob Papi auch noch zuschaut, wenn er Mama die Dinger ins Netz knallt. Eine weitere Träne läuft Paul übers Gesicht, und wieder atmet er tief und zitterig ein.
Als Paul über den großen Hof schaut, sieht er seine Nachbarn, die vergnügt Grillen und Federball spielen. Jahrelang war er dort unten im Mittelpunkt gewesen, da ihn alle mochten. Jetzt ist er hier der absolute Außenseiter, weil er mit Lügen fertig gemacht wurde.
Mit hasserfülltem Blick sieht er, wie seine ehemals beste Freundin mit ihrem Lebensgefährten vergnügt, und mit lautem Lachen Federball spielt.
Noch vor ein paar Monaten, während die beiden getrennt waren, war Paul der Beste für diese alte Kuh. Er ist ein Nervenschwacher Feigling, der Paul schon mal einen abgebrochenen Flaschenhals an die Kehle gehalten hat.
Paul schüttelt mit dem Kopf, und verliert wieder eine Träne. Auch die Nachbarn haben jetzt gemerkt, dass Er oben am Fenster steht, und prompt nimmt sich jeder einen Schläger, um mitzuspielen, damit sie ihm zeigen, welch starke Gemeinschaft sie sind. Er lächelt, und sagt sich innerlich „Ihr alten Idioten“, und streichelt vorsichtig das flauschige Fell seines Hasen, der ihm schon mittlerweile auf den Ärmel gepinkelt hat, was Paul noch nicht einmal aufgefallen ist.
Pauls Zähne schmerzen schon seit Monaten, und Tabletten hat er schon lange keine mehr. Kein Wunder, denn er ist schon seit vielen Jahren nicht mehr Krankenversichert, und Angst vor Ärzten und Krankenhäusern hat er sowieso, set seiner Kindheit. Geld vom Staat hat er das letzte Mal Mitte der neunziger Jahre bekommen. Er versinkt zunehmend wieder tief in seine Gedanken.
Da plötzlich wieder dieser stechende Schmerz in seiner Leistengegend. Schon seit Tagen hat Paul Blut im Stuhlgang, „Ist es jetzt endlich soweit“, fragt er sich? Vor 22 Jahren hat man ihm einmal Krebs diagnostiziert, und seitdem ist er vor lauter Angst, und Aufgabe nie wieder zu einem Arzt gegangen.
Seit dieser Zeit stirbt Paul langsam dahin, weil ihn die Gedanken, und die Ungewissheit zerfressen.
Mit seiner Frau Marion hat Paul erst vor ein paar Tagen zum ersten Mal darüber gesprochen, obwohl er es nicht wollte, aber irgendwann musste es mal raus. Sie war zutiefst geschockt, und antwortete, „wenn du von dieser Welt verschwinden solltest, dann komme ich direkt mit Dir“.
Obwohl Paul und seine Lebensgefährtin seit Jahren in getrennten Räumen schlafen, und keinerlei Zärtlichkeiten miteinander austauschen, verbindet sie eine erstaunlich große Liebe. Einen Kuss gibt es höchstens noch sechsmal im Jahr. Geburtstage, Vatertag, Muttertag, Heiligabend und Sylvester, das war’s.
Durch die Fensterritzen kriecht der Gestank, von verbranntem Grillfleisch, da die Nachbarn wieder direkt am Hauseingang grillen, und der Qualm an der Hausfassade hochzieht. „Als ich vor ein paar Jahren noch Hausmeister war, hätte es so etwas nicht gegeben“ schimpft er vor sich hin, doch diese Zeiten sind lange vorbei. 3 Jahre hat er mit voller Freude und Stolz diesen Job gemacht, bis er entnervt aufgegeben hat.
Die Mitbewohner haben seine Arbeiten ständig manipuliert, und bei den Hausbesitzern zu denen er mal einen sehr guten Kontakt hatte, schlecht geredet. Heute stecken sie gemeinschaftlich unter einer Decke, und versuchen Paul mit seiner Familie aus dem Haus zu ekeln.
In den letzten vier Jahren wurde seine Miete um 220 € erhöht, obwohl wildfremde Menschen seit vielen Jahren unlegal, den Flurstrom verbrauchen, den Paul mit hartem Geld mitbezahlt. Alte Schrottautos verseuchen seit Jahren mit ihrem auslaufenden Öl das Grundstück des Hauses, aber der Einzige, der raus soll, ist Paul, und seine Familie.
„So eine verkommene Ungerechtigkeit“, flüstert Paul leise vor sich hin. Er hat seit vielen, vielen Jahren den Tod direkt vor den Augen, und andere Menschen ergötzen sich jeden Tag, an den Freuden des Lebens.
Paul und Marion sind sich gestern einig geworden. Sie wollen in nächster Zeit endgültig aus diesem schrecklichen Haus ausziehen, und den Lügnern, Heuchlern und Schmarotzern den Sieg schenken. Eines Tages aber wird Paul zu diesem Haus zurückkommen, und abrechnen, weil er ein sehr stolzer Mensch ist. Einmal möchte er dann den Beiden Menschen ein letztes Mal in die Augen schauen, die ihm sein Leben mit ihren Lügen ruiniert haben, bis er dann selber geht.
Plötzlich schellt es an der Tür. Erschrocken schaut Paul auf die Uhr, und weiß sofort, dass es nur sein lieber Sohn Sascha sein kann, der aus der Schule kommt, und den er über alles liebt.
Mann, bin ich ein Glückspilz sagt Paul, und lacht dabei laut.
Norbert van Tiggelen
Mai 2007 |
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