Autoren - Forum Für Books on Demand bzw. BOD Autoren
Login    Mitglied werden    Suchen    Hilfe    Mitglieder    Startseite

Cäcilia - oder die Tücken der Hexerei
Hier kostenlos werben?
buchpool: Buchshop für Autoren...

Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa » Der Stuhlzombie
Hier klicken, um Mitglied zu werden  Hier klicken, um Mitglied zu werden Reisebericht • Aufgesattelt ...

Der Stuhlzombie

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 21:20
pla.nk.ton
 
Anmeldedatum10.05.2008
Beiträge21
Wohnortbruchsal


Wie er das schafft, weiß ich nicht.
Fakt ist jedoch, daß mein Vermieter Joe Binger - der geringstmöglich intellektbeseelte Mensch, der mir bisher im Leben begegnete - sich einen Zombie hält.

Dies ist eine Berichterstattung über eben diesen sonderbaren Zombie.
Es sei dahingestellt, wie es Joe Binger gelingt, diesem toten, nahezu unbeweglichen Körper, an welchem man den stetig voranschreitenden Verwesungsprozess genau beobachten und auch sehr gut riechen kann, "Leben" einzuhauchen.
Oft höre ich sie, Frau Zombie, in der Wohnung über der meinigen, dahinschlurfen. Oder humpeln. Kriechen. Kreuchen. Fleuchen.
Ab und an vernehme ich dumpfe Schläge... die mir ebenso rätselhaft erscheinen wie Frau Zombies Alltag.
Aufgrund seiner wichtigen Tätigkeit läßt Joe Binger seinen Zombie sehr oft alleine.
Als erfolgloser aber ehrgeiziger Mann von Welt ist er in der Vermögensberatungsbranche tätig. Sein durchstrukturierter Tagesablauf läßt ihn kaum zur Ruhe kommen und von einem Termin zum nächsten hetzen.

Wie gut, daß wir uns im Medienzeitalter befinden.
Frau Zombie verbringt nämlich einen Großteil ihrer Zeit vor Joe Bingers 16:9 Flatscreen-Bildschirm, voller Hingabe in die schöne, bunte Werbewelt von QVC versunken. Oft muß ich Pakete entgegennehmen, deren Inhalte - sinnfreie, qualitativ hochwertige Produkte aus der schönen, bunten QVC-Werbewelt - Frau Zombies tristen Alltag erhellen sollen.
Frau Zombies Höhepunkt - und mein Albtraum - ihres tagtäglichen Dahinvegetierens und Verwesens, sind die Fahrten mit dem treppensteigenerleichternden Beförderungsmittel Lifta. Eine Art Stuhl, an Treppe und Geländer integriert, befördert Frau Zombie per Knopfdruck von oben nach unten und von unten nach oben.
Wie dieses Wunderwerk der Technik aus Köln - mein Albtraum und Frau Zombies "Lebens"bereicherung - genau funktioniert, vermag ich nicht zu durchschauen. Vermutlich wird mittels elektronischer Signale diesem Hightech-Gerät der Befehl erteilt, rauf oder runter zu fahren.
Dieses Fortbewegungsmittel, an Sitzkomfort kaum zu überbieten, kann sich also in der vertikalen Ebene nach oben oder unten bewegen. Wobei dies jedoch vereinfacht formuliert ist. Da sich auf halbem Weg der Gradient ändert, muß das besagte Zombietransportgerät eine 180°-Drehung ausführen. Dort befindet sich ein Zwischenstockwerk, auf welchem ein Phasenübergang in horizontaler Ebene stattfindet. Dank unseres technischen Standards wird es Frau Zombie somit ermöglicht, sich mit ihrem Beförderungsmittel in den üblichen uns bekannten drei Raumdimensionen zu bewegen.
Da diese Prozedur - das Transportieren des Zombies - nicht ganz geräuschlos vonstatten geht, läuten bei mir sämtliche Alarmglocken, sobald ich die liftatypischen akustischen Signale vernehme.
Der ganze Vorgang beginnt stets mit einem - piep, piep -, gefolgt von einem weniger penetranten Surren. Daran erkennne ich dann, daß der Treppenlift Frau Zombie die Treppe hinauf- oder hinunterfahren läßt.
Traumatisierend ist für mich allerdings das Hinabgleiten jenes Stuhls.
Wie bereits erwähnt, kündigen sich die ersten Warnsignale mit einem mark- und beindurchdringenden - piep, piep - an.
Steigt der Lautstärkepegel des Surrens, weiß ich, daß Frau Zombie sich langsam aber sicher der Ebene nähert, in welcher ich mein Dasein friste. Dort angelangt, wird jenes Surren jäh unterbrochen. Abrupt tritt an dessen Stelle wieder dieses gehirnzellenvernichtende, penetrante - piep, piep -, lauter denn je. Daran erkenne ich, daß Frau Zombie in greifbare Nähe gerückt ist. Ich höre, wie sich der Leichnam von seinem Stuhl erhebt und meiner Wohnungstür entgegenschlurft.
Kurz darauf ertönt es - klopf, klopf ... klopf, klopf - Frau Zombies Vorgehensweise, mich auf ihre Präsenz aufmerksam zu machen. Ich hadere, überlege, ob es besser wäre, so zu tun, als sei ich gar nicht anwesend.
Dann wieder: - klopf, klopf ... klopf, klopf -. Meine Nerven liegen blank, kalter Schweiß rinnt aus den Poren meiner Stirn.
"Hallo, hallo!", ertönt Frau Zombies heisere Stimme von draußen.
Eine Stimme, die sich scheinbar einen Weg vom Jenseits ins Diesseits gebahnt hat.
Ein Krächzen, das nur einer toten Kehle entfahren kann.
Nur ein lebloser, aber trotzdem belebter Körper ist in der Lage, mit einer solchen Stimme zu sprechen.
In meinem Nackenbereich entsteht ein Schaudern, welches sich, langsam über den Rücken kriechend, nach unten ausbreitet.
"Hallo, hallo!", - klopf, klopf ... klopf, klopf - , dringt es wieder von außen hinein.
Zögernd begebe ich mich in Richtung Wohnungstür.
Noch einmal tief durchatmend, reiße ich diese auf und erblicke ihn, diesen stinkenden, lebenden Kadaver. Ein Anblick, der mir jedes Mal aufs neue das Blut in den Adern gefrieren und meinen Magen sich umstülpen läßt.
Ich begrüße sie höflichheuchlerisch - mit einem "guten Tag". Gleich ergreift Frau Zombie das Wort. Sie öffnet ihren verfaulenden - Mund?
Aus dieser klaffenden Öffnung dringt ein Geruch, der meine Sinne benebelt und mich zwingt, die Luft anzuhalten. Eine Druckwelle ihres Gestanks schlägt mir entgegegen, bahnt sich einen Weg durch meine empfindliche Nase. Welche chemischen Reaktionen mögen wohl im Inneren dieses toten Leibes stattfinden, die solche Aromen erzeugen? Eine Mischung aus Methan, Ammoniak, Buttersäure und etliche andere hochgiftigen Gase dringen aus diesem Loch in Frau Zombies verfallendem - Gesicht?
Trotz des sinneslähmenden Geruchs, der aus diesem Schlund dringt, starre ich wie gebannt auf ihre - ZÄHNE? Ich sehe zwei Reihen, oben und unten jeweils einen Balken, gelblich-bräunlicher Beißwerkzeuge.
Falls Frau Zombie jemals über Zahnzwischenräume verfügte, gehören diese längst der Vergangenheit an. An verschieden Stellen kleben ekelerregende Speisereste, die offenbar genauso vor sich hinverwesen, wie der Rest ihres sich zersetzenden Körpers.
Dann vernehme ich ihr obligatorisch gekrächztes "ich will ja nicht stören!". Mit diesem kehligen Geräusch, worteformend diese Öffnung verlassend, begleitet vom Todeshauch, fährt sie fort zu sprechen. Sie fragt mal wieder nach ihrer Rente. Obwohl ich genau weiß, daß sie nicht ihre Rente, sondern die Miete meint, die ich aufgrund meines finanziellen Desasters regelmäßig zu spät zahle, kann ich es mir nicht verkneifen, sie jedes Mal zu belehren. "Nein, Frau G., sie meinen die Miete, nicht wahr? Die Miete! Für ihre Rentenzahlung bin ich nicht zuständig!" Etwas verschämt korrigiert sich Frau Zombie, bestätigt, daß von der Miete statt der Rente die Rede ist.
Fast tut sie mir leid. Sie bietet einen erbärmlichen Anblick.
Ungewaschen, ungepflegt, steht sie halb gebückt vor mir. Bekleidet mit einem schmuddeligen Nachthemd, welches ihr nicht mal bis zum Knie reicht, sucht sie mit einer Hand Halt und stützt sich an der Wand zu ihrer Linken ab. Ihr Haar steht wirr in alle Richtungen zu Berge.
Ich versichere dieser armseligen, übelriechenden Kreatur, daß ich ihrer Mietforderung baldmöglichst gerecht werde.
Eine Fortsetzung dieser Konversation im Keim erstickend, verdeutliche ich ihr, daß ich etwas auf dem Herd stehen und noch andere wichtige Dinge zu erledigen habe. Ich verabschiede mich.
Demütig und krächzend entschuldigt sich Frau Zombie für die Störung und begibt sich schlurfenden, humpelnden Schrittes zu ihrem Fortbewegungsmittel.
Erleichtert, jedoch auch mit einem Gefühl des Mitleids, schließe ich die Tür. Der üble Geruch wird allmählich schwächer und verblaßt.
Ebenso verblaßt dann auch ganz schnell der Gedanke an die Begegnung mit Frau Zombie, welche auf ihrem Lifta-Stuhl wieder nach oben entschwindet, um sich, verwesenderweise, in ihre schöne, bunte QVC-Welt zu stürzen.

Verfasst am:
 


Der Stuhlzombie
  Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten
Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde  
Seite 1 von 1  

  
  

Powered by phpBB, advisormap.de, SPREADY.net, SEO by SEO-united.de
flini.de & ostsee-suche.com & nordsee-suche.de & boomarank.de & staytubed.de
Literaturtipps Literaturseiten Banner & Buttons Impressum & Rechtliches