 | Der Tod des inneren Zensors |  |
Verfasst am: 08.05.2007, 14:48 |
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| g.c.roth (Moderator) |
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Der Tod des inneren Zensors
Dieses Mal war sie vorbereitet! Heute würde er sie nicht aufhalten können! Endlich hatte sie etwas gegen ihn in der Hand! Eigentlich hätte er gleich merken können, dass irgendetwas anders ist als sonst. Schon an der Art, wie sie zielstrebig auf ihren Platz am gemeinsamen Schreibtisch zu ging, sich grußlos setzte, so als wäre er gar nicht vorhanden. Etwas verwundert betrachtete er sie, machte sich aber wie immer keinerlei weitere Gedanken. Langsam breitete sich sein ekelhaftes Grinsen wieder in seinem Gesicht aus und er lehnte sich betont langsam über die Schreibtischplatte zu ihr herüber. Oh, wie sie das hasste! Er kam ihr grundsätzlich viel zu nahe. Gleich würde er wieder einen dieser gemeinen Sprüche in ihr Ohr flüstern. Sie stapelte energisch alle Papiere auf ihrer Schreibtischseite übereinander um Platz zu schaffen für einen Neuanfang. „Naaaa? - Was hat unsere Kleine sich denn heute wieder für ein nettes Geschichtchen ausgedacht?“ raunte er mit einem verächtlichen Zug um den Mund herum. Und schon kam dieses Gefühl wieder ihren Körper hoch gekrochen, dieses vernichtende Gefühl, diese Verlegenheit, die sie fast lähmte und ihr Herz begann zu rasen, als hätte man sie bei etwas Verbotenem erwischt. Sie atmete tief ein und aus, stellte dann langsam ihren mitgebrachten Küchenwecker auf den Schreibtisch, hob entschlossen den Kopf und sah dem Flüsterer fest in die kleinen blassen Augen: „Unsere Kleine hat sich heute ausgedacht, dass sie Dir das Maul stopfen will“, hörte sie sich mit fester Stimme sagen. Erstaunen auf beiden Seiten, er zuckte zurück und sein Gesichtsausdruck verwandelte sich in eine böse Grimmasse. Noch einmal beugte er sich zu ihr herüber und schnaufte: „Jetzt bis du wohl endgültig durchgeknallt.“ „Mag sein,“ erwiderte sie, „das geht aber Dich, der Du mit Deinem neidischen und nichtssagendem Geschwafel mir hier die Luft verpestest und meine kostbare Zeit stiehlst, nichts an.“ Sie holte mit dem linken Arm Schwung und wischte mit einer kräftigen Bewegung alle Papiere vom Tisch. Etwas unglücklich traf sie dabei mit der Handkante die Schläfe ihres Zensors. Er taumelte, seine Brille flog in den Papierkorb, aus seiner Nase schoss ein feiner Blutstrahl – er sah sie ungläubig an und sackte mit verdrehten Augen neben dem Schreibtisch zusammen. Selber erstaunt über die Wirkung einer einzigen kleinen Bewegung aber auch freudig erregt über ihren Mut, sah sie zu, wie er nach seiner Brille tastete. Und während er so hilflos und halbblind auf dem Boden kroch, verschwammen seine Konturen vor ihren Augen und er begann zu schrumpfen. Ein kleines fieses Lächeln huschte durch ihr Gesicht. Ihn so zu sehen, das hatte sie sich schon lange gewünscht und ein sattes Gefühl der Genugtuung erfüllte sie. Langsam griff sie nach dem steinernen Briefbeschwerer, hielt ihn über seinen Kopf, bückte sich dann zu ihrem inneren Zensor hinunter und flüsterte ihm zu. „Sag Deinen Genossen, dass es hier nichts mehr für sie zu tun gibt, Süsser.“ Ihre Hand öffnete sich und gab den Briefbeschwerer frei.
Dann öffnete sie das Fenster, setze sich an ihren Schreibtisch und begann zu schreiben.
gcroth 08.05.2007 |
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 09.05.2007, 11:00 |
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| hwg (Moderator) |
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Grüß Dich!
Mit Vergnügen gelesen. Für mich schwierig festzustellen, wem von den Beiden meine stärkere Nichtsympathie gilt Denn ganz so kaltblütig würde ich mir eine mir gegenübersitzende Sekretärin (Zensorin) dann doch nicht wünschen .
Einige an sich unbedeutende Interpunktonsschwächen tun dem Text keinen Abbruch, vielleicht wären etliche Absätze zweckmäßig. Lediglich den Satzteil "....s e i n ekelhaftes Grinsen wieder in s e i n e m Gesicht..." würde ich auf ...."das.....in seinem....." ändern.
Auf Wiederlesen und viel Schreibfreude! |
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 | Der Tod des inneren Zensors |  |
Verfasst am: 09.05.2007, 11:18 |
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| g.c.roth (Moderator) |
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Hallo hwg, Danke für Dein Lob.
Ich hätte wohl noch zum Ausdruck bringen sollen, dass die Frau (die Autorin) die zur Mörderin wird, zu denen gehört, die es nicht gewohnt sich zu wehren. Von daher war diese Überreaktion - nach jahrelangem Psychoterror - eigentlich nicht kaltblütig, sondern (aus ihren Möglichkeiten heraus) ihre einzige Chance, sich von ihrem Peiniger zu befreien und eher aus dem heißen überkochenden Blut heraus.
Habe die kleine Geschichte spontan geschrieben als Reaktion auf unsere Diskussion über die "inneren Zensoren".
Danke für Deine Bewertung - freu mich immer, wenn ich Tipps von Profis bekomme!
Gruß Grete |
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Verfasst am: 09.05.2007, 12:17 |
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| hwg (Moderator) |
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Hallo Grete,
auf "kaltblütig" bin ich deswegen gekommen, weil die Protagonistin auf den ohnehin bereits offenbar wehrlos am Boden liegenden Mann auch noch den Briefbeschwerer sausen lässt... Das wäre bei einer Gerichtsverhandlung ein erschwerender Tatbestand, während der erste Schlag mit eher unerwartetem Ergebnis eventuell als leichte Körperverletzung durchgeht Jetzt wird ja aber auch das Mobbing durch den Mann strafrechtlich geahndet, wie ich gelesen habe.
Das würde sich wiederum für die Frau strafmildernd auswirken.
Ebenfalls einen lieben Gruß! |
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 | Der Tod des inneren Zensors |  |
Verfasst am: 09.05.2007, 13:15 |
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| g.c.roth (Moderator) |
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Natürlich, du hast Recht. Nachdem Sie endlich einmal die Macht über ihn hatte, hat sie die Macht missbraucht. Andererseits, was hätte sie tun können, hätte sie ihn nicht endgültig erschlagen, dann wäre er wiedergekommen und hätte sich auch noch darüber lustig gemacht, dass sie nur halbe Sachen macht. Das konnte ich der Frau nicht antun. --- Allerdings, wer weiß schon so genau, wie tot so ein innerer Zensor sein kann??? Manche kommen immer wieder....
Schönen "Wodanstag" noch!
Grete |
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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa
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