 | Der Waldmensch |  |
Verfasst am: 04.05.2007, 19:47 |
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Vor kurzem ist mir eine kleine Geschichte eingefallen, die sich in meiner Kindheit zugetragen hat. Ich wohnte damals in einem Dorf, das halb eingeschlossen von einem Wäldchen war. Wir Kinder hatten schon oft, wenn wir zwischen den Bäumen spielten, eine lumpige Gestalt durch den Wald streifen sehen. Ein Bart, ein schlurfender Gang und was aussah wie ein Dutzend Kleidungsstücke war alles, was man auf die Entfernung und durch das Geäst ausmachen konnte. Der Landstreicher kam uns nie zu nahe, doch gerade dieses kurze Auftauchen hin und wieder ließ uns immer wieder einen Schauer über den Rücken laufen. Was natürlich noch ein Grund mehr war, im Wald zu spielen. Kindliche Fantasie ist nicht zu stoppen und so hatten wir bald eine beeindruckende Sammlung von örtlichen Mörder- und Geistergeschichten, die sich alle um die mysteriöse Gestalt drehten, die im Wald lebte.
Obwohl wir davon nichts bemerkt haben, hatten unsere Eltern das Thema bestimmt in einer dörflichen Zusammenkunft besprochen und beschlossen, nichts gegen den Mann zu unternehmen, solange er sich vom Dorf und uns fernhielt, denn er blieb uns viele Jahre erhalten.
Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich, wie er sich ernährt hat, denn tatsächlich war er nie außerhalb des Waldes zu sehen. Erlegte er kleine Tiere oder sammelte er Pilze und Beeren? Was tat er, wenn er krank wurde? Wie lebte er jeden einzelnen Tag, allein, ohne Kommunikation, immer am selben Ort, ohne Abwechslung? Als Kind kam es mir ganz selbstverständlich vor, im Wald überleben zu können. Die Indianer hatten ja auch ohne Supermärkte gelebt. Man musste sich nur einen Bogen oder Speer schnitzen und auf die Jagd gehen. Manchmal beneidete ich ihn sogar für die Spannung und das Abenteuer, das damit verbunden war. Jetzt weiß ich, dass auch nur ein getötetes Reh den Förster veranlasst hätte, den Waldmensch zu vertreiben. Die Ehrenhaftigkeit und der Stolz, den ich dem Mann irgendwann andichtete, können niemals vorhanden gewesen sein. Stolz und Ehre haben keine Bedeutung für einen Menschen, der einsam und nach eigenen Regeln lebt. Wer überleben will, kann sich solche moralischen Spielereien nicht erlauben.
Was hat ihn bewogen, dort zu leben und sich den Strapazen der vollkommenen Unabhängigkeit zu unterziehen? Den unzähligen Strapazen, nicht nur den vielen Spinnen und Käfern, die ich beim Streifen durchs Gehölz unerträglich fand. Hatte ihn, den Obdachlosen, die Stadt irgendwann angewidert, so dass er sich einen ruhigeren Ort gesucht hatte? War sein Leben vielleicht sogar bestimmt von einer eigensinnigen Philosophie? War er ein ehemaliger Säufer, ein Heiliger, ein vom Schicksal Verkrüppelter oder ein Kinderschänder auf der Flucht? Soll ich jetzt, zwanzig Jahre später, mit Respekt oder Abscheu an ihn denken?
Irgendwann war er dann verschwunden. Vielleicht hatte er sich weiter in den Wald zurückgezogen, vielleicht war er weitergegangen, vielleicht war er gestorben. Darüber machten wir Kinder uns keine Gedanken, er war weg und von nun an würde es einfach ein wenig langweiliger im Wald sein.
Ich stelle mir vor, ihn gefunden zu haben. Falls er gestorben wäre. Durch den niemals wirklich stillen Wald gehen, eine Spur im Laub hinterlassend. Dann ein Stapel alter verschlissener und schmutziger Decken vor einer behelfsmäßig mit Ästen und einer Plane errichteten Höhle. Unter den Decken ein schmutziges Gesicht und ein verfilzter gewaltiger Bart. Keine Bewegung, kein Atmen. Insekten, für die es keinen Unterschied macht, ob sie auf Blättern oder totem Fleisch kriechen. Da liegt der Mann. Er hat vierzig oder fünfzig Jahre Leben hinter sich, dramatische Geschichten, Schicksalsschläge, Liebe. Kinder? Oder nichts davon, Pech und Mittelmäßigkeit. Das, was diesen Menschen ausgemacht und den bedeutungslosen Körper schon verlassen hat, kann die Seiten epischer Romane füllen oder nur ein Schulterzucken abringen.
Was mich erschüttert, ist nicht, dass mit ihm vielleicht große Geschichten oder Weisheit gestorben sind, sondern dass sich nie jemand gefragt, sich niemand dafür interessiert hat, ob ein Mensch, der ein Leben so abseits der Norm gelebt hat, etwas Besonderes zu erzählen hat.
Der Waldmensch kam nur schemenhaft in einem Bruchteil meines Lebens vor und das einzige, was ich über ihn erzählen kann, ist, dass ich nichts über ihn weiß. Doch mich daran erinnert zu haben, dass er existierte, auf dieser Welt geboren wurde und gestorben ist, und euch von ihm erzählt zu haben, ist meine persönliche erbärmliche Entschuldigung an ihn für die Ignoranz und das selbstgefällige Desinteresse meiner so stolzen Gattung, der er nicht angehören wollte. |
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 | Waldmensch |  |
Verfasst am: 09.05.2007, 13:25 |
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| Roland |
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| Anmeldedatum | 04.05.2007 | | Beiträge | 16 | | Wohnort | Bremen |
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es sind schöne wertvolle und nachdenkeliche Worte.
Zu häufig leben wir menschne gedankenlos nebenher.
noch häufiger prägen wir die anderen mit Vorurteilen.
Machen Menschen verschwinden und damit auch ein wertvoller Schatz an wissen, weisheit und können.
ausgezeichnet.
Gruß
Roland |
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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa
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