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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa » Die Müllmafia
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Die Müllmafia

BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 12:14
skipteuse
 
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Hallöchen, was meint ihr dazu ...? angle

Die Müllmafia

Das weiß doch jedes Kind – könnte man denken: Ein Künstler ist sensibel! Und ein (verkanntes) Genie erst recht. Deshalb muss er gut ausgeruht sein, um sich den Widrigkeiten des Tages zu stellen … Ausreichend Schlaf ist da besonders wichtig. Doch diese unumstößliche Tatsache scheint die Herren von der Müllabfuhr keineswegs zu tangieren. Im Gegenteil: Ihnen macht es Spaß, mich, immer nur mich („Warum immer ich?“), in aller Herrgottsfrühe, um Viertel nach acht!, brutal aus dem Wolkenbett zu klingeln.

Nicht allein, dass meine Gehirnwindungen jedes Mal bei diesem fiesen Klingelschock irreparablen Schaden nehmen, auch körperliche Verletzungen häufen sich: So habe ich mir beim aus-dem-Bett-fallen bereits meine Lieblingshaarsträhne geknickt, den Kopf gestoßen, einen Finger gestaucht, den Zehnagel beschädigt und diverse blauen Flecken an allen möglichen Körperstellen davongetragen. Von den blutigen Schrammen, die ich mir an den Wänden während des Stolperns zur Tür regelmäßig zuziehe, ganz zu schweigen. Und das alles nur, weil niemand meine Bedürfnisse, und Schlaf ist ein Grundbedürfnis, ernst nimmt.

In meinem Job backt man nun mal kleine Brötchen, oft genug nur Krümel, und da sind Abendtermine eben die Regel. Da wird es schon mal spät, während man versucht, den Verleger abzufüllen und endlich zu überreden, oder die sechzigste Leserfrage zu beantworten und/oder mal wieder selber die eigenen Flyer an den Mann (und die Frau) zu bringen.

(Wir kennen ja das idealsierte Bild vom armen Poeten; nur hat dieser das Glück, einfach gar nicht mehr aus seinem Bett aufstehen zu müssen. Ich schätze, er hatte nicht mal Strom und somit auch keine elektrische Klingel, juchuh! Er muss auf seine Weise sehr glücklich gewesen sein. Sicher kannte er also noch keine lästigen Müllklingler am Morgen …)

Ist die Müllmafia erst einmal drin, ist sowieso alles verloren. Dann rumpeln sie in Maschinengewehrmanier laut knatternd die Tonnen über den Hof, als wären Wackersteine darin (wobei ich zugegebenermaßen nicht dafür bürgen kann, was meine undurchsichtigen Nachbarn so wegschmeißen – einer bringt zum Beispiel immer nur nachts in völliger Dunkelheit seinen Müll zu den Tonnen, habe ich gehört … Smile Selbst wenn die orangen Männer des Schreckens die Tonnen leer zurückrollen, klingt es nach Weltkrieg – mindestens. Dazu schreien sie sich die Seele aus dem Leib, um jeden einzelnen bereits oder nun wachen Hausbewohner, auch und gerade die schwerhörigen unter ihnen, überschwänglich – natürlich von unten zu den Fenstern ganz oben hinauf, was im Innenhof ganz herrlich schallt, zu begrüßen.

Wenn es morgens klingelt, erstarrt mein Körper inzwischen zu Stein. Meine Muskeln verkrampfen sich unwillkürlich, Horrorspeichel tropft von meinen Lippen, Denken scheint noch unmöglicher als sonst. Ich habe die verschiedensten Gegenstrategien entwickelt: das Kissen über den Kopf ziehen, außer häuslich nächtigen, sogar zum letzten Mittel – Schlaftabletten – wollte ich schon greifen, doch nichts fruchtet.

Ignorieren ist unmöglich; dieser Ton bringt in meinem Innern etwas zum Vibrieren, dass ich unmöglich nichts zu tun kann. Es ist wie bei einem Alkoholiker, dem man eine Flasche vor die Nase hält, ich kann nicht anders, kann nicht „Nein“ sagen, was fatal ist, denn man wird als Müllabfuhr-Öffner unweigerlich zum Wiederholungstäter.

Denn ist man einmal schwach geworden, hat man einmal den fatalen Fehler gemacht, auf den Summer zu drücken, kommen sie, wie die Schmeißfliegen, immer und immer wieder. Sie klingeln immer bei dir, weil sie um dein schwaches Nervenkostüm wissen. Weil sie wissen, wie sie dich kriegen, nach spätestens einer Minute Sturmläuten. Weil sie wissen, dass du ihrem Lärmterror nicht lange standhältst. Hast du aber einmal der Versuchung, den schrecklichen Ton in deiner Wohnung und deinem schlaftrunkenen Kopf abzustellen, nachgegeben, dann kannst du eigentlich nur noch eines tun: umziehen. Oder deinen Namen ändern. Oder am besten beides!

PS: Ich habe mir gestern ein Buch über Reinkarnation – und wie man sie angeblich beeinflussen kann - gekauft. Im nächsten Leben werde ich Müllfrau …! Denn Rache ist bekanntlich süß - äh laut!

Barbara Schilling, Juli 2008

(Weitere humoristische Geschichten im Buch “Rote Zitrone” (6,90 EUR))

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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 12:22
LOFI (Moderator)
 
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Beiträge2873


Tu es nicht Barbara!

Denn, ungeahnte Dinge wehen dir entgegen, wenn der Eimer sich gleich Pandorras Box öffnet und sich in den Wagen ergießt.
Zum Beispiel ein aufgeplatzter Beutel mit Babywindeln Twisted Evil Habe schon so machen Müllmann (werker) entsetzt hinter seinem Wagen zurückweichen sehen. cheezy grin cheezy grin Respekt vor dem Knochenjob!

LG

Lorenz

BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 12:34
wortaholic
Gast
 


da fiel mir gleich das gedicht "Grundlose Störungen" (günter bruno fuchs) ein.
dort "rollt ein selbständiger müllkutscher grundlos eine tonne vor sich her" und stört den schreiber bei seiner arbeit, was diesen zur überlegung bringt, ob er nicht auch einmal einen aktenberg durch des müllkutschers haus tragen sollte...

BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 13:32
skipteuse
 
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Hallo Lorenz!

Klar, dass dieser Beruf ein ehrbarer ist ... aber irgendwie muss die Figur ihre überspitzten Künstlerallüren doch artikulieren ... Wink

Wortoholic (cooler Name übrigens): ein super Bild mit den Aktenbergen; ich werd mir das Gedicht am WE mal zu Gemüte führen, klingt inspirierend ...

Danke für eure Meinungen.

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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 18.07.2008, 13:39
skipteuse
 
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Hallo Lorenz!

Klar, dass dieser Beruf ein ehrbarer ist ... aber irgendwie muss die Figur ihre überspitzten Künstlerallüren doch artikulieren ... Wink

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