Verfasst am: 24.10.2007, 12:54 |
|
|
|
... auch wenn es nichts verändert - aber manchmal hilft es, aus dem Fundus des bereits Geschriebenen zu schöpfen. Ein passendes Tucholsky-Zitat, das ich sehr liebe:
"Und dafür zieht man sich nun an, als ob man reich wär..."
Beste Grüße
Matthias |
|
|
|
|
Verfasst am: |
|
|
|
|
 | Re: Die "Szene" |  |
Verfasst am: 24.10.2007, 13:08 |
|
|
| Adriana |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 08.04.2007 | | Beiträge | 487 | | Wohnort | Brandenburg/Havel |
|
|
|
 |
 |
 |
|
| Tomscout hat Folgendes geschrieben: |
Gerade als kreativer Mensch hat man doch DIE Möglichkeit schlechthin, sich nicht gesellschaftlichen Zwängen oder Erwartungen zu beugen. |
Ja, das möchte man annehmen.
Aber nach meiner bescheidenen Erfahrung ist der Gruppenzwang nirgendwo so groß wie unter selbst ernannten Intellektuellen und Insidern der Kunstszene.
Da wird gelesen, was die Kritiker gerade hochjubeln (und womit das "normale Volk" meistens herzlich wenig anfangen kann).
Man schaut - wenn überhaupt Fernsehen - dann nur 3sat und arte.
Man haut sich gegenseitig pseudo-tiefsinnige Phasen um die Ohren, warum die Pinselstrichführung bei der blau angestrichenen Leinwand so viel exzellenter ist als bei der schwarz angestrichenen Leinwand daneben und jammert nebenbei noch ein bisschen über die Schlechtigkeit der Welt (wohlbemerkt, beim gepflegten Prosecco-Schlürfen).
Und wer zugibt, dass er/sie lieber einen guten Unterhaltungsroman liest als die depressive Nabelschau des 572. Silvia-Plath-Imitators, ist eh unten durch und sollte sein angeknabbertes Canapee gleich mit nach Hause nehmen, weil er/sie auf der Vernissage eh nur noch mit verstohlen-mitleidigen Blicken bedacht werden wird.
Ich kann Leilah voll verstehen, wenn sie davon gründlich genervt ist.
Diese "Szene" behauptet, sich von Mainstream abzuheben, hat aber längst ihren eigenen Mainstream geschaffen.
Deshalb denke ich, der wahre Künstler oder Intellektuelle ist ein Freigeist und hat es nicht nötig, sich der Szene anzupassen. Er steht da drüber.
In diesem Sinne liebe Grüße an alle Freigeister,
Adriana. |
|
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 24.10.2007, 19:11 |
|
|
| Leilah |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 15.10.2007 | | Beiträge | 223 | | Wohnort | Kassel |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Ich glaube, in allen Stellungnahmen ist deutlich geworden, dass der Begriff "Szene" die verschiedensten Aspekte beinhaltet.
Z. B.: Kann man sich gewissen gesellschaftlichen Erwartungen so ohne Weiteres entziehen? Welche Folgen hat dies? Wie sind diese "Szenen" soziologisch oder auch menschlich zu beurteilen bzw. was macht eine "Szene" aus?
Ich persönlich reagiere mittlerweile allein schon auf den wohlwollenden Gebrauch des Begriffs "Szene" allergisch, denn für mich impliziert er eine Herausbildung elitärer Strukturen und eine (häufig durchaus absichtliche) Abgrenzung gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Im Zusammenhang mit Kunst, speziell auch mit Literatur, bedeutet dies sehr oft, dass der normale Bürger Hemmschwellen gegenüber der Beschäftigung mit Kultur aufbaut und sich scheut am kulturellen Leben (zum Beispiel Lesungen, Besuche im Literaturbüro, Theaterbesuche etc.) teilzunehmen, da ihm durchaus bewusst ist, dass da eine "Szene" existiert und dass man von dieser argwöhnisch beäugt wird.
Der Begriff "Literaturszene" ist ja selbst von Seiten der (Städte-)Verwaltungen äußerst positiv belegt. Je größer die Literaturszene in einem Gebiet, desto besser. (Dass dies nicht das Geringste über den Anteil der lesenden Bevölkerung in einer Gegend und dessen Bildungsniveau aussagt, bleibt unbeachtet.)
Auf diese Weise erreichen wir als schreibende Künstler nicht einmal einen Bruchteil der in Frage kommenden Klientel, was sowohl menschlich und soziokulturell als auch vom ökonomischen Aspekt her zu bedauern ist.
Es ist schließlich unlogisch, sich von genau den Menschen abzugrenzen, die man schreibend erreichen möchte. Wer will und kann es sich schon erlauben, seine Werke einzig und allein einem handverlesenen Intellektuellenpublikum zu präsentieren (zu verkaufen). Ein Widerspruch, den ich bei vielen erfolgreichen Kollegen mit Verlaub gesagt, nicht aufgelöst sehe. Wer mir als Käufer meines Werkes (sprich: Einnahmequelle) gut genug ist, sollte mir doch auch als Gesprächspartner im Literaturverein, als Sitznachbar im Theaterbistro oder als Galeriebesucher lieb und wert sein. Solange sich aber im Kulturbereich weiterhin "Szenen" etablieren, hat der Normalbürger keine Chance, und uns als Kulturschaffenden geht, wie oben ausgeführt, ebenfalls eine Chance auf Begegnung verloren.
Die andere Seite der Medaille betrifft uns selbst als Teil des öffentlichen Lebens, unsere Entscheidungsfreiheit oder auch -unfreiheit. Und hierbei muss evtl. noch unterschieden werden, ob wir beruflich, semiberuflich oder eher privat Teil des Ganzen sind.
@Tomscout: Leider weiß ich nicht, ob und wieweit Du beruflich auf solche Strukturen angewiesen bist. Falls Du es tatsächlich für Dich hingekriegt hast, Dich trotz beruflicher Abhängigkeiten den gesellschftlichen Zwängen zu entziehen, dann habe ich große Hochachtung vor Deiner Kompromisslosigkeit und Zivilcourage.
Meine Erfahrung geht eher dahin, dass ich in jüngeren Jahren aus einer wildromantisch-rebellischen Neigung heraus, ganz ähnlich wie Du argumentiert habe. Damals wurde mir allerdings auch noch vieles verziehen ("jugendlicher Leichtsinn") und ich hatte zudem nichts zu verlieren. Sobald man aber als Freiberufler mehr oder weniger stark auf den Eindruck angewiesen ist, den man bei den entsprechenden Leuten hinterlässt, schrumpft der Mut kläglich ein. Die einzige "Rebellion" besteht dann meistens noch aus trotzigem Schweigen.
Einige threads lebenserfahrener Kollegen bestätigen mir dies eigentlich.
Es ist ein äußerst unangenehmer Zwiespalt, in den man da gerät, so ein Fauler-Kompromiss-Zustand zwischen "nicht mitmachen wollen" und "sich nicht ganz entziehen dürfen". Das ist die Zwangsjacke, die mir am meisten Atemnot verursacht. Und da die ganze Problematik so scharf das Thema "Charakterstärke" streift, kann sie einen besonders quälen, so wie alle moralischen Fragen.
Ach, entschuldigt die lange Abhandlung. Ist halt ein tiefgehender Konflikt in Sachen Mensch und Kultur.
Liebe Grüße
Leilah |
|
_________________ HörBuchKunst - Filmmusik - Prosa und Lyrik: Lauschen, schauen, staunen unter www.leilah-lilienruh.de! |
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 24.10.2007, 23:24 |
|
|
| Judith |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 05.08.2007 | | Beiträge | 2227 | | Wohnort | Schwobaländle |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Adriana, super beschrieben!  |
|
|
|
|
Verfasst am: |
|
|
|
|
Verfasst am: 24.10.2007, 23:47 |
|
|
| Rita Hajak (Moderator) |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 23.05.2007 | | Beiträge | 1464 | | Wohnort | Fehmarn |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Hallo Adriana,
| Zitat: | | der wahre Künstler oder Intellektuelle ist ein Freigeist und hat es nicht nötig, sich der Szene anzupassen. Er steht da drüber. |
Ich kann Dir nur beipflichten.
Gruß Rita |
|
_________________ „Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich
aus den Dingen etwas zu machen.“
Thomas Mann
www.ritahajak.de Wieder mal neu |
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 25.10.2007, 07:31 |
|
|
| g.c.roth (Moderator) |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 01.05.2007 | | Beiträge | 1568 | | Wohnort | Emden |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Guten Morgen,
| Zitat: | | Künstler oder Intellektuelle ist ein Freigeist und hat es nicht nötig, sich der Szene anzupassen. |
Ich würde da noch einen Schritt weiter gehen:
Ein Freigeist kann es sich nicht leisten, sich irgendwo anzupassen, nur um anerkannt zu werden.
Anpassen muss man sich da, wo man überleben muss und keine andere Wahl hat. Die Entscheidung ob jemand in unserer Gesellschaft erfolgreich ist oder nicht hängt entscheidend mit seiner Anpassungsfähigkeit zusammen.
Wenn ein Autor Texte schreibt (oder welche Art von Kunst auch immer) um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, dann muss er die Szene bedienen. Oder auch gleich verschiedene Szenen unter Pseudonymen. Seinen Freigeist kann er dann in Texten ausleben, die ihm vielleicht kein Geld einbringen und keine Anerkennung, aber dafür seine eigene Botschaft und seinen Seelenfrieden erhalten.
Ein Freigeist / Künstler der aus dem Rahmen fällt braucht eine unglaublich starke PR um sich eine eigene Szene aufzubauen - oder ein dickes Fell und ein gut gepolstertes Bankkonto, damit er nicht am Hungertuch nagt.
Ich denke, Freigeister machen der Masse Angst, deshalb entwickeln sich Szenen in denen sich Freigeister aufhalten dürfen. Solange sie dort verpackt sind, können sie keinem Schaden. Und Szenen wiederum dienen nur dem Zweck sich abzugrenzen.
So wird ein Künstler der sich treu bleibt immer ein Grenzgänger sein und sein Ziel kann es nicht sein, von einer bestimmten Szene verschluckt zu werden.
LG Grete |
|
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 25.10.2007, 08:49 |
|
|
| Tomscout |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 14.09.2007 | | Beiträge | 54 | | Wohnort | Bremen |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Passend zum Thema hier habve ich gestern einen unfassbar lustigen und treffenden Text gelesen:
"Der Interview-Unfug", zu lesen in dem Buch "Der Krapfen auf dem Sims" von Max Goldt. Wer das Buch hat oder jemanden kennt, der es hat...schaut mal rein  |
|
_________________ Die Frage des Tages gibt's hier: www.thomas-wolff.de
Was man gerade liest:
"Die rot-grünen Jahre", Joschka Fischer
"Der Nobelpreis", Andreas Eschbach |
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 25.10.2007, 09:09 |
|
|
| hwg (Moderator) |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 24.04.2007 | | Beiträge | 3788 | | Wohnort | A 8786 Rottenmann |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Einen guten Morgen in die Runde!
Vieles von dem, was ich vorhin gelesen habe, würde ich unterschreiben.
Allerdings besteht zwischen dem Denken - Wollen - Handeln meistens doch ein großer Unterschied.
So wie Christel schreibt, habe ich auch gedacht. Während einem monatelangen Krankenhausaufenthalt sagte ich mir ebenfalls: Wenn ich hier wieder lebend herauskommen sollte, kann mich nichts mehr von meinem eigenen Wollen abhalten. Doch nach etlichen Wochen war ich irgendwie froh, dass wieder alles in gewohnten Bahnen lief.
Natürlich haben sich etliche vorherige Gewohnheitene geändert. Doch da das Dabeisein bei solchen "Events" nun einmal zu meinem Beruf gehört, und es in jedem Beruf nicht nur "Sonnenseiten" geben kann, habe ich mich daran "gewöhnt" und nicht selten auch (beim Beobachten der "Szene") meinen Spaß.
Außerdem bietet jede "Szene" auch Möglichkeiten zu einem Stoff für eine Story. In diesem Sinne: Auf zur nächsten Vernissage!  |
|
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 25.10.2007, 19:58 |
|
|
| julia07 |
|
|
| |
| Anmeldedatum | 22.05.2007 | | Beiträge | 1252 | | Wohnort | 87700 Memmingen |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Ach Christel ... Du sprichst das aus, was ich diesen ganzen Thread lang denke!
Meinem Ex zuliebe bin auch ich oft zu solchen Schickimicki-Veranstaltungen (mit)gerannt, wo ich mich stets gefragt habe: "Was wollen die mir eigentlich mitteilen?"
Dann hatte ich durch Zufall wieder Kontakt zu dem, was andere "alternative Szene" nennen. Man traf sich bei Laien-Theatergruppen, Vernissagen von "Hobby"-Malern und Bildhauern, Musikern und anderen. Dort traf ich dann unheimlich interessante, engagierte Menschen, die genauso überzeugt wie unbefangen über ihre Kunst und die von Gleichgesinnten redeten und einfach nur viel Spaß hatten.
Natürlich ist es fraglich, ob sich diese "Kunstneulinge" ihre Unabhängigkeit ewig erhalten können, aber eine angenehme Gesellschaft sind sie mir fast immer und deswegen lasse ich nun die "In"-Veranstaltungen links liegen, denn inzwischen bin ich alt und etabliert genug, mir das leisten zu können
LG, Julia |
|
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 26.10.2007, 09:24 |
|
|
|
| g.c.roth (Moderator) hat Folgendes geschrieben: |
Ich würde da noch einen Schritt weiter gehen:
Ein Freigeist kann es sich nicht leisten, sich irgendwo anzupassen, nur um anerkannt zu werden.
Anpassen muss man sich da, wo man überleben muss und keine andere Wahl hat. Die Entscheidung ob jemand in unserer Gesellschaft erfolgreich ist oder nicht hängt entscheidend mit seiner Anpassungsfähigkeit zusammen.
|
Ich gehe da noch einen Schritt weiter:
Wahre Freiheit hat man nur, wenn man bereit ist, alle Bestrafungen zu akzeptieren und hinzunehmen, die einem das Leben oder die Gesellschaft zugedacht hat.
Ich glaube, Gandhi hat so etwas irgendwann mal gesagt - bin mir aber nicht sicher.
Grüße
Siegfried |
|
|
|
|
 | |  |
Verfasst am: 26.10.2007, 09:48 |
|
|
| g.c.roth (Moderator) |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 01.05.2007 | | Beiträge | 1568 | | Wohnort | Emden |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Hallo Siegfried
| Zitat: | | Wahre Freiheit hat man nur, wenn man bereit ist, alle Bestrafungen zu akzeptieren und hinzunehmen, die einem das Leben oder die Gesellschaft zugedacht hat. |
So ist es, und es gibt tatsächlich Menschen, die diese Freiheit leben.
In einigen Teilen der Welt werden sie dafür gefoltert und eingesperrt.
So groß ist die Angst vor jeder Form von Freigeist und Freiheit in unserer toleranten Welt.
LG Grete |
|
|
|
|
Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Meinungspool
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben. Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten. Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen. Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen. Du kannst Dateien in diesem Forum nicht posten Du kannst Dateien in diesem Forum nicht herunterladen
|
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 2 von 2
Gehe zu Seite Zurück 1, 2
|
|
|
|
| |