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Diskriminierung

BeitragVerfasst am: 04.01.2008, 15:59
Gerhard
 
Anmeldedatum07.12.2007
Beiträge416


Ich bin hier in einem Thread über "Daumenschrauben" auf ein für mich schweiriges Thema gestoßen. Das Wort Neger ist ja bei uns inzwischen verpönt und sollte nicht mehr benutzt werden (wird auch von Lektoren in der Regel gestrichen), Fremdarbeiter darf man auch nicht benutzen weil es die Nazis benutzt haben.... und es dürfte noch einige andere Worte geben, durch die sich irgendjemand diskriminiert fühlt.... Ach ja, bei "Heiliger Bimbam" könnten die Kirchen aufschreihen, habe ich inzwischen gelernt.

Jetzt frage ich mich ernsthaft, wie man sich durch Worte diskriminiert fühlen kann. Weshalb eigentlich ist das Wort "Neger" diskriminierend? Ich bin teilweise bei der Wortwahl sehr verunsichert, weil ich mich immer frage, ob das von mir verwendete Wort von irgendeinem dieser unsäglichen Despoten benutzt wurde oder nicht. Wer legt eigentlich fest, welche Worte diskriminieren?

Ich kann mir nicht vorstellen, durch Worte diskriminiert zu werden. Wenn mich jemand Glatzkopf nennt, so zeigt das offensichtlich nur, dass ich halt wenige Haare auf dem Kopf habe. Und wenn ich heute im Ausland noch immer das Wort "Krauts" höre, so lächele ich nur müde und denke mir, auch einer der Deppen, der glaubt alle Deutschen futtern nur Sauerkraut. Aber diskriminiert fühle ich mich dadurch nicht.

Wie kann man also mit Worten diskriminieren und wer legt die Worte fest, die diskriminieren????? Ich bin echt verunsichert.

Liebe Grüße
Gerhard

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 04.01.2008, 16:20
Versailles
 
Anmeldedatum22.05.2007
Beiträge836


Zitat:
...wer legt die Worte fest, die diskriminieren?

Ich sage spontan: es ist die Gesellschaft, die sich diese Fesseln anlegt. Es ist aber auch jeder selbst, der darüber entscheidet, durch welche Formulierung er sich diskriminiert fühlt. Also gib' doch mal das Wort "Neger" bzw. "Heiliger Bimbam" bei amazon ein und staune selbst...

Es gibt Worte
-die mögen andere sagen oder schreiben - ich tue es nicht
-die andere Menschen diskriminieren, von denen ich es nie gedacht hätte
-die selbst unter dem Deckmantel der Satire wehtun
-die im Kontext (bsp. Slang) verwendet werden können, aber auf jeden Fall richtig zu verstehen sind (Aufgabe des Autors)
-die man nicht mehr zurück nehmen kann

Die erste bewusste Diskriminierung, die ich erfuhr: ein Lehrer sagte in der 2. Klasse - ich hatte gerade meine erste Brille bekommen - Brillenschlangezu mir. Das tat weh, ich habe geweint und wollte es nicht verstehen, weil der Kerl selbst eine Brille trug. Er fand es witzig, wollte einen Spaß machen (so nach dem Motto: Brillenträger unter sich). Das habe ich ihm nie vergessen.

_________________
"carpe diem, quam minimum credula postero"
(Horaz, 65-8 v. Chr.)

www.comtesse-heloise.de

Autorenphoto von J. Nemeth, Photostudio Kannengiesser, 58095 Hagen

BeitragVerfasst am: 04.01.2008, 16:29
Jutta Ouwens
 
Anmeldedatum09.10.2007
Beiträge55
WohnortDuisburg


Lieber Gerhard!
Jetzt habe ich eine ganze Zeit vor Deinem Beitrag gesessen und überlegt, wie ich mit diesem Thema umgehe. Grundsätzlich bin ich Deiner Meinung, doch es kommt wohl darauf an, in welchem Umfeld und Kontext man sich bewegt. Leider werden Begriffe immer öfter zur Radikalisierung und Diskriminierung benutzt, Glatze ist eben nicht immer nur Glatze! Ich tue das übrigens auch: Wenn ich von "den Glatzen" rede, würde ich sicher nicht Dich meinen! Es gibt ja viele Versuche, dem Problem mit Ironie zu begegnen, "maximalpigmentierte Mitmenschen" wäre so ein Beispiel. Jedenfalls sage ich auch nicht mehr unbefangen "Negerkuß".
Die beste Art ist, wie ich finde, im Umgang mit anderen seinen Standpunkt deutlich zu machen, mündlich oder schriftlich, denn gegen Dummheit und Ignoranz ist kein besseres Kraut als Aufklären und Erklären gewachsen. Ein Restrisiko des Falschverstandenwerdens ist wohl nicht auszuräumen. Ein wichtiges Thema, danke dafür.
Gruß und ein gutes Jahr 2008,
Jutta

BeitragVerfasst am: 04.01.2008, 16:38
Gerhard
 
Anmeldedatum07.12.2007
Beiträge416


Versailles hat Folgendes geschrieben:
[Die erste bewusste Diskriminierung, die ich erfuhr: ein Lehrer sagte in der 2. Klasse - ich hatte gerade meine erste Brille bekommen - Brillenschlangezu mir. Das tat weh, ich habe geweint und wollte es nicht verstehen, weil der Kerl selbst eine Brille trug.


Das ist genau das, was ich mich immer wieder frage: Weshalb fühlt sich der eine durch ein Wort diskriminiert, ein anderer aber nicht. Mich hätte das Wort "Brillenschlange" damals überhaupt nicht gestört. Weshalb also hast du dich diskriminiert gefühlt? Wegen der Brille vielleicht, mit der du dich damals vielleicht noch nicht angefreundet hattest? Als ich meine erste Brille bekam, fühlte ich mich toll.... fast jeder Wissenschaftler hatte eine Brille und ich wollte soooooo gerne Wissenschaftler werden Wink (... und inzwischen bin ich einer geworden Wink )

Und wenn mir ein Autofahrer den Vogel zeigen würde, wäre das für mich keine Aktion ihn anzuzeigen... ich würde halt ebenfalls an meinen Kopf tippen und die Sache wäre erledigt.

Liebe Grüße
Gerhard

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 04.01.2008, 16:39
Zoba
 
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Beiträge1308
WohnortSüden


Hi,

ich habe mit Political Correctness allgemein ein Problem.

"Neger" ist die eingedeutschte, "negro" die verenglischte Form des lateinischen "niger", was "schwarz" bzw. "dunkel" bedeutet. Im Englischen war es eigentlich die abschätzige Form "Nigger", die diskriminierend gebraucht wurde, nicht "negro". Im Rahmen der schwarzen (sic!) Befreiungsbewegung, aber auch der allseits um sich greifenden feministischen Political Correctness-Bewegung wurden solche Worte mit einem Bann belegt.

Persönlich halte ich das für Schwachsinn. Die Alternativen helfen nicht wirklich weiter, auch "Farbiger" oder "Schwarzer" sind letztlich nichts anderes als eine genaue Bezeichnung der Hautfarbe.

Ganz unsinnig wird es, wenn die Benutzung nicht einmal mehr im passenden Rahmen genutzt werden können. Schreibt man eine Story innerhalb der 50er oder 60er Jahre, wird es bescheuert, wenn dort jemand "Farbiger" sagt, statt "Neger".

Letztendlich ist PC eine Verhunzung der Sprache.


Zuletzt bearbeitet von Zoba am 05.01.2008, 10:20, insgesamt einmal bearbeitet

_________________
Gruß,

Zoba

-----------
"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 04.01.2008, 18:10
Arno Abendschön
 
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Beiträge172
WohnortBad Bevensen


Schließe mich Zoba an. Als mir vor wenigen Jahren ein Freund (der mich gut kennt) den mündlichen Gebrauch des Wortes Neger ankreidete, war ich bass erstaunt und berief mich auch auf die Etymologie. Um des lieben Friedens willen habe ich meinen Sprachgebrauch seitdem insofern geändert. Aber ist es auch richtig? Eigentlich nicht. Die Tendenz eines Wortes erschließt sich immer nur aus dem Zusammenhang - und da fühle ich mich kaum angreifbar.
Mir kommt das Problem mit diesen verpönten Ausdrücken kaum lösbar vor: Sich anpassen, erscheint mir feige und sachlich unrichtig. Auf meinem Gebrauch zu bestehen, legt einen mir unerwünschten Nachdruck auf das dem anderen missliebige Wort. Ich verhalte mich nun so: Kein vorauseilender Gehorsam, auf Beschwerde hin meistens Bereitschaft zur Korrektur. Das ist kompromisslerisch und natürlich auch unbefriedigend. Paris ist eine Messe wert? Manchmal.

BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 09:39
hwg (Moderator)
 
Anmeldedatum24.04.2007
Beiträge4199
WohnortA 8786 Rottenmann


Ähnlich wie mit Neger ist es mit Prolet(arier).
Bei Schwuler ist es wiederum umgekehrt -
früher ein Schimpfwort, heute auch bei Be-
troffenen als "solide" Bezeichnung gebräuchlich.

Ich persönlich finde keines der Worte diskrimi-
nierend, als Autor ist es jedoch nicht verwerf-
lich, sich den sprachliche Zeitströmungen anzupassen.
Mir fällt diesbezüglich kein Zacken aus der Krone. Laughing

BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 10:15
PvO
 
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WohnortOstseebad Prerow


Zitat:

Mir fällt diesbezüglich kein Zacken aus der Krone.

Mir auch nicht, Aber gerade bei dem Wort Neger, meine ich: man kann es auch übertreiben.

_________________
Ab November 07 erschien eines meiner Bücher auf dem amerikanischen Markt .

www.peters-buchladen.de

BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 10:32
Zoba
 
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WohnortSüden


Hi,

PCness ergibt - in meinen Augen - eine echte Verhunzung. Schreibe ich "Putzfrau" oder "Raumpflegerin" oder gar "Raumpflegeperson"? "Polizeiperson" oder "Polizist"? "Amtmann" oder "Amtperson"?

Was mich wahnsinnig fuchst, ist, daß PCness aus den Staaten zu uns herüberschwappt und angenommen wird, ohne daß irgendwer sich die Mühe macht, darüber nachzudenken oder gar deren Ursprünge zu recherchieren. Gegen PCness ist Schwarzers PorNO-Kampagne das Backen so kleiner Brötchen, daß Bibbeleskäs fetter ist.

Ändern ändert es nichts, das kann mir keiner weismachen, das Einzige was es bewirkt, ist ein verschrobenes und mit schlechtem Gewissen permanent versehenes Sprachgefühl. Kommts nämlich hart auf hart, dann ist die Raumpflegeperson dennoch immer noch "die Putze" und die Polizeiperson "der Bulle".

Ich habe (und tue es noch) die Schimanski-Drehbücher geliebt, nicht zuletzt, weil endlich einmal ein Krimi so daherkam, wie die Leute auf der Straße redeten. Damals regte man sich über die Anzahl der "Scheisse" auf, heute würde sowas nicht mal mehr das Eingangslektorat überleben. Und das ist mehr als traurig.

_________________
Gruß,

Zoba

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BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 10:49
julia07
 
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ein Freund von mir, der viel in Fotoforen veröffentlicht, in denen (offensichtlich meistens aus Neid!!) auch eine massive Maßregelung ausgeübt wird, schreibt inzwischen anstatt "Farbiger": "stark pigmentierter Mensch" cheezy grin

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BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 10:59
hwg (Moderator)
 
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So wie mit dem Neger verhält es sich auch mit dem Zigeuner.
Der immer stärker zunehmende Rassismus hat diese
Bezeichnungen "abgewertet", deshalb sucht man nach
"Ersatzlösungen". Interessanter Weise haben jene Dunkel-
häutigen und Roma, die ich kenne, mit den "alten" Be-
zeichnungen weniger Probleme als so mancher "Sprach-
erneuerer". Trotzdem erachte ich es als zweckmäßig, sich
als gedruckt sehen wollender Autor, sich dem "Trend" nicht
justament zu widersetzen. Schlussendlich hat ja doch der
Redakteur oder Lektor "das letzte Wort". Was soll's.

Gleichartig verhält es sich mit Vulgärausdrücken. Wenn sie
in einem vernünftigen Zusammenhang mit der Story ge-
schrieben werden, wird wohl kein vernünftiger Lektor etwas
dagegen haben. Spielt die Handlung im "Milieu", wäre eine
"artfremde" Artikulierung wohl unglaubwürdig. Viele aktuelle
Beispiele in der zeitgenössischen Literatur zeigen sehr wohl,
dass "Slang" nicht "out" ist.

BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 11:03
PvO
 
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Es wurde von einer Schrifstellerin gefordert, das Wort Brust (weibliche) zu ersetzen. Das ist jetzt kein Witz!

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BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 11:10
hwg (Moderator)
 
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Das mag auch im Zusammenhang mit dem übrigen Text stehen. Vielleicht wäre die Bezeichnung Busen angebrachter gewesen? Wenn eine Frau ihren Säugling stillt, kann das Wort ohnehin entfallen. Laughing Aber was ist, wenn eine Frau "einen zur Brust nimmt?" Nun ja, jedenfalls Prost! cheezy grin

BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 11:14
julia07
 
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@ Hans

Die gleiche Erfahrung habe ich auch gemacht. Zwar kennt man in D weniger "fahrendes Volk", als bei Euch, aber ich kenne das aus anderen Ländern und bei anderen Gruppen, z. B. den Indianern. Das Wort "Squaw" wurde auch erst in jüngster zeit zum Schimpfwort degradiert.
Dass die Betroffenen selbst das meistens ganz anders sehen, als so mancher Sittenwächter, liegt sicher daran, dass diese alten Bezeichnungen eben "natürlich" gewachsen waren und "nur" Bezeichnungen und keine Wertungen darstellten.
Das mit den Wertungen wird meiner Meinung nach heute viel zu sehr hochgespielt und gibt genau dadurch dem Unwesen, das man damit treiben kann, erst recht eine Plattform...
LG, Julia

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BeitragVerfasst am: 05.01.2008, 11:23
hwg (Moderator)
 
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Julia, wir sind uns einig! thumb up
Diskriminierung
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