 | Ein Leben ohne Nächte |  |
Verfasst am: 02.05.2007, 16:41 |
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Und hier ist noch was Altes von mir - aus dem Jahre 1999
Ein Leben ohne Nächte
Damals wusste ich nicht, was auf mich zukam. Ich ahnte nicht im geringsten, dass mich diese eine Nacht bis an mein Lebensende verfolgen würde. Jeden Abend, wenn sich die Dunkelheit über die Stadt senkt, winden sich eiskalte Schlangen meinen Rücken hinauf und erdrosseln meinen Schlaf. Alles würde ich geben, wenn ich nur wieder eine ruhige Nacht verbringen könnte. Alles für ein Leben ohne Nächte, ohne solche Nächte.
Es war mein zweites Jahr beim Edison Chronicle, eine kleine Zeitung in einer noch kleineren Stadt in Mississippi. Wir waren zu fünft, vier Zeitungsenthusiasten, die ihre Freizeit für den Chronicle hergaben, und Bill Chessman, dem die Zeitung gehörte. Meist schrieb ich über die Beschlüsse des Stadtrates, über die Versammlungen der lokalen Honoratioren zur Pilgrimage, über den halbjährlichen Wohltätigkeitsbasar der Frau des Bürgermeisters oder über Schulen, Kirchen und Viehausstellungen. Gelegentlich wurde ich auch als Sportreporter eingesetzt und berichtete über die Football-Spiele des Edison-College. Doch dann gab mir der Leiter des Chronicle einen wirklich ungewöhnlichen Auftrag.
»In zwei Wochen schlägt Billy Lee Johnsons letzte Stunde«, sagte Chessman zu mir, »ich würde zu gerne selbst hinfahren, aber ich bin an dem Abend leider verhindert. Also fährst du hin und siehst dir an, wie dieser Nigger in die Gaskammer geht.«
Natürlich war ich sofort Feuer und Flamme für diesen Job. Wer bekam schon mal die Möglichkeit, eine Exekution mitzuerleben? Außerdem war Johnson seit Jahren der meistgehasste Mann in Edison. Alle, ich eingeschlossen, wollten seinen Tod. In der Stadt herrschte eine Jubelstimmung, fast wie zum Unabhängigkeitstag. Allerorten sprach man davon, dass es doch noch Gerechtigkeit auf der Welt gibt, und jeder beneidete mich, Johnsons letzten Gang miterleben zu können. Für kurze Zeit schien ich der bekannteste Mann im County zu werden. Na ja - fast der bekannteste Mann.
Jedoch, mit jedem Tag, den der Hinrichtungstermin näher kam, wuchs mein Unbehagen. Fortwährend hieb mir irgend jemand auf die Schulter und gestand fröhlich lachend, wie gerne er mit mir tauschen würde. Doch irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache. Ich schlief zunehmend schlechter, und mein Appetit schwand. Andauernd stritt ich mich mit meiner Freundin Carol, und Alan, meinem besten Freund seit High-School-Tagen, drohte ich eines Tages sogar wegen Nichtigkeiten Prügel an. Wenn ich Ma Potter's Coffee Shop betrat, wurde ich sofort belagert, weil die Leute mir unbedingt erzählen mussten, was sie alles von Johnsons Hinrichtung lesen wollten. Irgendwann platzte mir der Kragen. Ich goss einem reichlich perversen Typen den heißen Kaffee über das Hemd und stürmte davon. Von nun an mied ich Ma Potter's und andere öffentliche Einrichtungen.
Dann, eines Morgens, riss ich das Blatt vom Kalender, und eine dick angestrichene Zahl sprang mir entgegen: Heute nacht, dachte ich, heute nacht wirst du erleben, wie ein Mensch getötet wird.
Die Stunden bis zu meiner Abfahrt schienen dahinzurasen. Ich wollte nicht fahren, aber ich konnte jetzt nicht mehr kneifen. Jeder in Edison kannte meinen Auftrag. Alle wollten lesen, wie Billy Lee Johnson gestorben war. Die angekündigte Extraausgabe des Chronicle war schon vor Erscheinen fast ausverkauft.
Die Leute wollten Blut sehen.
Am frühen Abend machte ich mich mit meinem alten Nissan Sentra auf den Weg zum Staatsgefängnis. Chessman hatte mir noch eine Fotokamera in die Hand gedrückt und wollte unbedingt Bilder haben, von Johnson, von der Gaskammer, von der Hinrichtung. Er gierte regelrecht nach diesen Bildern. Ich nahm die Kamera und kämpfte mit einer plötzlich aufkommenden Übelkeit. Bloß nicht weich werden, sagte ich mir, sonst bist du bei allen unten durch; das musst du durchstehen.
Die Fahrt nach Parchman dauerte gut drei Stunden. Während ich der State Route folgte, ging ich in Gedanken die Unterlagen über Billy Lee Johnson durch, die ich mir in der Redaktion besorgt hatte:
Vor neun Jahren war er mit einem Revolver in der Hand in der Edison Savings erschienen. Er glaubte an einen ganz einfachen Bankraub: ein kleiner Ort, eine kleine Bank, schnell rein, abkassieren und ebenso schnell wieder verschwinden. Johnson konnte nicht wissen, dass genau an diesem Tag eine hohe Geldsumme angeliefert worden war. In der Schalterhalle stand noch der Wachmann des Geldtransportes - und dieser griff sofort nach seiner Waffe. Sekunden später waren der Wachmann und ein siebzehnjähriges Mädchen tot, Johnson selbst angeschossen und mit seinem Chrysler auf der Flucht. Er kam keine halbe Meile weit; an der 5Th Avenue Ecke Charleston fuhr er in einen geparkten Lastwagen. Der Rest war reine Formalität. Johnson wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und wegen zweifachen Mordes zum Tode verurteilt.
Es war Nacht geworden, und die Uhr am Armaturenbrett zeigte kurz vor zehn, als ich mein Ziel erreichte. Scheinwerfer auf hohen Masten tauchten den Eingang des Staatsgefängnisses in grelles Licht. In etwa fünfzehn Fuß Höhe überspannte ein weißes, geschwungenes Schild die Straße: Mississippi State Penitentiary. Ein ebenfalls weißer Schlagbaum verwehrte mir die Weiterfahrt, und auf einer Art Verkehrsinsel zwischen den Fahrspuren stand ein Wachhaus - perfekt weiß gestrichen -, in dem zwei uniformierte Beamte Dienst hatten. Alles wirkte unglaublich sauber und aufgeräumt.
Einer der Männer kontrollierte mich und erklärte mir, wo ich den Wagen parken könnte und bei wem ich mich zu melden hätte. Der Schlagbaum hob sich, und langsam rollte der Nissan die breite Straße entlang. Es war unnatürlich still, und ich bekam das Gefühl, zu meiner eigenen Hinrichtung zu fahren.
Wenig später stand ich zusammen mit etwa zwei Dutzend Männern und Frauen im Empfangsraum des Gefängnisgebäudes. Die Leute unterhielten sich gedämpft, fast flüsternd, als wäre es ihnen unangenehm, heute hier zu sein. Ich entdeckte drei, vier bekannte Gesichter: Einwohner von Edison. Ich trat zu ihnen und reichte ihnen die Hand.
»Es ist gut, dass jemand vom Chronicle hier ist«, sagte ein älterer Mann namens Charles Winthrop. »Dann werden alle in Edison erfahren, dass unserer Betty endlich Gerechtigkeit widerfahren ist!«
Seine Frau, die ich auf Ende vierzig schätzte, griff nach Winthrops Arm und hängte sich ein.
»Betty wäre jetzt 26«, sagte sie und begann plötzlich zu weinen. Sie zog ein Kleenex aus ihrer Handtasche und wischte sich die Tränen ab. »Sie wäre jetzt verheiratet, hätte Kinder ... Wir hätten Enkelkinder, aber dieser Kerl ...«. Eine neue Tränenflut erstickte ihre Worte.
Charles nahm ihre Hand und streichelte sie mit der rauhen Unbeholfenheit eines Mannes, der sein Leben lang Tag für Tag auf den Feldern gearbeitet hatte.
»Ich hoffe, dass sein Sterben lang und qualvoll ist«, sagte er. Seine Stimme klang hart, und in seinen Augen lag ein unerbittliches Funkeln. »Er muss dafür bezahlen, was er Betty und uns angetan hat. Verstehen Sie?«
Natürlich konnte ich sie verstehen, den einfachen Farmer und seine Frau. Aber mir war nicht wohl dabei. Sicher, Johnson war ein Mörder, aber durften man ihm deswegen das Leben nehmen?
»Wir waren letzten Sonntag in der Kirche«, sagte Mrs Winthrop zwischen ihren Tränen. »Wir gehen jeden Sonntag in die Kirche, wissen Sie, aber dieses Mal war es etwas besonderes. Alle haben für Betty gebetet.«
»Reverend Michaels hat aus der Bibel gelesen«, fuhr Charles fort. »'Auge um Auge, Zahn um Zahn', so steht es geschrieben.«
»Aber hat Jesus nicht gesagt, dass wir den Sündern vergeben sollen?« warf ich ein.
»Jesus hat nie erlebt, wie es ist, sein einziges Kind zu verlieren!« Charles schob trotzig sein Kinn vor. »Außerdem ist das Recht 'Auge um Auge' uraltes Recht. Und dieses Recht nehme ich in Anspruch!«
Eine der Zimmertüren wurde geöffnet, und ein hochgewachsener Mann in einem dunkelblauen Anzug trat ein. Er räusperte sich laut. »Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Ich werde Sie jetzt in den Block begleiten, in dem die Vollstreckung stattfinden wird. Da der eine oder andere von Ihnen Hunger oder Durst haben wird, bieten wir Ihnen eine kleine Erfrischung und einen Imbiss an. Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«
Der Beamte führte uns durch ein Labyrinth von Korridoren. Immer wieder öffneten und schlossen sich Türen, und während wir auf Nachzügler warteten, erklärte uns der Beamte die verschiedenen Bereiche des Gefängnisses. Als wir wieder vor einer verschlossenen Tür standen, lernte ich Steve Castles kennen. Er kam aus New Orleans und war Reporter wie ich, doch heute trieben ihn persönliche Interessen her.
»Wissen Sie, ich arbeite seit mehreren Jahren an einem Buch über die Todesstrafe. Wie laufen Hinrichtungen ab? Welche Methoden gibt es? Was passiert mit dem Verurteilten, dem Henker, den Zeugen bei einer Exekution?« Er schaute mich an und begann zu grinsen. »Ihre erste, vermute ich.«
Ich versuchte, sein Grinsen zu erwidern. Es ging schief.
»Macht nichts«, sagt Steve. »Ich sehe heute meine zwölfte«, er legte eine bedeutungsvolle Pause ein, »und mir wird immer noch ganz kribbelig dabei.«
Wir schwiegen. Die Tür wurde geöffnet, und wir folgten dem Hochgewachsenen in den nächsten Raum.
»Was glauben Sie, warum so viele Staaten heute noch Hinrichtungen zulassen?« fragte Steve plötzlich.
Ich zuckte mit den Schultern. Darüber hatte ich bislang noch nie nachgedacht. »Zur Abschreckung, vermute ich«, sagte ich schließlich.
»Wohl kaum«, sagte Steve. »Die Zahl schwerer Straftaten ist sogar gestiegen, seitdem die Todesstrafe wieder vermehrt verhängt wird. In Ländern, die die Todesstrafe abgeschafft haben, ist dagegen kein Anstieg zu verzeichnen.«
»Dann vielleicht, weil eine Hinrichtung billiger kommt als eine lebenslange Haft.«
Steve sah mich ausgesprochen mitleidsvoll an. »Oh Junge, Sie müssen aber noch viel lernen. Eine Hinrichtung kostet den amerikanischen Steuerzahler etwa dreieinhalb Millionen Dollar. Allein die letzten achtzehn Hinrichtungen in Florida haben über 63 Millionen Dollar verschlungen! Es gibt Gutachten, Verfahren, Berufungen, medizinische Versorgung und«, er deutete auf die Leute vor uns, »das Spielchen hier kostet ja auch Geld. Lebenslange Haft dagegen nur etwa 700.000 Dollar.«
Ich stutzte. »Moment mal. Hinrichtungen bringen nichts, und sie kosten ein Vielfaches einer lebenslangen Haft. Warum werden Angeklagte dann überhaupt noch zum Tode verurteilt?«
Steve grinste böse: »Na, weil die Leute es einfach geil finden! Und die Politiker zeigen ihren Wählern, wie hart sie durchgreifen können!«
Die letzten Sätze machten mich nachdenklich. Warum töten wir per Gesetz Verbrecher? Welchen Sinn hat diese ultimative Strafe, haben Gaskammer, elektrischer Stuhl, Giftspritze und Galgen? So sehr ich auch nach einer Antwort suchte, ich fand keine. Ich sah mich nach Charles Winthrop und seiner Frau um. Sie gingen ganz vorne, direkt hinter dem Hochgewachsenen. War die Erfüllung ihrer persönlichen Rache der wahre Grund für die heutige Hinrichtung?
Wir erreichten den anderen Aufenthaltsraum, wo uns auf mehreren Tischen kalte Platten, Eistee und Softdrinks erwarteten. Die meisten von uns machten sich sofort über die Sachen her, griffen zu Gegrilltem, kaltem Huhn, Sandwiches und Cola. Steve Castles kaute auf vollen Backen und kam mit einem Becher Eistee in der Hand auf mich zu.
»Greifen Sie zu«, nuschelte er, »das hier ist der bessere Teil der Party!«
Ich konnte nichts essen. In meinem Hals steckte ein dicker Kloß, der sich nicht entscheiden konnte, ob er nach oben oder unten wollte. Ich goss mir etwas Seven Up in ein Glas und trank mit gierigen Schlucken. Als ich mich von den Leuten abwenden musste, um das prompte Aufstoßen zu verdecken, sah ich die zwei farbigen Frauen allein in einer Ecke stehen. Sie waren mir bisher nicht aufgefallen; offenbar hatten sie sich die ganze Zeit über im Hintergrund gehalten.
»Wer ist das?« fragte ich Steve.
»Vermutlich die Mutter von Johnson. Die andere - eine Verwandte vielleicht. Eventuell Johnsons Schwester. Oder seine Freundin. Keine Ahnung.«
»Ob ich mit denen reden kann?«
»Warum denn nicht? Mit den Winthrops haben Sie doch auch gesprochen. Und die andere Seite zu hören, ist für einen Bericht immer gut.«
Mein Bericht! Siedendheiß fiel mir ein, dass ich ja aus beruflichen Gründen hier war. Ich suchte nach meinem Notizbuch, zerriss dabei das Futter der Jackeninnentasche und schleuderte Steve meinen Kugelschreiber vor den Bauch.
»Bleib ruhig, Junge«, lachte Steve. »Du hast noch reichlich Zeit. Er muss erst in zwei Stunden in die Röhre.«
Ich hob meinen Kugelschreiber auf und ging langsam zu den beiden Frauen hinüber. Krampfhaft überlegte ich, wie ich das Gespräch beginnen sollte. Ich entschied mich für den direkten Weg.
»Mrs Johnson?« fragte ich. »Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«
Die ältere der beiden blickte mich kühl an. Ich wusste nicht, was ich erwartet hatte, vielleicht Tränen oder zumindest rotgeweinte Augen, aber nichts davon traf zu. Sie sah mich offen an, kein Vorwurf, keine Fragen - eine Mutter, deren Kind heute sterben würde, und die ihr unausweichliches Schicksal angenommen hatte. Ich bekam das Gefühl, mich entschuldigen zu müssen.
»Ich komme vom Chronicle aus Edison und soll über die ...« Ich brachte das Wort Hinrichtung einfach nicht über die Lippen.
»Es ist gut, dass Sie hier sind.« Ihre Stimme klang weich, kehlig, mit dem typischen Akzent der Farbigen aus Mississippi. »Berichten Sie bitte so genau wie möglich, was sie hier meinem Jungen antun.«
»Wie meinen Sie das?«
»Die Leute in Edison sollen erfahren, wie es ist, einen Menschen vorsätzlich zu töten.«
»Billy Lee hat auch getötet.«
»Aber nicht absichtlich.« Einen Moment lang klang ihre Stimme wütend. »Er hat ein Verbrechen begangen, ja, aber er war in Panik. Er hatte Angst. Er wollte nicht töten. Niemand will absichtlich einen anderen Menschen töten - niemand, der noch richtig im Kopf ist. Aber hier«, sie machte einen Schritt auf mich zu und sah mir direkt in die Augen, »hier tötet man absichtlich.«
Die andere Frau mischte sich ein: »Was wollen Sie wirklich von uns?«
Ich suchte nach Worten, fühlte mich verunsichert, völlig fehl am Platze. Was wollte ich eigentlich von den Frauen? Mich an ihrem Leid ergötzen? Oder nur mein Gewissen beruhigen und für meine Heimatstadt Edison die Absolution einholen? Ich klappte mein Notizbuch zu und steckte es weg. Dann nickte ich den beiden Frauen zu und kehrte zu den anderen zurück.
»Na?« fragte Steve. »Was haben sie gesagt?«
Ich schwieg. Die nächsten zwei Stunden vergingen mit dem üblichen Smalltalk. Die Leute redeten über das Wetter, den neuesten Klatsch aus Washington D.C., die Entwicklung an der Wall Street, die laufende Baseball-Saison - nur nicht über Billy Lee Johnson und die bevorstehende Exekution. Ein Reporter aus Jackson, der mir gerade bis an die Schultern reichte, versuchte mich in ein Gespräch zu verwickeln, ließ aber bald von mir ab, weil ich recht einsilbig antwortete. Steve hingegen wanderte mit der geübten Lässigkeit eines Party-Tigers zwischen den Gruppen, die sich gebildet hatten, hin und her und sammelte offenbar Informationen für sein Buch. Ich beobachtete ihn, die Winthrops und die anderen, während die Zeit zäh dahintropfte.
Es war wieder der große Beamte, der um Aufmerksamkeit bat und dabei in die Hände klatschte. »Bevor ich Sie in den Exekutionsraum führe, ein paar kleine Hinweise. Wer als Zeuge der Exekution gekommen ist, nimmt bitte auf der linken Seite der Stuhlreihen Platz. Daneben setzen sich bitte die Verwandten der Opfer. Dann die Mitarbeiter der Presse, und schließlich die Verwandten des Verurteilten. Sie werden während der Urteilsvollstreckung eventuell einen leichten Geruch von Bittermandel feststellen. Das ist ganz normal. Es droht Ihnen absolut keine Gefahr. Das Fotografieren im Exekutionsraum ist übrigens verboten. Bitte lassen Sie Ihre Kameras hier. Ein Wachmann wird auf die Geräte achten.«
Zuerst wollte ich protestieren. Keine Fotos! Chessman würde toben. Aber unser Begleiter sah unerbittlich aus. Na gut, dann eben keine Fotos. Ich deponierte meine Kamera auf einem kleinen Tisch und betrat das Nebenzimmer.
Ich sah die Gaskammer sofort.
Ein graublauer Stahlzylinder, etwa zehn Fuß hoch, oben konisch abgerundet. Die Tür, einem Schiffsschott nicht unähnlich, stand weit offen, und das Innere des Zylinders war hell erleuchtet. In der Röhre stand ein Stuhl, von dessen Rückenlehne und Armstützen Lederschlaufen herabhingen. Die Sitzfläche schien aus einem metallenen Gitterrost zu bestehen, ebenso die Blende zwischen den vorderen Stuhlbeinen. Irgendwo dort musste sich die Schale befinden, aus der in wenigen Minuten das Giftgas aufsteigen würde. Ich schluckte.
Das also war die Gaskammer.
Einfache braune Holzstühle waren in mehreren Reihen wie zu einem Vortrag für uns aufgestellt worden. Wir folgten den Anweisungen des Hochgewachsenen und setzten uns auf die zugewiesenen Plätze. Ich ergatterte einen Stuhl in der zweiten Reihe, direkt hinter dem schmächtigen Kerl aus Jackson, und konnte durch die Trennscheibe in der Wand zwischen uns und dem Exekutionsraum auf den Hinrichtungsstuhl in der Röhre blicken. Mit der Zeit legte sich die Unruhe; die Gespräche wurde leiser und ein Gefühl furchtsamer Erwartung machte sich breit.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Es war kurz vor halb ein Uhr nachts. Jeden Moment konnte es losgehen.
Es dauerte keine Minute, da öffnete sich die Tür an der linken Seite des Hinrichtungsraumes. Ein Mann in der Uniform des Gefängnispersonals trat ein und hielt die Tür auf. Ihm folgte ein zweiter Wächter.
Dann kam Billy Lee Johnson.
Einen Mann, der neun Jahre im Gefängnis gewesen war. hatte ich mir anders vorgestellt: kräftig, brutal, ein heimtückisches Gesicht mit bösartigen Augen, wild um sich schlagend, um dem Tod in der Stahlkammer doch noch zu entgehen. Nichts davon traf zu. Billy Lee war ein ganz normaler Farbiger, so groß wie ich und etwa wie ich gebaut, mit einem absolut durchschnittlichen Gesicht, in dem nichts auf Gewalttätigkeit deutete. Er war ein Farbiger, wie es so viele in Mississippi gab.
Hinter Billy Lee betraten ein weiterer Wachmann, der Gefängnisgeistliche und noch ein Mann in Zivil den Hinrichtungsraum. Als Billy Lee die Gaskammer sah, knickte er in den Knien ein. Zwei der Wachleute stützten ihn und brachten ihn zur Tür des Metallzylinders.
Sofort gab es Unruhe auf unserer Seite. Charles Winthrop stieß so etwas wie einen Fluch aus, einige von der Hinrichtungsjury stöhnten, als würde ihnen erst jetzt klar, was hier ablief. Ich schaute auf Mrs Johnson. Ihr Blick hing starr an ihrem Sohn. Sie schwieg.
Am Eingang zur Gaskammer nahmen die Wächter Billy Lee die Handschellen ab. Sie führten ihn zum Stuhl und drückten ihn auf die Sitzfläche. Mit geübten Handgriffen legten sie zwei Lederriemen über Billy Lees Brust, fixierten die Arme auf den Lehnen und schoben seine Unterschenkel in spezielle Halterungen an der Vorderseite des Stuhles. Während der ganzen Zeit sah sich Billy Lee um, als suche er nach dem Loch, durch das er verschwinden könnte. Oder nach den Düsen, aus denen der Tod kommen würde.
Die Wächter hatten ihre Arbeit getan. Sie verließen die Stahlröhre und machten dem Priester Platz. Er trat auf Billy zu, sprach offenbar ein paar Worte und segnete ihn. Dann verließ auch er die Todeskammer. Die Tür schlug zu. Ein Wächter ließ die Riegel einrasten.
Ich sah, wie Billy Lee seinen Kopf in alle Richtungen drehte. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig. Auf seinem Gesicht glänzten Tränen.
»Er hyperventiliert!« Steve, der in der Reihe hinter mir saß, beugte sich zu mir vor. »Die Ärzte raten den Todeskandidaten immer, sich nicht mit Sauerstoff vollzupumpen oder die Luft anzuhalten. Das verlängert das Leiden nur. Statt dessen sollten sie lieber tiefe Atemzüge machen, wenn das Gas kommt. Dann ist es schneller vorbei. Aber sie wollen nicht hören.«
Steve kotzte mich in diesem Moment derart an, dass ich ihm am liebsten das Maul gestopft hätte.
Plötzlich glaubte ich einen Hauch von Bittermandeln zu riechen. Unter den Zeugen machte sich Erregung breit. Einige nestelten an ihren Jacken und Handtaschen herum und hielten sich Taschentücher vor Mund und Nase.
»Kein Grund zur Panik«, sagte der lange Beamte und hob beschwichtigend die Hände. »Die Zyanidkapseln in der Kammer sind in den Säuretank gefallen. Ein wenig von dem Geruch dringt immer aus der Kabine. Es besteht aber überhaupt keine Gefahr.«
Ich blickte wieder auf Billy Lee. Er atmete jetzt ganz flach und starrte zur Decke. Seine Hände krampften sich an den Armlehnen des Stuhls fest. Seine Augen waren geschlossen, und der Brustkorb bewegte sich nicht mehr.
In unserem Beobachtungszimmer war es totenstill. Alle starrten durch die Glasscheibe auf Johnson, wie er regungslos auf seinem Stuhl saß und gegen das Gas kämpfte. Neben mir hörte ich eine Uhr ticken. Ein Fuß scharrte. Das Knarren eines Stuhles. Jemand raschelte mit einem Taschentuch.
Plötzlich begann Billy Lee zu keuchen. Es war deutlich zu hören. Das Keuchen wurde stärker, ging in ein Würgen über. Ich beugte mich vor, unfähig den Blick von dem Mann in der Gaskammer zu nehmen. Auf Johnsons Stirn bildeten sich Schweißperlen, rannen an den Schläfen herab, den Nacken entlang. Speichel tropfte aus seinem Mund. Seine Augen waren jetzt weit aufgerissen. Irgendwo neben mir schluchzte jemand auf. Billy Lees Mutter? Ich wagte nicht hinzusehen.
Johnson sackte nach vorne in die Gurte. Sein Körper zuckte wie unter Krämpfen. Nein, er weinte. Billy Lee weinte! Noch einmal bäumte er sich auf, hob den Kopf, drehte ihn zur Seite.
Und sah mir direkt in die Augen!
In diesem Moment wusste ich, dass wir hier Unrecht verübten. Einen Menschen sterben zu sehen, das ist eine Sache. Ihn bewusst und vorsätzlich zu töten, eine ganz andere. Mir ist noch nie in meinem Leben der Unterschied zwischen Sterben und Töten so klar gewesen wie in diesen Sekunden.
Ich sah Billy Lee, und ich sah, wie er starb.
Sein Kopf sank zur Seite, ganz langsam, und seine Augen schlossen sich.
Ich fühlte mich so einsam und verlassen wie noch nie zuvor in meinem Leben.
Eine Stimme riss mich aus meiner Erstarrung. »Acht Minuten!« Charles Winthrop war aufgesprungen. »Es hat ganze acht Minuten gedauert. Für das, was er getan hat, hat er viel zu wenig gelitten!«
»Er hat neun lange Jahre gelitten!« rief die Begleiterin von Mrs Johnson. »Neun Jahre in der Todeszelle!«
Charles Winthrop warf ihr einen alles vernichtenden Blick zu, griff nach seiner Jacke und verließ mit schnellen Schritten den Raum. Seine Frau ließ er einfach stehen.
Im Exekutionsraum brummte leise ein Gebläse. Nach kurzer Zeit wurden die Riegel der Gaskammer gelöst, und ein Wächter zog die Tür des Metallzylinders auf. Der Zivilist betrat die Gaskammer, stopfte sich ein Stethoskop in die Ohren und untersuchte Billy Lee Johnson, der schlaff in den Ledergurten hing. Der Mann mit dem Stethoskop fühlte den Puls, leuchtete Johnson mit einer kleinen Taschenlampe in die Augen und horchte den Brustkorb ab. Dann kam er wieder aus der Gaskammer heraus und nickte den anderen zu. Ich schaute auf die Armbanduhr. Der neue Tag war gerade 38 Minuten alt.
»Sie hatten recht«, sagte jemand zu mir. Mrs Winthrop stand an meiner Seite und putzte sich mit einem Kleenex die Nase. »Jesus hat recht. Wir hätten ihm vergeben sollen. Nein, vergeben müssen. Niemand darf einen anderen Menschen töten! Auch nicht, wenn es das Gesetz erlaubt.«
»Ihr Mann ist wohl anderer Meinung«, sagt ich.
»Seit neun Jahren hat er auf diesen Tag gewartet. Sein Hass und seine Wut haben ihn verändert. Er ist ein anderer Mensch geworden, seit Betty damals erschossen wurde.« Sie seufzte. »Ich weiß nicht, was werden soll, jetzt, wo er niemanden mehr zum Hassen hat.« Sie sah mich an. »Können Sie mir sagen, wie wir jetzt weiterleben sollen?«
Ich hatte keine Antwort für die Frau. Nicht einmal für mich selbst. Mrs Winthrop stopfte ihr Tuch in die Handtasche und ging mit schweren Schritten auf die Tür zu. Ich sah ihr nach, bis sich eine schwarze Hand auf meinen Arm legte.
»Berichten Sie den Bürgern von Edison, was Sie hier erlebt haben«, sagte Mrs Johnson. Sie wirkte immer noch ernst und gefasst. »Schreiben Sie, wie unerbittlich dieses Gesetz der Rache ist. Und wie entsetzlich es ist, einen Menschen zu töten.«
»Das werde ich.«
Ich sah mich nach Steve Castles um. Sein Platz war leer, und auch unter den anderen Anwesenden konnte ich ihn nicht entdecken. Es war mir sehr recht, ihm nicht mehr begegnen zu müssen.
Kurz darauf machte ich mich auf den Weg zu meinem Nissan. Unterwegs sah ich einen Mann, der sich gegen das Dach seines Wagens stützte und den Kopf in den Armen verbarg. Eine Frau stand neben ihm und strich ihm mit der Hand über den Rücken. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte, die Winthrops zu erkennen.
Auf kürzestem Weg verließ ich das Gefängnisgelände. Als ich die Schranke am Eingangstor passierte, dachte ich daran, wie ich vor wenigen Stunden angekommen war. Da hatte Billy Lee noch gelebt.
Nach einer schlaflosen Nacht ging ich in die Redaktion, um meinen Artikel zu schreiben. Chessman war bitter enttäuscht, dass es keine Fotos gegeben hatte, wollte meinen Artikel aber mit Archivaufnahmen auffrischen. Die anderen vom Chronicle belagerten mich und verlangten nach Einzelheiten. Ich vertröstete sie auf meinen Artikel.
Stunde um Stunde saß ich vor meinem Computer, setzte mehrfach an, verwarf, schrieb neu, redigierte, löschte. Immer wieder kam mir das Versprechen, das ich Mrs Johnson gegeben hatte, in den Sinn: 'Schreiben Sie, wie entsetzlich es ist, einen Menschen zu töten'.
Der Zeitpunkt für den Redaktionsschluss kam näher, und ich hatte noch immer keine Zeile geschrieben. Es gelang mir nicht. Kein Satz, kein Wort konnte das ausdrücken, was ich bei Johnsons Hinrichtung empfunden hatte. Der letzte Blick in Billy Lees Augen, dieses lähmende Entsetzen, welche Worte können diese Gefühle wiedergeben? Wie beschreibt man das Unbeschreibbare?
Ich kaute auf einem Kugelschreiber herum, bis ich die Tinte auf der Zunge schmeckte. Dutzende von Zetteln auf meinem Schreibtisch waren mit Zeichnungen übersät: eiförmige Zylinder, ovale Kapseln, Stühle mit Schlaufen daran, weinende Augen, Totenköpfe, Grabkreuze. Dazwischen willkürlich hingeschmierte Worte in spitzen, runenhaften Buchstaben: Gas - Tod - Gas - Tod. Irgendwann wurden mir meine Notizen bewusst. Ich knüllte die Zettel zusammen und stopfte sie in den Mülleimer. Hoffentlich würde niemand die Äußerungen meines Unterbewusstseins entdecken!.
Ich konzentrierte mich wieder auf meinen Artikel, blätterte in den Unterlagen und suchte nach einem vernünftigen Ansatz, bis plötzlich - einem späten Echo gleich - Satzfetzen in meinem Kopf widerhallten.
»Sieh dir an, wie dieser Nigger in die Gaskammer geht.« - »Ich würde zu gerne mit dir tauschen.« - »Auge um Auge, Zahn um Zahn.« - »Die Leute finden es einfach geil.« - »Hier tötet man absichtlich.« - »Sie wollen ja nicht hören.« - »Er hat viel zu wenig gelitten.« - »Schreiben Sie.« - »Schreiben Sie!« - »Schreiben Sie!!!«
»Wie denn!?«
War ich es, der das geschrieen hatte? Kamen diese zwei verzweifelten Worte von mir? War das alles, was meine Sprachlosigkeit noch hervorbrachte? Chessman und die anderen starrten mich an, überrascht, mitleidsvoll, abfällig.
Verzeihen Sie, Mrs Johnson, bat ich Billy Lees Mutter in Gedanken um Vergebung und schlug die Hände vor das Gesicht , ich kann diesen Artikel nicht schreiben! Ich kann es nicht!
Chessman und die Kollegen zeigten keinerlei Verständnis, auch die Bürger von Edison nicht. Mein alter Freund Alan und selbst Carol gingen auf Distanz. Sechs Wochen hielt ich den Anfeindungen stand, dann verließ ich Edison, Mississippi.
Heute lebe ich in einem Bundesstaat, der keine Todesstrafe in seiner Rechtsprechung kennt, wo es keine Gaskammern oder elektrischen Stühle gibt.
Vor ein paar Monaten habe ich von jemandem aus New Orleans ein Buch zugeschickt bekommen. Auf fast vierhundert Seiten werden darin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft der Todesstrafe abgehandelt. Das Buch steht in meinem Bücherregal, noch immer in der Originalfolie eingeschweißt. Der Autor heißt Steve Castles. Ich weiß nicht, ob ich es jemals zu lesen wage.
Das berufsmäßige Schreiben habe ich seit meinem Weggang aus Edison nie wieder aufgenommen. Meine Sprachlosigkeit ist bis heute nicht gewichen. Noch immer weiß ich nicht, was die richtigen Worte für meine Erlebnisse sind. So sitze ich tagsüber allein im Archiv einer großen Tageszeitung und führe ein ruhiges, unauffälliges Leben.
Doch jeden Abend, wenn die Dämmerung kommt, denke ich an die Nacht im Mississippi State Penitentiary. Die Schlangen machen sich auf den Weg. Und wenn die Zeiger der Uhr den Beginn eines neuen Tages verkünden, sehe ich die Augen von Billy Lee Johnson vor mir. Dann weiß ich, dass ich wieder nicht schlafen kann. Dann weiß ich, dass ich ein Leben ohne Nächte führen möchte. |
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 02.05.2007, 18:47 |
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| g.c.roth (Moderator) |
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| Anmeldedatum | 01.05.2007 | | Beiträge | 1670 | | Wohnort | Emden |
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Whow, das geht unter die Haut...
ich bin tief beeindruckt von dieser Story.
Gruß
Grete |
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