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Essay: Zufriedenheit

BeitragVerfasst am: 10.02.2008, 21:48
Phoenix-Nubigena
 
Anmeldedatum14.01.2008
Beiträge109
WohnortBremen


Und hier nochmal ein Essay, den ich gern vorstellen möchte. Damit habe ich auch mal ein bisschen was gewonnen Smile Aber ich bin hier im Forum so begeistert dabei, dass ich gern eure Meinungen hören möchte. Ich finde, dass die total hilfreich sind. Danke!


Das schwer erreichbare Ziel der Zufriedenheit

Zufriedenheit: Zufriedenheit ist ein Begriff, den wir des Öfteren verwenden ohne uns oft darüber im Klaren zu sein, was dieser Begriff, der einen emotionalen Zustand des Menschen bezeichnet, detailliert bedeutet. Zufrieden ist man definiert niedergeschrieben dann, wenn alle Bedürfnisse befriedigt, man innerlich ausgeglichen und mit den gegebenen Dienstleistungen und Verhältnissen einverstanden ist und nichts auszusetzen hat oder Weiteres verlangt.
Laut dieser Definition, wie sie im Duden steht, scheint Zufriedenheit nahe an Perfektionismus geklammert zu sein, da die Definition einen emotionalen Zustand beschreibt, der mit den Gedanken des menschlichen Verstands und Gefühls nur selten übereinstimmt.
Wann sind wir also wirklich zufrieden? Oder sind wir es ohne zu merken, dass wir es sind?
Wann kann ein Mensch wirklich behaupten, dass er nichts weiter verlangt, als die individuelle Situation es hergibt?
Zufriedenheit beschreibt also einen Zustand, den wir Menschen alltäglich anzustreben versuchen. Dies geschieht unterbewusst in der Schule, auf der Arbeit und natürlich im Privatleben. Unser Lebensziel besteht mehr oder weniger daraus, am Ende des Pfads unseres Lebens behaupten zu können, wir seien zufrieden und hätten das geschafft, was wir hatten erreichen wollen.
Die Zufriedenheit ändert sich jedoch mit der Zeit. Vor einigen Jahrzehnten wäre man durchaus mit vergleichbar weniger zufrieden gewesen, als man es heute ist. Ständig besteht der Wunsch nach mehr, oft Überflüssigem.
Würden nun all diese Wünsche erfüllbar sein, müsste unsere ständig hungernde Zufriedenheit demnach gestillt sein. Bedeutet dies, dass ein reicher Mensch durchaus zufrieden zu sein hat?
Man lasse also nicht außer Acht, dass Zufriedenheit nicht nur mit bezahlbaren Dienstleistungen oder Gütern gleichzusetzen sei, wie es heutzutage oft verwechselt wird. Da bestehe gleichermaßen der Wunsch nach Liebe, Freundschaft, Geborgenheit, Freizeit, Bildung und Gesundheit.
Die perfekte Zufriedenheit zu erreichen, scheint also ein holpriger Weg zu sein und gerade für uns Menschen, die größtenteils als ehrgeizig und kämpferisch gelten, handelt es sich um ein schwer erreichbares Ziel.
Es ist nicht zu vergessen, dass nur wir allein und individuell dieses Ziel erreichen können und die Zeit allein nicht viel dazu beitragen kann. So könnte der Mensch als solcher sich beispielsweise mit weniger zufrieden zu geben versuchen.
Man schließe die Augen und stelle sich gedanklich einen Einkaufsbummel in der Innenstadt vor. Hören Sie das? Man hört ständig Beschwerden, Beschimpfungen und ungeduldige Wortdispute: die Schlange an der Kasse sei zu lang; man verpasse ja den Bus oder Zug; die Kassiererin sei zu unfreundlich; das schlechte Wetter sei vollkommen unangebracht; die Preise seien viel zu hoch (...).
Wenn also ein Mensch, der, wie ich es von uns Deutschen behaupten kann, in gewissem Wohlstand lebt, sich über Alltägliches jedoch so unerträglich ärgern kann, wie soll da noch ein Licht im Hinblick zur Zufriedenheit scheinen?
Oft bemerkt ein Individuum gar nicht, dass es das Ziel der Zufriedenheit längst erreicht hat und diese zwar weiterhin wachsen lassen kann, sich aber keineswegs zu beklagen braucht. Häufig leben wir in verstrickten Gedankenwelten, die einem verwebten Spinnennetz ähneln, und verfangen uns zugleich darin wie in einem Sumpf aus Stress und Zeitdruck.
Je mehr wir schimpfen oder klagen, umso mehr erinnern wir uns zwangsläufig an die vielleicht unangenehmen Dinge des Alltags, die jedoch nicht unbedingt auf Unzufriedenheit beruhen.
Ich entsinne mich noch genau eines Tages, an dem ich auf meinen Bus wartete, der mich nach der Arbeit nach Hause bringen sollte. An diesem Tag regnete es, es war kalt und ich war geschaffen von dem langen Tag. Doch plötzlich – wie aus einem Traum gerissen - nahm ich beinahe das erste Mal in meinem Leben die abfahrende Busse wahr. Ich hörte, wie die quietschenden Reifen die riesigen sich auf der Straße befindenden Wasserlachen in der Mitte teilten und kleine Wassertröpfchen nach links und rechts spritzen. Ich roch ebenso die angenehme, feuchtkühle Abendluft wie die Abgase der Autos und den olfaktorisch wahrnehmbaren Geruch der Menschen, dessen nasse Jacken und Regenschirme von dem Regen säuerlich stanken und mit verschiedenen Parfüms der Menschen eine Mischung ergaben, die vollkommen der Realität entsprach. In jenem Moment huschte ein Lächeln über meine Lippen und ich fühlte mich trotz der Kälte geborgen, denn ich wusste, dass es mir gut ging. So absurd es auch klingen mag, spürte ich in diesen Minuten das erste Mal, dass ich real existiere und man sich viel zu wenige Gedanken darüber machte. Man hat die Chance bekommen, auf unserem Planeten zu leben und allein diese Tatsache sollte uns zufrieden werden lassen. Mir wurde klar, dass ich gesund war, Arbeit hatte, geliebt wurde, Freunde besaß und erfreute mich daran, dass ich mit jenen Gedanken den um mich herumschwirrenden Menschen um einiges voraus war.
Genauso schnell wie diese Gedankenzüge meinen Verstand überfallen hatten, verließen sie mich auch wieder, doch entsinne ich mich noch heute all dessen und rufe mir diese Erinnerung hervor, sobald ich mich dabei ertappe, unzufriedener zu sein, als ich es sein sollte.
Die generelle Ausrede, es gebe stetig Menschen, denen es schlechter ginge, ist ebenso unanständig. Denn es handelt sich dabei um eine These, von der ich die Antithese zu wissen behaupte. Mehr denke ich, dass es den Menschen schlechter geht, die sich an diesem Gedanken ergötzen ohne zu wissen, wovon sie überhaupt sprechen. Vielleicht geht es eben den ärmeren Menschen weitaus besser als uns, weil sie sich mit ihrem Leben, was als Geschenk angesehen werden sollte, zufrieden geben und weniger Ansprüche als manch ein anderer hegen.
Hierbei möchte ich ein weiteres Mal betonen, dass ich in meinem Essay lediglich von Bruchstücken der Zufriedenheit spreche, da die Zufriedenheit als ein Ganzes zu perfekt und zu komplex ist, um sie mit unseren ständigen und dabei mit der Zeit wachsenden Bedürfnissen zu erreichen. Zudem ist Zufriedenheit nicht mit Glückseligkeit, dem Empfinden von Glück, zu verwechseln. Wir können durchaus glücklich sein, wenn wir Spaß haben, weil wir unter Freunden sind oder in Spanien am Strand liegen. Dieses Gefühl des Gutgehens ist zwar Bestandteil der Zufriedenheit, doch hält das Glücksgefühl meist nur über vergleichbar kürzere Zeiträume und verfliegt schnell wieder, während Zufriedenheit existiert und nur durch außergewöhnliche Umstände wieder dem Platz weichen kann. (Zitat: Christian Morgenstern: „Sei mit dir zufrieden, außer etwa episodisch, so dass deine Zufriedenheit nur dazu dient, dich zu neuer Unzufriedenheit zu stärken.“)

_________________
- Unmöglich sind nur die Dinge, die man nicht tut - www.marisahart.de

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 11.02.2008, 02:46
Bärentante
 
Anmeldedatum30.05.2007
Beiträge624
Wohnortbei Frankfurt/M.


Meine dritte Antwort. Laughing Die vorherigen sind nicht sichtbar, die habe ich gleich wieder gelöscht.

Zufriedenheit, Glück, Trauer - Ich glaube, dass jeder Mensch dazu seine eigenen Definitionen hat.
Für mich ist Zufriedenheit nicht nur, "mit den gegebenen Verhältnissen einverstanden sein und nichts auszusetzen haben", sondern diese vorbehaltlos zu akzeptieren und sich daran auch noch zu erfreuen. Zufriedenheit kommt von innen, sie stellt sich nur ein, wenn man mit sich im Reinen ist. Notorische Meckerer werden nie auch nur in die Nähe kommen.

Über den folgenden Satz habe ich lange nachgedacht.
Zitat:
... da die Zufriedenheit als ein Ganzes zu perfekt und zu komplex ist, um sie mit unseren ständigen und dabei mit der Zeit wachsenden Bedürfnissen zu erreichen.

Meiner Meinung nach ist Zufriedenheit der Zustand, dass man eben nicht krampfhaft nach neuen Bedürfnissen "sucht", sondern auch einmal akzeptiert, was gegeben ist, und zwar ohne negativen Beigeschmack wie: das könnte ich mir sowieso nicht leisten, dafür bin ich eh zu dumm. Ein freiwilliger Verzicht - ohne darüber nachzudenken.
(Wobei natürlich das Wort "Bedürfnis" noch zu definieren wäre.) Wink

Das war jetzt allerdings keine Stellungnahme zu Deinem Text, die Du hören wolltest. Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll. Aber er hat mich zum Nachdenken angeregt, und das ist doch auch etwas, oder?

_________________
Liebe Grüße
Christel

BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 00:39
Phoenix-Nubigena
 
Anmeldedatum14.01.2008
Beiträge109
WohnortBremen


hey Bärentante,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Natürlich kann man diesen Essay drehen und wenden, wie man will. Ist ja auch schon etwas her, dass ich den geschrieben habe...in der 12. Klasse, glaube ich...also vor 3 Jahren oder so? *kein Zeitgefühl*
Zu jenem Zeitpunkt war das wohl meien Definition, obwohl ich den Essay noch immer sehr gut finde. Einiges würde ich weglassen, andere shinzufügen. Wer kannt das nicht? Vielen Dank auf jeden Fall für deine persönliche Meinung! thumb up

Lg Mari

_________________
- Unmöglich sind nur die Dinge, die man nicht tut - www.marisahart.de

BeitragVerfasst am: 13.02.2008, 11:13
Weasel
 
Anmeldedatum09.02.2008
Beiträge525
WohnortTönisvorst


Hey, ein gut durchdachter Aufsatz. Regt auch mich zum Nachdenken an und ich finde, du hast es geschafft, den Begriff "zufriedenheit" mit dem richtigen Inhalt zu füllen.

Gruß Weasel

Verfasst am:
 


Essay: Zufriedenheit
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