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Inoffizielle Textvorstellung Skipteuse Berlinroman

BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 19:29
skipteuse
 
Anmeldedatum30.05.2007
Beiträge507
WohnortPotsdam


Hallo Heinz! Wie versprochen hier: Allerdings ist es ein längerer Part an Auszügen, die auch noch nicht endgültig und fehlerfrei sind! In der Autorenlounge ist er erstmal nicht dem gesamten world wide web "ausgesetzt"..., deshalb nicht im regulären Therad Razz
Also, nur für den ersten Eindruck...

Freu mich über Interesse ...


Auszug aus Berlinroman … Barbara Schilling

Prolog

„Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben nicht mehr lang…"
Golgowski-Quartett 1954.

Am 30. Mai 1939 wurde ich in Berlin geboren. Am 1. September 1939 marschierten deutsche Truppen in Polen ein und begannen den Zweiten Weltkrieg.

Meine Mutter kam aus so genannten einfachen Verhältnissen, meinen Vater sollte ich niemals kennen lernen.
Der 30. Mai war ein milder Vorsommertag, doch meine damals 16-jährige Mutter litt Höllenqua-len. Sie wäre beinahe gestorben, zumindest kam es ihr so vor, bei meiner, nein, unserer Geburt. Denn ich hatte eine Zwillingsschwester. Sabine. Sie kam wenige Minuten vor mir zur Welt. Ein paar Tage lang schliefen wir in der Wiege nebeneinander, hörten die gleichen Stimmen, atmeten den gleichen vertrauten Duft nach Kohlsuppe und feuchten Tapeten. Wir wurden von denselben Händen gestreichelt und steckten in den gleichen leinernen Windeltüchern. Wir teilten die Mut-terbrust am Tage und das lauwarme Badewasser in der Zinnwanne am Abend.
Eines Morgens jedoch, als uns unsere Mutter aus dem Bettchen nehmen wollte, schrie sie ent-setzt auf. Sie stolperte zurück und blieb mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt stehen. Dann trat sie wieder an die Wiege heran und griff hinein. Fassungslos starrte sie auf das Baby, das steif in ihren Armen lag. Sabine war in der Nacht neben mir gestorben.
[…]

Von nun an war ich also allein. Natürlich nicht wirklich allein. Schließlich teilte ich die kleine Kellerwohnung in einem Arbeiterviertel mit unzähligen inzwischen „trocken gelegten“ Kneipen, Bergmannstraße Nr. 8, mit meiner jungen Mutter Anneliese und mit meiner dicken Großmutter Hedwig.

„Janze verdammte Bande! Meiner Enkelin brecht ihr nich die Beenchen! Hau bloß ab, du. Und lass dir hier ja nie wieder blickn, sonst…"
Meine sonst so friedliche Großmutter drohte mit geballter Faust dem Treppengeländer, denn die Frau vom Amt war längst hinaus auf den Hof geflohen.
Oma Hedwig hatte in den letzten Tagen die Briefe, die vom Jugendamt kamen, nicht einmal mehr geöffnet. In kleine Schnipsel zerrissen, waren sie kommentarlos in den Herd gewandert, auf dem immer eine Kanne Muckefuck kochte.
Als schließlich das Fräulein Stanke persönlich „in der Angelegenheit Helene Korritzke" bei uns vorbeigekommen war, hatte Großmutter ihr den härtesten Schemel hingestellt und nicht einmal ein Glas Wasser angeboten; schon bald hatte sie „Klartext“ mit ihr gesprochen, wie sie es nannte. Eiskalt hatte sie die junge Frau fixiert, die unter diesem Blick allmählich zu stammeln begann.
„Es ist doch nur zum Besten ihrer Enkelin. Also, wenn die Beine des Kindes erstmal gerichtet sind, findet sich alles andere von selbst. Und in diesem Alter, na ja, da wäre der Eingriff noch re-lativ umkompliziert."
„In diesem Alter?! Die Kleene is jerade mal drei Jahre alt! Kommt gar nich in Frage!"

Die Gefahr spürend hatte ich mich bereits beim Klingeln ängstlich in der Stube unter das schwe-re Eisenbett verkrochen und wie gebannt den erwachsenen Stimmen im Nebenzimmer gelauscht.
Aber ich verstand nicht, was sie sagten. So hatte ich im staubigen Dunkel gelegen und auf den einzigen schmalen Lichtstreif gestarrt, der unter der herunterhängenden Tagesdecke hindurch schien. Ich versuchte, mich nicht allzu sehr vor den in meiner Phantasie riesigen Spinnen zu fürchten, die sicherlich zu Dutzenden in meinem Rücken lauerten, während meine krummen Beine, um die es ging, sich trotzig gegen die kahle weiße Wand am Bettende stemmten.

Das Fräulein hatte sich verstohlen in der kleinen ärmlichen Küche umgesehen und schnell hin-zugefügt: „Sämtliche Kosten für die Operation übernimmt natürlich die Fürsorge."
Das war zuviel. Die Stimme meiner Großmutter hatte so heftig gebebt wie ihr gewaltiger Busen:
„Deshalb kommen Sie extra her! Ne, det gloob ick einfach nich. Dit kann doch nich Ihr Ernst sein! Im Leben nich´ werd ick erlooben, dat Sie und die feinen Herren Doktoren meine Lene zum Krüppel machen. Die Beene brechen und in Jips legen, damit se gerade werden. So´n Quatsch! Wenn ick dit schon höre. Ick sach Ihnen, die O-Beene wachsen sich janz von selba aus. Da braucht keener von denen kommen, die sich Ärzte schimpfen und Lenchen die Haxen rich-ten, damit sie anjeblich jerader wieder zusammen wachsen."
„Aber der Vormund …", hatte die Dame im grauen Wollkostüm schwach eingewandt.
„Hörn Sie mir bloß mit dem Vormund auf. Jar nischt hat der zu sagen, solange ick hier bin, jar nischt! Verstehense?!"
Die Fürsorgehelferin hatte einen letzten Versuch gestartet: „Aber das Amt hat schon…"
Meine Oma senkte den Kopf wie ein angriffslustiger Stier.
„Wat ham die schon jemacht?"
„Na, es hat bereits…."
Drohend wie der Eisberg vor der Titanic hatte sich meine imposante Großmutter von dem schweren, abgesessenen Sofa erhoben. Ihre Augen funkelten zornig und ihr Gesicht lief rot an - inklusive Doppelkinn.
„Na, da ihre Tochter ja noch nicht volljährig ist und Sie …", das Fräulein hatte hastig geschluckt.
„Vielleicht wird nächste Woche jemand kommen, der die Helene abholt", vollendete sie den Satz, während sie nervös ihre Handtasche umklammerte.
Meine Großmutter war explodiert vor Wut. Sie hatte mit der Faust auf die Spüle geschlagen, dass das Geschirr klapperte.
Meine Mutter fuhr erschrocken zusammen, bekam aber wieder Farbe ins Gesicht als wiederum ihre Mutter losdonnerte:
„Na, dit solln se mal versuchen! Da sollen se mal kommen, den’n werd ick et schon zeijen! Die werdn wat erleben. Dit janze Haus werd ick zusammentrommeln. Nee, Fräulein, nich´ mit mir. Dat können Se ihnen ausrichten. Und jetzt RAUS!"
Schnaubend hatte sie mit beiden Händen das bleiche Fräulein zur Tür hinausgeschoben.
„Sie werden schon sehn", hatte diese beleidigt zwischen zusammengepressten Lippen auf der Türschwelle gezischt.
Meine Oma schaffte es trotz ihrer geringen Körpergröße drohend auf das Fräulein hinab zu se-hen, die Arme in die breiten Hüften gestemmt:
„Hein?! Sie Würmchen wollen mir Angst machen? Dass ich nicht lache! Lene kriegen Se nur über meene Leiche, sach ick Ihnen. Erst müssen Se an mir vorbei!"

Die Fürsorge ließ nie wieder von sich hören.
[…]

Nach der bescheidenen Beerdigung saßen meine Mutter und ich ganz allein in der kleinen Wohnküche. Der Herd war kalt, der Muckefuck sollte im kommenden Winter oft in der Kanne gefrieren, weil nichts mehr zum Heizen aufzutreiben war. Ich saß auf dem Schoß meiner ver-zweifelten Mutter, die sich nun ganz allein wähnte auf der Welt, und sah ihr seit einer halben Stunde ununterbrochen beim Weinen zu. Schließlich ließ der Regen draußen etwas nach, ein kal-ter Wind kam auf und rüttelte an der Scheibe. Meine Mutter schnäuzte sich mit der einen Hand und streichelte mir mit der anderen über die Wange, ihre Finger rochen nach Erde und Seife.
„Wat solln wir denn jetzt nur machen, Lenchen?" fragte sie seufzend.
Ich schmiegte meinen Kopf an sie. Ich fühlte, dass sie keine Antwort erwartete. Sie drückte mich noch fester an sich und schniefte mir ins Haar.
Ich sah den Regentropfen zu, wie sie an der Fensterscheibe herunterrannen, wie sie sich in Bä-chen sammelten und schneller wurden, bis sie auf den Rahmen schlugen und dort eine neue läng-liche Gestalt annahmen.
„Kommt Omama denn gar nich´ wieder?" fragte ich verstört.
„Nein, mein Schatz, Oma ist jetzt im Himmel und sieht, alles, wat wir hier unten tun."
„Wirklich alles?" fragte ich erstaunt.
„Ja, sie ist immer bei uns. Sie passt auf, sie ist jetzt dein Schutzengel."
Meine Mutter wiegte mich - schon wieder leise schluchzend - hin und her wie ein Baby. Ihre Strickjacke fühlte sich weich und warm an auf meiner Haut und der Gedanke an meine Großmut-ter im Himmel beschäftigte mich, doch mein Magen knurrte unüberhörbar.
„Ick hab Hunger", flüsterte ich kleinlaut.
[…]

Immer wieder rissen mich die Sirenen, deren durchdringendes Heulen ich mein Leben lang nicht vergessen können würde, aus dem Schlaf. In dieser Nacht hob mich Inge, die beste Freundin meiner Mutter, aus dem Bett und zerrte mich hastig zur Tür. Ich wollte nicht weggehen, ich war so furchtbar müde und die Nachtluft war eiskalt.
Schlaftrunken stolperte ich in meinem kratzigen Wollmantel über dem Nachthemd an Inges Hand über den Hof und dann die die steile enge Treppe zum Luftschutzkeller hinunter. Doch plötzlich blieb ich stehen, mein Herz schien einen Schlag auszusetzen. Die Leute drängten wei-ter, doch ich stemmte mich entschlossen mit aller Kraft gegen die schweren Körper.
„Amelie! Ich habe Amelie vergessen", rief ich entsetzt. Sie musste in meinem noch warmen Bett liegen.
Inge sah mich ernst an. Sie ahnte, wie sehr ich meine Puppe, das letzte Geschenk meiner Groß-mutter, liebte. Die Leute wurden ungeduldig, schoben und stießen.
„Es ist zu spät. Du kannst´se jetzt nicht mehr holen."
Sie zog mich entschlossen weiter. Das konnte ich nicht glauben, ich schrie und strampelte, und um ein Haar wäre ich zwischen den Beinen eines großen Mannes entkommen. Doch Inge er-wischte mich in letzter Sekunde am Ärmel. Sie griff so fest nach mir, dass ihr Fingernagel split-terte, doch sie bemerkte es nicht. Mit bleichem Gesicht trug sie mich die letzten Stufen hinunter. Die Tür schloss sich, und wieder hörte ich das tiefe Brummen der Flugzeuge, die wie riesige Bienen den Himmel über Berlin durchzogen.
Wir saßen auf einer harten Holzbank neben ängstlichen Nachbarn, bekannten und unbekannten Gesichtern. Sonst saß ich immer mit meiner Mutter auf diesem Platz. Anders als die vielen ande-ren Nächte senkte sich nicht gnädig der Schlaf über mich. Zu deutlich fühlte ich die Lücke in meinen Armen - Amelie fehlte. Stattdessen saß ich steif auf meinem Platz und zählte wieder und wieder die Mauersteine der grauen Kellerwände. Längliche Backsteine, einer neben dem ande-ren, endlose Reihen, die sich im Dunkel verloren. Ich zitterte. Die Hand, die mir Inge auf die Schulter gelegt hatte, spendete nur wenig Trost. In einer Ecke gleich neben dem Stützbalken stand ein Akkuradio, das immer wieder schrecklich krächzende Laute von sich gab. Der Mann im Radio kündigte einen schweren Luftangriff der Amerikaner an. Eine Viertelstunde später hör-ten wir dumpfe Einschläge. Die Decke über meinem Kopf schien zu wackeln. Doch das sei nur Einbildung, versuchte Inge mich zu trösten. Die da draußen seien viel zu weit weg. Aber nah ge-nug, sagte mir mein Kopf, und ich machte mich ganz klein an Inges Seite.
„Amelie", dachte ich immer nur. „Amelie", was, wenn ihr etwas zustößt? In meinen Gedanken fielen schwarze Bomben auf unser Haus. Ich sah vor mir, wie Amelies Körper von umher flie-genden Splittern zerfetzt wurde und ihre blonden Locken qualmend verbrannten. Sie würde nicht einmal bluten, nur ihre Füllung würde herausquellen. Ich starrte mit aufgerissenen Augen auf die gegenüberliegende Wand, unfähig mich zu rühren.
[…]

Wir sprangen über Steinbrocken, überall häufte sich Geröll, selten nur fanden wir Spuren von Aufräumungsarbeiten. Wir betraten ein halbeingestürztes Haus, spitzten die Ohren, denn nicht selten hausten Waisenkinder, zu kleinen aus der Verzweiflung gefährlichen Banden zusammen-gerottet, in den Kellerräumen. Aber es war still, totenstill. Es roch nach Sand und trockenem Dreck. Brandspuren zeichneten die Wände; helle Vierecke verrieten, wo Bilder gehangen hatten. Die Flurdecke war zu großen Teilen eingebrochen.
Im oberen Stockwerk machten wir einen schrecklichen Fund: Ein Haufen Dreck brach zusam-men als wir über ihn kletterten. Ich stürzte zwei Meter in die Tiefe und schlug dumpf auf einer sackartigen Polsterung auf. Es war ein menschlicher Körper, eine weibliche Leiche in weiß-blauer Schürze war unter den Trümmern begraben gewesen, und ich war nach meinem Sturz auf ihr gelandet! Ich schrie und stieß panisch die dunkel verfärbte Hand von meinem Bein.
Gott sei Dank musste ich das Gesicht nicht sehen. Es war unter Zement- und Ziegelbrocken ver-borgen.

Dieses alptraumhafte Bild wurde bald von einem noch schrecklicheren verdrängt:
Herr Hugothal aus der dritten Etage hing eines Tages blau angelaufen in unserem Hausflur und ließ dunkel die Zunge heraushängen. Sein treuer, aber inzwischen erbärmlich abgemagerter Rauhhaardackel stellte sich auf den Absatz, sah in die Höhe zu Herrn Hugothal baumelnden Körper hinauf und jaulte herzzereißend, als man ihn aus der Wohnung heraus gelassen hatte. Un-ser Nachbar hatte sich um die Mittagsstunde einen Strick genommen und ihn mit einem See-mannsknoten am hölzernen Treppengeländer befestigt. Das andere Ende hatte er sich als Schlin-ge um den dünnen Hals gelegt und war in die Tiefe gesprungen. Als einzige verwirrende Nachricht hatte er eine Notiz auf dem Fußboden des Flures hinterlassen. Mit Kreide stand dort in wackeligen Buchstaben „Meine Ehre heißt Treue“ geschrieben. Es war der Leitspruch der SS, der bedingungslose Ergebenheit für Führer und Volk verlangte.

Meine Mutter fluchte, sie hatte gehofft, ein paar gute Kleidungsstücke zu ergattern, denn ich brauchte dringend einen Mantel, den sie daraus hätte nähen können. Ich aber war froh, dass wir keine Kleidung bekommen hatten, ich wollte nicht im Mantel vom toten Herrn Hugothal herum-laufen. Sicher hätte ich immer an seine aufgequollene dunkle Zunge denken müssen – so wie ich es jetzt tat, wenn ich das Mädchen aus der Flüchtingsfamilie in Herrn Hugothals gekürzten Man-tel die Stiege heraufkommen sah.
[…]

Ich wusste noch nicht, was das Wort Frieden bedeutete, ich kannte nur den Krieg, ahnte aber, dass es etwas mit ruhigen Nächten und unvorstellbar viel Essen zu haben musste.
[…]

Die letzte Kriegsweihnacht nahte. Wir ahnten es, doch niemand wusste genaues. Im Reichsfunk riefen die Sprecher zur Deutschen Weihnacht auf. Ich lauschte den Märchen, die Goebbels er-zählte. Meine Mutter und Inge hörten mit starren Gesichtern die Durchhalteparolen: Hitler halte noch geheime Wunderwaffen bereit, die die große Kriegswende und endgültig das dritte tausend-jährige Reich brächten.
„Wer´s glaubt, wird selig“, kommentierte Inge die Nachrichten. Meine Mutter drehte das Radio aus und stimmte „Leise rieselt der Schnee“ an.
Entgegen der Meldungen im Funk hatte die Rote Armee bereits das Reichsgebiet erreicht, wie wir aber erst in einigen Monaten erfahren sollten.
Von den zahllosen Luftangriffen, die viele deutsche Städte in Schutt und Asche gelegt hatten, waren wir zermürbt.
Am Abend des 24. Dezembers 1944 leuchteten "Christbäume" über den Häusern; die Lichter der Bomberstaffeln zeichneten sich gegen den dunklen Stadthimmel ab. „Von oben“ wurden Staniolschnipsel abgeworfen, wie glänzende Lamettafäden. Sie sollten das Radar stören. Inge lief trotz der Angst meiner Mutter hinaus, klaubte einige zusammen. Wir hingen sie an unseren improvisierten Weihnachtsbaum als Christschmuck.
[…]

Sie hatte einige der seltenen Lachfältchen um die Augen. Feierlich hängte sie mir - an einer di-cken Schnur befestigt - einen ganzen Leib Brot mit einer zerknitterten roten Schleife geschmückt um den Hals. Dieses gewaltige Graubrot war nur für mich allein bestimmt, ich konnte endlich so viel essen wie ich wollte! Ich machte große Augen und schaute auf meinen Schatz, der vor mei-nem Bauch baumelte.
„Juchu. Danke Mama!"
Langsam strich ich über den schweren rauen Leib, dessen Gewicht mich fast zu Boden zog; es war herrlich! Meine Mutter erzählte Inge, wie sie das Brot ganz frisch am selben Tag auf dem Schwarzmarkt gegen unseren letzten silbernen Bilderrahmen getauscht hatte. Mir kam ein Ge-danke, unwillkürlich musste ich schlucken. Ich schielte verstohlen auf die Kommode, wo der sil-berne Bilderrahmen gestanden hatte, so lang ich mich erinnern konnte. Jetzt hing meine zufrie-den lächelnde Großmutter auf dem bräunlichen Foto schutzlos an einem nackten Nagel an der Wand und sah uns beim Feiern zu. Bis abermals der Alarm erklang und wir wie bereits tausend Mal zuvor in den muffigen Luftschutzkeller flohen.
[…]

Im April 1945 marschierten russische Soldaten in Berlin ein. Sprengbomben rissen Häuser ent-zwei, verbreiteten Angst und Schrecken und kosteten viele Opfer. Im Nebenhaus wurde der Luftschutzkellereingang verschüttet. Das Bergungskommando konnte die meisten schnell durch einen anderen Zugang befreien, doch manche Menschen starben, weil sie nicht rechtzeitig ge-funden wurden und erstickten. Die Luft roch nach Staub und Furcht.

Gerüchten zufolge war der Bezirk Wedding zu Teilen schon besetzt; in unserem "Arbeiterbezirk" hätten viele Menschen die kommunistischen Soldaten anfangs noch jubelnd begrüßt. Inzwischen hörte man davon nichts mehr... Andere schreckliche Geschichten von der Rache der Sieger machten die Runde.
[…]

Inge und meine Mutter sahen sich an und dann umarmten sie sich doch. Einige Minuten lang hielten sie einander fest - schweigend, aus Angst, ein Wort könnte den mühsam errichteten Damm brechen. Schließlich löste sich meine Mutter verlegen aus der Umarmung und lief auf Socken um den Tisch herum.
„Ach, und ick kann dir nich´ mal einen Kaffee anbieten..."
Doch Inge reagierte nicht. Sie hatte sich wie früher auf unserem abgesessenen Sofa niedergelas-sen und sah minutenlang aus dem nun glaslosen Fenster.
„Der Krieg ist aus", sagte sie tonlos.
Es war plötzlich seltsam ruhig, die Stadt schien wie ausgestorben, die Zeit still zu stehen.
Es war Frühling. Es war Frieden.

„Und wat nu?" fragte meine Mutter leise, als sie hinaus auf die Trümmerberge sah.
Inge bewegte sich nicht, sie atmete kaum hörbar ein und aus.
„Jetzt mach´n wir weiter", sagte sie nachdenklich.
Sie drehte langsam den Kopf und sah mir zu, wie ich genüsslich einen Karamellbonbon nach dem anderen in den Mund schob.
„Einer muss doch weitermachen."
[…]

Fräulein Auerbach drehte sich um und begann der Klasse, den Buchstaben „A" zu erklären. Ich war tief beeindruckt, wie viele wichtige Dinge mit „A" beginnen: „Apfel", „Aufräumen", „Ab-waschen."
„Wer weiß noch ein Wort?" fragte die Lehrerin.
Anton brüllte „A-lauben" in die Klasse.
„Nein, das beginnt mit einem „E"“, erklärte Fräulein Auerbach bestimmt.
„Außerdem sollst du dich melden und nicht hineinrufen."
"Wieso "E-lauben"?", fragte mich Frieda verwirrt. Doch ich war zu beschäftigt, um ihr zu ant-worten, mir war gerade ein Einfall gekommen. Und zum ersten Mal meldete ich mich in der Schule. Der Gedanke, meiner Mutter und Inge davon zu berichten, ließ mich noch aufgeregter werden. Frieda starrte mich bewundernd an.
„Weißt du noch ein Wort, dass mit „A" bejinnt?"
Ich nickte und dachte dabei an Friedas Großvater. Mit heißen Wangen sagte ich auf Fräulein Au-erbachs Zeichen hin laut und deutlich und mit konzentrierter Miene: „Arsch."
Die ganze Klasse lachte.
[…]

"Du Frieda", fragte ich versöhnlich, "wie is´ denn dit mit dem Kinderkriejen eijentlich?"
"Also dit is doch janz klar", brüstete sich Frieda mit ihrem Wissensvorsprung.
"Hm und wie nun jenau?", bohrte ich weiter.
Frieda machte ein nachdenkliches Gesicht.
"Tja, die Erwachsenen, also Papa und Mama, müssen sich lieb haben und denn..."
Sie senkte beinahe unmerklich die Stimme und sah sich verstohlen um, ob uns auch niemand be-lauschte. Erst als sie sich unserer Ungestörtheit sicher war, fuhr sie mit geheimnisvoller Miene fort: "Und denn, denn küssen ´se sich."
Ich lauschte gespannt ihren Ausführungen und dachte an meine Mutter und meinen Stiefvater.
"Und wenn ´se sich streiten und nich küssen?"
Frieda überlegte kurz, dann antwortete sie überzeugt:
"Denn ooch. Du siehst bloß nich´ immer, wenn se sich küssen. Dit machen se heimlich..."
"Also wird man vom Küssen schwanger?"
"Ja, klar", nickte Frieda zustimmend.
[…]

Aus Mangel an einer ordentlich großen Tasche zog ich mit einem alten Kopfkissenbezug be-waffnet los, um an der Strecke entlang heruntergefallene Kohlen einzusammeln, doch die Kon-kurrenz an Sammlern war groß, obwohl dies natürlich streng verboten war.

Effektiver als das Sammeln, allerdings auch weitaus gefährlicher war das Aufsteigen auf die Waggons der Güterzüge.
Als ich den riesigen Waggon besteigen musste, war ich so aufgeregt, angeblich waren bereits in flagranti ertappte Kohlendiebe erschossen worden, dass ich vor Angst urinieren musste. Und zwar auf der Stelle. In Todesangst riss ich die Hose hinter und hockte mich mitten auf die Koh-len, um meine Blase zu entleeren. Gleich, dachte ich hektisch, gleich werde ich erschossen – mit runtergelassener Hose…
[…]

Sie wischte sich die Hände an der verblassten Schürze ab.
„Nein habe ick jesagt. Bring ihn sofort zurück."
Ich konnte die Tränen nicht unterdrücken.
Dieses Bild, wie ich jämmerlich heulend das junge Kaninchen auf meinem Schoss durchnässte, rührte meine Mutter zutiefst.
„Na gut", lenkte sie ein.
„Dieses eine Mal. Aber pass bloß auf, dass er keinen Ärger macht."
Mein freudiges Strahlen trocknete die Tränen auf meinem Gesicht. Ich drückte glücklich meine Nase in Muckis weiches Fell. Dann präsentierte ich ihn Julia und Gabriele, die beide sofort rest-los begeistert waren. Wir ließen ihn den Hausflur entlang hoppeln und versuchten ihm den Sommer über Kunststücke beizubringen. Leider vergebens, doch das machte uns nichts aus. Je-den Tag und bei jedem Wetter pflückte ich geduldig Grünzeug für unser Haustier. Mucki war so lieb und süß. Wir konnten stundenlang zusehen, wie er die frischen Blätter mampfte, die ich mühsam zusammengesammelt hatte. Er raspelte die Stiele durch und sein Kopf wackelte, wäh-rend er beinahe schneller kaute als man hinsehen konnte. Sein kleines Näschen zuckte und sei-nen Ohren stellten sich auf, wenn wir ihn streichelten. Er hatte schwarz-weiß geflecktes Fell und glänzende Augen. Er gedieh prächtig und nach zwei Monaten schon wurde sein Käfig zu klein.
Ich passte höllisch auf, dass er nichts anstellte. Als der große Mucki dennoch vor Ostern unver-hofft im Kochtopf unserer Mutter verschwand, hatten Julia und ich zwei Tage lang keinen Appe-tit.
[…]

„Es wird mit Recht ein guter Braten
gerechnet zu den guten Taten
(Wilhelm Busch)
Für meine liebe Tochter. Viel Erfolg mit dem Kochbuch wünscht dir deine Mutter, 12. Juni 1937“
[…]

„Hast du die Lebensmittelmarken genommen?"
„Nee, wieso?"

„Komm, wir suchen jetzt erstmal deine Schwester. Gabriele, Gabriele, wo biste?"
Schnell waren alle Zimmer durchkämmt. Doch Gabriele war nirgends zu entdecken.
Mein Blick schweifte im karg möblierten Schlafzimmer umher und blieb - am Wäschekorb hän-gen. Wütend und erleichtert zugleich griff ich in den Berg schmutziger Wäsche und zog unsanft mein ungezogenes Schwesterchen hervor.
„Wat machst du denn dadrin?" fragte Julia verblüfft.
„Wieso hast du nicht geantwort?! Wir haben uns solche Sorgen jemacht, Mensch!"
Gabriele sah keinen von uns an; ertappt war sie und stumm; sie hing wie ein Schluck Wasser in meinem Griff.
„He Gabriele, warum hast du dich versteckt?"
Ich setzte sie auf das Bett und hob ihren Kopf. Und da entdeckte ich, warum sie sich verkrochen hatte.
Mit großen treuherzigen Augen versicherte sie mir:
„Gabriele war´s nich´. War Julchen", während ihr noch die Papierfetzen der zerkauten Lebens-mittelmarken aus den feuchten Mundwinkeln hingen.
Trotz des Schreckens musste ich unwillkürlich lachen.
Julia war so verblüfft, dass sie ganz vergaß, sich zu verteidigen.
„Du hast die Marken uffjejessen?!", fragte sie ungläubig.
[…]

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Verfasst am:
 


Re: Inoffizielle Textvorstellung Skipteuse Berlinroman

BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 19:51
hawepe
 
Anmeldedatum15.04.2007
Beiträge1251
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Hallo Skipteuse,

skipteuse hat Folgendes geschrieben:
Hallo Heinz! Wie versprochen hier: Allerdings ist es ein längerer Part an Auszügen, die auch noch nicht endgültig und fehlerfrei sind! In der Autorenlounge ist er erstmal nicht dem gesamten world wide web "ausgesetzt"..., deshalb nicht im regulären Therad Razz


Hier steht der Text natuerlich ebenfalls dem WWW bereit. Anders waere es im Unterforum Mitglieder, weil dieses nur gelesen werden kann, wenn man angemeldet ist.

Ansonsten erst einmal nur Danke, ich bin gerade etwas im Stress, weil vermutlich die Festplatte des PC dabei ist, sich zu verabschieden und ich erst einmal recherchieren muss, wo sich morgen guenstig Ersatz herbekommen laesst.

Noch einen schoenen Sonntag abend,

Heinz.

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BeitragVerfasst am: 20.01.2008, 19:55
skipteuse
 
Anmeldedatum30.05.2007
Beiträge507
WohnortPotsdam


Oh, verstehe, denn sei wie es sei - danke nochmal für den Hinweis...
Hab auch nicht erwartet, dass du jetzt alles liest ... Wink War nur grad dabei ... Lieben Gruß und ich drück dir die Daumen wegen der Festplatte. Wir hatten heute auch schon genau damit Probleme, da lag es ganz simpel am Kabel.
Good luck!
Gruß an alle Autoren und Literaturinteressierte! Cool

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