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Känguru im Kopf

BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 21:23
Leilah
 
Anmeldedatum15.10.2007
Beiträge223
WohnortKassel


so lautet eigentlich der Titel einer kleinen Satire, die ich neulich mal geschrieben habe, aber mir geht es hier weniger um den Text selbst als um den etwas misslichen Sachverhalt, mit dem er sich beschäftigt: Die Wertschätzung (den Stellenwert) künstlerischer (literarischer) Arbeit in der Gesellschaft.
Manche von uns arbeiten ja (noch) nebenberuflich als Autor/ in; ich persönlich und einige, wenige Andere versuchen, sich ein Auskommen in der Kunst zu sichern, was, wie schon häufiger diskutiert, äußerst schwierig ist.
Aber welches Bild hat man vom Schriftsteller? Während er in Spielfilmen allzu gern zum Protagonisten gemacht und als Kulturschaffender verehrt wird, betrachtet man den "gemeinen" Autor doch wohl eher als arbeitsscheuen Wirrkopf.
Kennt Ihr auch diese fiese Über-Ich-Stimme, die Euch böse ins Ohr zischt, dass Ihr den ganzen Tag "nur" geschrieben habt, während andere etwas "Echtes" leisten?
Ganz schlechte Voraussetzung für kreatives Schaffen... Wink Was tut Ihr dagegen? Bitte ganz viele Tipps an mich!!!

Nun also: Känguru im Kopf

Manche Menschen haben eigentümliche Berufe. Manchmal sitze ich einfach da und muss plötzlich darüber nachdenken, dass so ziemlich alles, womit wir es im Alltag zu tun haben, auch mit irgendeinem Job verbunden ist. Irgendjemand, so geht mir dann durch den Sinn, muss ja die Hähncheninnereien herauspulen, in Tüten packen und wieder in die Hähnchenhintern hineinstopfen. Wie mag sich diese Tätigkeit wohl als Berufsbezeichnung nennen?
Andere wiederum kleiden tagein tagaus in der Fabrik spindeldürre Barbiepuppen mit Miniatur-Stöckelschuhen, -Dessous und -Röcken an. Was machst du eigentlich beruflich? Ja, weißt du, ich bin anziehend und habe ständig mit langbeinigen Puppen zu tun…
Wer friemelt wohl die winzigkleinen Lötnieten an die Drähte von Regenschirmen? Alle Jobs müssen eben von irgendjemandem getan werden.
Wenn ich die vielen Alternativen so bedenke, finde ich eigentlich, dass ich Glück habe. Ich habe beruflich nichts mit Hintern oder Barbieunterhosen zu tun und mit Nieten nur gelegentlich.
Mal schreibe ich Features, Glossen oder Reportagen für Zeitungen, dann wieder Kurzgeschichten, Satiren oder Gedichte für Bücher. Ein Roman war auch schon dabei. Das hat lange gedauert, war zermürbend und hatte manchmal den Spaßfaktor des Hähnchenhinternfüllens.
Wenn ich nun so dasitze und das mit den Berufen überdenke, stelle ich mir vor, wie der Hähnchenaushöhler seinerseits dasitzt und über meinen Beruf nachdenkt.
Möglicherweise entschließt er sich, den Meinigen angesichts seiner eigenen Tätigkeit gar nicht als ernsthaften Beruf zu akzeptieren. Ich könnte das durchaus verstehen - gerade heute Morgen wieder.
Was zum Beispiel soll ein Fließbandarbeiter, der um zehn Uhr morgens schon zum 7583. Mal den Akkuschrauber angesetzt hat, auch denken, wenn er mich um die Zeit regungslos vor einer dampfenden Tasse Kaffee und einem leeren Word-Dokument in meiner Schreibstube sitzen sieht: Mann, die schuftet aber wieder?
Ich würde vermutlich sagen: Ich denke! Und er würde denken: Das faule Stück träumt! Womit er genau genommen nicht so ganz unrecht hätte. Und ich auch nicht. Nur – wie soll ich ihm das plausibel machen?
Ich habe in den letzten Monaten ein Kinderbuch über einen schlappohrigen Hund geschrieben. Das hat Spaß gemacht und war manchmal auch anstrengend. Beides. Nun ist es fast fertig. Nur die Einleitung hat noch gefehlt, und die Lektorin wird allmählich ein wenig hektisch.
Deshalb habe ich heute in ehrlicher Vollendungsabsicht im Schreibzimmer gesessen, aus dem Fenster geschaut und gelangweilt gewirkt. Der kleine Fließbandarbeiter in meinem Über-Ich sagte ab und zu „faules Stück“, das war’ s. Keine Eingebungen. Keine Produktion.
Mein Blick klebte auf dem Garten vor meinem Fenster. In meinem „Schreibzentrum“ herrschte absolute Ruhe. Oh, war das leer, so still... bis auf diese sich nähernden, tapsenden Geräusche in weiter Ferne. Plötzlich sah ich, wie es quer über die Wiese angehopst kam, direkt auf mich zu. Es stützte den Kopf auf einen Arm und blickte mich interessiert durchs geöffnete Fenster an: „Meinst du mit Ruhe vielleicht Känguruhe?“, wollte es wissen und erläuterte kopfschüttelnd: "Das wäre aber völlig inkorrekt, denn mein Plural endet auf „s“, und außerdem sind wir der Rechtschreibreform zum Opfer gefallen und unseres „hs“ beraubt worden."
Ich erfuhr, dass es ein „Graues Riesenkänguru“, lateinisch Macropus giganteus, sei und vor dem Autorenberuf nicht die geringste Achtung habe.
Wir haben uns dann noch eine Weile über dieses und jenes unterhalten, wobei ich einräumen muss, dass Kängurus, gerade in umweltpolitischen Fragen, weitaus kompetenter sind als Autoren.
Schließlich verabschiedete es sich mit den Worten: „So, nun hast du ja hoffentlich was für deine Einleitung, und jetzt rutsch mir den Buckel runter!“ und düngte beim Weghopsen noch ausgiebig mein Tulpenbeet.
Wie soll ein Autor einem Fließbandarbeiter seine Tätigkeit erklären?

_________________
HörBuchKunst - Filmmusik - Prosa und Lyrik: Lauschen, schauen, staunen unter www.leilah-lilienruh.de!

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 24.05.2008, 22:13
Zoba
 
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Beiträge1296
WohnortSüden


Hi,

im Gegensatz zum Zeichnen und Malen erschöpft mich das Schreiben bis in Mark und Bein.

Ich meine wirklich: müde - ausgepowert - erschöpft, und das in einer Weise, wie mich physische Arbeit nicht erschöpfen kann. Wenn ich mein Tagespensum durch habe, dann geht nur noch Entspannen und Abhängen, nicht mal auf Sportliches habe ich noch Lust.

Es ist nachgewiesen, daß der Kalorienverbrauch bei intensiver Denkarbeit nicht wesentlich geringer ist, als der bei harter physischer Arbeit. Es ist auch nachgewiesen, daß ein intensiv arbeitendes Gehirn dem gesamten Körper Blut, Wärme (Kalorien) und Spurenelemente entzieht.

Die Antwort ist ganz einfach: man setze den Schichtarbeiter selbst vor ein Blatt Papier und lasse ihn eine Geschichte finden, Lösungen erarbeiten, Plausibilitäten prüfen und an Worten feilen. Danach wird er eine andere Meinung haben, als die von dir angesprochene.

Im Übrigen ist der Künstler an sich der heutigen Gesellschaft suspekt, insbesondere der deutschen (dieses Stigma existiert in der Form im Ausland absolut nicht!) bzw. deutschsprachigen. Hintergrund ist die seit der Industrialisierung stattfindende Gehirnwäsche darüber, was Arbeit ist und was nicht und daß der "wertvolle Mensch" geldwerte industrielle Arbeit zu erbringen habe. Oder anders gesagt: es handelt sich hier um die Auswüchse einer von der Geldgesellschaft uns aufgedrückten Religion. Nichts anderes ist dies nämlich.

Vor der industriellen Revolution bis zurück in die Steinzeit waren sowohl Künstler, Musiker, wie auch Geschichtenerzähler hochgeschätzte Persönlichkeiten, auf praktisch gleicher Stufe mit Priestern, Häuptlingen, Heilern und Schamanen. In einigen Kulturen ist diese Hochschätzung erhalten geblieben, so sieht mich niemand seltsam in den USA oder im UK an, wenn ich sage, ich zeichne, male und schreibe. Auch in Frankreich ist der "artiste" geschätzt und häufig sogar beneidet, selbst dann wenn seine Kunst brotlos ist.

Dies ist auch ein kulturspezifisches Problem.

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Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 25.05.2008, 07:43
Fabula
 
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Beiträge207
WohnortArnsberg


Hallo Leilah!
Diese Ambivalenz dem eigenen Schreiben gegenüber befällt wohl jeden Autor dann und wann. (Selbst der beste Koch ist nicht sicher, ob dem Gast der Braten mundet)
Die meisten Menschen haben Angst vor Dingen, die ihnen fremd sind. Dazu gehören Schriftsteller, die in den Augen der Umwelt 'anders' sind als die Masse.
Du hast keinen Grund, Dich zu verstecken.
Und:
"Was kümmerts den Mond, wenn der Mops ihn anbellt?"

Gruß
Fabula

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Von allen Geistern die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last
(Goethe, Faust )

BeitragVerfasst am: 25.05.2008, 11:54
mtg
Gast
 


Hallo Leilah,

eine sehr schöne Geschichte mit einem für mich absoluten Knallersatz:

Zitat:
Ich erfuhr, dass es ein „Graues Riesenkänguru“, lateinisch Macropus giganteus, sei und vor dem Autorenberuf nicht die geringste Achtung habe.


"Achtung" ist gar nicht das Wichtigste, was einem (in welcher Form auch immer) Berufstätigen entgegengebracht werden sollte, sondern Akzeptanz, Toleranz und Respekt. Nicht mehr - und nicht weniger. Insofern finde ich Dein (von der Rechtschreibreform so grauenhaft verstümmeltes) Känguru herzerfrischend ehrlich und normal.
Es gibt nur sehr wenige Menschen, die mit ihrem Beruf immer und jederzeit eins und zufrieden sind. Ich erlebe in den letzten Jahren immer öfter, dass sich festangestellte Freunde über ihren gut bezahlten Job aufregen - ad 1) aber nichts ändern und ad 2) mich darum beneiden, wie "frei" ich doch sei.

Papperlappschnickschnack.

Dass "Frei"berufler dem täglichen Zwang des nächsten Auftrages unterlegen sind, sehen sie nicht. Und wenn der nicht kommt, muss man "Plan B" versuchen - und wenn der nicht klappt, "Plan C". ist das eigentlich Freiheit?

Viele Mitglieder werden es wissen oder ahnen oder probiert haben: Wenn man freiberuflich arbeitet, ist man auf Seiten der Geschäftspartner von meistens den gerade erwähnten gut bezahlten, aber klagenden Menschen umgeben, die die abgelieferte Leistung kleinreden, um billiger davon zu kommen, mehr herauszuschlagen etc etc etc. Und meistens - naja, fast immer ... - sind es die Leute, die von der gelieferten Arbeit keine Ahnung haben, die aus ihrer Haut gar nicht herauskämen und wenn, sofort den Marsch in die Insolvenz antreten würden.

Für den Fließbandarbeiter, den kaufmännischen Angestellten, den Autor, den (you name it...) identisch gilt: Es kommt bei der Arbeit etwas heraus. Der Freiberufler/Selbständige kann sich das relativ selbst aussuchen, der fest Angestellte nicht.

Nach Deinen Zweifeln, die sich im Text wiederfinden, zu urteilen, ist Dir der Hühnerkleinherausnehmerundwiederhineinstopfer "überlegen", weil er eine "ordentliche" Arbeit macht. So etwas kannst Du nur sagen, wenn Du Hühnerfleich isst und potenziell in den Genuss der von ihm verfertigten Vorarbeit kommst. Was ist, wenn Du es ablehnst, Hühnerfleisch zu essen?

Oder mit Barbies zu spielen?
Oder mit Kohle zu heizen?
Oder Bücher zu lesen?
Oder Bilder aufzuhängen?
Oder - oder - oder?

Ist dann die entsprechende Arbeit noch "wertvoll" oder "ordentlich", obwohl Du nicht in ihren Genuss kommen willst? (Das meinte ich oben mit "Respekt")

Und wenn sich der Hühnerfleischaushöhler darüber wundert, dass Du morgens um 10 Uhr mit einem leeren Kopf vor einer Tasse Kaffee sitzt und nicht weiterkommst - fragt er danach, was Du nachts um 23 Uhr vor dem Computer machst, wenn er Bier trinkend in der Kneipe oder schlafend vor dem Fernseher sitzt?

Es ist einfach, sich darauf zu berufen, dass "die Anderen einen nicht gelten lassen". Das zeugt von innerer Unsicherheit und Unfertigkeit. Das kann man hier an verschiedenen Stellen in etlichen Threads deutlich nachlesen.

Um auf den Anfang zurückzukehren: Es gibt genügend Leute, die glauben etwas Besseres zu sein, weil sie einer (freiberuflichen/kreativen/ungewöhnlichen...) Arbeit nachgehen - oder zumindest so tun. Diese Menschen treten dann aber auch entsprechend "wichtig" auf ... und erwarten "Achtung" von Anderen, weil sie keine Achtung vor sich selbst haben, sondern nur ein fälschlicherweise übersteigertes Selbstwertgefühl. Dass diese Menschen nicht ernstgenommen werden können, versteht sich fast von selbst...

Achtung vor sich und seiner Arbeit - Respekt vor dem Anderen und seiner Arbeit - und allen wäre gedient. Aber letztlich sind Selbstzweifel immer Motor der Entwicklung...

Das ändert aber nichts daran, dass Du Deine Gefühle in einen wunderbaren Text verpackt hast, zu dem ich Dir herzlich gratuliere. thumb up


Zuletzt bearbeitet von mtg am 25.05.2008, 14:57, insgesamt einmal bearbeitet

Verfasst am:
 


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BeitragVerfasst am: 25.05.2008, 13:16
skipteuse
 
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Beiträge1123
WohnortPotsdam


Hi, schöner Text, tolle Bilder und Wortspiele thumb up

Ich denke, gerade als Freiberufler hast du es, neben vielfältigen anderen Schwierigkeiten mit einer der gefährlichsten, weil dir ständig auflauernden, Bestien überhaupt zu tun: (fehlender) Selbstdisziplin ... angle
Als dein eigener Chef musst du dir auch selbst(ständig) in den Hintern treten ... zwinker

Gruß von Barbara

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BeitragVerfasst am: 25.05.2008, 22:02
Leilah
 
Anmeldedatum15.10.2007
Beiträge223
WohnortKassel


Mensch, Ihr habt Euch ja teilweise auch sehr intensiv mit der Materie auseinander gesetzt. Danke vorab schon mal für die durchdachten Statements.

@Zoba: Keine Frage, auch ich finde das Schreiben oft wahnsinnig anstrengend und auslaugend. Wenn ich mich ausruhen möchte, gehe ich in den Garten und schufte körperlich. Und trotzdem ist da dieses fiese Gefühl, das mir sagt: "Schreiben ist keine richtige Arbeit." Genau da liegt ja der Knackpunkt. Mir ist selbst bewusst, wie widersinnig dieses Denken ist, aber ich kann' s nicht wirklich abstellen.
Ein liebes Lob für eine gelungene Lesung oder eine schöne Komposition reißt mich gerade mal zwei Tage aus den Zweifeln heraus, dann fühle ich mich schon wieder beinahe wie ein Nichtsnutz.

@skipteuse: Mit der Selbstdisziplin habe ich zum Glück keine Probleme. Eher im Gegenteil. Ich neige oft zur exzessiven Selbstausbeutung der eigenen Kräfte und finde kein Ende. Wahrscheinlich nicht verwunderlich mit der Furcht im Nacken, die künstlerische Tätigkeit sei anderen Berufen nicht gleichwertig.

@Fabula: Genau das ist die Einstellung zu der ich sicherlich kommen muss, aber es vermutlich nie schaffen werde. Ich mag das Selbstverständnis, das aus Deinen Worten spricht. Und klar: Neben der Ambivalenz unserer gesellschaftlichen Stellung gegenüber plagt uns Schreibende natürlich häufig auch noch der Zweifel am eigenen Werk. Was letzteres ja zum Teil auch als gesunde Selbstkritik gewertet werden kann und förderlich für die Arbeit ist.

@Mathias: Vor allem bei Dir finde ich viele analytische Denkansätze, die mein Kernproblem sehr genau treffen. Trotz einiger Berufserfahrung (mit auch ein paar guten Ergebnissen, sonst könnte man ja als Freiberufler nicht leben) quält mich in der Tat noch immer und immer wieder eine gewisse Unsicherheit über meinen Status, eine Art Rechtfertigungsdruck.
Nachdem ich Deine absolut stimmige Antwort gelesen hatte, habe ich wieder einmal lange über die Ursachen meiner Unsicherheit nachgegrübelt und glaube, dass es bei mir so ein ungutes Konglomerat ist: Zum Einen habe ich wohl selbst zu sehr die von Zoba erwähnte Arbeitsdefinition der modernen Leistungsgesellschaft internalisiert, zum Anderen wurde in meiner Familie von jeher jede Form beruflicher, künstlerischer Tätigkeit herabgewürdigt. Die Tochter sollte zwar fleißig ihre Instrumente üben und sich Kenntnisse über Literatur, Kunstgeschichte etc. aneignen, aber beruflich war eher ein Posten im gehobenen Beamtendienst bzw. in der Wissenschaft vorgesehen. Nach der Zeitungsausbildung und selbst noch nach dem zweiten Hörbuch hieß es: Und wann suchst Du Dir endlich eine richtige Arbeit?
All die guten Argumente (die ich mir selbst auch oft vor Augen halte), warum natürlich auch die freiberufliche, schreibende Arbeit Anerkennung verdient, können auf solchem Nährboden nur schwer fruchten.
Und so kämpft die intellektuelle Einsicht in die Zusammenhänge der Dinge ein Leben lang mit den mäkelnden Stimmen aus dem Über-Ich, die man sooo schwer loswird. Das ist einer erfüllenden, kreativen Arbeit echt abträglich und lähmend.
Leider berichten mir recht viele Künstler unserer Generation, dass es ihnen ähnlich geht.
Auch, was Du über das Verhältnis von Freiberuflern und abhängig Beschäftigten sagst, kann ich in jeder Hinsicht nur hundertprozentig bestätigen. Häufig spürt man so etwas wie Neid über die angebliche große "Freiheit" und "viele Freizeit" gepaart mit der geheimen Gewissheit selbst niemals so viel Disziplin und Eigeninitiative aufbringen zu können und so einer naserümpfenden Arroganz über den Status des Künstlers. Neulich bei einem Abiturienten-Klassentreffen: "Aber Du warst doch immer so gut in der Schule. Wir dachten Du wirst mal was ganz Tolles." Autsch.

Ich fürchte, mein persönlicher Kampf ums berufliche Selbstbewusstsein wird noch eine ganze Weile dauern und ich muss da noch viel von Euch Kollegen lernen, was ich auch gern tue.
(Dankeschön übrigens auch fürs nette Lob übern Text. Rolling Eyes )
Liebe Grüße
Leilah

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BeitragVerfasst am: 26.05.2008, 09:34
Zoba
 
Anmeldedatum23.11.2007
Beiträge1296
WohnortSüden


Hi Leilah,

auch wenn es etwas anstrengend zu lesen ist, empfehle ich dir dringend diese Lektüre:

http://www.krisis.org/diverse_manifest-gegen-die-arbeit_1999.html

Sie ist durchaus geeignet, Mechanismen zu durchschauen, die weit über oktroyierte Arbeitsreligion hinausreichen. cool

_________________
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 26.05.2008, 10:08
mtg
Gast
 


Liebe Leilah,

Zitat:
@Matthias: Vor allem bei Dir finde ich viele analytische Denkansätze, die mein Kernproblem sehr genau treffen. Trotz einiger Berufserfahrung (mit auch ein paar guten Ergebnissen, sonst könnte man ja als Freiberufler nicht leben) quält mich in der Tat noch immer und immer wieder eine gewisse Unsicherheit über meinen Status, eine Art Rechtfertigungsdruck.

Ich habe es in dieser Frage leichter als Du, denn ich entstamme einer Familie von Musikern und bin der Einzige, der beruflich "etwas Richtiges" Razz macht (ich habe Marketing studiert) - obwohl mein Beruf auch sehr musisch geprägt ist. Aber ich kann nachvollziehen, was Du meinst, denn bei mir war es früher die Umgebung (Mitschüler etc.), die mich ob meiner Herkunft schräg ansahen. Als ich neulich 30jähriges Abiturtreffen hatte, wussten übrigens alle von meinem Buch - und äußerten sich positiv ... das hat mich doch beeindruckt.

Zitat:
Nachdem ich Deine absolut stimmige Antwort gelesen hatte, habe ich wieder einmal lange über die Ursachen meiner Unsicherheit nachgegrübelt und glaube, dass es bei mir so ein ungutes Konglomerat ist: Zum Einen habe ich wohl selbst zu sehr die von Zoba erwähnte Arbeitsdefinition der modernen Leistungsgesellschaft internalisiert, zum Anderen wurde in meiner Familie von jeher jede Form beruflicher, künstlerischer Tätigkeit herabgewürdigt.

Nein Leilah, das glaube ich so nicht ganz. Du lässt Dich nämlich offensichtlich von Leuten beeindrucken, die eloquent die Schuld oder die Begründungen immer bei Anderen suchen und selbst vor weltverschwörerischen Befürchtungen seitens des Wetterberichtes nicht zurückschrecken. Die "von Zoba erwähnte Arbeitsdefinition der modernen Leistungsgesellschaft" gilt nämlich nur so lange, wie man sie zulässt. Auch das kürzlich eingestellte Manifest von 1999 ist einer der wunderbar theoretischen Versuche, die Welt zu verändern. Nur ist es bei allen Theoretikern immer bei der Idee geblieben - nicht ein einziger Versuch wurde je - selbst halbherzig - gestartet. Das sollte zu denken geben. Wer solche Ratschläge gibt, gehört für mich zu den Eunuchen: Er weiß, wie man es macht - aber kann es nicht selbst.

Das mit der Familie wiederum ist ein Punkt, den man nicht wegdiskutieren kann - aber es gibt genügend Punkte, an denen sich Familien auseinanderdividieren können und trotzdem wird aus allen Beteiligten etwas - nämlich das, was sie am besten können/liebsten mögen etc.

Trotzdem bleibe ich bei einer meiner früheren Aussagen: Unsicherheit ist in kreativen Berufen kein Problem, sondern eine Chance. Sie zwingt Dich, Dich mit Deiner Situation auseinanderzusetzen (etwas, was übrigens viel zu wenig Menschen machen) und daraus etwas Neues entstehen zu lassen - was letztlich nichts anderes heißt, als dass Du Dich entwickelst. Du musst nur diese Chance als Chance begreifen und darfst Dich nicht von der Unsicherheit lähmen lassen.

Zitat:
Leider berichten mir recht viele Künstler unserer Generation, dass es ihnen ähnlich geht.

Das hat mit "unserer" Generation nicht viel zu tun, das war schon immer so und wird immer so sein. "Künstler" sein heißt immer, sich gegen etwas zu stellen (außer man macht Mainstream...) - und das kostet Kraft. Wer aber glaubt, dass er ohne Kraftaufwendung genauso weit kommt, der irrt - und hat die beschriebenen Probleme...

Zitat:
Ich fürchte, mein persönlicher Kampf ums berufliche Selbstbewusstsein wird noch eine ganze Weile dauern und ich muss da noch viel von Euch Kollegen lernen, was ich auch gern tue.

Leilah, alles was Du hier bislang eingestellt hast, zeigt doch die Richtigkeit Deiner Entscheidung, Dich auf künstlerischem Gebiet zu betätigen. Daraus kannst Du schon viel Selbstbewusstsein saugen - Du musst es nur zulassen
Smile thumb up

BeitragVerfasst am: 26.05.2008, 17:42
Leilah
 
Anmeldedatum15.10.2007
Beiträge223
WohnortKassel


Oh, Matthias,
gerade habe ich kapiert, dass ich Dein zweites "t" unterschlagen hatte und bitte dafür um Verzeihung.
Also, ich weiß nicht, ob es Dein Naturell ist und/ oder ob Du genau das Passende studiert hast, auf jeden Fall verstehst Du es super, Deine Mitmenschen aufzubauen. Das ist eine klasse Fähigkeit, die ich z. B. sehr schätze. thumb up
Bin zwar selbst auch keine, die ewig lamentiert und trübe in die Welt schaut, aber ab und zu brauche ich einen kräftigen Vorwärtsschubser, damit ich nicht die Orientierung verliere im künstlerischen Gefühlschaos, das, zum Glück temporär sehr begrenzt, bei mir auftritt.
Ich hoffte wohl immer, Selbstbewusstsein und Erfolg im Beruf würden proportional zueinander ansteigen, aber das muss man sich wahrscheinlich manchmal breiter erarbeiten. dozey

Ich lasse Deine Worte mal ordentlich sacken und bastele an meiner persönlichen "Wohlfühlstrategie". (He, klingt das jetzt nicht auch ein bisschen marketingmäßig? Aber Marketing ist ja auch zu einem guten Teil Psychologie, nicht wahr?).

Auf jeden Fall danke fürs Anschubsen und liebe Grüße
Leilah

_________________
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BeitragVerfasst am: 26.05.2008, 17:51
mtg
Gast
 


Oops ... redface danke!

Und: "Wohlfühlstrategie" ist genau der richtige Weg Smile
Känguru im Kopf
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