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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa » Nobelpreis für Wodkakonzentrat
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Nobelpreis für Wodkakonzentrat

BeitragVerfasst am: 07.03.2008, 21:25
arno63
 
Anmeldedatum12.12.2007
Beiträge142


Wie die kasachische Nachrichtenagentur „Nastrovje Prawda“ (NP) meldet, hat ein kleines und bisher unbedeutendes sibirisches Dorf den alternativen Nobelpreis für nachhaltige Agrarwirtschaft erhalten - zusammen mit dem inzwischen emeritierten Professor Prostowski von der Universität Delirowskaja. Den Preis von 500 Euro, verliehen für die nachhaltige Züchtung einer stark alkaloidhaltigen Weizenart, teilt sich das Dorf mit besagtem Professor.

Laut NP erfuhr das schon zu Stalins Zeiten im Zuge der damaligen „Väterlichen Siedlungsoffensive“ von freiwilligen Häftlingen aus dem Wolgagebiet und begnadigten Politbüromitgliedern gegründete Dorf per Einschreiben schon drei Wochen nach der Verleihung von der überraschenden Ehrung.

In einem direktem Telefonat mit dem Nobelpreiskomitee - so NP - zeigte sich der Dorfvorsteher, Enkel eines ehemaligen Innenministers unter Stalin, wenig überrascht.
Er wies auf die Planmäßigkeit des kollektiven Züchtungserfolges seitens der Dörfler hin.

Jede Woche hätten sie konsequent gleich nach der LKW-Lieferung der Wodkakisten am Rande ihrer Weizenfelder intensiv gefeiert, um nach einiger Zeit zu beobachten, wie aus dem festgetretenen Boden eine Weizenart mit besonders harten Ähren wuchs. Als Nachkömmlinge ehemaliger Gulag-Häftlinge sei ihnen der Überlebenswille diese Weizenart aufgefallen. Er selbst habe sofort an seinen Großvater gedacht und auch zum Wohle des russischen Volkes seinen Freund, den Professor Prostowski, benachrichtigt, der intensiv wissenschaftlich an der „Maximierung und nachhaltigen Verwertung pflanzlicher Nebenprodukte unter besonderer Berücksichtigung der Volkernährung“ arbeitete.

Der Freund habe sich nach eingehender Untersuchung der Körner sehr erfreut gezeigt, dass wiederholt so viel Wodka verschüttet worden war. Seine minuziöse universitäre Labor-Expertise habe schließlich ergeben, dass die neue Weizenart besonders intensive Alkaloide in ihre gestärkte Genstruktur aufgenommen habe. Er als Dorfvorsteher sei stolz und freue sich mit seinen Dorfbewohnern und dem gesamten russischen Volk auf ein natürlich erzeugtes Wodka-Konzentrat, das man nur mit Wasser aufzufüllen brauche.
Deshalb hoffe er auch, dass der Staat noch bis Ende dieses Jahrhunderts eine Wasserleitung zum Dorf legen werde.

Er habe außerdem sein Dorf auf wiederholten Antrag bei Putin umbenennen dürfen in Jelzinworodowsk, im heroischen Gedächtnis an den ehemaligen Präsidenten, der das flüssige Derivat des Weizens besonders hoch in Ehren hielt. Es sei jedoch sehr schade, dass Jelzin das Wodkakonzentrat nicht mehr erleben durfte. Viele internationale Konferenzen wären dann inspiriert zu einem noch schnelleren Abschluss gelangt.

Zum Ende seines Telefonats dankte der Dorfvorsteher - laut NP - dem Komitee berücksichtigt zu haben, dass die für den Zuchterfolg geleerten Wodkaflaschen in einer Gemeinschaftsaktion des Dorfes gesammelt, aufgetürmt und übergrünt wurden. So sei der Hügel „Noblwodkaskoje“ entstanden, mit Aussichtsplattform und Hinweistafel, besonders für zukünftig zu erwartende Alternativ-Touristen.

Ein Interview mit Professor Prostowski war nicht erhältlich, da er als Jude inzwischen nach Israel ausgewandert ist und seinen Aufenthalt geheim hält. In einem Fax teilte er inzwischen mit, seine Auswanderung hänge damit zusammen, dass er Morddrohungen erhalten habe von Seiten der Spirituosen-Industrie, die aufgrund des neu entwickelten Konzentrates um ihren Umsatz fürchtet. Seine Familie sei in Gefahr gewesen.

Er hoffe aber, dass Russland neben Gas und Öl nun auch ohne sein weiteres koscheres Mitwirken und aufgrund seiner spirituellen Neuerung konzentrierten Wodka in die EU exportieren und somit seinen traditionellsten europäischen Kulturbeitrag noch steigern könne.
Er freue sich seiner vaterländischen Verpflichtung nachgekommen zu sein und verbleibe mit freundlichen Grüßen.

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Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrad aufrecht stehen können.

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 08.03.2008, 06:43
hwg (Moderator)
 
Anmeldedatum24.04.2007
Beiträge2851
WohnortA 8786 Rottenmann


Wären da nicht "Stalins väterliche Siedlungsoffensive" und "Gulag-Häftlinge", ich könnte hellauf lachen. Jedenfalls ein prima gelungener
Text!

BeitragVerfasst am: 19.03.2008, 23:16
arno63
 
Anmeldedatum12.12.2007
Beiträge142


Danke dir, Hans, dass dieser Versuche einer Satire dir gefallen hat.

Vielleicht ist die ironische Anspielung auf Stalins Massendeportationen als "Väterliche Siedlungsoffensive" nicht so ganz gelungen. Ich hatte nur im Kopf, dass Stalin - neben Hitler, Mao und Pol Pot eines der Ungeheuer der Jüngeren Geschichte - noch heute von sehr vielen Russen als Väterchen Stalin verehrt wird (und sich ja auch damals in der Propaganda so darstellte).
Das ist für eine nicht-russische Seele schon satirisch zu sehen.

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Manche haben eine so dicke Haut, dass sie ohne Rückgrad aufrecht stehen können.

BeitragVerfasst am: 21.03.2008, 17:42
Nifl
Gast
 


Hallo Arno63.

(Kommentare nicht gelesen)
Du siehst mich breit grinsen. Ein sehr witziger Text in sicherer Diktion verfasst. Super!
Saubere Detailarbeit. Es beginnt schon mit den Namen: Professor Prostowski, Universität Delirowskaja, „Nastrovje Prawda“, Jelzinworodowsk usw. … sehr witzig.

Bei jedem weiteren Lesen entdeckt man neue, spitzfindige Komik.
Dabei hast du stringent den berichtenden, "nüchternen" Stil durchgehalten, ohne albern zu werden.
Eine tolle Satire mit herrlichen Überzeichnungen.

LG
Nifl

Verfasst am:
 


Nobelpreis für Wodkakonzentrat
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