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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa » November
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November

BeitragVerfasst am: 27.04.2007, 13:52
dbs
Gast
 


November (Anm.: eine unveröffentlichte Schreibübung)

Die Leute im Dorf hatten mich gewarnt. Es sei gefährlich, durch den Wald zu gehen, jetzt, zu dieser Jahreszeit, bei diesem Wetter. Aber ich hatte nur gelacht, die Leute als Angsthasen bezeichnet, und war, alle Warnungen ignorierend, fröhlich pfeifend davongestiefelt.

Inzwischen war mir das Lachen - und das Pfeifen - längst vergangen.
Irgendwo mußte ich im Wald eine Abzweigung, einen Pfad übersehen haben, oder ich war einfach dem falschen Weg gefolgt. Das wäre mir nie passiert, wenn da nicht plötzlich dieser Nebeldunst aufgestiegen wäre. Obwohl der Tag noch nicht vergangen war, konnte ich kaum mehr als zehn Schritte weit sehen. Und es war kalt geworden, irgendwie unnatürlich kalt. So kalt muß es in einem Grab sein, schoß es mir durch den Kopf. Ich fror, und unwillkürlich zog ich den Mantel enger um den Körper.

Plötzlich schrie ein Kind, hell und hoch. Ich verharrte, lauschte, dann hob ich den Kopf. Nein, kein Kind, flüsterte ich mir zu, ein Vogel, nur ein Vogel, irgendwo da oben in den Bäumen.

Langsam ging ich weiter, setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Der Waldboden war weich und federnd, gab unter meinem Gewicht leicht nach, um - kaum dass der Fuß fort war - die kleine Senke wieder zu schließen. Kein einziger meiner Schritte gab ein Geräusch von sich. Der Nebel schien jeden Klang zu schlucken, noch bevor er an mein Ohr drang.
Ich drehte mich um, blickte den Pfad entlang, der mich tief in diesen Wald geführt hatte. Nebelfetzen trieben über den Weg, fingen sich im tiefen Geäst der Bäume, versperrten mir den Blick. Ich schaute auf den Waldboden. Nichts, nicht die kleinste Spur verriet, daß ich dort vor wenigen Sekunden entlang gegangen war - kein Sohlenabdruck, kein geknickter Zweig, nicht einmal die kurze Schleifspur, die ansonsten immer der Absatz meines Schuhes hinterlässt, war zu sehen. Der Wald hatte alle Spuren getilgt.

Sollte ich umkehren? Zurück ins Dorf? Hohn und Spott ertragen? Nein, sagte eine Stimme in mir, es gibt keine Geister, nur Aberglauben. Und mein Kopf bezwang meine Beine.

Der Nebel wandelte sich in Niesel. Feuchtigkeit stand wie glänzende Perlen auf meinem Mantel und schimmerte im letzten Licht der fahlen Sonne. Der Pfad wurde schmaler und feuchter. Das Gehen machte Mühe, und jedes Anheben der schmutzbespritzten Schuhe wurde von einem leisen Schmatzen begleitet, gerade so, als würde der Wald sich auf eine Mahlzeit freuen.

Der Regen nahm zu und tropfte auf meine Schultern. Ich kämpfte mich weiter, tiefer in den Wald hinein. Unter meinen Füßen quoll schwarzes Sumpfwasser hervor, schwappte hoch bis an die Knöchel und lief mir in die Schuhe. Es fühlte sich kalt und klebrig an. Und es stank. Es roch faulig, nach Schimmel, nach nassem, vergammeltem Holz - und nach Aas.
Der Regen rieselte von den Ästen und Zweigen auf mich herab. Im Unterholz raschelte es. Irgend etwas kroch und sprang da, vor mir, neben mir, überall. Ich fühlte, wie mir die Angst die Hosenbeine hoch kroch und sich in meinen Gedärmen breit machte. Meine Beine versagten den Gehorsam. Ich stand wie versteinert, lauschte den Geräuschen. Der Wind stöhnte hohl und heiser in den Bäumen. Da war noch etwas. Etwas wie ein Wispern.

“Wir kommen dich holen”, flüsterte es. “Wir werden dich jetzt holen.”

Aus dem Unterholz schienen mich plötzlich Dutzende gelber Augen anzustarren, kalt, flackernd und gierig. Dann knackte etwas. Laut und nah.

Ich rannte. Ich lief davon, ohne auf den Weg zu achten. Zweige peitschten mein Gesicht, rissen kleine Wunden in die Haut. Ich rannte durch den sumpfigen Wald. Der Matsch spritzte hoch. Irgendwann verlor ich einen Schuh. Ich achtete nicht darauf. Ich wollte nur weg, raus aus diesem Wald, in dem es um mich herum stöhnte, quakte, knackte. Und wie ich so davonrannte, verfolgte mich ein irres Gelächter.

Ich lief davon, ohne zu sehen wohin. Der Regen traf mich mit schweren Tropfen. Mein Atem ging keuchend, und mein Herz schlug schmerzhaft hoch im Hals. Erst als ich in der Ferne das Licht des mir wohlbekannten Dorfes erblickte, hatte meine Flucht ein Ziel. Mit schnellen, trommelnden Schritten lief ich darauf zu.

Am nächsten Tag, es war wieder später Nachmittag, saß ich in der Dorfschänke, den Rücken an den wohlig warmen Kachelofen gedrückt, und trank in kleinen Schlucken einen vorzüglichen Branntwein. Der scharfe Alkohol wärmte mich von innen und vertrieb langsam die Grabeskälte, die noch immer tief in mir saß. Ich blickte durch das Fenster hinaus zum Wald, der sich dunkel und nebelverhangen am Horizont erstreckte. Auf der Straße unterhielt sich ein junger Wandersmann, der wohl fremd in der Gegend war, mit einem der Dorfbewohner. Der Bursche lachte, packte sein Bündel und seinen Stecken und marschierte mit festem Schritt den Weg hinunter auf den Wald zu. Ich sah zum Himmel hinauf. Es lag wieder Regen in der Luft.


Grüße
Siegfried

Verfasst am:
 


November
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