 | Olivers Schwester |  |
Verfasst am: 30.04.2008, 20:52 |
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| chiquitita |
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| Anmeldedatum | 21.09.2007 | | Beiträge | 249 | | Wohnort | Allgäu |
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diese Geschichte ist wirklich geschehen (leider)
Olivers Schwester
Ich rase in Windeseile durch die Stadt. Mein Gott, hoffentlich geht das nicht im Auto los. Vor einer Viertelstunde klingelte meine Nachbarin, Frau Schneider, an meiner Haustür.
„Frau Kramer, ich glaube, es geht los“, sagte sie und deutete auf ihren fülligen Bauch. Ich weiß, dass ihr Mann auf einer Geschäftsreise in London ist.
„Aber ist das nicht zu früh?“ frage ich.
„Ja, siebter Monat“, sagt sie. „Können Sie mich ins Krankenhaus begleiten?“
Natürlich kann ich. Die Ampel schaltet auf gelb, dann rot. Egal, ich muss noch drüber. Ich habe keine Ahnung von Geburtshilfe.
Im Krankenhaus angekommen, fällt mir ein Stein vom Herzen. Das wäre geschafft! Ein junger Arzt kümmert sich sofort um die werdende Mutter, leitet alle nötigen Untersuchungen ein und bittet mich, noch zu warten bis alle Formalitäten erledigt sind. Erschöpft lasse ich mich auf einen der Stühle im Gang fallen.
Auf dem Flur herrscht reges Treiben. Leibhaftig habe ich nun die Männer vom Typ „werdender Vater“ vor mir. Eigentlich kannte ich sie bisher nur von den Witzzeichnungen. Einer zündet sich gleich zwei Zigaretten auf einmal an, der andere wird gerade wieder in den Kreissaal gerufen, den er vor einigen Minuten kreidebleich verlassen hatte. Er streicht sich die Schweißperlen von der Stirn. Irgendwie steht die Frage auf seinem Gesicht: Wie lange dauert denn das ganze Theater noch?
Gegenüber ist eine sehr geistreiche Unterhaltung im Gange.
„Das wievielte ist es bei Ihnen?“
„Das Erste.“
„Na ja, beim Vierten, wie bei mir, hat man Routine“. Im gleichen Atemzug verschüttet er allerdings die Hälfte seines Kaffees, als sein Name aufgerufen wird.
In einer Ecke sitzen zwei weinende Frauen. Für eine Geburtsstation eine eher ungewöhnliche Szene. Irgendwie sehen sie sich ähnlich. Vielleicht Schwestern? Die Ältere hält die Jüngere bei der Hand und redet leise mit ihr. Hat sie ein Kind bekommen und der Mann hat sie verlassen? Weinen sie vor Glück? Ist das Kind womöglich tot?
Der Aufzug hält am anderen Ende des Flurs. Ein Mann mit einem Strauß roter Rosen steigt aus. An der Hand führt er einen hübschen Blondschopf, etwa fünf Jahre alt.
„Mama, ich freue mich so auf Isabel. Im Kindergarten habe ich es schon allen erzählt“, sprudelt es aus ihm heraus. Die Frau streichelt dem Jungen über die Haare.
„Oliver, ach Oliver“, seufzt sie und ein wehmütiges Lächeln huscht über ihr Gesicht.
Der Mann beugt sich über sie, küsst sie und hält sie fest. Es sieht fast so aus, als klammere er sich an sie. Verlassen wurde sie also nicht. Aber ein glückliches Elternpaar sieht anders aus. Vielleicht doch eine Totgeburt? Oder möglicherweise ein ungewolltes drittes oder viertes Kind, eine zu kleine Wohnung und kein Geld?
Der Junge hopst fröhlich im Gang auf und ab.
„Ich habe eine Schwester, ich habe eine Schwester“.
Er scheint der einzige zu sein, der sich über diese Tatsache aus vollem Herzen freut.
Eine Krankenschwester tritt zu der Gruppe. „Der Herr Professor kann jetzt mit Ihnen sprechen, bitte kommen Sie mit mir.“
Auf dem Flur zurück bleibt der Junge mit der anderen Frau. Sie umfasst ihn zärtlich, zieht ihn auf ihren Schoß. Sie scheinen ein sehr vertrautes Verhältnis zu haben. Er rutscht ungeduldig hin und her und kann es offensichtlich kaum erwarten, seine neue Schwester zu begutachten.
„Frau Kramer?“ eine Krankenschwester reißt mich aus meinen Gedanken.
„Ja, das bin ich.“
„Können Sie Herrn Schneider verständigen? Zur Geburt wird er es nicht mehr schaffen, aus London zu kommen, aber in Gedanken sollte er schon dabei sein."
Sie gibt mir einen Zettel, auf den Frau Schneider die Telefonnummer in London gekritzelt hat.
Ich eile den Flur entlang auf der Suche nach einem Telefon.
Als ich an der wartenden Frau mit dem netten Blondschopf vorbei komme, höre ich ihn unbekümmert fragen: „Tante Moni, was heißt eigentlich mongoloid?“
Uschi |
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 30.04.2008, 21:44 |
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| mtg |
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Liebe Uschi,
das "leider" in Bezug auf das wirkliche Geschehen kann man von zwei Seiten aus betrachten. Übrigens eins vorab: Ich spreche über das Kinderkriegen wie der Blinde von der Farbe, habe aber durchaus mit Behinderungen aller Art meine Erfahrungen.
Der kleene Knirps, der so unbekümmert durch den Gang hopst, zeigt doch deutlich, wie schön an sich das werdende bzw gerade gewordene Leben sein kann - etwas, dass man annehmen kann, sollte, muss. Kinder kommen nicht aus dem Katalog, wie man sich auch das ganze Leben nicht als ein fortlaufendes Bilderbuch vorstellen sollte.
Auch wenn der Umgang mit behinderten Kindern (meine Nichte ist Autistin) unglaubliche Anstrengungen erfordert, so birgt er auch wunderschöne Momente, die man mit gesunden Kindern in dieser Form nicht erleben oder nicht so wertschätzen würde. Natürlich wünsche ich allen Kindern und ihren Eltern, dass sie gesund zur Welt kommen und eine erfüllte Jugend haben. Aber man kann - und sollte - sich gewissen Tatsachen nicht verschließen.
Insofern Uschi ganz toll beschrieben! Es läuft ein Film vor dem geistigen Auge ab - ja noch mehr: man steht mittendrin im Gang. Also nochmal: Gratulation zu einer feinen Beobachtung.
Eine Anmerkung allerdings: Die Räume, in denen Kinder zur Welt kommen, sind meistens eckig - daher nicht "Kreissaal", sondern "Kreißsaal", von "kreißen = gebären". Aber das ist auch schon die einzige Anmerkung... |
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_________________ Beste Grüße, Matthias
Die Würde des Menschen ist unfassbar. |
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Verfasst am: 30.04.2008, 21:57 |
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| chiquitita |
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Hallo Matthias,
danke für Deine Beurteilung (ich vermeide das Wort feedback - bin ja im Verein deutsche Sprache ) Ich gebe Dir vollkommen Recht, was Kinder mit Behinderung angeht. Ich habe im Bekanntenkreis auch eine "Isabel" und sie ist die ganze Freude ihrer Eltern.
Bezüglich des "Kreissaals" - Danke für die Aufklärung. Ich war da ja nie drin, woher soll ich wissen ob der rund oder eckig ist
Werde es im Originaltext ausbessern. Schönen Abend noch.
LG Uschi |
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Verfasst am: 30.04.2008, 23:46 |
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| Judith |
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Hallo Uschi,
zunächst fand ich es auch sehr bildlich, doch bei dem Abschnitt "Der Aufzug hält ..." bin ich steckengeblieben. Da war der Mann, doch eine Frau streicht dem Jungen (oder einem anderen?) über die Haare. Irgendwie ist der Abschnitt für mich verwirrend, auch nach fünfmaligem Lesen.
Was Behinderte anbelangt, vor allem Menschen mit Down-Syndrom, schließe ich mich Matthias an.
Die Geschichte hat irgendwie keine eindeutige Aussage. Man kann sagen "das Kind sieht es richtig, das neue Leben ist eine Freude", man kann auch denken "ach, deshalb sind die Leute so traurig, sie sind ja so arm dran". Das würde wiederum die Behinderten "abwerten".
Grüßle,
Judith |
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Verfasst am: 01.05.2008, 07:34 |
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| Fabula |
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Ein schwieriges Thema hast Du leicht erzählt.
Da ich selber einen behinderten Sohn habe, würden tausend Seiten nicht ausreichen um meine Erfahrung mit Behinderten und Nichtbehinderten zu schildern.
Gruß
Fabula |
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_________________ Von allen Geistern die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last
(Goethe, Faust I)
www.leichte-feder.de |
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Verfasst am: 02.05.2008, 18:56 |
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| Haifischfrau |
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Liebe Uschi,
schön geschrieben, allerdings war die Szene mit Mann, Rosen und Kind, dessen Kopf dann plötzlich von der Mutter .... etwas schwer zu lesen.
Was das Thema "behindertes Kind" betrifft, hast du die Szene sehr gut und realistisch beschrieben. Für Eltern ist es eine große Herausforderung, die mit Angst und vielen anderen Gefühlen verbunden ist, wenn ihnen nach der Geburt des Kindes mitgeteilt wird, dass ihr Kind behindert ist. Von daher finde ich die Beschreibung deiner Szene sehr realistisch.
Jede werdende Mutter wünscht sich ein "gesundes Kind", wenn dies nicht eintrifft, kommen vielfältige Gefühle hoch und oft fehlen Verständnis und Unterstützung durch das persönliche Umfeld ...
Uschi, was hältst du davon, diese Geschichte weiter zu "spinnen"?
Die Freude des Jungen über seine kleine Schwester ist ein guter Ansatzpunkt!
Zurück zur Realität: warum hat deine Nachbarin beim Eintreten der Wehen nicht den Krankenwagen geholt?
Als Laie eine Frau zu einer Frühgeburt zu fahren? Boah!
Vielleicht war es ein Glück, dass du nie gekreißt hast, sonst wärst du möglicherweise ins Kreisen gekommen, wenn die Nachbarin es nicht geschafft hätte bis zur Klinik!
Schönen Gruß
maryanne |
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Verfasst am: 02.05.2008, 21:41 |
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| chiquitita |
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| Anmeldedatum | 21.09.2007 | | Beiträge | 249 | | Wohnort | Allgäu |
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| Judith hat Folgendes geschrieben: | Hallo Uschi,
zunächst fand ich es auch sehr bildlich, doch bei dem Abschnitt "Der Aufzug hält ..." bin ich steckengeblieben. Da war der Mann, doch eine Frau streicht dem Jungen (oder einem anderen?) über die Haare. Irgendwie ist der Abschnitt für mich verwirrend, auch nach fünfmaligem Lesen. |
Judith, ich habe den Absatz auch noch einmal gelesen.
| Zitat: | Der Aufzug hält am anderen Ende des Flurs. Ein Mann mit einem Strauß roter Rosen steigt aus. An der Hand führt er einen hübschen Blondschopf, etwa fünf Jahre alt.
„Mama, ich freue mich so auf Isabel. Im Kindergarten habe ich es schon allen erzählt“, sprudelt es aus ihm heraus. Die Frau streichelt dem Jungen über die Haare.
„Oliver, ach Oliver“, seufzt sie und ein wehmütiges Lächeln huscht über ihr Gesicht. |
gut, vielleicht sollte ich da noch einen erklärenden Satz einfügen wie "der Junge läuft auf eine der Frauen zu ..."
nachdem Maryanne ja ähnliche Schwierigkeiten beim Lesen hatte:
| Zitat: | schön geschrieben, allerdings war die Szene mit Mann, Rosen und Kind, dessen Kopf dann plötzlich von der Mutter .... etwas schwer zu lesen.
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werde ich darüber nachdenken.
Nachdem die Geschichte aber bereits in drei Zeitungen abgedruckt war und die entsprechenden Redakteure auch nichts moniert haben, ist die Geschichte für mich eigentlich abgehakt. Danke trotzdem für Eure Tipps.
@ Maryanne
das war nicht ich, die zur Klinik gefahren ist. Die Geschichte basiert zwar auf Realität, aber ich war nicht beteiligt. Mir wurde sie nur erzählt.
Vielleicht kennen das einige von Euch auch. Seit die Leute wissen, dass ich schreibe, erzählen sie mir allemöglichen Geschichten mit dem Hinweis: "Du schreibst doch, da kannst du doch eine Geschichte daraus machen"
Unabhängig davon habe ich wirklich ein Down-Kind im Bekanntenkreis. Ein entzückendes und beneidenswertes Wesen, das jeden Tag seines Lebens genießt. Vielleicht habe ich auch deshalb diese Geschichte so gern geschrieben.
Gruß Uschi |
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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa
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