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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa » Reisebericht
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Reisebericht

BeitragVerfasst am: 13.05.2008, 21:06
mtg
Gast
 


Nun wage ich es auch mal und stelle einen Reisebericht aus dem Januar 2006 zur Diskussion. Bitte äußert Euch freizügig - ich war ja schon weg Smile


Kaum hat das Jahr begonnen, verreist Matthias Gerschwitz schon wieder. Einige Anekdoten aus der Abteilung „Wenn einer eine Reise tut...“

Multilinguale Vorteile

Freitag, 20. Januar 2006, Flughafen Zürich, LH 5121 (operated by SWISS) nach Berlin-Tegel. Einsteigezeit 17 Uhr, geplanter Abflug 17.25 Uhr. Sitz 33 F - ganz hinten rechts. Fenster.

17.15 Uhr. Auf Grund der Wetterverhältnisse in Berlin – Regen bei Temperaturen um 0° C – Startverzögerung um ca. 45 Minuten. Die freundlichen SWISS-Stewardessen verteilen Mineralwasser. Ich bin der erste und sage: „’s Cüpli wär’ mir ja lieber...“, worauf die Stewardess lächelnd antwortet: „Mir auch!“ (Dem geneigten, des Schwiizerdütschen nicht mächtigen Leser sei gesagt, dass „‘s Cüpli“ bei den Eidgenossen „ein Glas Sekt“ bedeutet.) Wenig später ist die alkoholfreie Tränkung der Fünftausend (na gut - es waren Einige weniger, aber die Maschine war rappelvoll) vorbei und die eben erwähnte Stewardess schaut verschwörerisch um die Ecke: „Cüpli haben wir nicht, aber Weißwein!“ und reicht mir das gezeigte Gebinde samt Becher.

Mein Sitznachbar zur Linken schaut mich an: „Kennen Sie sich?“ Meine Antwort: „Nein, aber man sieht, wohin Fremdsprachenkenntnisse führen können!“

Während des Fluges – ich bekomme eine weitere Flasche gereicht – studiere ich aufmerksam das Etikett, das die Kantonalwappen des streitbaren (Zitat eines Eingeborenen: zänkischen) Bergvolkes zeigt. Eingedenk einer früheren, auf mehreren Ebenen geführten intensiven Beschäftigung mit dem südlichen Nachbarn versuche ich, die Wappen den jeweiligen Kantonen und Halbkantonen zuzuordnen. Die Reihenfolge beginnt standes- und altersgemäß mit Uri, Schwyz und Nidwalden („Wir wollen sein ein einig’ Volk von Brüdern“ – damals auf der Rütliwiese … wir erinnern uns) und endet mit dem Jura, jener welschsprachigen Abspaltung des Kantons Bern – des 26. und jüngsten Teils des helvetischen Staates.

In Tegel angekommen, bedanke ich mich sehr herzlich für den ausgesprochen guten Service („merci vilmols!“) und berichte von meinen Wappen-Zuordnungsbemühungen. Natürlich werde ich abgefragt ... und nachdem ich 15 Kantone stehend freihändig und weitere fünf mit leichten Hilfestellungen zuordnen kann, gibt’s zwei weitere Flaschen für den Heimweg.

Die Schwiiz – s’isch scho’ sauguat.


Haarige Zeiten

Der eigentliche Grund meines Urlaubs – braucht man für Urlaub eigentlich einen Grund? – war der Besuch meines Bruders in Laguna Niguel, Kalifornien. (Meine Nichten und Neffen haben das gut – die haben einen Onkel in Amerika…). Er lebt seit mehr als 20 Jahren dort und verdient seinen Lebensunterhalt als professioneller Rockmusiker. Bis vor kurzem ein „New Animal“ bei Eric Burdon, ist er mit seinem Wechsel zu „Iron Butterfly“ dem Tierreich treu geblieben.

Rockmusiker sind ja bekanntlich diejenigen Menschen, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben: laut, langhaarig, alkoholabhängig, drogensüchtig und groupievernaschend. Nun – mein Bruder widerspricht diesem Klischee bis aufs Haar. Und zwar im doppelten Sinne, denn langhaarig isser ja schon … trotz der eindringlichen Versuche unserer Großmutter selig, ihm durch sachdienliche Spenden kleinerer Geldstücke den Weg zum Friseur zu ebnen...

Genau aus dieser Tatsache konnte ich bislang immer einen Scherz ableiten (oder sollte ich sagen: einen Gersch-Witz?). Wenn ich im Freundeskreis ein Foto meines Bruders zeigte, wollte niemand glauben, dass wir verwandt seien. Und stets erklärte ich: „Aber das sieht man doch – wir haben beide denselben Friseur!“ Lacher garantiert.

Seit Freitag, dem 13. (sic!) Januar gilt dieser Scherz nimmer. Nun ist er wahr geworden. Mein ordentlicher Scheitel, den ich mir mitsamt den dazugehörigen etwas längeren Haaren hatte wegen Immigration & Customs wachsen lassen (man sieht so als Lebensmittelschmuggler halt viel sympathischer aus …), wurde von Dana (nunmehr „unserer“ Friseurin) an jenem Tage auf die gewohnte Kürze gestutzt.

Sic transeunt capilli mundi!
(So vergehen die Haare der Welt).


Kulinarische Ungenauigkeiten

Tatort: Dana Point, das Restaurant „Wind & Sea“. Tatzeit: Donnerstag, 12. Januar, nach 19 Uhr. Jam-Night mit Martin Gerschwitz & friends.

Nach den üblichen „Have you met my brother...“ - Vorstellungen komme ich endlich mal dazu, ein Getränk zu bestellen. Einige von Martins Freunden (und mein Bruder hat sehr viele Freunde da in Kalifornien) machen ein wenig Smalltalk mit mir – die Situation ist entspannt und angenehm. Die Musik – wer hätte das gedacht – ist klasse. Mit anderen Worten: Der Verfasser fühlt sich sauwohl.

Da kommt der kleine Hunger! Und in Ermangelung eines Müller’schen Milchreises wird eine Portion Guacamole bestellt, jene angemachte Avocadocreme, die neben der einen oder anderen (überflüssigen) Kalorie ein Höchstmaß an Genuss verspricht. Sie wird – wie es sich gehört – mit Chips gereicht. Neben mir sitzt ein Freund von Martin. Den Namen verschweige ich aus einem einfachen Grund: Ich habe ihn vergessen. Wir halten Smalltalk, prosten uns zu – er hilft mir bei der Vernichtung der genannten Chips – und stellt dann die Frage aller Fragen – den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassiker: „Do you have Guacamole over there in Germany?“ Wer mich kennt, muss sich wundern. Ich bin sprach- und fassungslos. Als ich meine Contenance wiederfinde, bleibt nur eine Antwort übrig: „We even have electricity!“ Vielleicht hätte ich noch ergänzen sollen: „Aber doppelt so viel Volt!“

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 13.05.2008, 22:36
skipteuse
 
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Beiträge1106
WohnortPotsdam


He, die dritte gefällt mir am besten...!

(Obwohl ich von langhaarigen Rockmusikern auch ein hähä "Liedchen" singen kann; ein Roman ist schon in der Mache...)

Lieben Gruß und weiterhin schöne Reise(berichte)

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BeitragVerfasst am: 13.05.2008, 23:48
frangsen
 
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WohnortKiel


Toller Reisebericht!

Zitat:
„Do you have Guacamole over there in Germany?“


Tatsächlich? cheezy grin

VGe
Frank

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 05:45
julia07
 
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Zitat:
... den ich mir mitsamt den dazugehörigen etwas längeren Haaren hatte wegen Immigration & Customs wachsen lassen (man sieht so als Lebensmittelschmuggler halt viel sympathischer aus …), ...

Da habe ich herzhaft lachen müssen, denn ich hatte früher immer ein ähnliches Problem! Was habe ich bei meinen unzähligen Besuchen in USA und Kanada deutsche Salami, Hefezopf von der Oma oder auch einmal ein halbes Holzofenbrot von der "Holzner's Mühle im Höllgrund" (Insider wissen, wo die ist cheezy grin) im Koffer gehabt. Nach "September eleven" habe ich das allerdings nie mehr probiert.

Ich mag so kleine Reflektionen aus dem Alltag, zeigen sie doch, dass man/frau sich mit manchem von dem intensiver beschäftigt, was man/frau so alles tagtäglich erlebt Wink

LG,
Julia

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Verfasst am:
 


Re: Reisebericht

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 08:09
Rieke
Gast
 


Prima!
Ganz mein Schreibstil. Leicht aus der Feder. Sehr schöne Intonation. thumb up


Zuletzt bearbeitet von Rieke am 14.05.2008, 15:08, insgesamt einmal bearbeitet

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 08:51
chiquitita
 
Anmeldedatum21.09.2007
Beiträge392


Matthias, Du solltest ein Büchlein mit Reiseberichten herausbringen. Ist total amüsant Dein Schreibstil und einfach gut zu lesen. Eine kleine Bemerkung hätte ich noch zu der zweiten Geschichte:

Zitat:
er eigentliche Grund meines Urlaubs – braucht man für Urlaub eigentlich einen Grund? – war der Besuch meines Bruders in Laguna Niguel, Kalifornien.

Wäre es da nicht besser zu schreiben ... war der Besuch bei meinem Bruder ... (der Besuch meines Bruders... hört sich für mich so an als wäre der Bruder bei Dir zu Besuch gewesen)

zu Deiner dritten Story fällt mit ein ähnliches Erlebnis in NY ein. Als ich mit einer Mitkommilitonin (Amerikanerin) im Kaufhaus zur Rolltreppe ging, nahm sie mich fürsorglich an die Hand und meinte "Do you know that in Germany" worauf ich antwortete: "No, they pull us on a rope to the next floor" Laughing
LG Uschi

_________________
die Erklärung
Auswandern nach Spanien? Lies hier!

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 09:02
mtg
Gast
 


chiquitita hat Folgendes geschrieben:
"No, they pull us on a rope to the next floor"

Uschi - grandios! Es ist doch immer erhebend, wenn man es tatsächlich schafft, solche Einfälle spontan zu haben. Mir gelingt es ja nicht sooo oft - deshalb freue ich mich, wenn's denn klappt, auch an den "kleinen" Dingen...

Danke für Eure Rückmeldungen. Irgendwie hattet Ihr es ja verdient, etwas aus meiner Feder zu Kommentierung/Kritik/Veriss zu bekommen - da freut mich die Resonanz doppelt.

Barbara: Wenn Du noch Infos zu "langhaarigen Haschgammlern", wie ich sie mit einem Augenzwinkern nenne, brauchst, melde Dich ...

Frank: Danke schön! Und echt. Das war wirklich unglaublich. Vor allem, weil auf dem Parkplatz vor dem Restaurant haufenweise Audi, Mercedes, VW, BMW und Porsche standen - wo mögen die wohl herkommen...?

Julia - auch Du meine Schwester Bruta? cheezy grin Schmuggeln macht halt Spaß...

Uschi: Recht hast Du. Mein Bruder besucht sich nicht selbst. thumb up

Mal sehen, wann ich wieder verreise Smile

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 09:15
chiquitita
 
Anmeldedatum21.09.2007
Beiträge392


mtg hat Folgendes geschrieben:
chiquitita hat Folgendes geschrieben:
"No, they pull us on a rope to the next floor"

Uschi - grandios! Es ist doch immer erhebend, wenn man es tatsächlich schafft, solche Einfälle spontan zu haben.


Das Tollste war dann noch, dass sie ganz erstaunt "really?" sagte.
So sind sie halt die Amis. Liebenswerte Chaoten.
LG Uschi

_________________
die Erklärung
Auswandern nach Spanien? Lies hier!

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 12:45
Bärentante
 
Anmeldedatum30.05.2007
Beiträge727
Wohnortbei Frankfurt/M.


Ja, das kann man lesen. Wink

Nur die dritte Überschrift "Kulinarische Ungenauigkeiten" kapiere ich nicht, stehe da wahrscheinlich irgendwie auf der sprichwörtlichen Leitung. redface

_________________
Liebe Grüße
Christel

BeitragVerfasst am: 14.05.2008, 12:47
mtg
Gast
 


Ehrlich gesagt - ich auch nicht. Aber er klang so schön... cheezy grin
Reisebericht
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