| Randall Flagg |
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| Anmeldedatum | 27.05.2007 | | Beiträge | 31 | | Wohnort | NRW |
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Sanatorium
Als Kind hab ich an Monster geglaubt. Ich hatte eigentlich gedacht diesen Glauben hätte ich in späteren Jahren verloren. Nun, eigentlich hatte ich es ja wirklich. Ich konzentrierte mich auf meine Jugend, auf die Mädels mit denen ich ausging und auf den ganzen Rest. Ich studierte Fachinformatik an der Universität. Es machte mir verdammt viel Spaß zu programmieren und damit eine Art Gott zu sein. Mit dreißig hatte ich ein nicht allzu großes, aber beachtliches Sümmchen Geld gemacht. Ich war zwar nicht gerade reich, aber arm war ich nun wirklich nicht. Ich arbeitete fast den ganzen Tag lang. Ich machte keinen Sport, achtete auch nicht auf die Ernährung. Wozu auch? Ich sah mit dreißig immer noch verdammt gut aus. Und dann traf ich sie. Ich liebte sie vom ersten Augenblick an, so schnulzig sich das auch anhört. Sie war die Sekretärin von dem Typen, bei dem ich gerade einen Auftrag hatte. Ich war selbständig, müssen Sie wissen.
Ich muss schnell schreiben, hab keine Zeit.
Ich stand auf sie und sie stand auf mich, das war mir von Anfang an klar. Wir verabredeten uns ein paar mal zum essen und nach ein paar Wochen zogen wir zusammen. Sie hieß Sue. Sie hatte braune Haare und funkelnde grüne Augen, die denen einer Katze glichen. Irgendwann heirateten wir. Aber nur amtlich, auf Kirche hatten wir beide keine Lust. Ich war Katholik, und sie auch, aber richtig gläubig waren wir nicht. Es passte einfach alles. Doch vor ein paar Wochen fing sie an sich merkwürdig zu verhalten. Anfangs fiel es mir überhaupt nicht auf. Es war alles wie immer. Wir standen zusammen auf, Frühstückten zusammen, sie ging zur Arbeit während ich zu Hause blieb und mich an den Computer setzte und meine eigene Arbeit machte. Sie kam wieder und ich beendete meine Arbeit. Wir aßen zu Abend und vögelten. Dann schauten wir Fernsehen (wir gucken in die Röhre, wie ich es immer gerne nenne, ha-ha, was für ein Brüller) und gingen anschließend ins Bett.
Es fing alles beim Frühstück an. Sie war an jenem Morgen etwas aggressiv, ich schob es auf ihre 'speziellen Tage im Monat', Sie wissen schon, und beachtete es nicht weiter.
Es klopft. Mein Pfleger kommt. Ich schreibe gleich weiter.
(Hier endet der Text. Ein paar Zeilen tiefer geht es mit extrem krakeliger Schrift weiter)
Hier in dieser Zelle ist es toll. Es ist gemütlich, warm und schön. Doch was mich aufregt, wirklich verdammt aufregt, richtig-heftig-verfickt-und-zugenäht-nochmal aufregt, sind DIESE VERFLUCHTEN ARSCHLÖCHER VON PFLEGER DIE ANDAUERND ALLE PAAR MINUTEN KOMMEN UND ETWAS VON EINEM WOLLEN ODER EINEM PILLEN GEBEN WOLLEN!!
FICKT EUCH INS KNIE! STECKT EUCH EURE PILLEN SONST WOHIN!
Es klopft wieder. Ich glaube ich war zu laut. Ich habe geschrien während ich geschrieben habe.
(Hier endet wieder der Text und ein neuer Abschnitt beginnt)
Sie haben mich wieder unter Drogen gesetzt. Ich hasse es, wenn sie das tun. Beruhigungspillen nennen sie es. Ich nenne es Teufelszeugs. Es hindert einem am denken. Aber das ist ja die Aufgabe einer Bundesnervenanstalt: Die Insassen zu 'beruhigen' und sie am denken hindern, damit sie nicht hinter die Wirklichkeit kommen. Ich muss leise sein, sonst kommen sie wieder.
Ich glaube die Wirkung setzt gerade ein. Ich fühle mich leicht; spüre meine eigenen Glieder nicht mehr. Was ist mit meinen Beinen? Was ist mit meinen Armen? Wurde sie abgeschnitten? Spüre ich sie deshalb nicht? Oder ist es nur die Drogenwirkung? Oder gab man mir Drogen damit den Schmerz nicht spüre? Ich glaube nicht dass man mir meine Arme abgeschnitten hat. Ich kann sie sehen. Sie sind an meinem Oberkörper. Die rechte Hand schreibt grade diesen Text und die andere ist zur Faust geballt in die linke Wange gedrückt. Wenn man herausfindet, dass ich an Papier gekommen bin, wird man mich umbringen. Oder noch stärker unter Drogen setzen. Aber ich weiß nicht was schlimmer ist. Muss vorsichtig sein. Wenn ER hierher kommt, war's das. Adios, Amigo. Bumm, Headshot. Zick Zack, der Kopf ist ab. PENG!
Ich erinnere mich an Sues Anfälle. Sie tobte durch das komplette Haus und zerstörte alles was sich ihr in den Weg stellte. Von Vasen über Möbel bis zu unserem Auto. Einfach alles. Aber mir war das egal. Ich war nach vier Jahren immer noch verliebt wie am ersten Tag, und ich würde meine linke Hand darauf verwetten, dass sie mich irgendwie verzaubert hat.
Hab ich erzählt das ich als Kind an Monster glaubte? Tja, ich dachte den Glauben hätte ich in meinen späten Jahren, im Jetzt, abgelegt. Ich glaube ja noch nicht mal an Gott. Wenn es einen Gott geben würde, würde ich nicht hier sein sondern mit Sue, mit der lebendigen Sue, zu Hause sitzen und wir würden es treiben bis die Heide wackeln würde, oder wie das heißt.
An jenen Tagen habe ich aber wirklich an Monster geglaubt. Ich war verliebt in sie, habe nicht auf das geachtet was sie getan hatte. Aber ich habe bemerkt wie sie ausgesehen hatte. Und da hab ich wirklich gedacht irgend etwas... unmenschliches würde vor mir stehen. Ein Außerirdischer, ein Dämon, irgendwas, aber kein Mensch. Jesus Christus. Ich weiß, ich glaube nicht an Gott und darf dann auch so etwas wie „Jesus Christus“ nicht von mir geben, aber ich glaube Jesus hätte bei dem Anblick nichts anderes als seinen eigenen Namen aussprechen können.
Natürlich werden Sie sich jetzt fragen wie sie ausgesehen hat. Aber ich hab nicht viel Zeit, denn bald kommt er, und bis dahin muss ich fertig sein damit meine GOTTVERDAMMTE UNSCHULD bewiesen ist. Ich habe sie nicht umgebracht. Ich habe Sue nicht umgebracht. Ich habe Sue nicht umgebracht. Ich habe Sue nicht umgebracht Ich habe sie nicht umgebracht ich habe sie nicht umgebracht ich hab sie nicht umgebracht ich
habe unbemerkt geweint. Mein Pfleger, Petrowski (dieses alte Arschloch), hat es gehört und mich wieder mit Drogen voll gepumpt. Ich weine immer noch. Hab sie nicht umgebracht. Hab sie nicht
Es geht wieder. Aber ich habe Kopfschmerzen. Ich werde Ihnen jetzt erzählen was sich sonst noch ereignet hat. Wahrscheinlich interessiert es Sie überhaupt nicht was mit mir ist. Aber das ist mir egal, solange Sie mir glauben. Ich weiß, es ist schwer jemanden zu glauben der angeblich seine eigene Frau auf dem Gewissen hat, aber ich hab sie nicht umgebracht. Es war dieses Wesen. Dieses Monster.
Ich muss mich beeilen.
Meine Frau hatte ernsthafte Probleme. Sie hatte die ganze zeit Krämpfe und verhielt sich wie jemand, der eine Spastik hatte. In unregelmäßigen Abständen zuckte sie Grundlos zusammen, grunzte, schrie oder heulte. Einmal hat sie gebrüllt wie ein ein Bär dem man in den Hintern geschossen hatte. Es war entsetzlich.
Dieser ganze Prozess dauerte eine verflucht lange Zeit, vom Normalsein ins Wahnsinnigsein. Es fing nur mit den leichten Zuckungen an und endete mit dauerhaftem schreien und sabbern.
Ich hatte einen Freund, er hieß Patrick O'Toole und war katholischer Pastor. Er war der geborene Katholik und war der gläubigste Mensch den ich je gesehen hatte.
Aber sein Glaube hat ihn verlassen.
Oder Patrick O'Toole hat den Glauben verlassen.
Oder Patrick O'Toole hat die Welt verlassen.
Oder Patrick O'Toole hat seinen Körper verlassen.
Oder Patrick O'Toole ist tot.
Jedenfalls glaube ich das.
Oder es kommt mir nur so vor.
Oder ich labere einfach nur Scheiße.
Er kam eines Tages zu mir, um mich zu besuchen. Damals war Sue schon im schwersten Stadium ihrer Besessenheit. Als Patrick nach mir kam, hörte er schreie aus dem Schlafzimmer.
"Was ist dort oben los?", fragte er mich.
"Das ist Sue. Sie hat... sie hat wieder einen Anfall", sagte ich mit leiser Stimme.
"Einen Anfall? Was hat Sie denn?"
"Ich weiß es nicht. Das hat sie schon seit ein paar Tagen."
Ein lautes Brüllen kam aus dem Schlafzimmer.
"Mein Gott! Hört sich ziemlich heftig an", sagte Patrick.
"Willst du sie mal sehen? Du würdest sie nicht wieder erkennen."
"Ich weiß nicht. Ich glaub nicht, dass mich das was angeht. Außerdem wäre es deiner Frau doch ziemlich unangenehm wenn ich sie so sehen würde."
"Pat", sagte ich. "Sie wird dich erst gar nicht erkennen. Sie würde dich wahrscheinlich beißen oder so etwas"
"Du willst mich in einen Raum mit ihr lassen, wenn sie droht mich zu beißen?", fragte er mich mit verwundertem Gesicht. "Ist nicht dein Ernst, oder?"
"Nun, nein, nicht wirklich. Ich hätte dich nur durchs Schlüsselloch gucken lassen.", gab ich zu.
"Wo ist sie überhaupt?"
"Im Schlafzimmer."
"Du schläfst mit ihr in einem Raum? Ich denke sie beißt?"
"Ne, ich penne hier im Wohnzimmer auf dem Sofa."
"Bist du verrückt?. Was sagen denn die Ärzte dazu?"
"Na ja, um ehrlich zu sein-"
"Hast du noch keinen Arzt gerufen, weil du denkst dass man sie dir wegnehmen könnte, richtig?"
"Yeah, woher-"
"Ihr verliebten seht doch alle gleich aus. Glaub mir, als Priester weißt du so etwas. Allerdings habe ich es nie erlebt, dass so etwas so lange anhält. Bei euch ist es das erste Mal. Ziemlich selten so etwas."
"Dann verstehst du mich wenigstens."
"Ich verstehe dass du sie liebst, aber ich verstehe nicht, warum du ihr ärztliche Hilfe untersagst. Sie wird dir schon nicht weggenommen. Verdammt, sie wird vielleicht in ein Sanatorium kommen, aber nach einiger Zeit wird sie schon wieder rauskommen. Man wird ihr helfen"
Das wusste ich, trotzdem überwog das Gefühl der Angst. Außerdem dachte ich die ganze Zeit daran was passieren würde, wenn sie unheilbar krank wäre. Ich stellte mir vor, wie ich sie Montags immer besuchen würde, wie sie in einer Zwangsjacke in einem Raum mit gepolsterten Wänden liegen würde. Das entsprach zwar nicht grade der Realität, aber wie stellen Sie sich denn eine Klapsmühle vor, wenn Sie noch nie in einer gewesen sind? Nun, ich für meinen Teil hab meine Gedankengänge geändert. Wir wurden nicht in Zwangsjacken gepackt und sitzen oder liegen in kleinen Abstellkammern mit gepolsterten Wänden, während wir auf den Boden sabbern, der genauso weiß ist wie alles in diesem... diesem Gefängnis und während vor den Türen Ärzte stehen, die uns mit gehässigen Grinsen eines Überlegenen durch einen Schlitz in der Tür beobachten, und sich über uns lustig machen.
Im Grunde genommen läuft hier alles ab wie im Gefängnis. Je gestörter oder gefährdeter die Insassen sind, desto mehr Einschränkungen müssen sie hinnehmen. Ich bin der gestörteste von allen. Warum? Weil ich einer der wenigen bin, die normal denken. Während ich das hier schreibe, sitze ich in einem leeren Raum, der sich meine Zelle schimpft. Noch nicht mal ein Bett hab ich. Ich hab wohl zu oft versucht mich umzubringen. Ich habe versucht mir den Kopf am Bett einzuschlagen, mich selber mit Papier zu ersticken (jetzt wissen Sie, warum es schwer für mich war, an Papier zu kommen), Messer zu schlucken, nebenbei auch den Kopf mit einem Stuhlbein eingeschlagen und ich habe sogar versucht mir mit der Gabel die Augen auszustechen.
Ich will ihn nicht sehen. Nicht noch einmal.
Doch ich lenke wieder vom Thema ab. Ich muss die Geschichte weitererzählen. Ich sagte zu Patrick weshalb ich sie nicht ins Sanatorium einweisen würde. Und ich erzählte ihm von meinen Ängsten um Sue. Ich sagte ihm, dass es nichts bringen würde, dass sie für immer so bleiben würde. Ich weiß noch Heute nicht, woher ich das wissen konnte; ob es überhaupt stimmte. Ich wusste es einfach.
Ich ließ einen Arzt kommen. Ich wusste, dass er mir nicht helfen konnte. Konnte er auch nicht, wie sich später herausstellte. Und wie vorherzusehen war, behauptete er, dass Sue in ein Krankenhaus oder Ähnlichem gebracht werden müsse. Oder Ähnlichem. Oh ja, wir wissen ja alle was damit gemeint war. Wir wissen es. Ja, wir wissen es.
Ich bat meinen Freund Patrick O'Tool ob er mir helfe könne.
"Ich bin Priester oder Pfarrer oder Pastor, wie immer du willst, aber ich bin kein Arzt.", erklärte er mir daraufhin. Ich erzählte ihm, dass sich einiges geändert hatte in den letzten zwei Wochen, seit er mich das letzte Mal besucht hatte.
"Sie redet", sagte ich. Ich wette ich sah damals verdammt fertig aus. Diese ganze Situation hätte mich fast den Verstand gekostet. Oder sie hat mich den Verstand gekostet.
Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.
Jetzt möchte ich ihnen in Kurzform vermitteln, um was es hier geht. Haben Sie schon einmal von Exorzismus gehört? Der Exorzismus ist ein Ritual, bei dem eine Person vom Teufel oder von einem Dämonen befreit wird. Keine Ahnung ob es so etwas schon mal gab außer bei mir zu Hause. Beim Exorzismus tritt ein Geistlicher in Kontakt mit dem Dämon, der in jenem Menschen schlummert und versucht ihn zu vertreiben. Nachdem ich davon erfahren hatte, wollte ich es unbedingt versuchen. Doch ich wusste ja nicht was passieren würde, wenn der Exorzismus fehlschlägt.
Nachdem ich alles versucht hatte (bei Gott, was für eine Lüge) fragte ich Patrick, wie es mit Exorzismus aussieht. Wir waren in der Kirche und die Morgenmesse war grade vorbei. Er schüttelte mit dem Kopf und sah mich ungläubig an.
"Das ist nicht dein Ernst.", sagte er zu mir.
"Und ob das mein Ernst ist. Sie hat angefangen zu sprechen. Großer Gott, Patrick, ich erkenne sie überhaupt nicht wieder. Sie hat eine viel zu hohe Stimme und spricht die ganze Zeit etwas von Tod und Zerstörung und dass sie sich in den Eingeweiden ihrer Feinde baden will und so ein Zeugs. Hilf mir, Mann", flehte ich ihn an.
Er atmete einmal durch und überlegte. Nach ein paar Augenblicken sagte er zu mir: "Ich habe es noch nie gemacht, Mann. Das hat man im Mittelalter gemacht, aber heute ist es purer Schwachsinn! Ich weiß noch nicht einmal wie das geht. Lass mir etwas Zeit."
Ich wette, ich muss einen ziemlich erbärmlichen Gesichtsausdruck gehabt haben, denn dann fügte er noch ein "Bitte" hinzu. Resignierend nahm ich es hin und wartete. Und wartete. Wartete.
Nach fünf Tagen kam er zu mir und sagte mir, dass er nun alles wüsste und wir sofort loslegen könnten. Und glauben Sie mir, dass wurde auch verdammt noch mal Zeit. Sie hatte sich weiter geändert. Ihre Haut wurde rötlicher, wie bei einem Sonnenbrand, und auch viel wärmer. Sie hatte am ganzen Körper Fieber, aber ich bin mir sicher es hatte ihr überhaupt nichts ausgemacht. Und, was das stärkste an der Sache war, sie hatte versucht mich zu beißen. Als ich nach dem Fieber schauen wollte und Anstalten machte ihre Stirn zu berühren, versuchte sie mich zu beißen. Und da sah ich, dass sich auch ihre Zähne verändert hatten. Ihre normalen Zähne waren verschwunden, stattdessen hatte sie hunderte von kleinen Reißzähnen im Mund. Aber sie hatte meine Hand nicht erwischt. Ich hatte sie schnell zurückziehen können. Gott, wie heiß sie damals war. Nicht nur von der Körpertemperatur her, das können Sie mir glauben. Irgendwie hatte mich die Gesamtsituation angemacht. Wie sie da gefesselt im Bett lag, zuckend und wälzend. Yeah, da wurden Träume war. Aber ich ging nicht mit ihr ins Bett, ich wollte Satan nicht noch einen Satansbraten erzeugen. Nein danke, einer hatte mir gereicht. Und wer weiß? Hätte sie mir vielleicht noch die Kronjuwelen abgerissen? Möglich wäre es gewesen. Und glauben Sie mir, so ein Risiko wollte ich nicht eingehen. Wenn ich kastriert werden will, dann gehe ich zum Arzt und lasse mir nicht von Teufel persönlich den Schwanz abbeißen.
Patrick hatte alle nötigen Sachen mitgebracht. Weihrauch, seine Priesterrobe und ein paar Kerzen. Manche davon Duftkerzen. "Zur Erheiterung der Atmosphäre", wie Patrick sagte. Für mich war es eine nasale Beleidigung. Die Dinger stanken extrem nach... ich weiß nicht was. Es war einfach nur widerlich.
Sue, oder vielmehr das, was von ihr übrig geblieben war, wälzte sich im Bett und nahm keine Notiz von uns. Von ihrem Mund hingen kleine Sabberfäden und während sie ein Gurgeln von sich gab, flatterten sie ein bisschen in der Luft.
Nachdem Patrick alles aufgestellt hatte, nahm er jene Kette, an deren Ende der Behälter mit dem Weihrauch befestigt war. Er ließ dem Weihrauch vor sich her pendeln. Er schloss die Augen, und für die nächsten Augenblicke war nur Sues Gurgeln und Röcheln zu hören.
Dann öffnete er die Augen und begann zu sprechen. Seine Stimme hatte sich irgendwie verändert. Sie war ruhiger geworden, glaube ich.
"Gesandter des Teufels, der es dich hierher verschlagen hat und diese Frau übernommen hast." Es folgte eine kurze Pause und Patrick atmete einmal tief ein.
"Ich befehle dir den Körper dieses Menschen zu verlassen!"
Genau in diesem Moment wurde alles leise. Sue hatte aufgehört zu Gurgeln, zu Röcheln und zu was-weiß-ich noch. Das erste Mal seit Wochen. Ich hätte heulen können, was ich auch beinahe getan hätte.
Es schien, dass Sue wieder normal geworden wäre, nur durch diese paar Sätze. Denn sie ignorierte uns nicht mehr. Sie starrte Patrick offen an. Und, bei Gott, war das nicht ein spöttisches Lächeln in ihrem Gesicht?
"Verschwinde!", sagte Patrick wieder, diesmal etwas lauter.
"Verschwinde! Ich befehle es dir! GOTT befehlt es dir!"
Und von da an packte mich nur noch das Grauen. Ich muss kurz eine Pause machen bevor ich Weiterschreiben kann. Meine Hand schmerzt.
Ich habe grade von meinem Pfleger bescheid gekriegt, dass ER mich besuchen kommt. Ich muss mich beeilen.
Nachdem Patrick seinen Wunsch (nein, seinen BEFEHL!) ausgesprochen hatte, war es wieder ruhig geworden, bzw. Stille kehrte wieder ein. Sie starrte immer noch Patrick an, immer noch mit den Speichelfäden vorm Gesicht. Wie eine Statue, eine entsetzte Statue der man sagt dass sie gleich eingerissen wird.
Dann fing Sue (nein, es war nicht mehr Sue) an zu lachen. Zuerst war es nur ein lächeln und man konnte ihre gelben Reißzähne erkennen. Das Lächeln wurde zum Grinsen und nachdem Grinsen fing sie an zu kichern. Es hörte sich an, als ob man mit Fingernägeln über eine Tafel fährt. Es lief mir eiskalt den Rücken runter und ich wette, dass es Patrick nicht anders ergang. Und dieses Kichern wurde zum donnernden Lachen.
Nachdem sie (oder es) sich endlich wieder beruhigt hatte, grinste sie/es uns beide an.
"Sterbliche", sagte sie/es zischend "Ihr könnt mich nicht von diesem Weib losreißen."
"Das werden wir sehen.", sagte Patrick und ich hörte Entschlossenheit aus seiner Stimme.
"Ihr Dummköpfe denkt doch nicht, dass ihr mich mit ein bisschen Rauch hier vertreiben könnt?" Sie grinste spöttisch und ließ eine Reihe gelber Zähne sehen. "Wenn du mich vernichtest, suche ich mir einen neuen Wirt, du kannst mich nicht vernichten!"
"Ich bin der Sohn Gottes, und ich werde alles tun damit du stirbst!"
"Was? Patrick, sie soll nicht sterben sie soll-"
"Sie ist schon tot", unterbrach er mich. "Schon seit Wochen" Ich war entsetzt. War ich so blind gewesen um es nicht zu bemerken? Ich weiß es nicht. Oder log Patrick?
"Wisst Ihr, wer ich bin, Sterbliche?"
"Ein Miststück", sagte ich. Ich war wütend wie schon seit Jahren nicht mehr.
"Vielleicht, Peter, vielleicht. Ich bin eine Tochter der Finsternis. Es gibt nur einen Grund, warum ich hier bin.", sagte sie leise. Und dann zu Patrick: "Dein Herr und mein Herr, sie spielen wieder. Und du, Sterblicher, wirst meinem Herrn helfen das Spiel zu gewinnen."
Patrick war sichtlich überrascht. Ich auch, denn Sue hatte es ernst gemeint, man konnte es ihr ansehen.
"Wovon redest du?"
"Du weißt genau, wovon ich rede. Du wirst der Anführer einer neuen Rasse sein, Patrick O'Toole. Du wirst die Menschheit jagen, um zu leben. Gleichzeitig wirst du meinem Herrn helfen und deinen zu demütigen."
Patrick war nervös geworden. Verflucht, er hatte selber nicht an so etwas wie Dämonen geglaubt und war ja nur auf meiner Bitte hin hier. Ich fühlte mich schuldig. Ich fühle mich heute immer noch schuldig.
Ich glaube, als Patrick jene Worte gehört hatte, waren bei ihm ein paar Leitungen durchgeschmorrt. Er verzog wütend das Gesicht und holte mit dem Weihrauchbehälter aus. Er schleuderte den Behälter auf Sue, doch sie schien von Patricks Vorhaben nicht beeindruckt. Ich sah auch sofort warum: Kaum näherte sich das Gefäß, zerfiel es zu Asche, die sich auf das Bett verteilte. Patrick fiel auf die Knie.
"Oh Herr, ich bitte dich!", flehte er. "Hilf dieser gequälte Seele zu sich selbst zu finden und zu verschwinden! Ich bitte dich!" Die letzten Worte schrie er hinaus. Meine ehemalige Frau schaute sich das Spektakel an und lachte.
"Großartig! Wirklich Großartig! Da wird mein Triumph noch größer als geplant. Einen Priester bei einer Geistervertreibung zu vernichten." Ihre Stimme klang verdammt hysterisch.
Ich fragte mich, woher Patrick seinen Glauben nahm. Warum er mir überhaupt half und nicht einfach abgehauen war, nachdem sie/es von "ihrem Herrn", "unserem Herrn" und einer "neuen Rasse" erzählt hatte. Wahrscheinlich war er einfach nur wütend. Ja, ich glaube es war Wut. Vielleicht war es sogar Hass. Ja, dass kann ich mir sogar eher vorstellen. Hass ist eine der Todsünden, wahrscheinlich hatte Gott ihn deshalb später im Stich gelassen oder konnte ihm nicht helfen, auch wenn er es versucht hatte. Und Gott hat versucht ihm zu helfen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen.
Als Patrick zu Gott betete, wurden seine Gebete erhört und er wurde von Licht eingehüllt. Er leuchtete wie ein Weihnachtsbaum. Und als er aufstand, da hätte ich schwören können dass die Leuchtkraft zugenommen hatte, aber nur für einige Augenblicke. Er sah Sue mit voller Verachtung an. Priester wie er dürften eigentlich nie Verachtungsvoll sein, dachte ich mir. Aber im Nachhinein denke ich, dass ich wahrscheinlich genauso drauf gewesen wäre wie er, wenn jemand meinen Glauben auf krassester Weise in Frage stellt. Für Patrick war das kein Exorzismus mehr. Es war ein Kampf von Gut gegen Böse.
"Stirb!", schrie Patrick und wollte mit der Faust zuschlagen, doch kurz vor Sues Gesicht zögerte sie. Sie blieb in der Luft hängen, und Licht strömte aus der Faust. Doch diesmal war es rotes Licht, so ein Licht das man immer in diesen billigen Puffs zu sehen kriegt.
Patrick schrie. Sein Gesichtsausdruck hatte sich von Wut in Schmerz verwandelt.
Sue schrie ebenfalls. Auch vor schmerz. Aber ihr Gesicht sah befriedigt aus.
Nach ein paar Sekunden hörten die Schreie auf und Patrick sackte zusammen. Sue lag scheinbar bewusstlos im Bett. Weiterhin an Händen und Beinen gefesselt.
Ich bewegte mich zögernd zu Patrick. Ich wusste nicht was ich tun sollte, ob er tot war oder nicht, ob er noch Patrick war. Spätestens nachdem er auf einmal hochfuhr und mir seine linke ins Gesicht schlug, und ich quer durch das Schlafzimmer flog wusste ich, dass Patrick nun auch tot war. Sue betrachtete lächelnd den ehemaligen Patrick.
"Mein Kind. Ich sagte doch, du würdest kommen. Nun, Patrick O'Toole, erster unter dem neuen Volk, aber garantiert nicht letzter, bist du bereit für deine Aufgabe."
Statt der Antwort, die ich von ihm erwartet hatte, hörte ich ein zischen und sah, wie Patrick auf Bett sprang und Sue in den Hals biss.
Fünf verfluchte Minuten saß ich mit brummenden Schädel in jener Ecke, in der mich Patricks Faust befördert hatte und beobachtete das Szenario. Ich sah, wie Sue allmählich blasser wurde und wie Patrick das Blut meiner Frau trank. Als er fertig war drehte er den Kopf nach mir und sah mir direkt in die Augen. Er hatte sich verändert. Sein Gesicht war kantiger geworden und seine Augen leuchteten leicht grünlich. Aber am auffälligsten waren seine blutigen, kleinen Reißzähne, die auch Sue besessen hatte. Er zischte wieder wie eine Schlange und ich konnte nichts anderes als schreien. Er kam langsam auf mich zu, wie ein Schimpanse stützte er sich beim gehen immer mit dem Armen auf den Boden ab, während seine Beine sich nach vorne schwangen. Als er direkt vor mir stand wurde es grau um mich.
Ich wachte in einer Zelle wieder auf. Man hatte mich im Schlafzimmer gefunden. Allein. Nur ich und die Überreste Frau, die ans Bett gefesselt war. Als ich bewusstlos wurde, war sie Blutleer gewesen und hatte eine Bisswunde an der Halsschlagader. Aber als die Polizisten in die Wohnung eindrangen hatten sie Sue komplett zerfetzt im Bett vorgefunden. Ihre Innereien waren im ganzen Zimmer verteilt, hingen an den Wänden, an der Decke (sogar am Deckenventilator). Ein Polizist wurde Ohnmächtig, zwei weitere erbrachen sich direkt vor Ort. Man klagte mich des Mordes an meiner Frau an, wegen Leichenschändung und (das war echt makaber) wegen Ruhestörung. Man wollte mich ins Gefängnis stecken, doch der Staatsanwalt bestand auf Psychiatrie. Man bietet mir Hilfe an, die ich auch annehme, die aber auch irgendwie nichts nützt.
Seit jener Nacht vor vier Monaten gab es ungefähr Fünfzig Vermisstenmeldungen in der Umgebung. Die Polizei ist ratlos. Man hat mir geistlichen Beistand angeboten, den ich auch angenommen habe. Ein Priester namens Patrick O'Toole wird bald kommen und sich um mich kümmern. Ich habe Angst. |
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