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Schreibhandwerk Sprachstil

BeitragVerfasst am: 12.05.2007, 18:06
dbs
Gast
 


Hallo!

Ein Thema, das selbst in Büchern über das Schreiben recht stiefmütterlich behandelt wird, ist der Sprachstil. Vermutlich hat jeder Autor seinen eigenen Sprachstil entwickelt - bewusst oder unbewusst. Nachfolgende kleine Liste soll ein Werkzeug an die Hand geben um seinen eigenen Sprachstil auf die Probe zu stellen:


Grundsätzliche Frage zu Beginn: Warum wird überhaupt gelesen?

1. Weil der Inhalt des Textes interessant ist (Roman, Sachbuch)
2. Weil der Text Angst beim Leser auslöst (Schreiben vom Anwalt oder von einer Behörde)
3. Weil der Text sich angenehm lesen lässt (Glückwünsche, Liebesbrief)

Daraus leite ich ab:

Faustregel 1: Wer gelesen werden will, sollte seine Text interessant und angenehm gestalten


Aber wie geht das sprachlich und stilistisch? Hier noch ein paar Faustregeln:


Faustregel 2: Vermeide geblähte Floskeln. Streiche Füllwörter. Schreibe einfach.

Statt "zu diesem Zeitpunkt" schreibe "jetzt"
Statt "ein Ding der Unmöglichkeit" schreibe "unmöglich"
Statt "ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig" schreibe "war sehr deutlich"

Streiche Füllwörter ersatzlos:
"Gewissermaßen", "selbstredend", "schlichtweg", "insbesondere", "regelrecht", "irgendwie"

Statt "Schneefälle brachten im April den Winter zurück" schreibe "Es schneite, und dabei war schon April"
Statt "Ein Ferkel in einem Verschlag hinter dem Herd vervollständigte das Bild von Armut und Schmutz" schreibe "In einem Verschlag hinter dem Herd grunzte ein Ferkel".


Faustregel 3: Vermeide Adjektive, wo möglich

Adjektive verleiten einen Schreiber zur Tautologie. Der "weiße Schimmel" ist so bekannt, dass er jedem auffällt. Aber wie sieht es aus mit
- schwache Brise (eine Brise ist immer schwach, sonst heißt sie Wind oder Sturm)
- dunkle Ahnung (eine helle Ahnung heißt Wissen)
- feste Überzeugung (was ist im Vergleich dazu eine weiche Überzeugung?)
- schwere Verwüstungen (gibt es dann auch so etwas wie leichte Verwüstungen?)


Adjektive machen Texte - und damit die Bilder im Text - weich. Man stelle sich diesen Liedtext vor:
"Am alten Brunnen vor dem weinlaubumrankten, halbverfallenem Tore steht ein knorriger Lindenbaum"


Faustregel 4: Kurze Worte sind oft besser als lange Worte

Wenn es für den selben Begriff zwei Wörter mit unterschiedlicher Silbenzahl gibt, dann ist das kürzere meist das bessere Wort.

Statt "Gefährdungspotential" besser "Risiko"
Statt "Rückantwort" besser "Antwort"
Statt "Informationsdefizit" besser "Wissenslücke"

Interessanterweise beschreiben Einsilber die Grundtatsachen des Lebens und die stärksten Gefühle: Kopf, Fuß, Bein, Arm, Haus, Hof, Geld, Geiz, Hass, Neid, Wut, Gier, Glück, Pech, Angst, Qual, Not, Tod.

Wer das nicht glaubt, möge sich Goethes "Fischer" durchlesen: 170 Wörter, davon 130 Einsilber, 30 Zweisilber, 9 Dreisilber und nur 1 Viersilber ("wellenatmend").


Faustregel 5: Die engste Einheit benennen - oder noch weniger

Damit ist nichts anderes gemeint, als so konkret wie möglich zu sein. Das Wort "Viehdiebstahl" schließt vieles mit ein, aber nicht die Information, was der Dieb wirklich gestohlen hat. War es ein Rind, ein Schwein, ein Huhn? Ein Hühnerdieb ist spezieller als ein Viehdieb, also sollte er auch so benannt werden.

Auf die Spitze treibt es die Regel "pars pro toto". Statt einer umfangreichen Liste werden exemplarisch nur ein oder zwei Begriffe genannt. Wenn jemand "mit Sack und Pack" umzieht, dann bedeutet das natürlich, dass er alles mitgenommen hat.


Faustregel 6: Ersetze Substantive durch Verben

Verben sind immer besser als Substantive. Vollverben sind besser als Hilfsverben.

Statt "Er ist am Schlafen" besser "er schläft".

Eine verräterische Endsilbe bei Substantiven ist "-ung". "-ung" deutet in aller Regel darauf hin, dass aus einem Verb ein Substantiv gemacht wurde.

Statt "Ich erteile Ihnen die Genehmigung" besser "Ich genehmige Ihnen"


Faustregel 7: Passiv, Infinitiv, Plusquamperfekt meiden

Die Passiv-Form versteckt die handelnde Figur:
"Willi Meier wurde zu Boden gerissen und mit Füßen getreten." - Wer hat da getreten?

Das Passiv sollte nur dort gebraucht werden, wo die handelnde Figur uninteressant ist:
"Die Deichkrone wurde auf hundert Meter weggespült."

Wer viel schreibt, wird immer wieder über den erweiterten Infinitiv mit "zu" stolpern: "Tom versicherte, am nächsten Abend zur Geburtstagsfeier zu kommen."
Besser: "Tom versicherte, er würde am nächsten Abend zur Geburtstagsfeier kommen."

Das Plusquamperfekt ist im Deutschen eine ausgesprochen sperrige Zeitform:

"Das Flugzeug geriet ins Trudeln. Drei Minuten zuvor hatte der Pilot noch einen Funkspruch abgesetzt, [...]"

Das Plusquamperfekt wird notwendig, weil die Ereignisse nicht chronologisch erzählt werden (Rückblende). Wer so eine Rückblende wirklich braucht, hier ein Tipp: Der erse Satz der Rückblende erfolgt im Plusquamperfekt, danach wird im Imperfekt (Präteritum) weiter erzählt. Am Ende der Rückblende folgt wieder ein Satz im Plusquamperfekt, um danach mit der unterbrochenen Erzählstrang fortzufahren.

Generell sind diese "hatte" Leuchttürme des Plusquamperfekts und Wanrzeichen, dass etwas mit der zeitlichen Abfologe der Handlung nicht stimmt.


Faustregel 8: Einfache Satzstrukturen

Hauptsätze haben einen Vorteil: Sie sind klar und übersichtlich.

Nebensätze bedeutet Verschachtelungen. die mitunter, wenn nicht sogar regelmäßig, den Leser auf Ebenen bringen, die er, selbst durch entsprechende Erfahrungen, nicht immer auseinander halten kann. Wink

Nebensätze sind schön? Wie klingt zum Beispiel so eine Grabrede:
"Der Herr, der es gegeben hat, hat es auch wieder genommen, wofür ich seinen Namen loben möchte."

Wir kennen es doch so:
"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt."

Hauptsätze, nur Hauptsätze.

Aus einer Biogrpahie über Churchills Jugend:
"Churchill war renitent, wurde geschlagen, verweigerte das Lernen, wurde mehr geschlagen, begann zu stottern und zertrat den Strohhut des Direktors."

Kein einziger Nebensatz!

Wenn man Nebensätze benutzt, sollten sie nicht die Hauptaussage des Satzes tragen.
"Die Nachricht lautet, dass soeben Krieg ausgebrochen ist."

Oder "Er öffnete den Schrank, dem er eine Jacke entnahm". Besser: "Er öffnete den Schrank und entnahm ihm eine Jacke" (Hauptsätze!).

Keine nachhinkenden Verben durch eingeschobene Nebensätze:

Statt "Wir haben uns mit der Zusage, uns bald wiederzusehen, verabschiedet."
besser "Wir haben uns mit der Zusage verabschiedet, uns bald wiederzusehen."

Statt "Sein Haus, in das er so viel Geld und Arbeit gesteckt hat, ist abgebrannt."
besser "Sein Haus ist abgebrannt, in das er so viel Geld und Arbeit gesteckt hat."

Mitunter verändert so ein Zerreißen den Sinn eines Satzes völlig
"Die Schüler schlugen Martin, der von der Klasse mehrere Jahre lang nur als Außenseiter angesehen wurde, zum Klassensprecher vor."


Dies nur für einen ersten Einstieg in das Thema "Sprache und Stil". Wer will, kann mehr dazu in folgenden Büchern nachlesen:

Ludwig Reiners: Stilfibel, dtv-Taschenbuch
Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben, rororo-Taschenbuch

Das Buch von Reiners ist mit fast 60 Jahren zwar schon etwas betagt, aber vom Grundsatz her noch immer recht nützlich.
Schneider war Dozent an der Hamburger Schule für Journalismus und hat aus seinen Erfahrungen ein recht bissiges Buch über die Sprachschludereien deutscher Journalisten verfasst. Vieles von Schneider deckt sich mit Reiners.

In diesem Sinne
Siegfried

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 13.05.2007, 15:22
hwg (Moderator)
 
Anmeldedatum24.04.2007
Beiträge3823
WohnortA 8786 Rottenmann


Bei mir gehört Reiners Stilfibel seit Jahrzehnten zur immer wieder zur Hand genommenen Lektüre. Etwas davon abgegrenzt, aber für den modernen Sprachgebrauch nützlich, sind die Bücher von Wolf Schneider, zum Beispiel "Deutsch für Profis".

Verallgemeinernde Ratschläge sind zwar grundsätzlich nicht schlecht, davon leben immerhin zahllose Autorenratgeber-Autoren ( Very Happy ), trotzdem wage ich einen Einwand: Würden sich alle Autoren an die auch von Dir angeführten Regeln halten, die Literatur wäre, rein sprachlich betrachtet, äußerst uniform.

Selbstverständlich gilt es, auch von Dir apostrophiere logische Fehler zu vermeiden, das Ausgrenzen von regionalen oder eigenständigen Besonderheiten oder Vorlieben würde jedoch mit der Zeit einen gewissen "Einheitsbrei", wie er schon viel zu häufig angeboten wird, fördern.

Es gibt eben auch gar nicht so wenige Leser, die gerne in altbewährten Klischees "baden" und diese auch beim Lesen wiederfinden wollen. Autoren sind keine Erzieher, auch wenn sie es manchmal gerne sein wollen, sondern vorrangig "Dienstleister" an Lesern. Und wenn diese von Verlagen und Redaktionen auf deren Verlangen hin mit klischeehaften Romantexten "bedient" werden und dazu Autoren beschäftigen, sollte man allen miteinander nicht mit starken Vorwürfen kommen (was Du ja nicht tust, sondern schreibende Kollegen zum "richtigen" und damit eher erfolgreichen Gestalten anleiten willist).

Und ich tippe das auch nur, weil ich über dieses Thema schon oft mit Kollegen diskutiert habe - und dies auch hier tun möchte.

BeitragVerfasst am: 29.08.2007, 10:50
Bärentante
 
Anmeldedatum30.05.2007
Beiträge728
Wohnortbei Frankfurt/M.


Ich hasse es, wenn in einem Forum alte Beiträge "hochgeholt" werden.

Aber in diesem Falle finde ich das sinnvoll. Es gibt ja immer wieder Neulinge, die nicht unbedingt auf die zweite Seite "blättern". Wink

_________________
Liebe Grüße
Christel
Schreibhandwerk Sprachstil
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