| g.c.roth (Moderator) |
|
 |
| |
| Anmeldedatum | 01.05.2007 | | Beiträge | 1325 | | Wohnort | Emden |
|
|
|
 |
 |
 |
|
Schwimmtag
Endlich Sonntag. Acht Uhr morgens. Familienschwimmtag.
Meine große Tochter Mareike mit ihren beiden zwei und vier Jahre alten Kindern, und ich mit meiner fünfjährigen Tochter, packen Berge von Handtüchern, Schwimmflügeln, Schwimmreifen, Schwimmenten, Schwimmbooten, Bällen, Ringen, Keksen und Fruchtsäften in unsere Rucksäcke. Aus Rücksicht auf unsere Mitmenschen gehen wir frühzeitig los, wenn sich im Wasser fast nur die durchtrainierten nervenstarken Oldies tummeln. Gegen zehn Uhr kommen für gewöhnlich ganze Ströme von Familien mit gut erzogenen Kindern...
Es ist Anfang Februar und wir sind in dieser Jahreszeit gezwungen, das Hallenbad aufzusuchen. Die Stimmung ist trotzdem ausgelassen, die Vorfreude aufs Planschvergnügen riesengroß. In Windeseile haben die Kleinen sich ausgezogen. Ich bin immer wieder verblüfft, dass die Kinder das Ausziehen in diesen engen Kabinen in nur dreißig Sekunden bewältigen, während die gleiche Aktion abends vorm Schlafengehen mindestens dreißig Minuten dauert. Schnell noch das Entenungetüm aufgeblasen und die Brille in der Tasche verstaut und los geht’s in Richtung Wasser. Mit Gejohle und Gekreische erstürmen die Kinder ihr Nichtschwimmerbecken.
Noch lächeln die Omis und Opis, weil sie es ganz entzückend finden, dass die Kinder sich noch so freuen können. Besonders viele liebevolle und anerkennende Blicke bekommt Bastian ab, weil er mit seinen zwei Jahren so mutig und unerschrocken vom Beckenrand ins Wasser springt und lachend wieder auftaucht. Wir genießen diese Augenblicke und weiden uns an den freundlichen Gesichtern - und brauchen diese Momente wie der Tee die Sahne. “Das Springen vom Beckenrand ist strengstens untersagt, bitte achten Sie auf ihre Kinder!”, tönt eine schlaftrunkene Stimme durch den Lautsprecher. ‘Aber ja doch, es ist doch nichts passiert.’ murmle ich. Mir ist das schon etwas unangenehm, wenn wir gleich in der ersten Minute auffallen, andererseits bin ich schon abgehärtet, da grundsätzlich bei unseren gemeinsamen Unternehmungen irgendwelche Dinge geschehen, die anderen Menschen scheinbar nicht einmal im Traum einfallen würden. Es ist ja auch nicht ganz einfach, zwei kleine Nichtschwimmer und eine Etwasschwimmerin im Auge zu behalten.
Bastian bewegt sich im Wasser, als hätte er nie etwas anderes getan. Sein kleiner Kopf ist eingeklemmt zwischen zwei riesigen Schwimmflügeln. “Wird er auch nicht damit umkippen?” frage ich besorgt. “Nein, bis jetzt ist das noch nicht passiert!”, antwortet Mareike in jugendlichem Selbstverständnis. ‚Dann wird es sicher heute passieren', denke ich. Ich hab da so meine Vorahnungen. Auch wenn meine Tochter sagt, ich bin überängstlich, als Oma weiß man eben, was so alles geschehen kann. Schließlich hat man als Oma auch eigene Kinder und was die alles aushalten mussten, das will man den Enkeln nicht auch noch zumuten. Aber bitte, ich hab's jedenfalls zu bedenken gegeben.
Bastian arbeitet sich immer weiter durch das Becken — und wirklich, er sieht allerliebst aus. Dieses kleine Kerlchen oder besser gesagt, diese riesigen Schwimmflügel mit dem kleinen Jungsgesicht in der Mitte — so ohne meine Brille, sieht er für mich von Weitem aus wie ein Schwimmspielzeug in Schmetterlingsform, das auf dem Wasser treibt. Norma und Nadine üben derweil das Tauchen, raufen sich um das Entenungetüm und sind selig beschäftigt. Ich setze mich mit meiner Großen auf die Treppe die ins Wasser führt, so dass nur unsere Köpfe aus dem Wasser ragen und wir genießen das badewasserwarme Element.
Auf der anderen Seite des Beckens schaukelt sanft ein orangener Schmetterling. Plötzlich ergreift der Schmetterling den Beckenrand und beginnt sich daran hochzuziehen. Schon klemmen die Kniee des Schmetterlings unter dem Kinn und im Augenblick darauf rutschen die Hände vom Rand ab und der kleine Falter fliegt rücklings ins Wasser zurück. Neben mir springt meine Große auf, und mit einem wirklich sehenswerten Köpper, schießt sie wie ein Pfeil ins Wasser, taucht unter und ist mit zwei Schwimmzügen bei Bastian. Der ist Dank der Schwimmflügel schon wieder mit dem Kopf über Wasser, was ihn aber nicht daran gehindert hatte, unter Wasser kurz und kräftig einzuatmen, so dass jetzt unter Begleitung eines gewaltigen Rülpsers mit Widerhall, ein noch gewaltigerer Wasserstrahl aus seinem Schlund schießt. Er würgt und hustet und — man glaubt es nicht — er lacht! Und aus dem strahlenden Kindergesichtchen fliegt in hohem Bogen das Frühstück heraus. Eine gute Hand voll Undefinierbares landet platschend direkt neben einem Opa und verteilt sich gleichmäßig in seiner Schwimmströmung.
Ich blicke vorsichtig umher und warte auf die Lautsprecheransage: “Bitte achten Sie darauf, dass Ihre Kinder keine Essensreste mit ins Becken nehmen!” Seltsamerweise kommt sie nicht, statt dessen kriegt meine Große einen ihrer wohltuenden Lachkrämpfe, denen niemand widerstehen kann und alles um uns herum, beginnt mitzulachen, ohne zu wissen warum - dabei sein ist eben alles.
Die Vorstellung, durch Halbverdautes schwimmen zu müssen, ist nicht sehr einladend und wir wechseln auf die andere Beckenseite. Dort sitzt es sich genauso gut auf der Treppe. Bastian entschließt sich, in unserer Nähe zu bleiben und beginnt, sich mit nassen Armen und Beinen ans Treppengeländer zu hängen. Ich verkneife mir diesmal mein Orakel von aufgeschlagene Köpfen und gebrochenen Knochen. Norma und Nadine spielen und haben uns wohl ganz vergessen. Gut so.
Wir nutzen den ungestörten Augenblick, um neue Abenteuer zu planen und uns über Gott und die Welt zu unterhalten, als plötzlich ein markerschütternder Schrei durch die Halle gellt: “Der Mann hat meinen Schwimmring geklaut!” Das war unverkennbar die Rockröhre von Nadine. Die messerscharfen Augen meiner Großen gleiten über die Wasseroberfläche und tatsächlich, ihr Blick bleibt an einem Mann hängen, der Nadines Schwimmring um den Hals trägt! Meine Große schürzt die Hände um den Mund — nicht, dass sie von Natur aus schon eine gewaltige Stimme hätte — und brüllt: “Würden sie den Kinder wohl den Schwimmring geben?” Der Mann tut, als ob er nicht verstanden hat und glotzt nur stumm zu uns herüber. “Den Schwimmring”, brüllt meine Große noch einmal und deutet mit dem Zeigefinger auf die Mädchen, “Die Kinder wollen mit dem Schwimmring spielen!!!” Der Kerl dreht sich zu unseren Mädchen um, dann sieht er frech wieder zu uns herüber, schüttelt den Kopf und schickt sich an, einfach weiter zu schwimmen! Aber da hat er sich grob vertan. Nicht mit meiner Tochter! “Das wollen wir doch mal sehen!”, höre ich die allzeit Kampfbereite noch zischen, dann verschwindet ihr Körper erneut im Wasser und taucht Sekunden später direkt vor dem Mann mit dem Schwimmring wieder auf.
Nadine brüllt noch immer, während ich ein Auge auf Bastian habe, der kopfüber halsbrecherische Kletterübungen am Geländer macht. Dabei fällt mein Blick auf einen blauen Schwimmreifen, der auf der Bank direkt neben unserer Handtuch- und Wasserspielzeugsammlung liegt.
‚Sieht aus, wie der, den der Mann am Hals trägt', fällt mir auf. Ich vergleiche noch einmal. ‚Ja, ist genauso einer...' “Mareike!”, rufe ich, “Mareieikeee!!!” Doch sie hört mich nicht und ich kann sie im Wasser auch nicht mehr finden. Dort wo sie gerade noch aufgetaucht war, sieht man Arme und Beine wie wild im Wasser platschen. Eine Szene breitet sich vor mir aus, die mich an diese abartigen Filme mit den fingierten Haiattacken erinnert. Aufschäumendes Wasser, kreischende Menschen, Arme, Beine, Schwimmring, alles quirlt durcheinander. Es ist ein gewaltiges Schauspiel. Immer mehr Zuschauer sammeln sich am Beckenrand und harren fasziniert dem zu erwartenden Blutbad. Wo bleibt nur die verdammte Lautsprecheransage! Dann, endlich, der Bademeister schreitet ein. Mit einer 5m-Stange schlägt er entschlossen auf die tobenden Rivalen ein und trifft! Das Wasser beruhigt sich, Mareike’s Kopf taucht auf und mit einem knappen: “Na also, geht doch”, wirft sie den Schwimmring den Kindern zu, schwimmt zurück zu mir und setzt sich wieder auf die Treppe.
Wir schauen zu, wie zwei Rettungsschwimmer den Kinderquäler aus dem Wasser bergen und auf einer Trage hinausschaffen. “Unglaublich, was es für Typen gibt! Denen muss man von Anfang an zeigen, wo's lang geht!”, schnauft meine Große. Ich tippe ihr auf die Schulter und deute schweigend auf den blauen Schwimmring, der noch immer unschuldig auf der Bank liegt. Für einen Sekundenbruchteil stutzt sie, dann ruft sie entschlossen: “Kinder, die Zeit ist um, wir müssen gehen! Norma trägt Nadines Schwimmring, Nadine den anderen, ich nehm' die Taschen und Oma das Entenungetüm!” Mit einem routinierten Griff pflückt sie während sie Richtung Ausgang strebt Bastian vom Geländer, das dabei scheppernd in sich zusammenfällt und ins Becken abtaucht.
Draussen scheint die Sonne, die Kinder sind glücklich
und ein schöner Sonntagmorgen bleibt unvergessen.
gcroth 2004 |
|