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Stereotyp?

BeitragVerfasst am: 17.06.2008, 11:59
Lally
 
Anmeldedatum05.07.2007
Beiträge37


Hallo,


ich lese gerade zum zweiten Mal "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt" v. J. Frey und frage mich, wann ein Typ zum Stereotyp wird.

Da nennt Frey das Beispiel vom Detektiv, der in vielen Romanen "im mittleren Alter", grauhaarig, sehr erfahren und "aufdringlich" ist (S.25). Um diesen Stereotyp zu brechen, erfindet er einen anderen Detektiv: Er ist relativ jung, nicht durchschnittlich groß, "schmächtig, zart" (25). Wenn jetzt vier oder fünf weitere Autoren den letzteren Detektiv-Typ in ihrem Roman mit den genannten oder leicht abgeänderten (ich nehme an, jeder von ihnen hat seine eigene Vorstellung von "zart" o.ä.) Eigenschaften auftreten lassen, ist diese Art von Detektiv auch ein Stereotyp?

Mfg,

L.

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 17.06.2008, 12:12
Zoba
 
Anmeldedatum23.11.2007
Beiträge1296
WohnortSüden


Hi,

ich denke es müssten schon mehr as 4-5 sein. Der Phillip Marlowe-Detektiv ist sicher ein Stereotyp, deshalb empfanden ja viele gerade solche Alternativen wie Miss Marple oder Hercule Poirot zu Zeiten als sehr erfrischend.

Es gibt viele Stereotypen, die man einfach vermeiden sollte, weil sie wie Versatzstücke wirken und wenig echtes Interesse produzieren. Vermeiden wäre für mich jedoch nicht unbedingt, das genaue Gegenteil krampfhaft zu suchen. Oft hilft stattdessen einfaches Querdenken weiter.

_________________
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 17.06.2008, 12:15
Hakket (Moderator)
 
Anmeldedatum14.09.2007
Beiträge920
WohnortBremervörde


Hi Lally,
man muss sich schon im Vorfeld fragen, was denn ein "guter" Roman ist.
Wer bestimmt, was "gut" ist? Die Kritiker? Die Verkaufszahlen?

Mit Stereotypen zu brechen finde ich erstmal gut. Aber genau das kann ja dazu führen, dass dieses Brechen wieder zu einer Norm wird.

Solange man nicht als "Auftragsschreiber" aktiv ist, sollte man das schreiben, was man für richtig hält. Es sollte "echt" wirken.
Tipps von erfahrenen Schreibern sind immer gut, aber man sollte sich treu bleiben.
Und gerade einen typschen Detektiven zu nehmen, und ihn nur hier und da von der Norm abweichen zu lassen, oder genau diese Norm zu übertreiben und zu karikieren, könnte schon wieder interessant sein.

Gruß
Hakket

_________________
In jedem Menschen existieren dunkle Orte, für die es keine offizielle Wegbeschreibung gibt. Und wer glaubt, keinen dieser Orte in sich zu tragen, hat den Weg dorthin nur noch nicht gesucht.
www.tordenfjord-verlag.de

BeitragVerfasst am: 17.06.2008, 14:06
hwg (Moderator)
 
Anmeldedatum24.04.2007
Beiträge4008
WohnortA 8786 Rottenmann


Diskussionen über Stereotypen oder Triviales in der Lektüre gibt es, seit Literatur zu einem "normalen" Konsumgut für alle Lesewilligen geworden ist. Autoren, die mit ihren Werken den "Geschmack" von Millionen Lesern "treffen", werden von so manchem Poeten, der "niemals für die Masse schreiben wird", insgeheim beneidet. Erfolg, ein ohnehin relativer Begriff, hat in der Schreiber- und Verlegerzunft viele "Mascherl". Welches davon sich ein Autor umbindet, ist allein seine Angelegenheit. Ohne ein gewisses handwerkliches Können ist ein "Erfolg" eher Glückssache... Laughing


Zuletzt bearbeitet von hwg (Moderator) am 17.06.2008, 15:59, insgesamt einmal bearbeitet

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 17.06.2008, 14:29
Lally
 
Anmeldedatum05.07.2007
Beiträge37


Hallo,

danke für die Beteiligung.

Als Autor will man ja Stereotypen vermeiden. Es ist traurig, wenn man zu hören bekommt: "Mann, da hat wohl Jemand Harry Potter/ Hannibal Lecter kopiert."
Aber man muss auch höllisch aufpassen, dass dieser "Bruch" nachvollziehbar bleibt.
Aber, wenn die Figuren, die ja genau diesen Bruch demonstrieren, in mehreren Büchern in ihren groben Zügen übereinstimmen, werden sie ja auch zu Stereotypen, oder? Dann heißt es: "Ich habe 30 Romane gelesen. In 21 davon war der Detektiv jung, wenig erfahren, "zart" und schmächtig. - Kann denn Niemand einen neuen Detektiv-Typ erfinden?"

BeitragVerfasst am: 18.06.2008, 07:46
PvO
 
Anmeldedatum21.10.2007
Beiträge682
WohnortOstseebad Prerow


Zitat:
Kann denn Niemand einen neuen Detektiv-Typ erfinden?"

Klar kann man. Nehme doch einfach eine Rentnerin. Steht auch bei Frey drinnen.

_________________
Ab November 07 erschien eines meiner Bücher auf dem amerikanischen Markt .

www.peters-buchladen.de

BeitragVerfasst am: 18.06.2008, 08:04
hwg (Moderator)
 
Anmeldedatum24.04.2007
Beiträge4008
WohnortA 8786 Rottenmann


Miss Marple gibt es schon.... Laughing

BeitragVerfasst am: 18.06.2008, 08:38
Zoba
 
Anmeldedatum23.11.2007
Beiträge1296
WohnortSüden


Hi,

es gibt wohl nur wenig was es in dem Genre nicht bereits gibt.

Übrigens sind alle Detektive/Helden der Krimis von Dick Francis zwischen 20 und 35, so zart gebaut wie Jockeys (es sind allesamt Jockeys oder Ex-Jockeys) und sehen eher stinknormal aus (braunes Haar, helle Haut, normale Kleidung). Bekannt ist diese Nummer auch, der in meinen Augen absolut geniale Dick Francis gehört zu den Größten des Genres.

Ich denke, daß etwas was in Deutschland immer geht, ein "normaler" Detektiv ist, also einer, sofern Polizist, der aus dem echten Leben genommen wurde, oder sofern Detektei, eben einer der Leute, die hierzu tendieren.

Das Zauberwort ist hier Recherche!

Warum meldest du dich nicht mal ganz höflich bei der Bürgerstelle der Kripo, trägst dein Anliegen vor, Kontakt mit einem Kommissar oder Oberkommissar zu bekommen, vielleicht dort wo du darfst ein paar Tage mit diesem unterwegs zu sein oder ihn zumindest zu interviewen. Einfacher wirds sicher bei Detekteien, da würde ich bei den großen erst mal den Personalchef sprechen, fragen was für Leute er einstellt, was für einen Hintergrund sie haben etc. und dann mit den Leuten selbst reden.

O.e. Dick Francis zum Beispiel, der zweifellos zu den sehr langfristig extrem erfolgreichen Krimiautoren mit zig Preisen und tollen Verkaufszahlen gehört, recherchiert bis ins praktische Ausführen hinein die Hintergründe seiner Personen, so hat er beispielsweise Fliegen gelernt, als er eine Figur schuf, die Pilot im Umfeld der Rennbahnen ist, ließ seinen Sohn Selbstverteidigungskurse besuchen, als er seinen toughsten Charakter erfand usw.

Ist eine altbekannte und wirklich ertragreiche Methode.

_________________
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 18.06.2008, 22:54
hawepe
 
Anmeldedatum15.04.2007
Beiträge2406
WohnortBerlin


Hallo Lally,

Lally hat Folgendes geschrieben:
Kann denn Niemand einen neuen Detektiv-Typ erfinden?"


Ich denke, dieses "erfinden" ist das Problem. Fuer mein Empfinden hat sich in den letzten Jahren (oder Jahrzehnten) wieder sehr stark ein akademisches Schreiben breitgemacht. Es wird sehr viel konstruiert, waehrend draussen das pralle Leben tobt.

Wenn man sich mal die Menschen, mit denen man mehr oder weniger regelmaessig zu tun hat, genauer ansieht, entdeckt man meiner Meinung nach eine solche Vielfalt, dass es gar nicht noetig waere, muehsam Figuren zu erfinden.

Das Schwere ist nur, dieses Leben einzufangen und literarisch zu neuem Leben zu erwecken.

Ansonsten kann ich nur wiederholen, was schon Zoba schrieb: Recherchieren, recherchieren, recherchieren.

Beste Gruesse,

Heinz.

_________________
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BeitragVerfasst am: 19.06.2008, 09:54
hwg (Moderator)
 
Anmeldedatum24.04.2007
Beiträge4008
WohnortA 8786 Rottenmann


Als hervorragendes Beispiel für einen "nicht recherchierten" Krimi gilt für mich "Der Kameramörder" von Thomas Glavinic - ein zu Recht preisgekrönter Roman frei von jederlei Ortsbeschreibungen und "akademischen" Formulierungen. In diesem Buch sind alle Klischees "gesprengt" worden - und die Spannung bei der Lektüre hält einen bis zur letzten Zeile in Atem.
Stereotyp?
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