 | Totaler Absturz |  |
Verfasst am: 02.05.2007, 17:25 |
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Hier ein Text von mir, den ich 1998 geschrieben habe.
Totaler Absturz
Jensen rutschte nervös auf dem Copilotensitz hin und her. Es war nicht der Flug, der ihn beunruhigte, oder die Enge im Cockpit der einmotorigen Cessna. Fliegen bereitete ihm keine Angst, dafür hatte er lange genug selbst hinter dem Steuerknüppel einer Sportmaschine gesessen. Nein, es war die überraschende Einladung Zinners zu einem Rundflug, die Jensen verkrampfen ließ. Warum hatte Zinner ausgerechnet ihn - und gerade heute - zu einem Rundflug über die Dörfer zwischen Hannover und Braunschweig eingeladen? Jetzt, kurz nach dem Start vom Flugplatz Edemissen, war es zum Aussteigen zu spät.
»Ich würde sagen, wir fliegen erstmal Richtung Celle«, riss ihn Zinner aus seinen Gedanken. »Sie wohnen doch in Celle, oder?«
Jensen nickte. »Kurz davor. In Adelheidsdorf.«
Zinner brachte die Maschine in einer sanften Kurve auf Nordkurs. Der Motor der Cessna brummte ruhig und gleichmäßig, und nach wenigen Minuten erreichten sie ihre von der Flugsicherung vorgegebene Flughöhe. Zinner lehnte sich entspannt in seinen Sitz zurück. Jensen starrte unentwegt aus dem Seitenfenster.
»Ich möchte Ihnen mit diesem kleinen Ausflug danken«, sagte Zinner plötzlich.
»Danken? Wofür?«
»Sie waren es, der mir die Augen geöffnet hat, was meine Frau betrifft.«
Jensen versuchte ein Lächeln. Es misslang. »Aber es war doch nur reiner Zufall, dass ich Ihre Frau in dem Hotel gesehen habe.«
»Nein, nein. Kein Zufall. Eher...« Zinner suchte nach dem passenden Wort. »Vorsehung. Oder Schicksal. Ganz wie man will.«
Jensen schwieg. Darum ging es also! Diese vermaledeite Geschichte von Zinners Frau und dem Kerl aus der Buchhaltung. Hätte er doch nur seinen Mund gehalten!
»Sehen Sie«, fuhr Zinner fort, »ich finde es bemerkenswert, dass Sie mich damals informiert haben. Das hätte nicht jeder getan.«
Nein, nicht jeder, schoss es Jensen durch den Kopf. Wohl nur jene Männer, die selbst erleben mussten, wie es ist, von seiner eigenen Frau betrogen zu werden. Er spürte wieder diese unbezähmbaren Wut in sich, und die Fingernägel seiner linken Hand bohrten sich schmerzhaft in den rechten Unterarm. Verdammte Weiber!
»Ich habe meine Frau natürlich sofort zur Rede gestellt. Sie hat gesagt, dass nichts gewesen sei. Sie wäre mit diesem Kramer nur im Hotel gewesen, um jemanden abzuholen.«
»Abzuholen?« Jensens Wut auf seine eigene Frau ließ ihn gesprächig werden. »Sie waren fast drei Stunden im Hotel!«
»Ich habe ihr geglaubt.«
»Sie lieben Ihre Frau?«
»Ja, sehr sogar. Ich kann mir ein Leben ohne Marita nicht vorstellen.« Zinners Stimme klang plötzlich eigenartig verzweifelt.
Oh Mann, dachte Jensen, er ist verrückt nach ihr, und sie setzt ihm Hörner auf. Armer Kerl!
»Sie hat mir geschworen, dass sie mir treu ist. Aber ein paar Tage später lagen plötzlich Blumen vor der Tür.«
»Etwa von Kramer?«
»Der Gedanke kam mir auch. Marita erzählte mir, dass er sie belästigen würde. Ich habe mir seine Adresse aus dem Telefonbuch gesucht und bin am Abend bei ihm vorbeigefahren. Ein widerlicher Kerl!«
»Sie haben Ihrer Frau geglaubt?«
»Natürlich!«
Jensen schüttelte den Kopf. Dieser Zinner war ja unsagbar naiv!
»Es gab zwischen Kramer und mir heftigen Streit, und ich sagte ihm, er solle seine Finger von meiner Frau lassen, sonst würde ich ihn bei der Polizei anzeigen.«
»Das hat ihn wahrscheinlich herzlich wenig gekümmert.«
»Ja, mehr noch. Er sagte, jetzt würde es ihm erst richtig Spaß machen.«
Und ihr wahrscheinlich auch, dachte Jensen. Er blickte wieder aus dem Fenster und sah, dass sie Celle erreicht hatten. Die Cessna flog eine Linkskurve und nahm Kurs auf Hannover. Sie folgten der Bundesstraße 3.
»Ich habe dann einen Privatdetektiv angeheuert, der diesen Kramer überprüfen sollte«, fuhr Zinner fort, nachdem er das Flugzeug ausgerichtet hatte. »Er berichtete mir, dass Kramer gegenüber Frauen gewalttätig wird und schon mehrfach angezeigt worden sei. Gegen Zahlung von fünftausend Mark wollte der Detektiv diesen Kramer 'überzeugen', dass es besser sei, die Gegend zu verlassen.«
Jensen richtete sich in seinem Sitz auf. »Deswegen ist Kramer so plötzlich verschwunden. Jetzt wird mir einiges klar.«
Zinner schüttelte den Kopf. »Nein. Wer plötzlich verschwand, das war der Privatdetektiv. Der hat sich mit meinem Geld eine schöne Zeit auf der Reeperbahn gemacht. Dafür stattete Kramer mir einen Besuch ab.«
»Wie? Er kam zu Ihnen?«
»Er sagte mir auf dem Kopf zu, dass er früher oder später meine Frau kriegen würde. Ich sei für sie doch viel zu alt. Eine Frau wie Marita bräuchte einen potenten Kerl im Bett und nicht so einen Waschlappen, wie ich es sei.« Zinners Stimme zitterte vor Wut. Nur mit Mühe konnte er die Cessna auf Kurs halten.
»Und?« fragte Jensen lauernd.
Zinner schwieg eine Weile. Dann sagte er: »Ich habe ihn mit einem Kerzenleuchter erschlagen.«
»Was?« rief Jensen entsetzt. »Sie haben Kramer umgebracht?«
»Er war doch eine Bedrohung für meine Frau. Er stellte ihr nach. Irgendwann hätte er ihr Gewalt angetan.«
Jensen war einen Moment lang sprachlos. Aber er konnte Zinner verstehen. Als er von dem Verhältnis seiner eigenen Frau erfahren hatte, verspürte er auch diesen Drang, den Nebenbuhler kurzerhand zu beseitigen.
Die Cessna erreichte die Randbezirke Hannovers. Die B3 wurde zur vierspurigen Schnellstraße, und der Fernmeldeturm kam schnell näher. Das Flugzeug drehte nach Südosten ab und folgte dem Mittellandkanal.
»Ich war gerade dabei, Kramers Leiche zu beseitigen, als Marita nach Hause kam. Sie war völlig außer sich und nannte mich einen Mörder und Geisteskranken. Dabei hatte ich Kramer doch für sie getötet. Verstehen Sie, ich habe es nur für meine Frau getan!«
Jensen nickte geistesabwesend. Sie hat ihn zerstört, dachte er. Er liebt sie, und sie macht ihn fertig.
»Marita zog noch am gleichen Abend ins Gästezimmer«, sagte Zinner. »Mit einem Mörder könne sie nicht im gleichen Bett liegen.«
Sie erreichten die Hindenburg-Schleuse in Anderten. Die Tore wurden gerade geöffnet, um ein Frachtschiff einzulassen. Zinner brachte die Cessna auf Ostkurs und flog zurück in Richtung Flugplatz Edemissen.
»Das wahre Leben ist manchmal die beste Satire«, sagte Zinner. »Denn am nächsten Tag tauchte der Detektiv wieder auf und gestand mir, dass er die ganzen Geschichten über Kramer - die Gewalttätigkeiten, die Anzeigen der Frauen - erfunden hätte. Er wollte nur das Geld.«
Jensen starrte Zinner mit aufgerissen Augen an. »Er hat alles erfunden?«
»Kramer war ein großmäuliger Kerl, der seit dem Tag im Hotel hinter meiner Frau her war - weiter nichts. Und ich habe ihn dafür totgeschlagen.«
Jensen fasste sich an den Kopf. »Das ist ja eine Katastrophe!«
Wieder schüttelte Zinner den Kopf. »Die Katastrophe geschah erst, als meine Frau ihre Sachen packte und mich verlassen wollte. Sie könne nicht länger mit mir zusammensein - mit einem Mörder, sagte sie. Ich flehte sie auf Knien an zu bleiben. Sagte ihr, ich hätte doch alles nur aus Liebe zur ihr getan. Und dass ich ohne sie nicht leben könne.«
In der Ferne tauchte der Flugplatz Edemissen auf. Die Landepiste war klar zu sehen, und der Windanzeiger vor den Hangars deutete auf schwachen Gegenwind.
»Was ist geschehen?« Jensen stellte die Frage, obwohl er die Antwort bereits wusste.
Zinner presste die Lippen so fest zusammen, dass sie weiß wurden. Seine Zähne mahlten, und aus dem Winkel seines rechten Auges löste sich eine Träne. »Als Marita das Haus mit gepacktem Koffer verlassen wollte, habe ich sie erstochen.«
»Oh Gott!« Jensen schloss die Augen. Seine Hände lagen auf den Knien und verkrallten sich im Stoff der Jeans. Er atmete tief ein und aus, um sich wieder zu beruhigen.
»Sie müssen sich der Polizei stellen«, sagte Jensen, »ein guter Psychiater wird Ihre Schuldunfähigkeit feststellen. Und nach ein paar Jahren Therapie können Sie dann ein neues Leben anfangen.«
Zinner begann zu lächeln. »Sie verstehen nicht. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich ohne Marita nicht leben kann.«
Jensen kam ein furchtbarer Verdacht. »Was meinen Sie damit?«
»Mit dem Tod meiner Frau ist auch mein Leben vorbei.« Er blickte Jensen an, immer noch lächelnd. »Und Sie haben alles ins Rollen gebracht!«
Zinner drückte das Steuer weit nach vorne. Die Cessna ging sofort in den Sturzflug.
»Was tun Sie?« brüllte Jensen. »Ziehen Sie hoch! Ziehen Sie hoch!«
Er griff nach dem Steuerknüppel vor ihm. Der Flugzeugschatten auf der Wiese kam rasend schnell auf ihn zu.
Jensen schrie. |
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