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Wenn wir den Krieg gewonnen hätten....

BeitragVerfasst am: 16.05.2008, 09:07
Fabula
 
Anmeldedatum09.01.2008
Beiträge190
WohnortArnsberg


......hätte dieses geschehen können

Etwas atemlos schleppte sich Klara die letzten Stufen des dritten Stockwerkes hoch.
‚Warum habe ich nicht den Aufzug genommen’ dachte sie. In letzter Zeit hatte sie vermehrt an dieser lästigen Luftnot gelitten. Es war höchste Zeit, dass sie sich zur Ruhe setzte. Nächste Woche würde es so weit sein und Frau Professor Dr.Dr. Klara Hofmann wurde verabschiedet.
Sie betrat ihr Büro und ging sogleich zu ihrem Schreibtisch. Ihr Blick fiel auf die vielen Auszeichnungen an der Wand, die ihre herausragenden Verdienste dokumentierten. Die höchste Belobigung betraf ihren Erfolg in der Zwillingsforschung. Sie hatte belegen könne, dass – trotz unterschiedlicher Umwelteinflüsse – die Erbanlagen sich in 99% aller untersuchten Probanden durchsetzten. Dieser Erfolg war bahnbrechend und der Genetikforschung zugute gekommen.
Nach der überraschenden Wende auf dem Kriegsschauplatz 1945 – errungen durch die Wunderwaffe – hatte sich das Augenmerk der Regierung nach dem Wiederaufbau verstärkt dem Rassenideal zugewandt.
Damals war Klara noch Schülerin auf der Eliteuniversität und hatte dieses Thema als Schwerpunkt ihrer Studien gewählt. Sie stand voll und ganz hinter den Vorstellungen der Obrigkeit, die einer arischen Rasse, dargestellt durch blondes Haar und blaue Augen, den Vorzug gab.
Sie selbst erfüllte diese Voraussetzungen. Trotzdem hatte sie sich sterilisieren lassen, da ihr Vater ein südländisch, dunkler Typ war. Wer konnte ganz ausschließen, dass diese Merkmale an seinen Enkeln nicht wieder zum Vorschein kamen.
Klara hatte gerade am Schreibtisch Platz genommen, als es klopfte. Ihre Assistentin Lucia trat ein und überreichte ihr einige Papiere.
„Das Labor schickte sie gerade hoch. Sie müssen wichtig sein, denn sie wurden nicht über den PC übertragen.“
„Danke Lucia, ich sehe sie mir sofort an.“
Klara entfaltete die Bögen. Ihr Blick fiel sofort auf den Namen der Patientin:
Inga Wolf, die Tochter ihrer Schulfreundin Freia.
Inga hatte in diesem Institut, das extra für die Entbindung des Elitenachwuchses errichtet worden war, ihr erstes Kind zur Welt gebracht.
Es war üblich, dass gleich nach der Geburt die erforderlichen Tests durchgeführt wurden. Von deren Gelingen hing es ab, ob das Kind berechtigt war, in dieser, gehobenen Gruppe der Gesellschaft zu leben.
Falls die Ergebnisse nicht der Norm entsprachen, so wurden die nicht qualifizierten Geschöpfe den Arbeitstruppen zugeteilt. Allerdings mussten sie körperlich gesund sein. Allzu viele ihrer Art wurden nicht benötigt, denn die Roboter erledigten überwiegend die grobe Arbeit.
So war es nach und nach gelungen, die soziologisch untere Stufe der Bevölkerung praktisch restlos zu beseitigen.
Die weiblichen Mitglieder der Arbeitstruppen wurden – mit geringen Ausnahmen – sterilisiert. Es kam immer darauf an, wie viele zur Aufrechterhaltung des Systems benötigt wurden.
Klara traute ihren Augen nicht. Der Junge, den Inga geboren hatte, litt an der Trisomie 21, einer Chromosomanomalie. Dieser Defekt wurde früher als Down-Syndrom bezeichnet, bzw. war als Mongolismus bekannt. Das Chromosom 21 hatte dann nicht – wie üblich – zwei Arme, sondern einen zusätzlichen dritten.
Die Kinder hatten in der Regel ein schwaches Herz, oder sie starben früh an einer Lungenentzündung.
Seit vielen Jahren war dieser Defekt nicht mehr beobachtet worden, denn er steht in Zusammenhang mit dem Alter der Mutter. Entweder waren die Mütter zu alt, oder zu jung, wenn sie ein Kind mit dieser Behinderung gebaren. Jetzt war es den Frauen verboten, vor dem zwanzigsten und nach dem dreißigsten Lebensjahr Kinder zu gebären.
Wieso konnte das Inga passieren? Sie war 22 Jahre alt, und sie und ihr Mann hatten mit Bravour alles bestanden, was sie zur Zeugung eines Kindes der Elite berechtigte. Verschweigen einer versteckten Erbkrankheit war bei den heutigen Möglichkeiten utopisch. Man konnte alles nachweisen.
Auch Ingas arischer Nachweis war lückenlos und sauber.
Gab es, außer dem Alter der Mutter, möglicherweise doch noch eine andere Ursache, die der Wissenschaft noch nicht bekannt war?
Das wäre ein schwerer Schlag für die Forschung.
Klara barg ihren Kopf in den Händen und konnte ein stöhnen nicht unterdrücken.
Es war ihre Pflicht, diesem Säugling die Todesspritze zu geben.
Bisher hatte sie eine solche Maßnahme ohne Skrupel erledigt, da sie von deren Notwendigkeit überzeugt war.
Was war heute mit ihr los? Lag es daran, dass sie eine persönliche Beziehung zu der Familie hatte? Sie wusste es nicht.
Es schob sich ein Bild vor ihre Augen, dass sie vor Jahrzehnten erlebt und bis heute völlig vergessen hatte.

Auf der gleichen Etage wie ihre Eltern wohnte eine Familie, die ein behindertes Mädchen hatte. Klara wurde von diesem Kind stark angezogen. Fast jeden Morgen schellte sie dort und sah zu, wie Helga angezogen und gefüttert wurde. Sie bewegte kaum ihre Gliedmaßen und ihr Gesichtsausdruck erinnerte an eine Puppe. Aber manchmal griff sie nach Klaras Finger und lächelte.
Als Klara eines Morgens vor der Tür stand, wurde ihr nicht geöffnet. Sie fand das sehr merkwürdig, denn Helgas Mutter verließ nie das Haus.
Am andern Tag hörte sie, dass sich zwei Nachbarinnen unterhielten:
„Haben sie es auch gehört, die Helga wurde in den Himmel geschickt.“
Was hatte das zu bedeuten?
Klara lief eilig zu ihrer Mutter. Sie erzählt ihr, dass man das heute mit vielen, unheilbar kranken Kindern mache.
„Sie spüren das nicht“ sagte sie, aber Klara sah, dass sie Tränen in den Augen hatte.

‚Damals war ich acht Jahre alt und wusste von unseren heutigen Idealen nichts’ dachte Klara. Aber dann hörte sie die Stimme ihres Großvaters:
„Es gibt kein unwertes Leben.“
Hatte er geahnt, was aus seiner Enkelin werden würde?
Was nützten ihr die ganzen Auszeichnungen, wenn sie in ihrem Berufsleben alles fasch gemacht hatte? Wenn das so war, dann hatte sie schwere Schuld auf sich geladen.
Warum aber machten das Millionen von Menschen mit?
Jedenfalls gab es keinen spürbaren Widerstand.
Die Zeit drängte. Sie musste eine Entscheidung treffen.
Hatte sie überhaupt die Möglichkeit der Wiedergutmachung?
Tote Kinder konnte sie nicht wieder zu Leben erwecken, aber vielleicht konnte sie dieses eine noch retten.
Sie startete ihren PC und sah nach, wer auf der Kinderstation Dienst hatte.
Es war der überaus korrekte Dr. Schneider, aber um zehn Uhr wurde er abgelöst.
Klara wartete versteckt im Flur hinter einem Feiler so lange, bis er sich mit der Ablösung zur Übergabe ins Ärztezimmer zurückgezogen hatte.
Dann huschte sie auf die Kinderstation. Schnell machte sie ihren Eintrag:
„Kind Iso abgeholt“, schrieb ihren Namen darunter und ging mit dem Baby auf dem Arm davon.
Für die Verabreichung der Spritze gab es einen gesonderten Raum. Normalerweise war ein Zeuge dabei, aber heute konnte Klara niemand gebrauchen.
Sie nahm ein bereit stehendes Kästchen, legte zwei Steine hinein, die sie mit Zeitungspapier fixierte. Dann klebte sie es zu, versiegelte es und brachte es ins Krematorium. An der Eingangstür befand sich eine Klappe. Sie öffnete sich nach ihrem Griff auf die Klingel und das Kästchen wurde in Empfang genommen.
„Einen schönen Abend, Frau Professor“ sagte eine Stimme.
Klara nahm ihren Korb, in dem Iso lag und verließ das Gebäude.
Auf seinem Sterbebett hatte ihr Großvater ihr eine Adresse in den Bergen gegeben. Er hatte darauf bestanden, dass Klara sie auswendig lernte.
„Da gehe hin, wenn du in Not bist“
Nun war sie auf dem Weg.
Sie sah nach dem Kind im Korb und spürte, dass seine Hand ihren Finger umfasste.

©Fabula

_________________
Von allen Geistern die verneinen,
ist mir der Schalk am wenigsten zur Last
(Goethe, Faust )
www.leichte-feder.de

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