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wgbajohr: Der starke Mensch

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 09:05
wgbajohr (Moderator)
 
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Der starke Mensch

Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen, sei betont, dass es hier nicht um den oft erwähnten „starken Mann“ geht, zumal er nach meiner Definition kein starker Mensch ist. Der Hauptunterschied liegt in der Art der Stärke. Der starke Mann setzt sich gegenüber anderen durch, nicht selten rücksichtslos. Der starke Mensch überwindet dagegen eigene Schwächen, wie zum Beispiel Gier.

Ich beabsichtige, in lockerer Folge Beispiele zu bringen, die meiner Meinung nach sehr gut zeigen, wodurch sich der starke Mensch von uns gewöhnlichen Menschen unterscheidet. Ob es jemals dazu kommt, dass die Menschheit zum überwiegenden Teil aus starken Menschen besteht, ist mehr als fraglich, zurzeit erscheint es eher unwahrscheinlich.

Meine Kolleginnen und Kollegen sind selbstverständlich eingeladen, eigene Beispiele für das Verhalten eines starken Menschen einzubringen.

Die alte Dame

Eine alte Dame beteiligt sich mit dem halben Lottoeinsatz an unserem Lottospiel. Bevor sie aber jemanden über unsere Vereinbarung informieren kann, erfasst sie ein Auto und verletzt sie tödlich. Wie es der Zufall will, gewinnen wir bei der folgenden Ausspielung den Jackpot. Der einzige Sohn und Alleinerbe der alten Dame darf sich zu den Superreichen unseres Landes zählen. – Werden wir ihm trotz seines Reichtums seinen rechtmäßigen Anteil übergeben? Von dem Menschen, der ohne die geringste Einschränkung den Starken angehören möchte, erwarten wir selbstverständlich, dass er seiner Pflicht auch dann nachkommt, wenn niemand außer ihm von der Verpflichtung weiß.


Jeder mag sich die Frage selbst beantworten, ob er stark genug wäre, seine Gier nach fremdem Geld zu überwinden.

Viele Grüße
Wolf-Gero

_________________
Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 10:30
LOFI (Moderator)
 
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Das, was einen nicht starken Menschen oder starken Menschen in der von dir definierten Form ausmacht, liegt mehr oder weniger in der Natur des Menschen verborgen. Es prägt sich letztendlich individuell aus Prädispositionen, wesentlichen Prägungen in der Kindheit und aus interaktiven Verhaltensstrukturen.
Von den grundsätzlichen Voraussetzungen her, glaube ich, ist die Bandbreite Stark und Nicht Stark wahrscheinlich normal verteilt. (wenig characterlose - viele "Normale" - wenig ganz Starke. Deine Annahme, dass sich zur Zeit das "Nichtstarke" mehr durchsetzt, hat mit gelernten interaktiven Strukturen zu tun und ist wohl eher nicht auf genetische Anpassungen zurückzuführen.
Abner ich glaube, auch heute gibt es noch sehr viele starke Menschen, was sich vor allem in ihrer Eigenheit äußert. Stark sein, bedeutet für mich auch immer ein Stück "Eigenheit bewahren", auch wenn es nicht opportun ist und dem Mainstream entgegensteht. Vor solchen Leuten habe ich Respekt.

LG

Lorenz

Re: wgbajohr: Der starke Mensch

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 11:11
Siegfried
 
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wgbajohr (Moderator) hat Folgendes geschrieben:
Der starke Mensch

Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen, sei betont, dass es hier nicht um den oft erwähnten „starken Mann“ geht, zumal er nach meiner Definition kein starker Mensch ist. Der Hauptunterschied liegt in der Art der Stärke. Der starke Mann setzt sich gegenüber anderen durch, nicht selten rücksichtslos. Der starke Mensch überwindet dagegen eigene Schwächen, wie zum Beispiel Gier.


Eine Diskussion, die mit dem überholten Rollenklischee "Der starke Mann setzt sich gegenüber anderen durch, nicht selten rücksichtslos" (als wenn es keine Frauen gäbe, die genau das Gleiche tun) als Abgrenzung zum "starken Menschen, der seine eigenen Schwächen überwindet" (als wenn das starke Männer nicht tun) argumentiert, halte ich für absolut überflüssig!

Grüße
Siegfried

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 11:32
g.c.roth (Moderator)
 
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Zitat:
Eine Diskussion, die mit dem überholten Rollenklischee "Der starke Mann setzt sich gegenüber anderen durch, nicht selten rücksichtslos" (als wenn es keine Frauen gäbe, die genau das Gleiche tun) als Abgrenzung zum "starken Menschen, der seine eigenen Schwächen überwindet" (als wenn das starke Männer nicht tun) argumentiert, halte ich für absolut überflüssig!


Ich habe die Erklärung so verstanden, dass keine Diskussion über derartige Klischees stattfinden soll. Eben weil es um starke Menschen gehen soll. Das schließt sowohl Männer als auch Frauen ein.

Zitat:
Um einem möglichen Missverständnis vorzubeugen, sei betont, dass es hier nicht um den oft erwähnten „starken Mann“ geht,


LG Grete

P.S: Ist das Klischee wirklich überholt??? Ich kenne genug Beispiele, wo es noch so ist: Wer die Muskeln hat, hat Recht.

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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 11:38
Zoba
 
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Hi Gero,

ich würde sogar sagen, daß dein Beispiel von sehr relativen Werten ausgeht.

Wer wäre deiner Meinung nach stärker?

1. Einer der Mitspieler ist sehr arm, hat Frau und Kinder, die er kaum am Leben halten kann, geschweige denn ihnen eine Zukunftsperspektive schaffen. Er hat ein strenges, an kirchliche Werten orientiertes Gewissen und ist gläubig. Das zusätzliche Geld würde absichern, daß alle seine Kinder nicht nur die höhere Schule besuchen, sondern auch studieren können. Ohne das zusätzliche Geld ist nicht einmal die Hauptschule gesichert. Er weiß, daß er für den Diebstahl in die Hölle kommen wird und ein Leben lang darunter leiden wird, dennoch nimmt er das zusätzliche Geld.

2. Einer der Mitspieler ist schwerreich, er hat eine Familie, der alles zur Verfügung steht, was immer sie brauchen und wollen. Er hat ein strenges, an kirchliche Werten orientiertes Gewissen und ist gläubig. Er folgt seinem Gewissen und meldet dem Erben das Geld.

_________________
Gruß,

Zoba

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"In Deutschland gilt derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist, als der, der ihn gemacht hat." - Carl von Ossietzky

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 16:17
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Lorenz!

Zitat:
Lorenz hat Folgendes geschrieben:
Abner ich glaube, auch heute gibt es noch sehr viele starke Menschen, was sich vor allem in ihrer Eigenheit äußert. Stark sein, bedeutet für mich auch immer ein Stück "Eigenheit bewahren", auch wenn es nicht opportun ist und dem Mainstream entgegensteht. Vor solchen Leuten habe ich Respekt.


Ich gehe wie du davon aus, dass sich der nach meiner Definition starke Mensch durch seine Eigenheit äußert. Allerdings bin ich nicht sicher, ob sich jede Eigenheit auf Stärke zurückführen lässt.

Viele Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 16:20
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Siegfried!

Den „starken Mann“ habe ich nur erwähnt, um zu verhindern, dass er versehentlich mit dem starken Menschen gleichgesetzt wird. Möglicherweise ist der gleiche Effekt aufgetreten wie bei Hinweisen, eine Zeile nicht zu beachten, man beachtet sie erst recht.

Nach meinem Verständnis steht der Ausdruck „der starke Mann“ für einen Mann, der sich durchsetzt. Mich würde interessieren, wie deine Definition aussieht.

Dass nur von Männern die Rede ist, hat vermutlich damit zu tun, dass es zu der Zeit, als der Ausdruck geprägt wurde, wohl ausschließlich Männer waren, die sich durchgesetzt haben. Margret Thatcher gehörte mit Sicherheit zu dieser Gruppe. Doch man zog sich aus der Affäre und nannte sie die eiserne Lady.

Im Gegensatz dazu steht der Begriff der starke Mensch. Hier handelt es sich um eine eigene Definition. Der starke Mensch hat bestimmte Eigenschaften verinnerlicht und hält sich daran, was ihm eine gewisse Stärke verleiht, und das wiederum führte zu dem Begriff der starke Mensch.

Viele Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 16:21
LOFI (Moderator)
 
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wgbajohr (Moderator) hat Folgendes geschrieben:
Hallo Lorenz!

Zitat:
Lorenz hat Folgendes geschrieben:
Abner ich glaube, auch heute gibt es noch sehr viele starke Menschen, was sich vor allem in ihrer Eigenheit äußert. Stark sein, bedeutet für mich auch immer ein Stück "Eigenheit bewahren", auch wenn es nicht opportun ist und dem Mainstream entgegensteht. Vor solchen Leuten habe ich Respekt.


Ich gehe wie du davon aus, dass sich der nach meiner Definition starke Mensch durch seine Eigenheit äußert. Allerdings bin ich nicht sicher, ob sich jede Eigenheit auf Stärke zurückführen lässt.

Viele Grüße
Wolf-Gero


Letzteres ist in der Tat fraglich: Eigenheiten werden nicht zwangsläufig durch Stärke produziert, aber sicherlich durch sie gefestigt, wobei dies bei unvorteilhaften Eigenheiten durchaus kontraproduktiv sein kann.

LG

Lorenz

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 16:21
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Grete!

Zitat:
g.c.Roth (Moderator) hat Folgendes geschrieben:

Ich habe die Erklärung so verstanden, dass keine Diskussion über derartige Klischees stattfinden soll. Eben weil es um starke Menschen gehen soll. Das schließt sowohl Männer als auch Frauen ein.


So habe ich es gemeint.

Viele Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 16:27
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Zoba!

Zitat:
Zoba hat Folgendes geschrieben:

Wer wäre deiner Meinung nach stärker?

1. Einer der Mitspieler ist sehr arm, hat Frau und Kinder, die er kaum am Leben halten kann, geschweige denn ihnen eine Zukunftsperspektive schaffen. Er hat ein strenges, an kirchliche Werten orientiertes Gewissen und ist gläubig. Das zusätzliche Geld würde absichern, daß alle seine Kinder nicht nur die höhere Schule besuchen, sondern auch studieren können. Ohne das zusätzliche Geld ist nicht einmal die Hauptschule gesichert. Er weiß, daß er für den Diebstahl in die Hölle kommen wird und ein Leben lang darunter leiden wird, dennoch nimmt er das zusätzliche Geld.

2. Einer der Mitspieler ist schwerreich, er hat eine Familie, der alles zur Verfügung steht, was immer sie brauchen und wollen. Er hat ein strenges, an kirchliche Werten orientiertes Gewissen und ist gläubig. Er folgt seinem Gewissen und meldet dem Erben das Geld.



Mitspieler 1:
Er unterschlägt das Geld, daran führt kein Weg vorbei. Käme es – entgegen der Voraussetzung – doch heraus, geriete er in die Mühlen der Justiz.
Den Robin-Hood-Faktor kann er wohl auch nicht beanspruchen, da er das Geld nicht an fremde Arme weitergibt, sondern der eigenen Familie zukommen lässt. Überdies wäre zu fragen, ob nicht der ihm zustehende halbe Jackpot bereits ausreichte, um seinen Kindern die gewünschte Ausbildung zu gewähren. Diesen Mann stark zu nennen, da hätte ich doch erhebliche Bedenken.
Anders wäre es, wenn er das Geld unterschlägt, um es an fremde Notleidende zu verteilen, und sich dann selbst anzeigt. Er widersetzt sich den Forderungen seines Gewissens, zieht dann jedoch die Konsequenzen.

Mitspieler 2:
Ob er zu den starken Menschen gehört, lässt sich nicht beantworten. Um in seiner Situation so zu handeln, wie er gehandelt hat, bedurfte es keiner Stärke

Ein paar Worte zu dem Begriff „Gewissen“ scheinen erforderlich zu sein.
Leider gehört er zu den Begriffen, die die Kirche vereinnahmt haben. Ich habe trotzdem auf ihn zurückgegriffen, weil die Funktion gleich ist. Der Unterschied liegt im Wertekatalog.
Da beim Aufbau des Wertekatalogs jeder Bezug auf religiöse Regeln eine Einschränkung bedeutet, habe ich bewusst darauf verzichtet. Mein Wertekatalog wird im Laufe des Heranwachsens in mühevoller Kleinarbeit von Erziehern und vor allem von dem Heranwachsenden aufgebaut, und zwar ohne jeglichen Bezug auf religiöse Regeln.
Das Gewissen ist nun der Wächter, der jede anstehende Entscheidung auf Übereinstimmung mit dem Wertekatalog prüft. In unserem Beispiel würde es heftig anschlagen: „Du bist im Begriff, ein Unrecht zu begehen. Willst du deine eigene Regel wirklich missachten? Du hast die Regel doch schließlich selbst in deinen Wertekatalog gestellt.“

Viele Grüße
Gero

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BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 17:11
Zoba
 
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Hi Gero,

Zitat:
Mitspieler 1:
Er unterschlägt das Geld, daran führt kein Weg vorbei. Käme es – entgegen der Voraussetzung – doch heraus, geriete er in die Mühlen der Justiz.
Den Robin-Hood-Faktor kann er wohl auch nicht beanspruchen, da er das Geld nicht an fremde Arme weitergibt, sondern der eigenen Familie zukommen lässt. Überdies wäre zu fragen, ob nicht der ihm zustehende halbe Jackpot bereits ausreichte, um seinen Kindern die gewünschte Ausbildung zu gewähren. Diesen Mann stark zu nennen, da hätte ich doch erhebliche Bedenken.
Anders wäre es, wenn er das Geld unterschlägt, um es an fremde Notleidende zu verteilen, und sich dann selbst anzeigt. Er widersetzt sich den Forderungen seines Gewissens, zieht dann jedoch die Konsequenzen.


Nee nee nee neeeee! cheezy grin Nicht passend zurechtrücken!

Daß er eventuell strafrechtlich belangt werden kann, steht nicht zur Debatte. Es bedeutet höchstens einen noch intensiveren Anreiz, "gesetzestreu" zu sein. Und ich habe klargestellt, daß es nur mit dem Anteil am Geld der Oma reichen würde. Auf Robin Hood wollte ich garnicht heraus, wobei es in meinen - persönlichen - Augen egal ist, ob er seiner Familie hilft oder anderen, solange er nicht ausschließlich sich selbst bedient.

Die Kernfrage sind tatsächlich die Werte und die sind relativ. Das hast du selbst bereits daran festgestellt, daß du den um den Anteil Gebrachten stinkreich gemacht hast. Wäre er selbst bitterarm, verschöben sich die Werte nämlich schon wieder.

Die Frage ist auch, ob man einen Wert selbst in den Wertekatalog gestellt hat, wenn man ihn anerzogen bekommen hat.

Tatsächlich stellt die Psychologie und die Soziologie fest, daß sehr kleine Kinder keinerlei Gewissen haben. Sie prügeln sich, bestehlen sich, blasen Frösche auf, reißen Fliegen die Flügel aus, bringen sich sogar um. Die Mehrheit unserer Werte ist also anerzogen, und wächst nicht aus uns heraus. Wir nennen Menschen Soziopathen, die keinerlei Regeln akzeptieren (können), tatsächlich aber wären wir alle Soziopathen, würden wir nicht auf bestimmte Werte getrimmt. Freiwillig aussuchen, das tun wir sicher nicht.

In meinen Augen wäre Nr. 1 stark, weil er in der Lage ist abzuwägen und weil er auch gegen gesellschaftliche Werte handeln kann, wenn ihm bewußt ist, daß sie im aktuellen Fall besser übertreten werden sollten. Zusätzlich ist er bereit sich ggfs. zu opfern, denn sein Gewissen beschert ihm fortan ein eher unangenehmes Leben.

Eine ähnliche Situation stellt Stephen King in "Dead Zone" als zentralen Abschluß in seine Geschichte. Der Protagonist ist ein sehr friedliebender, friedfertiger und passiver Charakter, ein Lehrer, der die Zukunft eines Menschen voraussehen kann, sobald er eines Menschen Hand berührt. Bei einem Politiker gelangt er zur Überzeugung, daß dieser Mensch die nukleare Katastrophe auslösen wird, sobald er Präsident ist. Aber er ist momentan nur ein Senator, es ist nicht einmal sicher, daß er Präsident wird. Dieser friedfertige Lehrer beschließt daraufhin, den Senator zu erschiessen, was komplett gegen seine (und auch allgemein unsere) Werte geht, und zwar so richtig derbe. Der Leser muß sich also selbst die Frage stellen, ob er einen Mord beginge, wenn er viele Menschenleben dadurch retten könnte.

Wie stark oder schwach wäre man in dieser Situation? Was ist in diesem Fall Stärke?

Du siehst, es ist wirklich nicht einfach, anhand von Werten einfach so Stärke und Schwäche zu bemessen. Und ganz praktisch hatten wir diese Diskussion selbst hier in Deutschland schon (siehe Folter des Entführers eines Jungen, siehe Abschießen eines Passagierflugzeugs).

_________________
Gruß,

Zoba

-----------
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BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 17:44
Siegfried
 
Anmeldedatum09.07.2008
Beiträge452


wgbajohr (Moderator) hat Folgendes geschrieben:
Mich würde interessieren, wie deine Definition aussieht.


Ein "starker Mann" ist für mich ein Mann, der sich seiner Selbst bewusst ist, mit all seinen Stärken (körperlich, geistig, emotional) und Schwächen (körperlich, geistig, emotional).

Ein "starker Mann" ist für mich ein Mann, der in sich ruht. Der sich selbst nicht aufgrund seines 46. Chromosomenpaars bewertet. Der weiß, dass nicht das Geschlecht darüber entscheidet, wer in dieser Welt der bessere oder schlechtere Mensch ist.

Ein "starker Mann" ist für mich ein Mann, der sich über seine Männlichkeit im Klaren ist, auch und trotz aller gleichmacherischen Propaganda, die die Gesellschaft in der Öffentlichkeit als vermeintlichen Konsens verbreitet. Es gibt Unterschiede zwischen den Geschlechtern - nicht nur auf physischer Ebene -, die sich nicht innerhalb von zwei oder drei Generationen wegdiskutieren lassen. Jedoch war und ist es ein Leichtes, eine Vielzahl von männlichen Attributen als schlecht darzustellen.

Ein "starker Mann" ist für mich ein Mann, der seine Frau bei allen ihren Interessen fördert - ohne dabei seine eigenen aufzugeben. Der bei der Work-Life-Balance genau so im Gleichgewicht sein will wie seine Frau.

Ein "starker Mann" ist für mich ein Mann, der eine gerechte Verteilung von Erwerbstätigkeit und Privatleben mit seiner Frau/Familie anstrebt. Geteilte Lohnarbeit, geteilte Familienarbeit. Der den Wert des zwischenmenschlichen Zusammenseins gegen den Terror der Ökonomie abzuwägen weiß.


Ein Mann, der sich radikal und rücksichtlos gegen andere durchsetzt, ist für mich nicht stark. Das ist eine arme Sau und hat offenbar irgend etwas zu kompensieren.


Grüße
Siegfried

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 18:00
Siegfried
 
Anmeldedatum09.07.2008
Beiträge452


Zoba hat Folgendes geschrieben:
Dieser friedfertige Lehrer beschließt daraufhin, den Senator zu erschiessen, was komplett gegen seine (und auch allgemein unsere) Werte geht, und zwar so richtig derbe. Der Leser muß sich also selbst die Frage stellen, ob er einen Mord beginge, wenn er viele Menschenleben dadurch retten könnte.

Wie stark oder schwach wäre man in dieser Situation? Was ist in diesem Fall Stärke?

Du siehst, es ist wirklich nicht einfach, anhand von Werten einfach so Stärke und Schwäche zu bemessen. Und ganz praktisch hatten wir diese Diskussion selbst hier in Deutschland schon (siehe Folter des Entführers eines Jungen, siehe Abschießen eines Passagierflugzeugs).


Thematisch ähnlich handeln zwei Filme:

Der eine heißt "An einem Tag wie jeder andere", wo Gangster eine ganze Familie als Geisel nehmen. Die Frage ist, ob der ansonsten tief friedliebende Familienvater, der jede Form von Gewalt verabscheut, zur Rettung seiner Familie die Gangster erschießt - oder seine Familie aufgrund seine Abneigung gegen Gewalt opfert.

Der zweite Film geht in einer Szene genau anders herum vor. Da wird die Familie eines Verbrechers von anderen Verbrechern als Geisel genommen, um den Familienvater zu erpressen. Der Familienvater erkennt, in welcher Lage er mit seiner Familie steckt und dass er nie aus dieser Lage herauskommen wird (seine Familie wird immer ein mögliches Ziel einer Geiselnahme und somit Grundlage einer Erpressung sein). Als Folge tötet der Mann seine ganze Familie selbst und geht dann auf einen gnadenlosen Rachefeldzug gegen jeden, der ihn mal bedroht hat (kann man sich im Film "Die üblichen Verdächtigen" anschauen).

Frage also: Wer ist in seiner Haltung stark? Der Mann, der Gewalt hasst und seine Familie durch die Verbrecher töten lässt? Oder der Mann, der seine Ideale über Bord wirft und zum Schutz der Familie tötet? Oder der Mann, der seine Familie selbst tötet, um zu verhindern, dass sie immer wieder als Geisel genommen und evtl. ein Familienmitglied nach dem anderen getötet wird?


Grüße
Siegfried

BeitragVerfasst am: 22.09.2008, 18:01
hwg (Moderator)
 
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Beiträge4206
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Bin mir gar nicht so sicher, ob jeder Zeitgenosse, weiblich wie männlich, überhaupt in der Lage ist, sich seiner Schwächen und Stärken bis ins letzte Detail bewusst zu werden. Vielleicht ist es für manche gar nicht so schlecht, möglicher Weise würden sie sonst an überhöhten Minderwertigkeitskomplexen leiden.

Welche Eigenschaften - ob Stärken, ob Schwächen - ein Einzelner hat, beurteilen ohnehin meistens andere. Bleibt die Frage, ob man sich dieser
Beurteilung stellen will oder von sich derart überzeugt ist, dass jede Einschätzung von außen ohnehin nichts bewirkt.

Mich faszinieren Leute, die ihre "Schwächen", falls es überhaupt welche sind", offen ausleben und sich nicht hinter von irgendeiner begrenzten Gesellschaft aufgestellten "Norm" verstecken.

Das Sprichwort Gleich zu Gleich gesellt sich gern trifft irgendwie den Kern - und ich denke, jeder kann sich ja aussuchen, mit wem er zu tun haben will.

Zwänge erlegt man sich oft auch selber auf und redet sich dann gerne auf die Notwendigkeiten in einer vorherrschenden "Gesellschaft" aus.

Stärke ist (u.a.), sich derartigen Normen von vornherein zu widersetzen,
auch wenn es Unannehmlichkeiten nach sich bringen könnte.

Eremiten beispielsweise zählen für mich zu den "Starken", ihre "Schwäche" besteht in Augen vieler eben darin, ihre Stärke nicht
offen vor sich herzutragen.

Ich könnte noch seitenlang weiter"philosophieren", doch vorerst warte
ich andere Meinungen ab.

BeitragVerfasst am: 23.09.2008, 01:51
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Zoba!

Das Relative, was du bei den Werten siehst, das sollte eigentlich nicht gegeben sein, das heißt von meiner Intention her. Wenn ich mir fremdes Eigentum aneigne, dann verstößt es gegen eine Verhaltensregel, und zwar unabhängig von den Bedingungen. Geht es jedoch um die Bewertung der Tat, dann sind die „mildernden Umstände“ sehr wohl von Belang. Wenn du also fragst, ob ich für den Familienvater, der seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen will, Verständnis habe, dann gibt es ein eindeutiges Ja.

Zitat:
Zoba hat Folgendes geschrieben:
… wobei es in meinen - persönlichen - Augen egal ist, ob er seiner Familie hilft oder anderen, solange er nicht ausschließlich sich selbst bedient.


Die eigene Familie gehört für mich zum erweiterten Ich; deshalb verläuft die Grenze bei mir etwas anders als bei dir. Grundsätzlich ist der bewusst gewählte Konflikt mit dem eigenen Gewissen ein Akt der Willensfreiheit, und er kann durchaus ein gewisses Maß an Stärke zeigen. Diese Stärke ist dann tatsächlich relativ. Erfordert es wirklich charakterliche Stärke, um etwas zu unternehmen, was ihm oder seiner Familie Vorteile bringt?

Zitat:
Zoba hat Folgendes geschrieben:
Und ich habe klargestellt, daß es nur mit dem Anteil am Geld der Oma reichen würde.


Ich habe noch einmal nachgelesen, du hast recht, du hast es vorausgesetzt, dass es nur mit Omas Geld reichen würde. Ich habe mich von der mutmaßlichen Höhe des halben Jackpots in Höhe von ein paar Millionen verleiten lassen und ging davon aus, dass das schon für eine Durchschnittsfamilie reichen müsste.

Zitat:

Zoba hat Folgendes geschrieben:
Die Frage ist auch, ob man einen Wert selbst in den Wertekatalog gestellt hat, wenn man ihn anerzogen bekommen hat.


Da der Erziehungsprozess über etwa zwei Jahrzehnte läuft, gehe ich davon aus, dass der Heranwachsende Zeit und Gelegenheit hat, alles zu hinterfragen. Sollte in frühem Alter etwas in seinen Wertekatalog gelangt sein, hinter dem er nicht mehr steht, sollte er seinen Katalog anpassen. Dieser Anpassungsprozess hält überdies bis ans Ende seiner Tage an.

Zitat:
Zoba hat Folgendes geschrieben:
Freiwillig aussuchen, das tun wir sicher nicht.


Sicher nicht in den ersten Jahren, da werden Eltern manches bestimmen, wenn es ihnen nicht gelingt, zu überzeugen. Doch später setzt der Anpassungsprozess ein, dann kann der Mensch aussuchen.

Zitat:
Zoba hat Folgendes geschrieben:
Der Leser muß sich also selbst die Frage stellen, ob er einen Mord beginge, wenn er viele Menschenleben dadurch retten könnte.
Wie stark oder schwach wäre man in dieser Situation? Was ist in diesem Fall Stärke?


Das ist eine Frage von der Art, wie sie uns gestellt wurden, wenn wir den Wehrdienst verweigern wollten. Ich weiß nicht, ob man sie theoretisch überhaupt beantworten kann, denn niemand weiß wirklich, wie er reagiert, wenn Schusswaffen auf die eigene Familie zielen und man hat die Möglichkeit, den Angreifer zu töten.

Wie stark oder schwach man in der Situation wäre, vermag ich nicht verbindlich zu beantworten, denn es käme doch noch einiges hinzu, was zu bedenken ist. Stärke ist ja nicht nur dann gegeben, wenn man der eigenen Gier widerstehen kann, sondern auch dann, wenn jemand auf der Grundlage seiner Verantwortlichkeit aktiv wird und dafür sogar persönliche Nachteile in Kauf nimmt. Wir sind für alles verantwortlich, was wir beeinflussen können, und das bedeutet, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten unseren Einfluss geltend machen, um etwas zu ändern, was unserem Wertekatalog widerspricht.

Viele Grüße
Gero

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