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wgbajohr: Erlaubtes Verallgemeinern

BeitragVerfasst am: 06.11.2007, 08:14
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo!

Es ist keine neue Erkenntnis, dass man manchmal einen Schritt zurücktreten muss, um einen besseren Überblick zu bekommen.

Abstrahieren ist ein erprobter Weg. Das Wort besteht aus abs, das ab oder auch weg bedeutet, und trahieren, das auf Lateinisch trahere zurückgeht und ziehen, schleppen bedeutet. Ziehen wir Besonderheiten ab, dann bleibt das Allgemeine zurück, wir verallgemeinern also.

Das Verallgemeinern oder Abstrahieren ermöglicht uns, Ereignisse zu vergleichen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam zu haben scheinen. Gerade wir Autoren, Schriftsteller und Dichter hoffen doch stets darauf, dass das von uns Beschriebene etwas Besonderes ist, etwas, was noch niemand beschrieben hat, sodass jeder potenzielle Leser auf unser Werk aufmerksam wird. Wenn das Abstrahieren jedoch ergibt, dass unser „außergewöhnliches“ Ereignis gar nicht so außergewöhnlich ist, wie wir gehofft haben, dann wird uns klar, dass wir uns nicht auf die Attraktivität des Was verlassen dürfen, sondern etliches in das Wie stecken müssen. Dass jemand ermordet wird, ist als Thema nichts Besonderes. Wird er jedoch in seinem eigenen Garten von einem Panzer überrollt, sieht es schon etwas mehr nach etwas Besonderem aus.

Haben Raubmord, Banküberfall, Vergewaltigung einer Frau, Autodiebstahl und Besuch einer Künstlerszene etwas gemeinsam?

Lautet die Antwort wenig oder gar nichts, dann sollten wir uns nicht wundern. Denn bevor wir etwas intensiver darüber nachdenken, scheint jede Tat etwas Eigenständiges zu sein. Abstrahieren wir jedoch, dann sieht es anders aus:

Jemand verfügt über etwas, was ein anderer begehrt. Was sich daraus entwickelt, hängt zum Teil davon ab, wie leicht sich der eine von dem trennt, was der andere haben möchte, und zum anderen Teil davon, wie stark das Begehren des anderen ist und was er zu tun bereit ist, um das Begehrte zu erhalten.

Betrachten wir nun Raubmord, Banküberfall, Vergewaltigung einer Frau, Autodiebstahl und Besuch einer Künstlerszene unter dem neuen Aspekt, dann wird uns auffallen, dass alle Ereignisse auf das oben beschriebene Grundereignis zurückzuführen sind. Das gilt auch für den Szenebesuch. Man hofft vielleicht, dass der Besuch der Szene zu dem verhilft, worüber andere verfügen, zum Beispiel Verbindungen oder Bekanntheit.

Viele Grüße
Wolf-Gero

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Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 07.11.2007, 22:55
wgbajohr (Moderator)
 
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Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

"Erlaubtes Verallgemeinern" ist möglicherweise ein Thema, das einzig mich interessiert. Von Kindesbeinen an habe ich nach Zusammenhängen gesucht, um Ereignisse besser zuordnen zu können. Das hat mich nicht selten davor bewahrt, bei spektakulären Ereignissen zu völlig unangemessenen Wertungen zu kommen. Nun gut, das ist mein ureigener Vorteil.

Heute werde ich einmal ein kleines Rätsel aufgeben. Vielleicht wecke ich doch in dem einen oder anderen Interesse am Suchen von Zusammenhängen, Abstraktionen, erlaubten Verallgemeinerungen.

Das Rätsel:

Gesellschaftssysteme gibt es vermutlich genau so viele, wie es Menschen gibt, die sich einmal Gedanken darüber gemacht haben. Nehmen wir aber die vielleicht Milliarden Systeme und suchen nach Gemeinsamkeiten. Wir werden dann vielleicht zu unserem Erstaunen feststellen, dass sich alle Systeme auf zwei sich grundsätzlich unterscheidende Systeme reduzieren lassen.

Viele Grüße
Wolf-Gero

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Rätsel-Auflösung Stufe 1

BeitragVerfasst am: 10.11.2007, 15:56
wgbajohr (Moderator)
 
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Verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Bevor ich Euch die Auflösung des Rätsels verrate, habe ich eine Bitte an Euch:

Die beiden Lösungs-Begriffe habe ich möglichen Gesellschaftsformen zugeordnet, weil ich sie für passend hielt. Im Idealfall ist ein Begriff selbsterklärend, sodass jeder intuitiv weiß, worum es sich handelt. Auf diesen Punkt zielt nun meine Bitte. Es würde mich freuen, wenn Ihr mir Eure Vorstellungen zu den Begriffen mitteilt. In einigen Tagen werde ich Euch dann verraten, wofür die Begriffe bei mir stehen sollen, und Ihr könnt dann beurteilen, wie weit ich von den intuitiven Erklärungen abweiche.

Die beiden Begriffe lauten: geschlossene und offene Gesellschaft
Worauf könnten sich geschlossen und offen beziehen?

Viele Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 10.11.2007, 17:59
g.c.roth (Moderator)
 
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Ich würde sagen, das Wort Gesellschaft ist hier beliebig austauschbar.

Hinter einer geschlossenen Tür befindet sich etwas. Nur Eingeweihte wissen was es ist und was dahinter vor sich geht. Nur Eingeweihte haben auch Zutritt. Schlimmstenfalls können die die drinnen sind, nicht hinaus. Und es kommt keiner rein, der nicht die gleichen Bedingungen erfüllt, wie die die schon drin sind. Ein geschlossenes System lässt sich nicht weiterentwickeln. Es ist erstarrt.

Ein offenes System ist demnach das ganze Gegenteil. Jeder kann einen Blick hineinwerfen, kann sich umsehen, hinein- und wieder hinausgehen. Man kann darin verweilen, man kann etwas mitbringen, etwas herausnehmen, etwas Neues kreieren. Es findet in einem offenen System ein ständiger Wechsel der Gegebenheiten statt. Offene Systeme entwickeln sich ständig in irgendeine Richtung


LG Grete

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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 11.11.2007, 16:50
Rita Hajak (Moderator)
 
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Wie der Begriff "geschlossene Gesellschaft" schon sagt, hat nicht jeder Zugang. Nur bestimmte ausgewählte Personen verbergen sich in dieser Gruppe. Ob dort nun verbotene oder private Dinge geschehen oder verhandelt werden, ist für Außenstehende nicht erkennbar. Es sei denn, die Gesellschaft ist uns bekannt.

Wäre es eine "offene Gesellschaft" könnten wir daran teilnehmen und
wüssten worum es geht. Denn hier kann jeder nach Belieben der Gesellschaft beiwohnen oder fernbleiben.



Gruß Rita

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„Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich
aus den Dingen etwas zu machen.“
Thomas Mann

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BeitragVerfasst am: 13.11.2007, 05:44
wgbajohr (Moderator)
 
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Guten Morgen!

Vor einer Woche gab ich Euch das Rätsel auf, herauszufinden, was sich hinter offener und geschlossener Gesellschaft verbirgt.

Aus purem Eigeninteresse bat ich Euch außerdem um das, was Ihr Euch intuitiv unter den beiden Begriffen vorstellt. Inwieweit die Antworten von Grete und Rita meine Hoffnung erfüllen, die Begriffe verrieten intuitiv ihre Bedeutung, könnt Ihr gleich selbst beurteilen. Auf jeden Fall danke ich Euch beiden herzlich für Eure Teilnahme an der Aufklärung. Doch nun muss ich erst einmal verraten, was ich mir darunter vorstelle.

Bei einer offenen Gesellschaft können alle Mitglieder der Gesellschaft die oberste Stufe der sozialen Hierarchie erreichen, und zwar gleichzeitig. Genau das ist bei einer geschlossenen Gesellschaft nicht möglich.

Theoretisch kann zwar jeder Einzelne die oberste Stufe erreichen, aber nie gleichzeitig mit allen anderen. Die geschlossene Gesellschaft braucht den Unterschied. Ein Paradebeispiel für die geschlossene Gesellschaft wird vom Kapitalismus geprägt. Die Jagd nach dem Geld ist die treibende Kraft. Das bedeutet, jeder, der an dieser Jagd teilnimmt, spürt den Wunsch, reich zu werden. Er könnte auf diese Weise Milliarden anhäufen, aber wäre er auch reich? Nein, reich wäre er erst, wenn er deutlich mehr als andere hat.

Besonderes Merkmal des geschlossenen Systems ist die Ungerechtigkeit, während beim offenen System Gerechtigkeit das Kennzeichen ist.

Viele der Probleme, mit denen Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt das Heer der in jeder Beziehung Abhängigen konfrontiert werden, wären gar keine Probleme oder würden sich in Luft auflösen, hätten wir bereits ein offenes System, zum Beispiel eine von sozialer Gerechtigkeit geprägte Leistungsgesellschaft.

Noch einmal danke an Grete und Rita und viele Grüße an alle, die sich in diesen Thread verirren
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 13.11.2007, 12:59
Rita Hajak (Moderator)
 
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Hallo, Wolf-Gero,

ich denke mir das eine "geschlossene Gesellschaft" zu themenbezogen ist.
Außerdem hintergründig und unaufrichtig. Jeder kocht sein eigenes Süppchen und versucht einen eigenen Vorteil zu erzielen. Dort gibt es nur ausgewählte Personen, die Zutritt haben.

Bei einer "offenen Gesellschaft" können verschiedene Themen die Grundlage sein. Jeder kann teilnehmen und frei seine Meinung äußern.
Die offene Gesellschaft ist eher fähig etwas zu bewegen, zu verändern.


Gruß Rita

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aus den Dingen etwas zu machen.“
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BeitragVerfasst am: 13.11.2007, 14:39
hwg (Moderator)
 
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Bei einer "offenen Leistungsgesellschaft", die an sich einen argen Widerspruch beinhaltet, bleibt auch die Frage offen, wer dann
Leistung definiert.

Da in keiner Gesellschaft alle in der Lage sind,
einander vergleichbare Leistungen (übrigens, für wen?) zu erbringen,
sehe ich überhaupt nicht auch nur einen Ansatzpunkt für derartige
Überlegungen.

Die Lösung sozialer Probleme sind nur durch
politische Strategien einer Umverteilung des oft unter zweifelhaften
Umständen erworbenen Kapitals durchsetzbar. Bisher sind alle diesbezüglichen Bemühungen jedoch missglückt.

Nicht weil die Strategie an sich unbrauchbar wäre, aber die Struktur des Einzelnen, beeinflusst von der Masse, sich dafür nicht eignet. Außer, man will ein diktatorisches Prinzip, welches jedoch auch wieder von wenigen Einzelnen zu ihren Gunsten benutzt werden würde.

Insofern bleibt eine "offene Gesellschaft" graue Theorie. Die Praxis funktioniert vielleicht in wiederum abgegrenzten Gesellschaften, sicher jedoch nicht unter Autoren und Künstlern, auch wenn sie in manchen ihrer Arbeiten und Schriften davon träumen.

Das sind einige der spontan getippten Überlegungen zu dem Thema.

Kollegiale Grüße an die Diskutanten!

BeitragVerfasst am: 13.11.2007, 15:14
g.c.roth (Moderator)
 
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Hallo Wolf-Gero,
ich empfinde die Bezeichnung „offene“ und „geschlossene“ Gesellschaft in diesem Fall nicht logisch. Wenn sich alles auf einer Ebene abspielt, ist es nicht dann ein geschlossenes System, weil es keine anderen Möglichkeiten mehr zulässt?
Warum nicht „sozial gerechte“ Gesellschaft bzw. „ungerechte“ Gesellschaft.

Ist es nicht auch so, dass auch in einer Hirarchie alle ständig die Ebene wechseln? Wer heute oben ist, kann schnell unten sein – oder umgekehrt.

Eine gerechte Gesllschaftsform ist ein verlockendes Ziel. Nur es gibt in der Natur kein Beispiel dafür. Es lebt immer ein Lebewesen vom anderen. Welches System schlägst Du als Ersatz vor? Es scheint mir schier aussichtslos alle gleichberechtigt zu stellen ohne alle gleich zu machen. Wie schwierig ist es schon in einer Familie und im Freundeskreis Gerechtigkeit walten zu lassen - wo jeder seine eigene Vorstellung davon hat.

Dem Ziel so nahe wie möglich zu kommen, dass sollte der Weg sicher sein. Ich denke, das dürfte ein nicht endender Prozess sein.

LG Grete

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BeitragVerfasst am: 13.11.2007, 20:24
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Rita!

Wenn ich Deinen Beitrag lese, komme ich zu dem Schluss, dass meine beiden Begriffe gar nicht so abwegig sein können. Immerhin ist auch bei Dir der geschlossene Teil weniger angenehm als der offene Teil.

Dass irgendjemand meine Definitionen buchstabengenau vorhersagen könnte, das war selbstverständlich nicht zu erwarten, wenn nicht sogar ausgeschlossen.

Zitat:
ich denke mir das eine "geschlossene Gesellschaft" zu themenbezogen ist.


Das Wort themenbezogen verstehe ich in diesem Kontext leider nicht.

Zitat:
Außerdem hintergründig und unaufrichtig. Jeder kocht sein eigenes Süppchen und versucht einen eigenen Vorteil zu erzielen. Dort gibt es nur ausgewählte Personen, die Zutritt haben.


Auch wenn ich die geschlossene Gesellschaft in meinem Eintrag auf einen etwas anderen Punkt bezogen habe, so ist es richtig, was Du aufzählst.

Zitat:
Bei einer "offenen Gesellschaft" können verschiedene Themen die Grundlage sein. Jeder kann teilnehmen und frei seine Meinung äußern.
Die offene Gesellschaft ist eher fähig etwas zu bewegen, zu verändern.


Wie groß der Wertunterschied zwischen der offenen und der geschlossenen Gesellschaft tatsächlich ist, wird vermutlich erst dann erkennbar sein, wenn meine gesamte Ausarbeitung sichtbar geworden ist.

Ich komme wohl nicht darum herum, das Buch über die Wandlung der Gesellschaften früher herauszubringen als geplant. Denn ich sehe die Gefahr, dass ich durch die Verpflichtung, auf Argumente einzugehen, in die unangenehme Situation gerate, etwas umständlich erklären zu müssen, was sich später von selbst ergibt.

Liebe Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 13.11.2007, 22:13
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Hans!

Danke für Deinen Beitrag.

Zitat:
Bei einer "offenen Leistungsgesellschaft", die an sich einen argen Widerspruch beinhaltet, bleibt auch die Frage offen, wer dann
Leistung definiert.


In meiner Antwort an Rita habe ich soeben bereits darauf hingewiesen, dass ich meine Ausarbeitung über die von mir propagierte Form der Leistungsgesellschaft wohl etwas früher herausbringen muss, weil ich sonst in die unangenehme Lage komme, etwas umständlich erklären zu müssen, was sich später von selbst erklärt.

Du hast den „argen Widerspruch“ nicht weiter erläutert, sodass ich nur vermuten kann. Ich bin jedoch völlig zuversichtlich, dass es den von Dir entdeckten Widerspruch zum Schluss nicht mehr gibt. Auch die Frage danach, wer Leistung definiert, verliert ihre Bedeutung. Das liest sich jetzt sicherlich wie ein Ausweichen, ich versichere Dir aber, dass es das nicht ist. Aber es würde jeden Rahmen sprengen, wenn ich mehr oder weniger die gesamte Schrift einsetzen müsste, um ein Problem zu erläutern, das relativ zur aktuellen Frage nur ein Randproblem ist.

Worauf ich jedoch hier und jetzt hinweisen sollte, ist, dass Leistung und Leistungsgesellschaft nicht den negativen Ruf genießen, wie diese Begriffe heute verstanden werden.

Begeben wir uns einmal in die folgende Situation: Wir verfolgen das Gespräch einer Gruppe von – Du würdest sie vermutlich den „Laber-Satten“ zuordnen. Sie führen manches an, was wir ohne Wenn und Aber unterstützen. Irgendwann können wir uns nicht mehr zurückhalten und fordern sie auf, das Kritisierte zu ändern. Und dann kommt das, worüber ich mich wieder und wieder geärgert habe, dass jeder Gedanke an eine Alternative zum Ist-Zustand sofort zur Seite geschoben wird, weil sich angeblich nicht ändern lässt. In dieser Lage raffte ich mich einmal auf und ging der Frage nach, ob es tatsächlich so ist, dass sich nichts ändern lässt. Entweder traf das zu, oder es ließ sich sehr wohl etwas ändern. Zu diesem Zweck trug ich alles zusammen, was irgendeine Wirkung haben könnte. Danach verfasste ich die Abhandlung. Zum Schluss hatte ich dann das Ergebnis: Auch wenn es viel verlangt und deshalb äußerst unwahrscheinlich ist, die gerechte Gesellschaft ist denkbar und machbar. Das einzig ernst zu nehmende Hindernis ist der Mensch. Solange er nicht bereit ist, sich an entscheidenden Punkten zu ändern, so lange wird es die gerechte Gesellschaft nicht geben.

So viel zu meinem Traktat in der Schublade. Wenn ich mich jetzt trotzdem mit einzelnen Fragen an das Autorenteam wende, dann nur in sehr eng begrenztem Rahmen.

Zitat:
Da in keiner Gesellschaft alle in der Lage sind,
einander vergleichbare Leistungen (übrigens, für wen?) zu erbringen,
sehe ich überhaupt nicht auch nur einen Ansatzpunkt für derartige
Überlegungen.


Doch, das ist sogar ein wichtiges Kriterium. Hier jetzt nur ein Statement, die Begründung liefert mein Buch. Es wird hoffentlich im nächsten Jahr fertig.

Zitat:
Die Lösung sozialer Probleme sind nur durch politische Strategien einer Umverteilung des oft unter zweifelhaften Umständen erworbenen Kapitals durchsetzbar. Bisher sind alle diesbezüglichen Bemühungen jedoch missglückt.

Nicht weil die Strategie an sich unbrauchbar wäre, aber die Struktur des Einzelnen, beeinflusst von der Masse, sich dafür nicht eignet. Außer, man will ein diktatorisches Prinzip, welches jedoch auch wieder von wenigen Einzelnen zu ihren Gunsten benutzt werden würde.

Insofern bleibt eine "offene Gesellschaft" graue Theorie. Die Praxis funktioniert vielleicht in wiederum abgegrenzten Gesellschaften, sicher jedoch nicht unter Autoren und Künstlern, auch wenn sie in manchen ihrer Arbeiten und Schriften davon träumen.


Ohne den Menschen, der sich selbst ändert, behalten wir im günstigsten Falle das, was wir heute haben. Der Ausweg aus dieser elenden Situation gelingt nur mit starken Menschen. Starke Menschen sind hier aber nicht Menschen mit großen Körperkräften oder erheblicher Finanzkraft, sondern Menschen, die meine bereits mehrfach angeführten Erziehungsziele verinnerlicht haben und danach leben. Mit dem geänderten Menschen können wir zu ungeahnten Höhen aufsteigen. ohne sie sinken wir tiefer und tiefer.

Eine gute Nacht und viele Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 14.11.2007, 08:21
wgbajohr (Moderator)
 
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Guten Morgen, Grete!

Danke für Deinen Beitrag, der - wie immer - zum Nachdenken zwingt.

Zitat:
Wenn sich alles auf einer Ebene abspielt, ist es nicht dann ein geschlossenes System, weil es keine anderen Möglichkeiten mehr zulässt?


Man könnte es durchaus geschlossen nennen, da stimme ich mit Dir überein. Es ist jedoch nicht der einzige Fall, bei dem man zum Begriff geschlossen kommt.

Zitat:
Warum nicht „sozial gerechte“ Gesellschaft bzw. „ungerechte“ Gesellschaft.


Das hat praktische Gründe. Mir ging es darum, Gesellschaftsformen möglichst objektiv unterscheiden zu können. Wähle ich die Frage, wie viele zu gleicher Zeit die Spitzenposition der sozialen Hierarchie einnehmen können, dann habe ich eine solche Möglichkeit gefunden. Es ist kein Platz für subjektive Wertungen. Entweder könnten alle den Spitzenplatz einnehmen, ohne dass das System zusammenbricht, dann ist der Spitzenplatz für jeden hinzukommenden Staatsbürger offen. Im anderen Fall ist der Spitzenplatz irgendwann für Neuankömmlinge geschlossen, wenn keine Spitzenplatzinhaber ihren Platz aufgeben. Bei „sozial gerecht“ oder „sozial ungerecht“ kämen sofort Fragen wie: Was ist sozial gerecht? Wer entscheidet, was sozial gerecht ist? Wie viel Ungerechtes darf akzeptiert werden, bevor das System das Attribut „sozial gerecht“ verliert?

Wir könnten auch fragen, was wohl geschieht, wenn alle gleich fleißig, gleich intelligent, gleich belastbar und gleich sparsam wären, ob unsere Gesellschaft dann aus lauter Multimilliardären bestünde.

Zitat:
Ist es nicht auch so, dass auch in einer Hirarchie alle ständig die Ebene wechseln? Wer heute oben ist, kann schnell unten sein – oder umgekehrt.


Hierarchien sind Änderungen gegenüber nicht immun, das ist richtig. Aber das berührt nicht die Definition von „geschlossen“ und „offen“. Vielleicht sollte noch festgestellt werden, dass in einem offenen System keineswegs jeder den Spitzenplatz einnimmt. Ihm steht nur die Möglichkeit offen, es gibt also keine grundsätzlichen Hinderungsgründe. Es ist folglich nicht so, dass plötzlich alle Staatsbürger Generaldirektoren sind und niemand mehr die Funktion eines Arbeiters auf der untersten Ebene ausfüllen will.

Zitat:
Eine gerechte Gesllschaftsform ist ein verlockendes Ziel. Nur es gibt in der Natur kein Beispiel dafür. Es lebt immer ein Lebewesen vom anderen. Welches System schlägst Du als Ersatz vor? Es scheint mir schier aussichtslos alle gleichberechtigt zu stellen ohne alle gleich zu machen. Wie schwierig ist es schon in einer Familie und im Freundeskreis Gerechtigkeit walten zu lassen - wo jeder seine eigene Vorstellung davon hat.


Das ist eine Ansammlung von Gegenargumenten, die für gewöhnlich auch stichhaltig sind. In diesem speziellen Fall greifen sie jedoch ins Leere, denn die Gesellschaft, die ich vorschlage, gibt es tatsächlich nicht oder noch nicht. Ob es sie überhaupt jemals geben wird, ist mehr als fraglich, denn sie hat einen gewaltigen Nachteil. Sie setzt den geänderten – im Sinne von verbessertem – Menschen voraus. Diese Gesellschaftsform ist nur so wahrscheinlich wie die Änderungsbereitschaft des Menschen. Aber nun kommt ein sehr wichtiger Punkt: Diese Gesellschaftsform ist keine Utopie, also kein Nichtort und keine Unmöglichkeit. Sie ist sehr wohl denkbar und möglich. Sollte sich das Gros der Menschheit tatsächlich verbessern, dann fallen die von Dir geäußerten Bedenken weg.

Zitat:
Dem Ziel so nahe wie möglich zu kommen, dass sollte der Weg sicher sein. Ich denke, das dürfte ein nicht endender Prozess sein.


Die Idee, bereits den Weg zum Ziel zu machen, ist in vielen Fällen tatsächlich eine sehr gute Lösung. Allerdings dürfen wir dabei nicht übersehen, dass in manchen Fällen ein bestimmter Grad überschritten sein muss, damit überhaupt ein Weg entsteht. Hier bedeutet es, dass wir Menschen uns bereits mehrheitlich gebessert haben müssen. Anders gesagt, finden wir keinen Weg, den wir bereits als Ziel gelten lassen können, wenn wir unsere Verantwortlichkeit nicht erkennen, nicht lernen, fähig und bereit zum Kritisieren zu sein, keine Achtung vor dem Andersartigen erhaben, wenn wir uns weiterhin zum Sklaven unserer Gier erniedrigen lassen und uns der Gewalt ebenso wenig enthalten können wie dem Hass und dem Neid.

Machen wir so weiter wie bisher, dann bleibt auch alles wie bisher.

Liebe Grüße
Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 14.11.2007, 09:16
g.c.roth (Moderator)
 
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Guten Morgen Wolf-Gero,

nur ein kurzes Statement.
Nachfolgendes Zitat aus Deiner Schublade halte ich für sehr wichtig und hilfreich um Nicht-Eingeweihten Deiner bisherigen Texte einen Zugang zu Deinen Thesen zu ermöglichen.

Zitat:
Und dann kommt das, worüber ich mich wieder und wieder geärgert habe, dass jeder Gedanke an eine Alternative zum Ist-Zustand sofort zur Seite geschoben wird, weil sich angeblich nicht ändern lässt. In dieser Lage raffte ich mich einmal auf und ging der Frage nach, ob es tatsächlich so ist, dass sich nichts ändern lässt. Entweder traf das zu, oder es ließ sich sehr wohl etwas ändern. Zu diesem Zweck trug ich alles zusammen, was irgendeine Wirkung haben könnte. Danach verfasste ich die Abhandlung. Zum Schluss hatte ich dann das Ergebnis: Auch wenn es viel verlangt und deshalb äußerst unwahrscheinlich ist, die gerechte Gesellschaft ist denkbar und machbar. Das einzig ernst zu nehmende Hindernis ist der Mensch. Solange er nicht bereit ist, sich an entscheidenden Punkten zu ändern, so lange wird es die gerechte Gesellschaft nicht geben.
So viel zu meinem Traktat in der Schublade.


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Zitat:
Das ist eine Ansammlung von Gegenargumenten, die für gewöhnlich auch stichhaltig sind. In diesem speziellen Fall greifen sie jedoch ins Leere, denn die Gesellschaft, die ich vorschlage, gibt es tatsächlich nicht oder noch nicht. Ob es sie überhaupt jemals geben wird, ist mehr als fraglich, denn sie hat einen gewaltigen Nachteil. Sie setzt den geänderten – im Sinne von verbessertem – Menschen voraus. Diese Gesellschaftsform ist nur so wahrscheinlich wie die Änderungsbereitschaft des Menschen. Aber nun kommt ein sehr wichtiger Punkt: Diese Gesellschaftsform ist keine Utopie, also kein Nichtort und keine Unmöglichkeit. Sie ist sehr wohl denkbar und möglich. Sollte sich das Gros der Menschheit tatsächlich verbessern, dann fallen die von Dir geäußerten Bedenken weg.

Genau genommen wollte ich keine Gegenargumente liefern, denn grundsätzlich ist das, was Du schreibst ja das, was allen Menschen zu Gute kommen soll und somit erstrebenswert ist. Ich schrecke nur manchmal zurück vor diesem gewaltigen Anspruch, angesichts der nicht enden wollenden Bemühungen schon im engsten Kreise. Und ich kann mir im Augenblick keine Möglichkeit vorstellen, wie man Milliarden von Menschen aus verschiedenen Kulturen mit teilweise extrem unterschiedlichen Wertvorstellungen dazu bringen könnte, an einem einzigen Strang zu ziehen.

Mich beschleicht dabei die Ahnung einer Weltregierung, wo von einem Punkt aus alles gesteuert wird.
Soweit ich Dich kenne, kann ich mir aber nicht denken, dass es so von Dir gedacht ist.

Dann bliebe noch eine Art Unterwanderung der jetzigen Situation. Eine Art Netzwerk, dass sich durch sämtliche Gesellschaften windet. Derartige Netzwerke gibt es – allerdings wiederum mit unterschiedlichen Zielen und Wertvorstellungen.

Deine Ziele sind ohne Frage erstrebenswert – und im Rahmen meiner Möglichkeiten bemühe ich mich ohnehin um die Werte, die (meiner Ansicht nach) ein gesellschaftliches Miteinander verbessern können. Einbezogen eigener Fehlleistungen und Abgründe – die jeder in sich trägt und mehr oder weniger unter Kontrolle hat – fühle ich mich wie eine Ameise am Fuße des Mount Everest mit dem Ziel, den Gipfel zu stürmen, weil dahinter das gelobte Land liegt.

Aber gut, wenn einige Ameisen losmarschieren, sich unterwegs vermehren und ihren Nachkommen das Ziel vermitteln – irgendwann wird eine Generation den Gipfel erklimmen und den Berg überwinden. Vorausgesetzt auf der anderen Seite des Berges hat nicht ein anders Ameisenvolk genau das Gegenteil beschlossen ...

Ich freu mich auf Dein Buch – und bestelle hiermit schon mal vor! Very Happy

LG Grete

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BeitragVerfasst am: 14.11.2007, 11:15
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Liebe Grete!

Zitat:
nur ein kurzes Statement.


Nur ein noch kürzeres Statement. Du bist großartig! Anders kann ich es nicht ausdrücken. Du ergänzt mein eigenes Geschreibsel mit Statements aus meinem eigenen Fundus. Ich glaube, ich könnte ständig eine solche Kraft gebrauchen, die meine Zeilen durchstöbert und dabei prüft, ob sie frei von Quellen für Missverständnisse sind.

Im Augenblick jage ich von einem Termin zum nächsten, in der kommenden Woche bin ich sogar für vier Tage im Schlaflabor. Auf meinem Tisch stapeln sich die unerledigten Aufgaben.

Ich werde Deinen letzten Beitrag noch etwas gründlicher beantworten. Doch jetzt muss ich erst einmal schließen.

So viel vielleicht doch schon vorweg: Von derart engagierten Lesern, wie Du vermutlich sein wirst, davon träumt doch jeder Autor.

Liebe Grüße
Wolf-Gero

PS Ich verstehe nicht, warum sich BoD mit der Lieferung der bestellten Bücher so viel Zeit lässt. In der entsprechenden Seite auf ihrer Web steht nur "In Bearbeitung". Geduld haben ist etwas, was ich schon etwas gelernt habe, aber offensichtlich nicht genug.

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BeitragVerfasst am: 14.11.2007, 11:49
Rita Hajak (Moderator)
 
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