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wgbajohr: Fähig und bereit, zu kritisieren

BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 13:10
wgbajohr (Moderator)
 
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Vorbemerkung: Aus rein praktischen Gründen verwende ich in den folgenden Ausführungen häufig das Wort Adam. Es stammt aus dem Hebräischen und bedeutet eigentlich Mensch. Wie das Wort Mensch umfasst auch Adam beide Geschlechter.

*******************************************

2. Fähig und bereit, zu kritisieren - 1
Im vorangehenden Abschnitt haben wir uns bemüht, Adam seine umfassende Verantwortlichkeit für all sein Tun und Lassen ins Bewusstsein zu rücken, ihn davon zu überzeugen, dass er in eigenem Interesse stets verantwortungsbewusst handeln sollte. Damit er das aber überhaupt kann, muss er fähig und bereit sein, alles um sich herum kritisch zu beobachten, und genau darum wird es im Folgenden gehen.

Der zweifelhafte Ruf der Kritiker
Manchen mag es wohl erstaunen, dass gerade Fähigkeit und Bereitschaft, zu kritisieren, ein Erziehungsziel sein sollten. Kritteler, Querulanten und Nörgler, die ständig an allem und jedem etwas auszusetzen haben, die alles besser zu wissen glauben, immer etwas monieren müssen und die mit ihrem Misstrauen, ihrem Argwohn, ihrer Skepsis und ihrer Miesmacherei jede Freude verderben, ausgerechnet von ihnen erwarten wir eine Besserung unserer Gesellschaft? – Nein, das Kritisieren genießt wahrlich keine hohe Wertschätzung. Wer sich dann noch nicht einmal darauf beschränkt, Gegner und Feinde zu kritisieren, muss damit rechnen, von eigenen Freunden als Nestbeschmutzer geschmäht zu werden, außerdem damit, dass die Zahl seiner vermeintlichen Freunde gegen null strebt.

Die verbreitete und häufig sehr starke Abneigung gegen kritische Menschen beruht zum Teil allein darauf, dass zu wenig danach differenziert wird, was für ein Motiv hinter einer Kritik steht. Wir müssen zum Beispiel unterscheiden, ob ein Kritiker nur seine Unzufriedenheit darüber äußert, dass der persönliche Geschmack nicht voll getroffen wurde, oder ob er auf eine Fehlentwicklung hinweisen will, die im Extremfall sogar die gesamte Menschheit betrifft. Auch wir beabsichtigen keine Ehrenrettung der Menschen, die selbst am besten Essen, das ihnen je vorgesetzt worden ist, etwas finden, worüber sie sich beschweren können. Denn derartige Zeitgenossen sind wirklich nur lästig und mitnichten eine Bereicherung für den Freundeskreis, geschweige ein Vorbild für unsere Kinder.

Der kritische Adam
Wenn wir vom kritischen Adam sprechen, geht es nicht um einen Philosophen, der sich mit letzten Fragen befasst, ebenso wenig um den Kunstkenner, der darüber entscheidet, ob das Werk eines Künstlers Kunstwerk genannt werden darf; wir richten unsere Aufmerksamkeit vielmehr auf das, womit unser Mensch auf der Straße tagtäglich in Berührung kommt. Dabei denken wir insbesondere an Situationen, in denen ihn seine kritische Wachsamkeit erkennen lässt, dass er mit dem Ablauf eines Geschehens nicht einverstanden sein darf, und zwar deshalb nicht, weil er das mutmaßliche Ergebnis vor seinem Gewissen nicht als gerecht verantworten kann. Wie leicht nachzuvollziehen ist, dürfen wir nicht von einem kritischen Adam sprechen, wenn er weder fähig noch bereit ist, Erkennbares zu erkennen. Ist er zum Beispiel zufällig anwesend, während ein Lebewesen gequält wird, reicht es nicht aus, dass er sehen und hören kann, er muss seine Augen und Ohren auch nutzen wollen und darf sie daher vor dem Übel nicht verschließen. Um aber aus einem Adam einen kritischen Adam zu machen, reicht es selbst dann noch nicht, wenn er etwas Negatives zu erkennen vermag. Er muss obendrein willens sein, sich einzumischen, und zwar auch und gerade dann, wenn ihn ein Missstand entweder gar nicht betrifft oder ihm sogar zum Vorteil gereicht.

Jederzeit und überall ein ans Gewissen appellierender Beweggrund, lässt sich Adams umfassende Verantwortlichkeit nicht so einfach ignorieren. Um seiner selbst willen wird Adam folglich, beständig und zielstrebig an sich arbeitend, seine kritische Wachsamkeit stärken. Manchmal wird er Mut brauchen, um etwas offen anzusprechen, was er für falsch hält. Überdies sollte er stets darauf gefasst sein, dass man ihn auffordert, seine Ablehnung nachvollziehbar zu begründen. Außerdem wird man von ihm häufig Vorschläge erwarten, wie ein Problem besser gelöst werden könnte. – Das ist, grob umrissen, der Bereich, in dem wir den kritischen Adam angesiedelt wissen wollen.

Viele Grüße
wgbajohr


Zuletzt bearbeitet von wgbajohr (Moderator) am 18.08.2007, 22:46, insgesamt einmal bearbeitet

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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 15:51
Bärentante
 
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Hallo Wolf-Gero,

bei dieser Abhandlung gehst Du jetzt aber nur von "negativer" Kritik aus. Kritik bedeutet doch, soweit ich weiß, einfach nur "Beurteilung".

Bei dem Satz: "Das Wetter ist heute ganz mies" würde das beispielsweise bedeuten, dass ich entweder ein Nörgler bin, dem man nie etwas recht machen kann, oder aber mich darüber freue, dass ich endlich mal in Ruhe und ohne schlechtes Gewissen am Rechner sitzen darf. Man kann also auch die einfachste Aussage negativ oder positiv auslegen.

_________________
Liebe Grüße
Christel

BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 19:27
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Bärentante!

Du schreibst:

Zitat:
bei dieser Abhandlung gehst Du jetzt aber nur von "negativer" Kritik aus. Kritik bedeutet doch, soweit ich weiß, einfach nur "Beurteilung".


Wenn Deine Vermutung zuträfe, hätte ich das Kritisieren gewiss nicht zu einem wichtigen Erziehungsziel bestimmt. Kritik ist, von der Gesamtheit her gesehen, etwas Unverzichtbares. Gleichwohl sieht ein Kritisierter das häufig anders.

Ziel dieses Abschnitts ist es gerade, dem schlechten Ruf der Kritik und der Kritiker entgegenzuwirken.

Die von Dir angegebene Bedeutung von Kritik stimmt mit der des Duden Bedeutungswörterbuches überein:
prüfende Beurteilung und deren Äußerung in entsprechenden Worten

Das, was ich tatsächlich negativ sehe, ist etwas, was meines Erachtens den schlechten Ruf auch verdient hat und auch keine Ehrenrettung erfahren soll. Jeder kennt wohl einige, die an allem und jedem etwas auszusetzen haben, die meistens auch nur aus dem Bauch heraus urteilen. Bei den Soldaten werden sie als ewige Meckerer angesehen, als Menschen, die zu Hause den Kitt von den Fenstern essen, weil sie nichts Besseres haben. Bei der Bundeswehr jedoch meckern sie über jedes Essen. Diese Meckerer sind es, die dazu beitragen, dass die echten und gewollten Kritiker in schlechtem Ruf stehen.

Mein Ziel ist es, alle Leser davon zu überzeugen, wie wichtig das Kritisieren ist, und zwar gerade im Zusammenhang mit Verantwortlichkeit. Ob mir das gelingt, ist natürlich eine andere Frage. Aber jeder aus dem Autorenkreis ist aufgerufen, mich und meine Vorgehensweise unter die Lupe zu legen und gegebenenfalls zu kritisieren.

Liebe Grüße
wolf-gero

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BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 20:04
Rita Hajak (Moderator)
 
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Guten Abend wolf-Gero,

Kritik ist für mich nicht nur Beurteilung, wie ich es mir vielleicht für meine Geschichten und Gedichte wünsche - obwohl mir da eine knallharte Kritik oder ein ordentliches Lob,durchaus lieber wäre -.
Kritik hat auch etwas mit "Fingerheben" zu tun, also mit Ermahnen. Jemand auf etwas aufmerksam machen, was für andere schädlich oder gefährlich sein könnte. Ich hatte das schon irgendwann einmal erwähnt.
Ich bin leider sehr kritisch, was bei vielen Menschen nicht gut ankommt. Aber bin ich wie ich bin und will mich auch nicht ändern. Notfalls wechsele ich die Freunde.
Die meisten Menschen verschließen die Augen, aus Angst vor Unannehmlichkeiten. Lieber gehen sie schweigend an Hilfebedürftigen vorbei. Vor einigen Tagen habe ich mich mit einer jungen Mutter angelegt, weil sie ihrem dreijährigen Kind erlaubte auf der Straße zu laufen, obwohl es einen Bürgersteig gab. Stark befahren war die Straße zwar nicht, jennoch fuhren hier Autos. Ich machte die Frau darauf aufmerksam, dass das Kind doch nicht unterscheiden kann: Hier darf ich auf der Straße gehen und anderswo wieder nicht. Meine Worte waren noch: "Sie handeln sehr verantwortungslos." Sie entgegnete mir, ich solle mich um meinen eigenen Kram kümmern. Ich lasse mich davon jedoch nicht abschrecken.
Viele schlimme Dinge könnten vermieden werden, wenn man die Verantwortlichen auch mal kritisieren würde. Doch die meisten Menschen haben keinen Mut oder sind einfach zu gleichgültig.
Ich bin in den letzten Jahren viel wachsamer geworden und beobachte meine Umgebung ganz genau. Wenn mir etwas verdächtig vorkommt greife ich ein. Hier bei uns ist ein Mutter-Kind Therapeutikum. Was man da alles erlebt, wie Mütter mit ihren Kindern umgehen, das würden andere nicht glauben. Habe mich schon mehrmals unbeliebt gemacht, weil ich zu viel Kritik geübt habe. Aber egal. Es ist nun mal wichtig zu wissen, was geht denn eigentlich um mich herum vor sich? Immer schön die Augen auf und keine Angst. Wenn ja, dann die Polizei rufen. Lieber einmal zuviel, als einmal zu wenig. Die Betroffenen werden es uns danken.

Einen schönen Abend noch
wünscht Rita

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aus den Dingen etwas zu machen.“
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BeitragVerfasst am: 15.08.2007, 20:46
wgbajohr (Moderator)
 
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Guten Abend Rita!

Dein Beitrag enthält derart viele Punkte aus meiner Abhandlung, als hättest Du sie bereits gelesen.

Was Du beschreibst, auch die Schwierigkeiten mit Kritisierten, ist genau das, was ich mit fähig und bereit, zu kritisieren erreichen möchte. (das gilt natürlich nicht für die Schwierigkeiten)

Rita schreibt:

Zitat:
Sie entgegnete mir, ich solle mich um meinen eigenen Kram kümmern.


Antworten von dieser Art sind immer wieder zu hören, offenbar immer dann, wenn den Kritisierten keine echten Argumente einfallen. Was diese Menschen aber übersehen, ist, dass sie genau dazu auffordern, was der Kritiker macht oder gemacht hat. Indem sich jemand gegen ein Unrecht wendet, kümmert er sich um seinen eigenen Kram. Eben dazu verpflichtet ihn doch seine Verantwortlichkeit. Natürlich meinen es die Kritisierten anders, das ist schon klar. Sie denken an die zwischen Staaten ausgetauschten Noten und Depeschen, wo sich der eine Staat gegen die Einmischung des anderen Staates in innere Angelegenheiten wehrt. Familien sind jedoch keine Staaten, deshalb gibt es auch keine rechtlichen Mittel, um sich gegen die Einmischung in innerfamiliäre Belange zu wehren.

Dieser Teil ist bei Weitem nicht so umfangreich wie Verantwortlichkeit, deshalb sollte ich hier zum Ende kommen, damit noch etwas Stoff für später übrig bleibt.

Vielleicht noch ein Wort zum Meckerer. Nur weil viele bei Kritiker sofort an Meckerer denken, habe ich sie für würdig gefunden, kurz auf sie einzugehen. Sie haben aber nichts mit den hier gemeinten Kritikern zu tun.

Ein schönen Abend und liebe Grüße

Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 21.08.2007, 02:40
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo verehrte Kolleginnen und Kollegen!

Gerade als Autorin oder Autor können wir dem Kontakt mit Kritik gar nicht ausweichen. Deshalb ist es vielleicht eine gute Idee, sich etwas umfassender mit Kritik und ihrem Umfeld auseinanderzusetzen.


2. Fähig und bereit, zu kritisieren - 2

Objekte kritischer Wachsamkeit

Im Grunde sollten wir zwar nichts und niemanden davon ausnehmen, Objekt unserer kritischen Wachsamkeit zu sein, aber ein Grundsatz, der in vielen anderen Bereichen gilt, ist hier ebenfalls zu beachten: Aufwand und Erfolg müssen in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Als wenig sinnvoll erscheint es beispielsweise, Tausende auszugeben, um auf einem Müllabladeplatz einen Arbeiter zu überwachen, der seinen Arbeitgeber schlimmstenfalls um ein paar Euros betrügen kann. Der mit Macht ausgestattete Regierungschef eines Staates muss es dagegen hinnehmen, dass all sein Tun und Lassen, dass jede Entscheidung äußerst aufmerksam oder sogar argwöhnisch verfolgt wird.

Doch selbst von einem Regierungschef dürfen wir nicht erwarten, geschweige denn verlangen, dass er jedes intime Detail seines Lebens offen legt. Rechenschaft fordern wir jedoch über alles, was für seine Amtsführung relevant ist. Hierzu zählt fraglos jede Form einer strafbaren Handlung, wie Betrug, Korruption, Vergewaltigung, Mord und Raub. Mit dem Amt eines Regierungschefs verträgt sich grundsätzlich auch kein Meineid. Allerdings muss die Frage, die zu der unter Eid abgegebenen Falschaussage führt, gerechtfertigt sein. Lässt sich der Regierungschef, um ein von der Presse extensiv behandeltes Beispiel anzuführen, zu Intimitäten außerhalb seiner Ehe hinreißen, so ist das für gewöhnlich kein Vergehen, das seine Amtsführung beeinträchtigt. Ihm darf es daher auch nicht vorgeworfen werden, entsprechende Fragen nicht wahrheitsgemäß beantwortet zu haben. Trotzdem beharren unverbesserlich voyeuristisch veranlagte Menschen auf einem sich selbst zugebilligten Recht, sogar über das Intimleben hochrangiger Politiker informiert zu sein. Sie übersehen dabei aber, dass sie gerade durch ihr Verhalten dem einzigen wirklich Betroffenen, seiner Ehefrau nämlich, weiteres Leid zufügen, indem sie tagtäglich intime Details aus dem außerehelichen Sexualleben ihres Mannes vor aller Augen und Ohren ausbreiten.

Etwas anders stellt sich der Sachverhalt jedoch dar, wenn die Sexualpartnerin eine feindliche Spionin ist und ihm während des intimen Beisammenseins Staatsgeheimnisse entlocken kann. Doch selbst in einem solchen Fall hat die Öffentlichkeit keinen Anspruch darauf, dass ihre Gier nach schlüpfrigen Einzelheiten befriedigt wird; denn allein die Preisgabe der Staatsgeheimnisse ist dem Regierungschef als relevante Verfehlung anzurechnen.

Das wichtigste Objekt kritischer Wachsamkeit haben wir bisher noch gar nicht angesprochen, die eigene Person. Das Attribut „wichtig“ gilt hier sogar in zweifacher Hinsicht: Erstens ermöglicht die unmittelbare Nähe des Objekts eine ausgesprochen intensive Kontrolle, und zweitens hat es der Kritisierende selbst in der Hand, die von ihm aufgedeckten Missstände zu beheben. Eigentlich lassen diese ausnehmend günstigen Voraussetzungen darauf hoffen, dass Übel schnell beseitigt werden können. Allerdings birgt die Identität von Kritiker und Kritisiertem spezielle Schwierigkeiten in sich, wie wir gleich erkennen werden.

Die von uns als speziell bezeichneten Schwierigkeiten, die mit der kritischen Wachsamkeit dem eigenen Handeln und Entscheiden gegenüber zusammenhängen, resultieren aus der Art und Weise, wie wir Menschen urteilen. Wir orientieren uns dabei an unserem persönlichen Wertesystem, in das alle Erfahrungen unseres Lebens eingeflossen sind und das teils aus selbst gebildeten Urteilen, teils aus den von anderen übernommenen Vorurteilen aufgebaut ist. Dieses System legt nahe, ob wir etwas für gut erachten oder nicht. Wollen wir nun eine eigene Entscheidung kritisch prüfen, greifen wir auf genau dasselbe Wertesystem zurück wie zuvor, als wir die Entscheidung trafen. Zwangsläufig folgt daraus, dass Fehlentscheidungen, die sich auf Mängel im persönlichen Wertesystem zurückführen lassen, nicht auffallen.

Ist es, wie wir gesehen haben, bereits im Normalfall nicht unproblematisch, sich selbst gegenüber ausreichend kritisch zu sein, so nehmen die Schwierigkeiten noch zu, falls beim Urteilen über andere nicht dasselbe Wertesystem verwendet wird wie beim Werten eigener Entscheidungen und Handlungen, wenn sozusagen mit zweierlei Maß gemessen wird. Erfreulicherweise erreichen die Unterschiede zwischen den Maßstäben nur äußerst selten die Qualität von Gegensätzen. Häufiger finden wir Abweichungen, die so gering sind, dass der Urteilende selbst sie nicht einmal bemerkt und deshalb überzeugt ist, nur mit einem einzigen Maß zu messen.

Wenn wir unser Selbst mit anderen vergleichen, stoßen wir für gewöhnlich auf zwei Besonderheiten, die sich auch auf das Endergebnis auswirken. Erstens ist von allen guten und weniger guten Eigenschaften, die jeder Mensch in sich vereint, nur eine Teilmenge für andere erkennbar. Zweitens erfahren von den Eigenschaften eines anderen üblicherweise die negativen mehr Beachtung als die positiven; das Werten eigener Merkmale verläuft dagegen umgekehrt. Verbinden wir beide Erfahrungswerte, können wir unschwer nachvollziehen, warum unser Urteil über uns selbst fast immer etwas besser ausfällt als das über andere. Auch wenn sich Adam aufrichtig um ein faires Urteil bemüht, indem er die Gesamtheit aller eigenen Eigenschaften einer entsprechend gebildeten Summe von Merkmalen eines anderen gegenüberstellt, vergleicht er letztlich doch zwei unterschiedlich gebildete Größen. Die Ursache dafür ist leicht nachzuvollziehen. Sowohl bei sich selbst als auch bei einem anderen geht Adam zunächst von der Summe aller für objektive Beobachter erkennbaren Merkmale aus. Ist das eigene Ich das Objekt, fügt Adam dieser Grundmenge all die guten Eigenschaften hinzu, die allein ihm erkennbar sind, da der Blick in das Innerste nur dem eigenen Ich gegeben ist. Derart tiefe Einblicke sind Adam jedoch bei anderen nicht möglich. Folglich kann er bei ihnen nur vermuten, was aber leider nichts anderes bedeutet, als dass er die Grundmenge vor allem um negative Eigenschaften ergänzt. Adam vergleicht im Grunde ein geschöntes Bild seiner selbst mit einem negativ gefärbten eines anderen. Wen kann es da noch verwundern, dass auch das Urteil verfälscht ist? Wer stets seine besten Seiten mit den jeweils schlechtesten Seiten seiner Mitmenschen vergleicht, muss eigentlich am Ende von seiner eigenen Erhabenheit begeistert sein.

Viele Grüße
wgbajohr

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BeitragVerfasst am: 21.08.2007, 11:43
Rita Hajak (Moderator)
 
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Hallo Wolf-Gero,

ich möchte mal behaupten, dass wir selbst eine gehörige Portion Kritik einstecken müssten, würden alle zu uns ehrlich sein. Die meisten Menschen haben aber keine Lust, sich für andere Mühe zum Nachdenken zu machen. Sie lesen lieber in Illustrierten die schönen oder weniger schönen Geschichten über Promis, Politiker etc. Ich persönlich finde es geschmacklos die Intimitäten anderer auszuschlachten. Es interessiert mich einfach nicht. Ich will es nicht lesen und im Fernsehen auch nicht sehen.
Sie sollten sich um das kümmern was wichtig ist. Um ihre Fähigkeiten.

So ist es auch beim Schreiben. Die Erfahrung die ich gemacht habe, ist unbefriedigend. Die meisten Menschen, denen ich etwas von mir zu lesen gebe, kommentieren etwa so: Toll, prima, gut gemacht, nett usw. darauf werde ich in Zukunft verzichten. Und meine "Werke" nur den wenigen zeigen, die auch davon etwas verstehen und eine ehrliche Meinung vertreten. Sonst hilft einem das Ganze nicht.

Wenn jemand meine Meinung hören möchte, sage ich sie offen und ehrlich. Aber ich bedenke, die mir vertrauten Menschen, nicht mit meiner Kritik zu verletzen oder traurig zu machen. Also immer genau die Worte prüfen.

Es ist nun mal so! Der eine verträgt Kritik, der andere wieder nicht. Sad
Ich gehe meinen Weg weiter wie bisher, auch wenn ich mir manchmal die Zunge verbrenne. dozey

In diesem Sinne einen schönen Tag und eine rege Teilnahme an unserer Diskussion wünscht thumb up

Rita

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BeitragVerfasst am: 21.08.2007, 21:38
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Rita!

Danke für Deinen Beitrag.

Du schreibst:

Zitat:
ich möchte mal behaupten, dass wir selbst eine gehörige Portion Kritik einstecken müssten, würden alle zu uns ehrlich sein.


Das wäre uns sicherlich unangenehm. Aber warum ist es uns eigentlich unangenehm? Es könnte doch sogar eine Hilfe sein, wenn uns jemand auf etwas aufmerksam macht, was nicht so läuft, wie es eigentlich laufen soll. Warum sind wir derart empfindlich gegen negative Kritik? – Zumindest ein Grund dafür ist unsere Erfahrung, genauer gesagt, unsere fehlende Erfahrung mit negativer Kritik. (Im Augenblick nenne ich sie noch negativ, obwohl ihr Hauptfehler oftmals allein der ist, dass sie keine Jubelhymne ist.) Wir sind aufgewachsen in einer Welt, in der Kritik stets etwas Unangenehmes ist. Ich hoffe, dass unsere Auseinandersetzung mit Kritik ein wenig zu ihrer Ehrenrettung beiträgt.

Gerade in diesem Zusammenhang finde ich es sehr interessant, was Du über die sicherlich wohlmeinenden Worte Deiner Freunde und Bekannten schreibst:

Zitat:
Die meisten Menschen, denen ich etwas von mir zu lesen gebe, kommentieren etwa so: Toll, prima, gut gemacht, nett usw. darauf werde ich in Zukunft verzichten.


Es zeigt mir, dass Du im Grunde schon einen Schritt weiter bist. Dir gefällt Kritik nicht nur dann nicht, wenn jemand Dein Werk schlecht nennt, sondern auch dann, wenn er es zwar gut nennt, aber gleichzeitig deutlich macht, dass er eigentlich nichts davon versteht.

Du schreibst:

Zitat:
Und meine "Werke" nur den wenigen zeigen, die auch davon etwas verstehen und eine ehrliche Meinung vertreten. Sonst hilft einem das Ganze nicht.


Hier stimme ich mit Dir nicht ganz überein. Eine Autorin, Schriftstellerin oder Dichterin schreibt ihre Werke meinem Verständnis nach nicht allein für die schriftstellerischen Fachleute, sondern für eine inhomogene Leserschaft. Der eine liest es, weil darin ein Ort vorkommt, in dem er einmal sehr glücklich war, den Nächsten erinnert eine Figur an jemanden, mit dem er einmal sehr glücklich war, ein anderer Leser fühlt seine Vorurteile bestätigt, denn er „wusste“ ja schon immer, dass keinem Gärtner zu trauen ist, denn sie sind bekanntermaßen immer die Mörder. Und dann gibt es noch den Leser, der vielleicht Schwierigkeiten hat, den Text laut zu lesen, weil seine intellektuellen Fähigkeiten nicht sehr ausgeprägt sind, aber beim Lesen Deines Werkes erwacht in ihm ein schönes Gefühl, das er lange entbehren musste. Er könnte Dir nichts über den geschliffenen Satzbau sagen, nichts über die Vielfalt Deiner Ausdrücke oder die fehlerfreie Logik der Handlung. Für ihn ist Dein Werk nur schön. Vielleicht weiß er nicht einmal, was schön eigentlich ist. Er kennt nur schön und nicht schön. Das sind für ihn die Pole, zwischen denen er sich bewegt. – Schreibst Du nicht auch für einen solchen Leser? Ich meine, Du solltest es. Denn ihm bereitet Du möglicherweise eine viel größere Freude als irgendwelchen Kritiker-Koryphäen.

Du schreibst weiter:

Zitat:

die mir vertrauten Menschen, nicht mit meiner Kritik zu verletzen oder traurig zu machen. […] Es ist nun mal so! Der eine verträgt Kritik, der andere wieder nicht.


Das sind die Pole, zwischen denen wir pendeln. Auf der einen Seite wollen wir gerade den Menschen, die uns etwas näher stehen, helfen, ohne sie zu verletzen, auf der anderen Seite wollen wir lernen, mit Kritik gut leben zu können.

Ich weiß nicht, was schwieriger ist, so viel Kritik zu üben, wie es möglich ist, ohne rücksichtslos zu werden, oder selbst Kritik so zu nehmen, dass der Kritiker nicht im Nachhinein ein schlechtes Gewissen bekommt, weil er Dich kritisiert hat.

Liebe Grüße

Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 21.08.2007, 22:03
Rita Hajak (Moderator)
 
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Hallo Wolf-Gero,

noch eine kleine Anmerkung zu Deiner Antwort:

Zitat:
Zitat:
Und meine "Werke" nur den wenigen zeigen, die auch davon etwas verstehen und eine ehrliche Meinung vertreten. Sonst hilft einem das Ganze nicht.


Da habe ich mich leider falsch ausgedrückt. Ich meinte natürlich nicht die "Experten", sondern die Menschen die Interesse an meiner Arbeit haben und deshalb auch wahrheitsgemäß Kritik üben.

Gruß Rita

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BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 19:31
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Rita!

Eigentlich habe ich das schon richtig verstanden, weil das andere gar nicht zu Dir passt. Aber ich konnte nicht widerstehen, der Aufhänger für meinen Sermon war zu verlockend. Ich bitte um Verzeihung!

Ja, Rita, nun sind wir wohl mehr oder weniger allein auf weiter Flur. Was kann ich tun? Meine Vermutung ist, dass sich viele von der Länge abschrecken lassen. Leider ist es kaum zu verkürzen, wenn ich meine Lösung und vor allem die Begründung liefern will. Da liegt meines Erachtens die einzige Möglichkeit, andere mit ins Boot zu ziehen. Was hältst Du davon, wenn ich von jetzt an nicht die fertigen Ergebnisse zur Diskussion stelle, wie bisher, sondern mich darauf beschränke, auf Probleme lediglich hinzuweisen. Der Text würde erheblich schrumpfen, sodass sich vielleicht doch der eine oder andere angesprochen fühlt und seine Ansichten niederschreibt.

Wie stehst Du dazu? Solltest Du zustimmen, lasse ich es möglichst schnell in der neuen Version anlaufen, allein schon deshalb, weil ich es testen will.

Gruß Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 19:43
g.c.roth (Moderator)
 
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Hallo Wolf-Gero,
so ganz allein seid ihr nicht!! Ich lese immer noch fleißig mit. Habe nur im Augenblick soviel um die Ohren, dass der Tag kaum noch etwas Zeit für mich übrig lässt. Wird sich sicher bald wieder ändern. Hätte schon so einiges zum Thema zu sagen, aber - du kennst mich - wenn, dann will ich mich auch richtig damit auseinandersetzen und nich in Hektik schnell mal was antworten.

LG Grete

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BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 19:58
Rita Hajak (Moderator)
 
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Hallo Wolf-Gero,

Ich verstehe was Du meinst. Ich würde mal wieder sagen: Ich richte mich nach der Allgemeinheit. Aber außer Grete ist da niemand in Sicht.

Meine Befürchtung wäre jedoch, dass sich dann das Thema zu sehr in die Länge zieht. Wenn sich dann doch noch jemand einklickt, wird er es vielleicht bald wieder aufgeben. Nicht jeder möchte so lange diskutieren. Das ist schließlich nicht jedermans Sache. Sonst hätten wir hier viel mehr Interessenten.
Vielleicht schließt sich Bärentante wieder an, dann wären wir wieder die unschlagbaren "Vier". thumb up

Ansonsten würde ich die Entscheidung Dir überlassen. Ich bin dabei. So oder So Laughing

Einen lieben Gruß
von Rita

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BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 21:37
wgbajohr (Moderator)
 
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Hallo Rita und Grete!

Leider gibt es niemals die Lösung, die nur die guten Seiten zu bieten hat und alle negativen Seiten an andere Lösungen abzugeben verstand.

Ich werde also noch ein wenig in mich gehen. Vielleicht probiere ich es einfach einmal aus. Läuft es nicht traumhaft gut, kann ich sofort zurückdrehen.

Über dieses Problem intensiv nachdenkend, wünsche ich Euch einen schönen Abend und eine erholsame Nacht.

Gruß Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 22.08.2007, 22:19
wgbajohr (Moderator)
 
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2. Fähig und bereit, zu kritisieren - 3

Der zweite Teil endete damit, dass wir im Grund ein geschöntes Bild von uns selbst mit einem negativ eingefärbten Bild eines anderen vergleichen.

Unser Urteil über andere wird durch eine weitere Unart verfälscht. Urteilen wir über unser eigenes Handeln, beziehen wir die gegebenen Möglichkeiten mit ein. Tun wir das auch, wenn wir über andere urteilen?

Völlig unabhängig voneinander sind zwei Arbeiter damit beauftragt worden, je eine Baugrube auszuheben. Nach acht Stunden Arbeit kann der eine Arbeiter mit einer Grube aufwarten, die weit größer ist als die seines Kollegen. Lässt sich mit den vorhandenen Informationen auf die tatsächliche Leistung schließen?

Jemand wählt eine Lösung, die unbestritten schlecht ist. Gibt es eine Konstellation, die seine Wahl nicht ganz so negativ erscheinen lässt?

Woran liegt es, dass wir manchmal mit zweierlei Maß messen?

Sich selbst kritisch zu überwachen bringt Probleme. Sollten wir diese Überwachung vielleicht grundsätzlich anderen überlassen? Wenn ja, warum, falls nicht, warum nicht?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen unserem Aufruf, alles zu überprüfen, und dem beständigen Wandel in unserer Welt?

Wie ist mit ewigen Wahrheiten umzugehen?

Dieses ist ein Test. Ich möchte wissen, ob sich unsere Kollegen von unserem jeweiligen Diskussionsthema mehr angesprochen fühlen, wenn es zwar unfertig, aber sehr kurz daher kommt.

Gruß Wolf-Gero

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BeitragVerfasst am: 23.08.2007, 12:51
Rita Hajak (Moderator)
 
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