 | wgbajohr: Ignoranz und Arroganz der Nichtbetroffenen |  |
Verfasst am: 13.07.2007, 19:47 |
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| wgbajohr (Moderator) |
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Liebe Mitautorinnen und Mitautoren!
In ihrem Gedicht „Wo seid ihr?“ schreibt Rita Hajak sehr bewegend über einen Suizid. Wie vermutlich die meisten Menschen, so heiße auch ich die Selbsttötung nicht gut. Aber darf ich den Menschen, der sich dafür entschieden hat, verdammen, vor allem ohne die Antwort auf die Frage nach dem Warum erhalten zu haben?
Suizidgefährdete Menschen erfahren häufig eine ähnliche Diskriminierung wie Suchtkranke, vor allem dann, wenn sie schon einen Suizidversuch hinter sich haben. Leichtfertig zählt man sie zu den Schwächlingen. Es sind Ignoranz und Arroganz der Nichtbetroffenen, die wesentlichen Anteil an diesem abschätzigen Urteil haben. Bejaht jemand sein Leben, weil es ihm überwiegend Freude bereitet, oder lässt es ihn Freude empfinden, weil er es grundsätzlich bejaht? Welcher Begründung wir auch immer zustimmen mögen, unsere positive Einstellung zum Leben verhindert die Frage danach, was uns eigentlich bewegt, am Leben festzuhalten. Unausgesprochen gehen wir vielleicht davon aus, unsere Existenz allein sei bereits ein hinreichender Grund, unser Leben nicht vor der Zeit zu beenden. Träfe das wirklich zu, dann brauchten wir suizidgefährdete Menschen nur darauf aufmerksam zu machen, dass sie leben. Es bedarf nicht viel Einfühlungsvermögens, um zu erkennen, dass eine solche Vorgehensweise mitnichten die Bezeichnung „Hilfe“ verdient, denn sie dürfte fast nie von Erfolg gekrönt sein. Wir sollten unbedingt herausfinden, was uns tatsächlich dazu bringt, an unserem Leben festzuhalten.
Unsere erste Erkenntnis ist intuitiv und besagt, dass es auf jeden Fall etwas geben muss, was die Bereitschaft, am Leben festzuhalten, beeinflusst. Wenn wir nun das, was hierfür in Frage kommt, etwas genauer betrachten, wird uns auffallen, dass es zwei deutlich zu unterscheidende Arten von Einflüssen gibt. Während die eine Art unseren Willen, das eigene Leben zu erhalten, begründet, ihm folglich den eigentlichen Sinn verleiht, könnten wir die andere Art als Hilfe oder Unterstützung für die Sinn gebende Art ansehen. Zu diesen Hilfen rechnen wir alle Freuden, kleine genauso wie große. Zumindest zeitweise lassen sie uns vergessen, dass wir mit dem Festhalten am Leben im Grunde nur unsere Pflicht erfüllen. Indem wir die Arten klar unterscheiden, wird es uns möglich, die eine oder andere auf den ersten Blick unverständliche Selbsttötung nachzuvollziehen, wenn zum Beispiel jemand sein Leben beendet, obwohl er nach dem Urteil Außenstehender ein gutes Leben hätte führen können. Haben wir erst einmal erkannt, dass alles, was uns Freude bereitet, lediglich eine unterstützende Funktion erfüllt, sollten wir verstehen, dass diese Freuden nur dann etwas bewirken können, wenn es überhaupt eine Instanz gibt, die diese Unterstützung annehmen kann. Es muss also wenigstens eine Sinn gebende Größe vorhanden sein. Die vorgeschlagene Unterscheidung der Einflussarten liefert überdies für zwei denkbare Extreme eine plausible Erklärung: Trotz schwerer Schicksalsschläge und eines überwiegend freudlosen Lebens hält ein Mensch unbeirrt am Leben fest, weil er nämlich über ausreichend stabile Sinn gebende Gründe verfügt. Fehlen sie hingegen oder verhindern widrige Umstände, dass ein jemand seine Sinn gebenden Pflichten erfüllt, kann er geradezu in Panik geraten … und sogar ein Leben im Schlaraffenland ist dann kein sicherer Schutz vor einem Suizidversuch. Diesen Menschen ist verständlicherweise nicht dadurch zu helfen, dass wir sie lediglich darauf aufmerksam machen, wie schön das Leben sein kann. Echte Hilfe leisten wir dagegen, wenn wir gemeinsam mit den Suizidgefährdeten nach Sinn gebenden Pflichten suchen und dabei erfolgreich sind.
Sinn gebenden Pflichten kommt, wie wir erfahren haben, eine große Bedeutung zu. Anhand einiger Beispiele wollen wir aufzeigen, was sich dafür eignet. Die lebensbewahrende Wirkung scheint dabei gar nicht so sehr davon abzuhängen, wie das Sinn Gebende im Einzelfall beschaffen ist, vielmehr davon, ob es der betreffende Mensch als etwas Sinn Gebendes anerkennt. Vielleicht leitet jemand den Sinn seines Lebens aus dem unbestreitbaren Tatbestand ab, dass er sich nicht selbst erschaffen hat und deshalb auch nicht seines Lebens Eigentümer ist. Gewissermaßen wurde ihm das Eigentum eines anderen zu treuen Händen übergeben, das heißt, er muss die Leihgabe gut und sorgsam behandeln, vor allem darf er sie nicht nach Belieben vernichten. Einem anderen ergibt sich der Wille, am Leben festzuhalten, vielleicht aus dem Verantwortlichsein dafür, dass sein Einfluss zum Entstehen einer Familie geführt hat. Für sie zu sorgen ist jetzt die für ihn Sinn gebende Pflicht, und ihr kann und darf er sich als verantwortungsbewusster Mensch nicht entziehen.
Wenn bereits das Verantwortlichsein für zwei oder drei Menschen dem Leben eines Familienvaters den erforderlichen Sinn verleiht, dann wird doch die Verantwortung für einige zehn Millionen, wie sie der Regierungschef eines Staates zu tragen hat, erst recht Sinn gebend sein. Ist es tatsächlich so simpel? Obwohl vor allem hochrangige Politiker gern auf ihre vielen Pflichten und schwere Verantwortung hinweisen, erscheint es mehr als fraglich, dass wir ihre Tätigkeit zu den Sinn gebenden Pflichten zählen dürfen. Eine Aufgabe als Sinn gebende Pflicht einzustufen ist keine Frage der Anzahl von Menschen, für die sich jemand verantwortlich fühlt, es hängt eher davon ab, wie leicht sich jemand bereit findet, die Aufgabe zu übernehmen. Eine Funktion, für die es viele geeignete Bewerber gibt, scheidet folglich als Sinn gebende Pflicht aus. Nach dem Suizid eines Regierungschefs gäbe es zweifellos keinen Mangel an Kandidaten, die das Amt ebenso gerecht ausüben könnten wie ihr Vorgänger. Mit der Aufgabe eines Familienvaters verhielte es sich aber völlig anders; denn dessen Nachfolger ist häufig mehr daran interessiert, eigene Kinder in die Welt zu setzen, als für den Nachwuchs seines Vorgängers zu sorgen.
Viele Grüße
wgbajohr |
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Zuletzt bearbeitet von wgbajohr (Moderator) am 14.07.2007, 04:26, insgesamt einmal bearbeitet _________________ Die Veränderung der Welt beginnt bei jedem Einzelnen
Für etwas verantwortlich sein heißt, dieses Etwas beeinflussen können
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 13.07.2007, 23:20 |
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| Bärentante |
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Hallo Wolf-Gero,
ich gehe mal davon aus, dass Du dies als Diskussionspunkt eingestellt hast.
Vorweg muss ich sagen, dass ich den letzten Absatz nicht verstehe, d.h. was die Vollkommenheit oder die eigene Illusion davon mit einem Selbstmord zu tun hat.
Ich bin kein Arzt oder Psychologe, aber meiner Erfahrung nach sind suizidgefährdete Menschen krank. Krank in dem Sinne, dass sie keinerlei Sinn für die Realität haben, der Gedanke an Selbstmord allein ihr Denken beherrscht und bestimmt. Ich weiß, dass sich in der Verwandtschaftslinie meiner Mutter mehr Leute selbst umgebracht haben (ich kannte einige davon) als natürlich gestorben sind. Ich habe dies glücklicherweise nicht geerbt, hänge sehr am Leben, obwohl ich keine direkten Pflichten (wie beispielsweise Deine Erwähnung einer Familie) habe.
Und so behaupte ich jetzt einmal: Wenn sich jemand umbringen will, wird er dies tun. Dagegen ist man absolut machtlos.
Im Falle von Ritas Gedicht und den vermittelten Hintergründen ist das anders. Diese Frau war nicht suizidgefährdet, ich meine damit eine längere Zeit der Depressionen, usw., sondern sie hat keinen Sinn mehr darin gesehen, ohne ihre Familie weiterzuleben. Ein verhältnismäßig spontaner Entschluss. Ich denke nicht, dass man ihr viel über verbleibende Pflichten und Freuden am Leben hätte erzählen können. Für sie war das Kapitel 'Leben' abgeschlossen.
Eine Bekannte, eine noch junge Frau, bekam die Diagnose über eine Krankheit, an der man zwar nicht gleich stirbt, die sich aber über die Jahre verschlimmert und Schmerzen sowie am Ende absolute Abhängigkeit von den Mitmenschen mit sich bringt. Sie hat sich damals genauestens über den Krankheitsverlauf informiert, ist auf ein Hochhaus gestiegen und runtergesprungen. Ich finde das irgendwie bewunderswert, hätte es selbst nicht getan und auch nicht gekommt. Sie war vorher nie suizidgefährdet, aber irgendwie konsequent.
Für mich gibt es die krankhaft suizidgefährdeten Menschen und die (Spontan-)Selbstmörder aus neu entstandenen, plötzlich aufgetretenen Ängsten, Nöten, Liebeskummer, wie auch immer. Nur mit dieser Unterscheidung kann ich mich mit dem Thema beschäftigen. |
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_________________ Liebe Grüße
Christel |
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Verfasst am: 14.07.2007, 04:23 |
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| wgbajohr (Moderator) |
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Hallo Bärentante!
Bärentante schreibt:
| Zitat: | | ich gehe mal davon aus, dass Du dies als Diskussionspunkt eingestellt hast |
Das ist völlig richtig. – Sollte ich es ausdrücklich erwähnen?
Nachdem ich den Beitrag mit dem Thema „Ignoranz und Arroganz der Nichtbetroffenen“ eingestellt hatte, kamen mir Zweifel, ob das Thema deutlich genug dargestellt ist. Offensichtlich ist es nicht deutlich geworden, worum es mir geht. Die Devise lautet jetzt: Retten, was zu retten ist.
Ausgangspunkt ist der Umgang mit Menschen, die mit ihrem Verhalten von der Norm abweichen. Der Begriff „Norm“ soll hier sehr weit ausgelegt werden, soll das übliche Verhalten widerspiegeln.
Der nächste Punkt sind die Menschen, die davon deutlich abweichen. Sie lassen sich in zwei Gruppen aufteilen. Die erste enthält Menschen, die sich bewusst für ein von der Norm abweichendes Leben entscheiden. Sie sind keinerlei Zwang ausgesetzt, sie können sich jederzeit neu entscheiden. Insofern stellen sie auch keinerlei Problem dar. Die zweite Gruppe besteht aus Menschen, denen es nicht möglich ist, ihr Verhalten zu ändern, und die deshalb „krank“ zu nennen sind. Die bekannteste Gruppe unter diesen Kranken sind die Suchtkranken.
Jetzt geht es um das Verhalten der nicht von einer Sucht betroffenen Menschen, um das der Nichtbetroffenen. Sie wissen gar nicht, was in einem Suchtkranken abläuft, ja, sie wollen es nicht einmal wissen – und das nennt man ignorieren (von lateinisch ignorare = nicht wissen wollen). Dennoch maßen sie sich diskriminierende Urteile an. Damit haben wir die Ignoranz der Nichtbetroffenen entwickelt. Fügen wir Arroganz hinzu, dann haben wir den vollen Ausdruck entwickelt: Arroganz und Ignoranz der Nichtbetroffenen.
Im nächsten Schritt fügen wir Suizidgefährdete zu der Gruppe der kranken Abweichler hinzu. Über sie wird nicht weniger diskriminierend geurteilt als über Suchtkranke. Nichtbetroffene haben manchmal nicht den leisesten Hauch von Wissen über diese Art von Kranken. Unter diesen Umständen kommt es dann zu den von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuchen, jemandem zu helfen. Merken sie, dass ihr Ansatz falsch ist, schalten diese Zeitgenossen auf Vorwürfe um. „Er hat doch alles, ein liebevolles Elternhaus, ausreichend Geld, eine gute Bildung, dennoch wirft er sein Leben einfach fort und zeigt sich denen gegenüber, die stets für ihn da waren, undankbar." Ignoranz und Arroganz geben einander die Hand und verurteilen, wo sie nicht helfen können. Mein Plädoyer richtet sich gegen Missachtung der Probleme von Suchtkranken und Suizidgefährdeten. Wenn ich nicht helfen kann, dann sollte ich den Kranken wenigstens mit unsinnigen Hilfsangeboten verschonen.
Mein Kenntnisstand über Suizidgefährdung besagt, dass fast jeder Suizid ein missglückter Hilfeschrei ist, dass also die meisten gerettet werden möchten. Sie wollen auf ihre Probleme aufmerksam machen. Ich gehe weiterhin davon aus, dass die meisten nicht frei entscheiden können, ob sie gehen oder bleiben. Auch die Mutter in Ritas Gedicht ist ja nicht frei in ihrer Entscheidung. Sie findet nichts, was ihrem Leben einen Sinn verleihen könnte. Hätte sie zum Beispiel noch ein weiteres Kind, oder ihre Schwester und deren Mann würden verunglücken und ein kleines Kind hinterlassen, dann hätte sie sicherlich nicht den Suizid-Weg gewählt, dann hätte sie eine Sinn gebende Pflicht gefunden.
Echte Hilfe leisten wir – falls überhaupt - nur dann, wenn es uns gelingt, gemeinsam mit dem Suizidgefährdeten nach Sinn gebenden Pflichten zu suchen und dabei erfolgreich zu sein.
Der Teil mit der Vollkommenheit hat tatsächlich nichts mit Suizid zu tun, dabei geht es um das Verhalten der Menschen, die sich selbst für vollkommen oder für fast vollkommen halten. Sie sollten einen kleinen Stoß auf die Nase erhalten, indem wir ihnen verdeutlichen, dass für Arroganz selbst dann kein Grund bestünde, wenn sie wirklich vollkommen wären. Sie selbst sind nämlich auf die Unvollkommenen mehr angewiesen als umgekehrt. Ich werde diesen Teil jedoch herausnehmen, weil der Beitrag nicht darauf angewiesen ist und weil er nur verwirrt.
Liebe Grüße
Wolf-Gero |
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Verfasst am: 14.07.2007, 15:58 |
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| Rita Hajak (Moderator) |
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Hallo Wolf-Gero,
Suizidgefährdete Menschen muss man in zwei Gruppen aufteilen. Da stimme ich Christel zu. Da sind die krankhaft- und spontan gefährdeten Menschen.
| Zitat: | | Echte Hilfe leisten wir – falls überhaupt - nur dann, wenn es uns gelingt, gemeinsam mit dem Suizidgefährdeten nach Sinn gebenden Pflichten zu suchen und dabei erfolgreich zu sein. |
Wenn überhaupt, können wir nur den spontan Gefährdeten helfen. Indem wir sie im Auge behalten, uns um sie kümmern, mit ihnen sprechen und sie fühlen lassen, dass sie für uns wichtig sind. Ich kenne eine Frau, die es mit liebevoller Zuwendung geschafft hat, wieder ins Leben zurück zukehren.
Bei der anderen Gruppe, ist es deutlich schwerer, da diese Menschen krank sind, ihre Gedanken nicht mehr in der Realität kreisen. An sie kommen wir nicht oder kaum heran. Sie brauchen professionelle Hilfe, schaffen es - vielleicht - nur mit einer Therapie. Dennoch muss man auch diesen Menschen mit Feingefühl, Aufmerksamkeit und Respekt begegnen.
Es gibt viele Menschen in Not, körperlich wie auch seelisch. Sie brauchen unsere Hilfe. Man sollte Augen und Ohren offen halten.
| Zitat: | | Ignoranz und Arroganz | ist das Schlimmste, was man diesen Menschen antun kann.
Grüße aus Fehmarn
Rita |
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_________________ „Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, sich
aus den Dingen etwas zu machen.“
Thomas Mann
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Verfasst am: |
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Verfasst am: 14.07.2007, 23:57 |
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| Bärentante |
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| wgbajohr hat Folgendes geschrieben: |
Echte Hilfe leisten wir – falls überhaupt - nur dann, wenn es uns gelingt, gemeinsam mit dem Suizidgefährdeten nach Sinn gebenden Pflichten zu suchen und dabei erfolgreich zu sein.
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Eine Suche nach Pflichten, das kann nicht funktionieren. Entweder es gibt welche (das kommt der Gedanke an den Freitod wahrscheinlich überhaupt nicht auf) oder es gibt keine, aber dann kann man auch keine "konstruieren".
| wgbajohr hat Folgendes geschrieben: |
Auch die Mutter in Ritas Gedicht ist ja nicht frei in ihrer Entscheidung. Sie findet nichts, was ihrem Leben einen Sinn verleihen könnte. Hätte sie zum Beispiel noch ein weiteres Kind, oder ihre Schwester und deren Mann würden verunglücken und ein kleines Kind hinterlassen, dann hätte sie sicherlich nicht den Suizid-Weg gewählt, dann hätte sie eine Sinn gebende Pflicht gefunden.
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Diese Pflicht hätte sie nicht gefunden, sondern gehabt. |
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_________________ Liebe Grüße
Christel |
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Verfasst am: 15.07.2007, 02:00 |
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| wgbajohr (Moderator) |
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Hallo Bärentante!
Ich habe Menschen getroffen, die waren derart durcheinander, dass sie wirklich nicht wussten, was sie haben und was sie brauchen.
Es geht hier nicht um eine Wundermedizin, die immer und auch gegen alles hilft.
Über die Krankheit der Süchtigen wird gesagt, dass der Süchtige den größten Beitrag selbst liefern muss, angefangen mit dem Eingeständnis, süchtig zu sein. Bei einem Suizidgefährdeten ist der Einsatz verständlicherweise höher, es geht schließlich um sein Leben. Der Aufwand lohnt deshalb immer. Allerdings sind Menschen ohne psychologische und psychiatrische Ausbildung wohl überfordert.
Die Unterscheidung zwischen spontan aus dem Leben scheidenden Menschen und den krankhaft veranlagten sowie den extravaganten, die den Freitod als Ausdruck ihrer Freiheit sehen, diese Unterscheidung entspricht nicht meiner Auffassung. Ich sehe keine grundsätzlichen Unterschiede, sondern nur graduelle. Der Wille, zu überleben, am Leben zu bleiben, am Leben festzuhalten, dieser Wille ist in jedem Manschen angelegt. Versagt er, dann ist es eine gesundheitliche Störung, der Mensch ist krank. Für mich ist also jeder, der sich das Leben nimmt, krank. Die Krankheiten sind zwar unterschiedlich stark, aber krankt sind sie alle und bedürfen deshalb fachkundiger Hilfe.
Ich bleibe dabei, dass irgendwelche Ereignisse, die üblicherweise Freude auslösen, im Normalfall keinen lebensbewahrenden Wert haben, es müssen tatsächlich Pflichten sein. Aber, das weiß sogar ich als erfolgloser Taktiker, dass man keinem Lebensmüden mit Pflichten kommen sollte. Da muss man vom anderen Ende argumentieren. Was steckt hinter den Pflichten? Es ist die Erkenntnis oder auch nur das Gefühl, gebraucht zu werden. Wenn überhaupt mit einem Erfolg zu rechnen ist, dann in den Fällen, in denen Gefährdete eine Pflicht als lebensbewahrend anerkennen. Nicht der absolute Wert ist maßgebend, sondern allein die Anerkennung durch den Gefährdeten.
Ihr, Rita und Bärentante, scheint überzeugt zu sein, dass die Erfolgschcancen bei den spontan aus dem Leben Scheidenden größer sind. Mag sein, ich weiß es nicht. Bei denen, die den Gedanken eine lange Zeit mit sich herumtragen, ist mehr Zeit zur Verfügung. Auf der anderen Seite sind die Spontanen Argumenten gegenüber gewiss offener.
Viele Grüße
wolf-gero |
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