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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa » Xeroderma Pigmentosum
Hier klicken, um Mitglied zu werden  Hier klicken, um Mitglied zu werden Ulubu und der zweite König • DER KURDE

Xeroderma Pigmentosum

BeitragVerfasst am: 06.12.2007, 11:58
Hakket (Moderator)
 
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(Nur als Anmerkung: Das ist eigentlich nicht mein eigentllicher Schreibstil - ich habe versucht, mal etwas "anderes" zu machen ... Der Titel bezieht sich übrigens auf eine seltene Krankheit. Was das genau für eine ist ... vielleicht kommt ihr drauf Wink )


Kälte. Feuchtigkeit. Stinkender, schwarzer Schleim zwischen meinen Fingern. Unter Fingernägeln. Kratzend. Juckend.
Es kümmert mich nicht. Ich bin es gewohnt.
Mein verlängerter, schwammiger Rücken ähnelt einer pickligen Kröte, wie er es sich so nasskalt und schlotternd auf der feuchten Erde bequem gemacht hat und dabei das Leben unter sich zerquetscht.
Es kümmert mich nicht. Ich bin es gewohnt. Mein ganzes Dasein ist kalt.
Nein, nicht, was Sie jetzt denken mögen, ich bin nicht einsam. Oder vielleicht doch, ich persönlcih kann das nicht so genau bestimmen. Viele Andere – um mich – geben sich Mühe, mein Dasein zu gestalten, so, dass es lebenswert ist. Viele gebildete. Viele ungebildete. Viele, die glauben, sie seien eins von beiden.
Sie geben sich Mühe.
Mühe. Mühe geben heißt, sich anstrengen. Mein Leben strengt an.
Andere.
Das ist furchtbar. Finden Sie nicht auch?
Strenge ich Sie an? Das tut mir leid. Das liegt mir fern.
Jetzt und hier – in diesem Moment bin ich einsam.
Das ist besser so.
Leben? Es kümmert mich nicht. Ich lebe. Wir alle leben. Irgendwie.
Nur – warum? Die Welt ist eine technische Hochleistungsmaschine. Sie fragt nicht. Sie macht sich keine Gedanken um das Für und Wieder. Sie produziert stoisch. Tag ein, Tag aus. Dafür wurde sie gemacht.
Warum? Wozu? Von wem?
Es kümmert mich nicht.
Die Hochleistungsmaschine produziert lächerlich groteske Marionettenkasper. Ohne Fäden. Nennt sie Menschen.
Das heißt, ich weiß nicht, ob sie die Marionettenkasper Menschen nennt. Das tun sie wahrscheinlich selbst – die Kasper. Schließlich denkt die Hochleistungsmaschine nicht. Sie kennt keine Namen. Namen sind ihr egal. Für die Erfindung von Namen wurde sie nicht gemacht. Sie produziert nur.
Doch trotz Hochleistung – auch eine Maschine macht einmal Fehler.
Fehler?
Ist das Leben ein Fehler?
Ist Ihr Leben ein Fehler?
Denken Sie nach!
Aber behalten Sie das Ergebnis für sich.
Es kümmert mich nicht.
Oh – wenn die Marionettenkasper nun noch Fäden hätten. Doch halt – vielleicht wäre es tatsächlich einfacher. Einfacher für die fehlerhaften Marionettenkasper. Einfacher möglicherweise auch für die Marionettenkasper ohne Fehler.
Aber was ist ein Fehler? Wer bestimmt, was ein Fehler ist? Die Hochleistungsmaschine? Wohl kaum, sie ist schließlich mit etwas anderem beschäftigt.
Bestimmen die, die keine Fehler haben? Eher. Aber ist nicht bereits der Glauben daran, keinen Fehler zu haben, der Beweis für einen Fehler? Was sagen die anderen Marionettenkasper wohl dazu – die, die ohne Fehler sind? Ist dieses Denken fehlerhaft? Wer also nun? Was?
Die Antwort ist egal – sie kümmert mich nicht.

Der Mond scheint. Er ist schön. Ich darf sagen, dass ich das behaupten kann. Ich sehe ihn seit dem Beginn meines Lebens. Seit ich denken kann. Jeden Tag – jede Nacht.
Nacht – Tag. Was ist das schon?
Nur zwei Wörter. Nicht mehr.
Ich liebe ihn, den Mond.
Er ist mein Freund.
Ich hasse ihn, den Mond.
Er ist mein Feind.
Seine große Schwester kenne ich nicht.
Oh, Moment, das ist nicht ganz richtig. Ich kenne sie schon. Ich habe bereits viel von ihr gehört. Auf Bildern gesehen. Strahlend. In den Augen Schmerz verursachend. Nur leider konnte ich mich ihr bisher nicht vorstellen.
Ihr kleiner Bruder – der Mond – singt jede Nacht ein Lied über sie. Es ist ein schönes Lied. Wohlklingend – wie von hölzernen Flöten gesungen. Voller Wärme, Glück, Freundschaft, strahlendes Licht, Leben.
Traurigkeit.
Doch es kümmert mich nicht. Ich höre es, aber meine Ohren sind taub.
Es darf mich nicht kümmern. Obwohl …
Nein, keinen Gedanken darf ich verschwenden - an etwas, das ich nicht erreichen darf.
Schwarz verkrustete Hände strecken sich zum Licht. Möchten es erreichen.
Dumme Hände. Sind auch nur Hochleistungsmaschinen ohne Verstand – ohne Augen. Aber mit Fäden.
Es ist schwer – so schwer.
Und ich weiß, dass ich den Kampf verloren habe, denn ich bin hier.
Wie eine nasse, kalte Kröte sitze ich hier auf dem Gras- und Erdbedecktem Hügel und lausche dem singenden Mond, koste von den nach Emaille schmeckenden Sternen und rieche die stille Nacht.
Kenne dieses Lied schon auswendig – so traurig. Tränen aus glasklarem Tau.
Lange habe ich nachgedacht, ob ich eine Waffe brauche.
Ich habe mich entschieden. Ich brauche keine. Es geht auch ohne.
Die Hochleistungsmaschine denkt nicht. Sie hat kein Wissen. Sie weiß nicht, dass ein Leben ohne Faden schnell ausgelöscht ist. Auch nicht schneller oder langsamer als mit Faden.
Obwohl, wer weiß?
Doch es kümmert mich nicht.
Ich werde das Leben beenden.
Mein Leben.
Einen Grund?
Ja, es gibt einen Grund.
Sie möchten ihn wissen?
Kümmert es Sie?
Wirklich?
Es ist nicht mehr zu ertragen. Dieses Jammern. Dieses Lamentieren. Diese Mühe.
Blutleer und doch zirkuliert das Blut – immer weiter, immer wieder – eine Endlosschleife – eine Hochleistungsmaschine.
Wir Marionetten ohne Fäden sind Hochleistungsmaschinen. Ohne Denken. Ohne Wissen. Ohne Fehler.
Nur Gefühl.
Bösartiges, menschenunwürdiges Gefühl.
Mitgefühl – wie ich es hasse.
Ausgespuckt in diese Welt ohne Ziel und ohne Hoffnung.
Es gibt einen Weg. Oh ja, es gibt immer einen Weg. Vermaledeites Gewäsch. Quacksalber! Schulmedizin! Unnötiges Verlängern eines Weges ohne Ziel.
Was nützt mir der Weg, wenn ich kein Ziel habe?
Ihr Ziel muss sein … Sehen Sie, das ist doch ein Ziel! Es ist euer Ziel – euer Weg.
Ja, ja, auch ich bin ein Marionettenkasper. Aber ohne Fäden.
Mein Ziel habe ich nun gefunden – ganz allein. Und ja, es ist nicht euer Ziel.
Mein Ziel heißt Mord.
Es ist meine Entscheidung, mein Ziel. Und ich kann mein Ziel nur erreichen, wenn ich meinen Weg beende.
Ist das gerecht?
Es kümmert mich nicht.
Gerechtigkeit ist auch nur ein Fehler.

Vögel. Zwitschern. Wärme.
Die Dunkelheit verlässt mich. Langsam.
Mir wird kalt.

Guten Morgen, liebe Sonne. Es freut mich, dass wir uns einmal kennen lernen.
Endlich einmal.
Ach, wie schön sie ist.
Nur einmal.
Und nie wieder.

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Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 06.12.2007, 13:01
Adriana
 
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Hallo Hakket,

ich tippe mal auf Lichtallergie. Aber dann verstehe ich das mit dem Schleim nicht.
Auf jeden Fall ein sehr gut geschriebener Text, der gerade wegen seiner Nüchternheit unter die Haut geht.

LG, Adriana.

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BeitragVerfasst am: 06.12.2007, 13:54
Hakket (Moderator)
 
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Hm, der Schleim hat eigentlich auch keine besondere Bewandnis. Der Typ sitzt halt da und greift mit der Hand in den Boden. Der ist ziemlich feucht und glitschig - deshalb Schleim.

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BeitragVerfasst am: 06.12.2007, 14:12
hwg (Moderator)
 
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Nach meinem Wissensstand ist Xeroderma pigmentosum eine Hautkrankheit, bei der die Haut braune und weiße Flecken und Teleangiektasien (Erweiterung feinster Gefäße) aufweist und trocken, riesig und pigmentartig wird.

Der Text ist interessant, besser gefallen würde er mir, wäre er
in einen Dialog eingebettet. Ist aber nur ein spontaner Eindruck.

Verfasst am:
 


BeitragVerfasst am: 06.12.2007, 18:47
Hakket (Moderator)
 
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Ich muss zugeben, dass ich die Krankheit aus einer Roman-Reihe von Dean Koontz "gemopst" habe. ("Im Bann der Dunkelheit" und "Geschöpfe der Nacht")
Der "Held" der Geschichten leidet unter eben diese Krankheit, und so, wie ich es verstanden habe, ist er mit 28 Jahren bereits ein Wunder. Menschen, die an dieser Krankheit leiden, werden nicht sehr alt. Koontz hat sehr eindringlich geschildert, was so alles passieren kann, wenn Erkrankte sich zu viel Licht aussetzen. Der "Held" muss sogar eine Sonnenbrille tragen, wenn er fernsieht oder am Computer arbeitet. Diese Krankheit soll - laut Koontz - extrem bösartigen Krebs auslösen.
Na ja, und ich habe dann darüber nachgedacht, wie sich so ein Mensch wohl fühlen würde, wenn sein Leben eigentlich nur Nachts stattfindet, und er irgendwann aufgibt, weil er sein Leben nicht mehr erträgt. Die Sonne zu sehen ist sein letzter Wunsch, ein Wunsch, der sein Leben endgültig beenden wird.

http://de.wikipedia.org/wiki/Xeroderma_pigmentosum

@ hwg: Hätte man auch als Dialog machen können - stimmt. Wobei ... es ist zwar ein Monolog, aber die Person spricht ja mit dem Leser ... ist es dann nicht sogar ein Dialog, bei dem einer der beiden (der Leser) halt nichts sagt? blink cheezy grin

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Dialog vielleicht...

BeitragVerfasst am: 06.12.2007, 23:33
egomaschine
 
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Nun ich finde die Geschichte klasse, sie ist krass und wirklich hart und was ich total toll finde: sie ist umfassend und eindringlich. Ich finde sie geht unter die Haut. Ein Dialog würde sie nur zerstören. Sie muss so sein. Sehr toll...mit einer höflichen verbeugung,

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Schau auf die Tür dahinter!
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BeitragVerfasst am: 07.12.2007, 11:41
Hakket (Moderator)
 
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Danke egomaschine!
Geht runter wie Öl. Aber wie gesagt - eigentlich schreide ich ein wenig anders blink
Irgendwo fleigt hier noch eine andere Geschichte von mir herum ...

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