 | Zur Arbeit |  |
Verfasst am: 15.08.2007, 15:51 |
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| roland_lange |
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| Anmeldedatum | 23.07.2007 | | Beiträge | 123 | | Wohnort | Katlenburg-Lindau |
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Eine Geschichte aus der Zeit, als es noch D-Mark und mechanische Stempeluhren in den Behörden gab:
Zur Arbeit
Fünfzehn Minuten dauert sie, diese qualvolle Zeitspanne, die beginnt, nachdem jener dramatische Einakter mit dem Titel „Aufstehen“ hinter mir liegt. Nachdem das After-shave nicht zu dem gelungenen Start in den Tag verholfen hat, ebensowenig, wie der Bohnenkaffee. Nachdem der Genuss des spröden, aufgebackenen Brötchens mit der faden Margarine und der glibberigen Zuckermasse namens Himbeergelee zu der Erkenntnis geführt hat: Werbung ist Lüge!
Einige Minuten Warterei am Straßenrand gehen besagter Viertelstunde noch voraus. Die Schlachterei vor Augen und die Fruchtweinfabrik im Rücken. Dann setzt ein Auto aus der vorbeirauschenden Karawane schließlich den Blinker. Es hält und bildet für die Kolonne der anonymen Frühaufsteher ein kurzfristiges Hindernis. Jetzt beginnt der Countdown!
Noch fünfzehn Minuten:
Mein 'Guten Morgen' durch zusammengebissene Zähne schleicht hinüber zur Fahrerseite und droht auf halber Strecke zu verenden. Doch es erreicht sein Ziel. Ein schwaches, mindestens genauso muffeliges Echo kommt als Bestätigung zurück.
Sechshundert Meter weiter am Bahnübergang - noch vierzehn Minuten:
Der tiefschürfende Meinungsaustausch über das aktuelle Wetter und das Wetter im allgemeinen ist abgeschlossen. Nur noch der Automotor liefert mit seinem leisen, gleichmäßigen Brummen einen Beitrag zur Kommunikation. Das Autoradio bleibt wie immer stumm.
Schweigen kann unerträglich sein. Besonders in einem engen Auto der unteren Mittelklasse. Ich rechts, und er, der Arbeitskollege, links. Kaum zwanzig Zentimeter voneinander entfernt. Manchmal berühren sich unsere Ellenbogen. Unabsichtlich. Ignorieren einfach die hohe, unsichtbare Schweigemauer zwischen uns.
Wir fahren immer stumm nebeneinander sitzend zur Arbeit. Seit Jahr und Tag. Wer ist der Mann neben mir eigentlich? Ich weiß nichts von ihm. Haben wir vielleicht gleiche Interessen? Gibt es Themen, über die wir streiten könnten? Nach knapp sechs gemeinsamen Arbeitsjahren und etwa drei Jahren Fahrgemeinschaft weiß ich noch nicht einmal, ob ich ihn noch 'Siezen' soll oder schon 'Duzen' darf. Und wie sieht er es? Wir haben nie darüber gesprochen.
Gab es wider Erwarten einmal etwas zu sagen auf den Fahrten, so hielten wir es knapp, vermieden jede Anrede oder formulierten elegant darum herum. Aber - meist gab es ja nichts zu sagen. Wir schwiegen. Tagein, tagaus.
Schweigen ist unerträglich!
Auf der langen Gerade zwischen Berka und Dorste - noch zwölf Minuten:
Ein Feldhase war so nett. Er hat sich geopfert, starb heldenhaft den Verkehrstod. Lieferte uns auf diese Weise den Anlass, unser Schweigen für durchschnittlich zwei Sekunden pro Person zu unterbrechen.
Mein Kollege, die Augen starr auf die Straße gerichtet:
"Au, ein Friedhelm! Hat sich vors Auto geworfen. Lebensmüde!"
Friedhelm ist ein Arbeitskollege mit dem Spitznamen 'Hase'. Folglich sind für uns alle Hasen 'Friedhelms'. Logischer Umkehrschluss.
"Tatsächlich", antworte ich und schicke ein verkrampft-gequältes Lachen hinterher. Soll die lockere Atmosphäre dokumentieren. Danach - Dialogende.
Wir fahren der Sonne entgegen. Sie lugt hinter der schwarzen Silhouette des Harzes hervor. Badet sich im roten Meer ihres eigenen Glanzes.
Ortseingang Dorste - noch zehn Minuten:
Am Straßenrand immer die gleichen Leute. Jeden Morgen. Stumpfsinnige Masken, starre Blicke. Zigaretterauchend. Leblose Körper. Das Leben liegt noch im Bett und schläft. Es kommt später nach.
Ortsausgang Dorste - noch neun Minuten:
Angesichts der Bergkuppe vor uns fällt mir ein, ich sollte mal wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. An diesem Berg muss ich dann aber früh genug in die kleinen Gänge schalten. Sonst läuft es nicht rund und oben bin ich kaputt. Ich werde es mir merken.
Zwei Autos überholen uns. Halsbrecherisches Unternehmen an einer völlig unübersichtlichen Stelle. Idioten!
"Blödmänner!" brumme ich. Spontane Bemerkung. Einfach so 'rausgerutscht. Ohne Absicht. Ohne Anspruch auf Antwort. Und dennoch eine Reaktion von links:
"Die kenne ich. Wohnen bei uns in der Nachbarschaft."
Dialogende. Wenn sie morgen früh wieder an uns vorbeirauschen, werden sie kaum noch Gesprächsstoff bieten.
In den Kurven vor dem Gipsbruch - noch sieben Minuten:
Gibt es nicht irgend etwas, über das wir sprechen können? Was denkt mein Kollege über mich, wenn er da stumm hinter seinem Lenkrad sitzt, voll auf den Verkehr konzentriert, wie es scheint? Ärgert er sich, weil ich schweige? Wartet er darauf, dass ich das Gespräch eröffne? Wohl kaum. Seine knappen Statements signalisieren stets Ablehnung.
Was hält er von mir - als Fachkraft? Findet er, ich habe was drauf? Oder bin ich eher ein Blindgänger in Sachen Vermessungstechnik? Meine Güte! Er ist zwar mein Vorgesetzter, aber muss ich mir deshalb so einen Kopf machen? Er hat auch seine Fehler. Ist ziemlich stur. Ich bin nicht immer mit seinen Anordnungen einverstanden. Trotzdem muss ich tun, was er will. Na, von mir aus! Werde nicht dafür bezahlt, mich mit ihm zu zanken.
Soll ich ihn fragen, was er gestern Abend so getrieben hat? Ach was! Erstens interessiert es mich nicht, und zweitens könnte er denken, ich bin neugierig. Vielleicht erzähle ich ihm einfach etwas von mir. Es gibt zuhause immer Dinge, über die ich am nächsten Tag spreche. Mit Bernie zum Beispiel. Aber jetzt? Hier im Auto? Mit ihm? Er ist nicht verheiratet und hat keine Kinder. Er kann das nicht nachvollziehen. Ich will ihm wirklich nicht auf den Wecker fallen. Also bleibe ich lieber stumm!
Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen! Ist mir sowieso ganz recht, wenn ich nicht reden muss. So eine Viertelstunde Stille kann nämlich recht angenehm sein. Man kann sich hängen lassen, die Seele baumeln lassen, langsam aufwachen, um dann, wenn es darauf ankommt, voll dazusein. Aber was tue ich stattdessen? Ich suche krampfhaft nach Gesprächsstoff. Bin ich denn bescheuert?
Höhe Gipsbruch - noch sechs Minuten:
Unsere Betriebs-Betschwester fällt mir ein. Jawohl, Betschwester! Das kannst Du ruhig hören, lieber Gott! Wie soll ich sie denn nennen, diese Frau mit ihrer penetrant frömmelnden Art? Es stinkt mir ganz gewaltig, sie so zu erleben: nach außen wer-weiß-wie-heilig und gleichzeitig derart auf den eigenen Vorteil bedacht. Natürlich zu Lasten der Belegschaft! Nee, ist nicht gerade das Gelbe ...
Vorbei an der Abzweigung nach Förste - noch fünf Minuten:
Habe ich genug Kleingeld? Eine Mark zehn passend? Brauche ich für meinen tägliche Frühstückslektüre, die Tageszeitung. Gibt's in der Geschäftsstelle des 'Harz-Kurier' gegenüber vom Amt. Mit abgezähltem Geld. Ich hätte zuhause nachsehen sollen. Jetzt muss ich möglicherweise wieder herumrennen und Markstücke wechseln.
Meinen Kollegen am Steuer habe ich noch nie nach Wechselgeld gefragt. Frage ich auch heute nicht. Ich müsste mich ja entscheiden:
"Haben Sie...?", "Hast du...?"
Höhe Ferienhof Renziehausen - noch vier Minuten und dreißig Sekunden:
Gedankliche Checkliste fürs Frühstück: Noch ausreichend Kaffee da? Bestimmt. Bernie hat erst vor drei Tagen ein halbes Pfund gekauft. Zucker? Reicht für die Ewigkeit. Wie steht's mit Filtertüten? Werden scheinbar auch nie weniger. Kaffeeweißer? Meine Güte! Ich wusste es! Gestern noch habe ich daran gedacht, neuen zu besorgen. Na gut, bei sparsamem Gebrauch mag's heute reichen...
Einfahrt zu den Serpentinen im 'Hövestal' - noch vier Minuten:
Im Tal zu unseren Füßen liegt Osterode. Das Stadtpanorama füllt die Lücken zwischen der Leitplanke und dem dichten Laubdach der hohen Buchen am Hang.
Wir nähern uns dem Ziel. Der Geruch unerledigter Arbeit liegt in der Luft. Tagelang habe ich den Vermessungsantrag vor mir hergeschoben. Entgegen geflügelter Behördenweisheit hat er sich nicht durch langes Liegenlassen von selbst erledigt. Heute muss ich mich mit ihm auseinander setzen. So oder so. Wir sind uns nicht sympathischer geworden in den zurückliegenden Tagen.
Ein letztes Gähnen. Zäh behauptet sich die Sehnsucht nach einem weichen Bett gegen das Unausweichliche.
Vorbei am 'Pferdeteich', kurzer Zwischenstop am Bahnübergang - noch drei Minuten:
Verstohlener Blick zur Armbanduhr. Die Zeit wird knapp, aber es könnte reichen. Jede Sekunde zählt. Zehn Einheiten pro Stunde, die Einheit zu sechs Minuten. Stempeluhren, Zeiteinheiten und gleitende Arbeitszeit; der Stoff, aus dem behördeninterne Zwangsneurosen sind:
'Ich muss die Einheit schaffen! Ich muss, ich muss, ich muss ...!'
Sammlerleidenschaft. Wer hat den größten Einheitenüberschuß am Monatsende? Ein Guthaben auf der Stempelkarte bedeutet: Tun und lassen, was ich will. An ein, zwei Tagen kommen und gehen, wann ich will. Im begrenzten Rahmen, ja. Aber eben doch! Meine kleine Freiheit. Kleine Freiheit, die ich meine!
Endlich kommt der Zug. Und weiter geht's.
Einbiegen in die 'Berliner Straße' - noch eine Minute:
Der Parkplatz in Sichtweite. Noch dreihundert Meter ...zweihundert ... hundert. Blinker setzen, rechts einbiegen, links in die Lücke. Motor aus. Vernehmliches Durchatmen. Letztes kurzes Verharren. Nur einen Sekundenbruchteil. Dann mit einem Ruck aufraffen. Es gibt kein Zurück - packen wir's an!
Mit langen Schritten zur Eingangstür - die letzten Sekunden:
Zehn, neun, acht, sieben, sechs ... durch die Tür und scharf nach rechts ... fünf, vier, drei ... Griff zur Stempelkarte ... zwei, eins ... Karte in den Schlitz einführen ... null:
"Klack!" ----- Ende.
Hinweise: Die Geschichte ist nicht mehr ganz taufrisch und hat schon einige Lesungen überlebt. Die Fahrstrecke und die Ortsnamen sind authentisch (dieser Hinweis ist besonders für Nicht-Vorharz-Kenner gedacht) |
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Verfasst am: |
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 | Re: Zur Arbeit |  |
Verfasst am: 15.08.2007, 16:52 |
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| Woolf71 |
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| Anmeldedatum | 16.07.2007 | | Beiträge | 175 | | Wohnort | Heppenheim |
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| roland_lange hat Folgendes geschrieben: |
Die Geschichte ist nicht mehr ganz taufrisch... |
aber für viele immer noch aktuell
schön geschrieben, liest sich gut, gefällt mir.
| Zitat: | Am Straßenrand immer die gleichen Leute. Jeden Morgen. Stumpfsinnige Masken, starre Blicke. Zigaretterauchend. Leblose Körper. Das Leben liegt noch im Bett und schläft. Es kommt später nach.
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finde ich besonders gut
Grüße Woolf |
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_________________ Grüße an: BUK; Sartre; Leon; Camillieri und Koontz |
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Verfasst am: 15.08.2007, 23:33 |
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| Bärentante |
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| Anmeldedatum | 30.05.2007 | | Beiträge | 779 | | Wohnort | bei Frankfurt/M. |
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Jetzt habe ich mich bei Deiner Schilderung direkt neben einer ehemaligen Kollegin in der S-Bahn sitzen sehen. Damals liefen ähnliche (Nicht-)Dialoge ab. Ich wollte nicht zu persönlich werden, nicht neugierig erscheinen, und auf unverfängliche Bemerkungen wurde ich immer mit einem Nein, Ja oder Aha abgespeist. Nur kein Wort zuviel.  |
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_________________ Liebe Grüße
Christel |
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Forum für Books on Demand bzw. BOD Autoren » Textvorstellung: Prosa
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